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Können wir ohne Gott gut sein?

Summary

Warum Gott die einzig solide Grundlage der Moral ist.

Können wir ohne Gott gut sein? Zunächst erscheint die Antwort auf diese Frage vielleicht so offensichtlich, dass man Leute verärgert, wenn man sie nur stellt. Denn während die Christen unter uns in Gott eine moralische Kraft finden, die uns hilft, ein besseres Leben zu führen als das, welches wir sonst ohne ihn führen würden, wäre es trotzdem arrogant und nicht sachgemäß, zu behaupten, dass Menschen, die nicht an Gott glauben, meist kein moralisch gutes Leben führen – im Gegenteil, bei so manchen müssen wir uns im Vergleich schämen.

Aber nicht so voreilig! Zwar wäre es arrogant und oft falsch zu behaupten, dass Menschen ohne den Glauben an Gott nicht gut sein können, aber das war nicht die Frage. Die Frage war: Können wir ohne Gott gut sein? Damit stellen wir eine provokante Frage über das Wesen der moralischen Werte. Sind die Werte, die uns lieb und teuer sind und nach denen wir unser Leben gestalten, einfach gesellschaftliche Gepflogenheiten, wie das Fahren auf der rechten Straßenseite anstatt der linken? Und drücken sie lediglich persönliche Vorlieben aus, wie der Geschmack, nach dem man Essen auswählt? Oder sind sie irgendwie allgemeingültig und verbindlich, unabhängig von unserer Meinung, und wenn sie auf diese Art objektiv sind, worauf gründen sie dann? Außerdem: wenn die Moral bloß eine menschliche Konvention ist, warum sollten wir dann moralisch handeln, insbesondere dann, wenn dabei ein Konflikt mit unseren eigenen Interessen entsteht? Oder: werden wir in irgendeiner Weise für unsere moralischen Entscheidungen und Taten zur Verantwortung gezogen?

Heute möchte ich den Standpunkt vertreten, dass die Objektivität moralischer Werte, moralischer Pflichten und moralischer Verantwortlichkeit gesichert ist, wenn Gott existiert; ohne Gott aber, d.h. wenn Gott nicht existiert, ist die Moral nichts anderes als eine menschliche Konvention; mit anderen Worten: die Moral ist ganz und gar subjektiv und unverbindlich. Wir mögen dann genauso handeln, wie wir es jetzt schon tun, aber ohne Gott würden solche Handlungen nicht mehr als gut (oder böse) zählen, denn wenn Gott nicht existiert, existieren objektive moralische Werte und Pflichten auch nicht. Ohne Gott können wir also nicht wahrhaft gut sein. Wenn wir andererseits glauben, dass moralische Werte und Pflichten objektiv sind, liefert uns das moralische Gründe für den Glauben an Gott.

Betrachten wir also die Hypothese, dass Gott existiert. Erstens: wenn Gott existiert, dann existieren objektive moralische Werte. Wenn wir sagen, dass es objektive moralische Werte gibt, dann sagen wir damit, dass etwas gut oder böse ist, unabhängig davon, wies die Leute es beurteilen. Das heißt zum Beispiel, dass der Holocaust objektiv falsch war, auch wenn die Nazis, die ihn ausführten, ihn für richtig hielten, und er wäre immer noch falsch gewesen, wenn die Nazis den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten und es ihnen gelungen wäre, jeden, der nicht ihrer Meinung war, entweder auszulöschen oder einer Gehirnwäsche zu unterziehen.

Gemäß der theistischen Anschauung ist Gott die Basis für objektive moralische Werte. Gottes eigenes und vollkommen gutes Wesen liefert den absoluten Maßstab, an dem alle Handlungen und Entscheidungen gemessen werden. Das moralische Wesen Gottes ist das, was Platon das „Gute“ nannte. Er, Gott, ist Grund und Quelle moralischer Werte. Er ist von seinem Wesen her liebend, großzügig, gerecht, treu, freundlich und vieles mehr.

Zudem drückt sich das moralische Wesen Gottes uns gegenüber in Form von göttlichen Geboten aus, die dann unsere moralischen Pflichten oder Verpflichtungen begründen. Diese Gebote sind alles andere als willkürlich, denn sie entspringen notwendigerweise seinem moralischen Wesen. In der jüdisch-christlichen Tradition lässt sich die ganze moralische Pflicht des Menschen in den zwei großen Geboten zusammenfassen. Erstens: du sollst den Herrn deinen Gott lieben mit deiner ganzen Kraft und deiner ganzen Seele und deinem ganzen Herzen und deinem ganzen Verstand; und zweitens: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Auf dieser Grundlage können wir bejahen, dass Liebe, Großzügigkeit, Hingabe und Gleichberechtigung objektiv gut und richtig sind, sowie Egoismus, Hass, Missbrauch, Diskriminierung und Unterdrückung als objektiv böse verurteilen.

Und schließlich: Gott macht gemäß der theistischen Anschauung alle Menschen für ihre Handlungen moralisch verantwortlich. Das Böse und Falsche wird bestraft, während Gerechtigkeit belohnt wird. Letztendlich triumphiert das Gute über das Böse, und am Ende werden wir sehen, dass wir doch in einem moralischen Universum leben. Den Ungerechtigkeiten im jetzigen Leben zum Trotz wird die Waage der Gerechtigkeit Gottes ausgewogen sein. Damit wohnt den moralischen Entscheidungen, die wir in diesem Leben treffen, eine ewige Bedeutung inne. Wir können konsequent moralische Entscheidungen treffen, die unserem eigenen Interesse entgegenstehen, und sogar mit äußerster Selbstaufopferung handeln, im Wissen, dass solche Entscheidungen keine leeren und letztendlich bedeutungslosen Gesten sind. Es ist vielmehr so, dass unser moralisches Leben eine überragende Bedeutung hat. Daher meine ich, dass es offensichtlich ist, dass der Theismus eine solide Grundlage für die Moral darstellt.

Betrachten wir dagegen die atheistische Anschauung. Erstens: wenn der Atheismus wahr ist, dann existieren objektive moralische Werte nicht. Wenn Gott nicht existiert, worauf gründen sich dann objektive moralische Werte? Oder, pointierter: Was ist die Basis für den Wert des Menschen? Wenn Gott nicht existiert, dann ist es für den Atheismus schwierig, irgendeinen Grund für die Ansicht zu finden, dass Menschen etwas Besonderes sind oder ihre Moral objektiv wahr ist. Und außerdem: Warum sollten wir überhaupt irgendwelche moralischen Verpflichtungen haben, auch nur irgendetwas zu tun? Wer oder was zwingt uns moralische Pflichten auf? Michael Ruse, ein Wissenschaftsphilosoph an der University of Florida, schreibt dazu:

"Die Position des modernen Evolutionisten (...) ist diese: Menschen haben ein Bewusstsein für Moral, (...) weil ein solches Bewusstsein einen biologischen Wert hat. Die Moral ist Resultat einer biologische Anpassung, genauso wie Hände, Füße und Zähne es sind (...). Als Menge von rational nachvollziehbaren Behauptungen über ein objektives Etwas ist die Ethik illusorisch. Ich verstehe, dass man bei der Aussage „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ denkt, dass man sich auf etwas außerhalb seiner selbst bezieht (...). Dennoch (...) hat ein solcher Bezug in Wahrheit keine Grundlage. Die Moral ist einfach eine Hilfe fürs Überleben und für die Fortpflanzung, (...) und jegliche tiefere Bedeutung ist eine Illusion (…)." [1]

Aufgrund soziobiologischer Zwänge hat sich unter den Homo sapiens eine Art „Herdenmoral“ entwickelt, die in der Aufrechterhaltung unserer Spezies im Kampf ums Überleben auch gut funktioniert. Doch scheint der Homo sapiens nichts an sich zu haben, wodurch diese Moral objektiv wahr würde.

Zudem gibt es der atheistischen Weltanschauung zufolge keinen göttlichen Gesetzgeber. Doch was ist dann die Quelle der moralischen Verpflichtung? Richard Taylor, ein bedeutender Ethiker, schreibt dazu:

"Das moderne Zeitalter, das die Vorstellung eines göttlichen Gesetzgebers mehr oder weniger zurückweist, hat dennoch versucht, die Vorstellung vom moralisch Richtigen und Falschen zu bewahren – ohne zu bemerken, dass bei der Beseitigung Gottes auch die Bedingungen für die Bedeutung des moralisch Richtigen und Falschen abgeschafft wurden. So erklären manchmal sogar gebildete Personen Dinge wie Krieg, Abtreibung oder die Verletzung bestimmter Menschenrechte für ,moralisch falsch‘ und meinen, dass sie damit etwas Wahres und Bedeutsames gesagt haben. Gebildeten Leuten muss jedoch nicht gesagt werden, dass Fragen wie diese noch nie außerhalb der Religion beantwortet wurden." [2]

Er schlussfolgert:

"Zeitgenössische Autoren, die über Ethik schreiben und munter ohne jeglichen Bezug auf die Religion über das moralisch Richtige und Falsche einen Diskurs führen, spinnen in Wirklichkeit intellektuelle Luftgespinste oder, mit anderen Worten, führen einen Diskurs bar jeder Bedeutung." [3]

Wichtig ist hierbei, ein klares Verständnis der uns vorliegenden Frage zu bewahren. Sie lautet nämlich nicht: Müssen wir an Gott glauben, um ein moralisch gutes Leben zu führen? Es besteht kein Grund zur Annahme, dass Atheisten und Theisten gleichermaßen nicht das führen könnten, was wir normalerweise als ein gutes und anständiges Leben bezeichnen. Ebenso lautet die Frage nicht: Können wir ohne Bezug auf Gott ein ethisches System formulieren? Falls der Nicht-Theist bereit ist, zuzugeben, dass Menschen einen objektiven Wert besitzen, dann besteht kein Grund zu denken, dass er kein ethisches System erarbeiten könnte, mit dem auch der Theist größtenteils einverstanden wäre.
Wiederum lautet die Frage nicht: Können wir objektive moralische Werte ohne Bezug auf Gott erkennen? Der Theist behauptet in der Regel, dass ein Mensch nicht an Gott zu glauben braucht, um etwa zu erkennen, dass wir unsere Kinder lieben sollten. Es ist vielmehr so, wie der humanistische Philosoph Paul Kurtz sagt: „Die zentrale Frage bezüglich moralischer und ethischer Prinzipien betrifft ihre ontologische Grundlage. Wenn sie weder von Gott hergeleitet noch in irgendeinem transzendenten Grund verankert sind – sind sie dann bloß kurzlebige Erscheinungen?“ [4]

Wenn es keinen Gott gibt, dann scheint jeglicher Grund, die von homo sapiens entwickelte Herdenmoral als objektiv wahr zu betrachten, zu fehlen. Denn was ist an den Menschen so besonders? Sie sind bloß zufällige Nebenprodukte der Natur, die sich vor relativ kurzer Zeit per Evolution auf einem unendlich kleinen Staubkorn irgendwo in einem lebensfeindlichen und geistlosen Universum entwickelt haben und dazu verurteilt sind, einzeln und kollektiv innerhalb relativ kurzer Zeit unterzugehen. Manch eine Tat, Vergewaltigung etwa, ist vielleicht zu einem Tabu geworden, aber aus atheistischer Sicht ist an einer Vergewaltigung nichts wirklich Falsches. Wenn, wie Kurtz meint, „die moralischen Prinzipien, die unser Verhalten regeln, ihre Wurzel in Gewohnheit, Sitte, Gefühl und Mode haben“[5], dann tut der Nonkonformist, der sich über die Herdenmoral hinwegsetzt, nichts Gravierenderes, als sich unmodisch zu verhalten.

Die objektive Wertlosigkeit des Menschen nach der naturalistischen Sicht wird von zwei Implikationen dieser Anschauung unterstrichen: dem Materialismus und dem Determinismus. Naturalisten sind typischerweise Materialisten oder Physikalisten, die den Menschen als rein animalischen Organismus betrachten. Wenn es aber am Menschen nichts Immaterielles gibt (nennen Sie es Seele oder Geist oder was auch immer), dann unterscheidet er sich qualitativ nicht von anderen Spezies. Wenn er dann die menschliche Moral für objektiv hält, dann tappt er in die Speziesismusfalle[6]. Nach einer materialistischen Anthropologie gibt es keinen Grund zu denken, Menschen seien objektiv wertvoller als Ratten. Zweitens: Wenn es neben dem Gehirn nicht auch einen Geist gibt, dann ist alles, was wir denken und tun, vom Input unserer fünf Sinne und unserer genetischen Zusammensetzung bestimmt. Es gibt dann keinen personalen Handelnden, der frei entscheidet, etwas zu tun. Doch ohne Freiheit ist keine unserer Entscheidungen moralisch bedeutsam. Wie die zuckenden Glieder einer Marionette werden sie durch die Fäden der Sinnesreize und die körperliche Verfassung gesteuert. Und was für einen moralischen Wert hat eine Marionette oder ihre Bewegungen?

Wenn der Naturalismus also wahr ist, kann man Krieg, Unterdrückung oder Verbrechen unmöglich als böse verurteilen oder Brüderlichkeit, Gleichheit oder Liebe als gut loben. Es ist egal, welche Werte man wählt –, denn es gibt kein Richtig und kein Falsch; Gut und Böse existieren nicht. Folglich war eine Gräueltat wie der Holocaust in Wirklichkeit moralisch gesehen ohne Belang. Sie meinen vielleicht, dass er falsch war, aber Ihre Meinung hat keine größere Gültigkeit als die des nationalsozialistischen Kriegsverbrechers, der ihn für gut hielt. In seinem Buch Morality after Auschwitz fragt Peter Haas, wie eine ganze Gesellschaft willentlich und für mehr als ein Jahrzehnt bei einem staatlich geförderten Programm der Massenfolter und des Völkermords hätte mitmachen können. Seine Argumentation lautet:

"Weit davon entfernt, Ethik zu verachten, handelten die Täter in strikter Einhaltung einer Ethik, gemäß der die massenweise Auslöschung der Juden, Sinti und Roma vollkommen gerechtfertigt war, unabhängig davon, wie schwierig und unangenehm die Aufgabe gewesen sein mag.... der Holocaust als anhaltendes Bemühen war nur deswegen möglich, weil eine neue Ethik installiert war, welche die Verhaftung und die Deportation von Juden nicht als falsch definierte, sondern tatsächlich als ethisch vertretbar und sogar gut." [7]

Weiterhin, so Haas, konnte die nationalsozialistische Ethik wegen ihrer Kohärenz und inneren Stringenz nicht von innen heraus diskreditiert werden. Nur von einem transzendenten Blickwinkel aus, der relativistische, soziokulturelle Moralvorstellungen überragt, konnte eine solche Kritik ansetzen. Ohne Gott aber fehlt uns ja gerade ein solcher Blickwinkel. Ein Rabbi, der in Auschwitz gefangen gehalten wurde, sagte, dass es so gewesen wäre, als ob alle zehn Gebote ins Gegenteil gedreht worden wären: du sollst töten, du sollst lügen, du sollst stehlen. Die Menschheit hat so etwas Höllisches noch nie erlebt. Und doch: Wenn der Atheismus wahr ist, dann ist unsere Welt in einem sehr realen Sinn Auschwitz: Es gibt kein Gut und kein Böse, kein Richtig und Falsch. Objektive moralische Werte existieren nicht.

Zudem: wenn der Atheismus wahr ist, trägt man keine moralische Verantwortung für seine Taten. Auch wenn es unter dem Naturalismus objektive moralische Werte und Pflichten geben würde, wären sie irrelevant, weil es keine moralische Verantwortung gibt. Wenn das Leben im Grab endet, dann macht es keinen Unterschied, ob Sie wie Stalin leben oder wie Mutter Teresa. Wie der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski richtig sagt: „Es gibt keine Tugend, wenn es keine Unsterblichkeit gibt.“ [8]

Die staatlichen Folterer in sowjetischen Gefängnissen verstanden dies nur allzu gut. Richard Wurmbrand, der in kommunistischen Gefängnissen gefoltert wurde, berichtet:

"Es ist kaum zu fassen, wie grausam der Atheismus ist. Wenn aber ein Mensch nicht an die Belohnung für das Gute und die Bestrafung für das Böse glaubt, dann hat er auch keinen Grund, menschlich zu sein. Da hemmt nichts mehr die Abgründe des Bösen, die im Menschen verborgen sind. Die kommunistischen Folterknechte sagten oft: „Es gibt keinen Gott, kein Jenseits, keine Strafe für Böses. Wir können tun, was wir wollen.“ Einen dieser Peiniger hörte ich sogar sagen: „Ich danke dem Gott, an den ich nicht glaube, dass ich bis zu dieser Stunde leben durfte, wo ich allem Bösen in meinem Herzen freien Lauf lassen konnte.“ Er brachte das zum Ausdruck in unglaublicher Brutalität und grausamer Folter, die er den Gefangenen antat." [9]

Dadurch, dass der Tod das Ende ist, spielt es keine Rolle, wie Sie leben. Was sagen Sie also zu jemandem, der schlussfolgert, dass wir genauso gut rein aus Selbstinteresse leben könnten, eben einfach so, wie es uns gefällt? Das Bild, das sich daraus ergibt, ist für einen atheistischen Ethiker wie Kai Nielsen von der University of Calgary ziemlich düster. Er schreibt Folgendes:

"Wir haben nicht belegen können, dass die Vernunft den moralischen Standpunkt erfordert oder dass alle wahrhaft rationalen Personen keine individuellen Egoisten oder klassischen Amoralisten sein sollten. Hier entscheidet nicht die Vernunft. Das Bild, das ich für Sie gemalt habe, ist kein gefälliges. Das Nachdenken darüber deprimiert mich (...). Auch bei guten Kenntnissen der Fakten führt Sie die praktische Vernunft alleine noch nicht zur Moral." [10]

Es könnte nun einer behaupten, dass es in unserem eigenen Interesse sei, einen moralischen Lebenswandel zu pflegen. Doch das trifft eindeutig nicht immer zu: Wir alle kennen Situationen, in denen das Selbstinteresse der Moral eins auswischt. Und hat man erst einmal genügend Macht, wie ein Ferdinand Marcos oder ein Papa Doc Duvalier oder auch ein Donald Trump, kann man die Gewissensstimme praktisch ignorieren und es sich getrost gut gehen lassen. Der Historiker Stewart C. Easton fasst das gut zusammen: „Es gibt keinen objektiven Grund dafür, dass sich der Mensch moralisch verhalten sollte, es sei denn, moralisches Verhalten ‚lohnt sich‘ in seinem sozialen Leben oder gibt ihm ein ‚gutes Gefühl‘. Es gibt keinen objektiven Grund dafür, dass der Mensch überhaupt etwas tun sollte, außer dem Vergnügen, das es ihm bereitet.“ [11]

Bei einer naturalistischen Weltanschauung wirken Taten der Selbstaufopferung besonders unbeholfen. Warum sollten Sie Ihr Eigeninteresse, geschweige denn Ihr Leben, um eines anderen Menschen willen aufopfern? Gemäß der naturalistischen Sicht kann es keinen guten Grund dafür geben, ein solch selbstverneinendes Vorgehen zu wählen. Aus soziobiologischer Sicht betrachtet ist ein solch altruistisches Verhalten lediglich das Ergebnis der Konditionierung aufgrund der Evolution, die der Arterhaltung dient. Moralisch gesehen tut eine Mutter, die in ein brennendes Haus läuft, um ihre Kinder zu retten, oder ein Soldat, der sich über eine Handgranate wirft, um seine Kameraden zu schützen, nichts Bedeutsameres oder Lobenswerteres als eine Ameise, die sich um des Ameisenhaufens willen selbst opfert. Schon der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass wir den soziobiologischen Zwängen, uns auf einen solch selbstzerstörerischen Kurs zu begeben, soweit wie möglich widerstehen und stattdessen in unserem eigenen Interesse handeln sollten. Der Religionsphilosoph John Hick lädt uns ein, uns ein Ameisenmännchen vorzustellen, das plötzlich soziobiologische Einsichten und die Freiheit, persönliche Entscheidungen zu treffen, bekommt. Er schreibt:

"Stellen Sie sich vor, dass es dazu aufgerufen wird, sich um des Ameisenhaufens willen zu opfern. Es spürt den starken Druck seines Instinkts, der es zu dieser Selbstzerstörung drängt. Es fragt sich aber, warum es (...) das selbstmörderische Programm, zu dem sein Instinkt es treibt, freiwillig umsetzen sollte? Warum sollte es die künftige Existenz von einer Billion anderer Ameisen als wichtiger als seinen eigenen Fortbestand ansehen? (...) Da alles, was es ist und hat oder je haben kann seine eigene persönliche Existenz ist, wird es sicher, soweit es von der blinden Kraft des Instinktes frei ist, das Leben wählen – sein eigenes Leben." [12]

Warum sollten wir nun anders entscheiden? Das Leben ist zu kurz, als dass wir es dadurch gefährden sollten, dass wir aus irgendeinem anderen Motiv als Eigeninteresse handeln. Somit wird eine Ethik des Mitleids und der Selbstaufopferung durch das Fehlen der moralischen Verantwortung in der atheistischen Philosophie zu einer hohlen Abstraktion. R. Z. Friedman, ein Philosophiedozent an der University of Toronto, kommt zu folgendem Schluss: „Ohne Religion lässt sich die Kohärenz einer Ethik des Mitleids nicht begründen. Das Prinzip des Respekts für Personen und das Prinzip des Überlebens der Stärkeren schließen sich gegenseitig aus.“ [13]

Je nachdem, ob Gott existiert oder nicht, landen wir also bei radikal unterschiedlichen Moralvorstellungen. Wenn Gott existiert, dann gibt es für die Moral eine solide Grundlage. Wenn Gott nicht existiert, dann kommen wir, wie Friedrich Nietzsche erkannte, letztendlich im Nihilismus an.

Doch die Wahl zwischen diesen beiden Polen muss nicht willkürlich getroffen werden. Im Gegenteil: Gerade diese Überlegungen können eine moralische Rechtfertigung für einen Glauben an die Existenz Gottes darstellen.

Wenn wir zum Beispiel tatsächlich denken, dass moralische Werte existieren, führt uns das logisch zum Schluss, dass Gott existiert. Und was könnte denn offensichtlicher sein, als dass objektive moralische Werte sehr wohl existieren? Wir haben nicht mehr Grund zur Verneinung der objektiven Realität moralischer Werte als zur Verneinung der objektiven Realität der physischen Welt. Ruses Argumentation ist schlimmstenfalls ein Lehrbuchbeispiel für den genetischen Trugschluss (wodurch man versucht, eine Ansicht unwirksam zu machen, indem man aufgezeigt, wie ein Mensch zu dieser Ansicht kam) und beweist bestenfalls nur, dass unsere subjektive Wahrnehmung objektiver moralischer Werte sich über die Zeit weiter entwickelt hat. Wenn aber moralische Werte nicht erfunden, sondern schrittweise entdeckt werden, dann untergräbt ein solches schrittweises und fehlbares Erkennen im Bereich der Moral die objektive Realität jenes Bereichs keineswegs mehr, als unser schrittweises und fehlbares Erkennen der physikalischen Welt die objektive Realität dieser Welt untergräbt. Fakt ist: Wir erkennen objektive moralische Werte und Pflichten sehr wohl – und wir alle wissen das. Handlungen wie Vergewaltigung, Folter, Kindesmissbrauch und Brutalität sind nicht einfach sozial indiskutabel — sie sind moralische Abscheulichkeiten. Wie Ruse selbst an anderer Stelle schreibt: „Der Mensch, der sagt, dass es moralisch akzeptabel ist, kleine Kinder zu vergewaltigen, irrt genauso wie der Mensch, der sagt: 2+2=5.“ [14] Ebenso klar sind Liebe, Großzügigkeit, Gleichberechtigung und Selbstaufopferung wirklich gut. Leute, die das nicht sehen, haben einfach eine moralische Behinderung, und es besteht kein Grund zuzulassen, dass ihre verzerrte Sicht das in Frage stellt, was wir klar erkennen. So dient die Existenz objektiver moralischer Werte dazu, die Existenz Gottes zu belegen.

Oder betrachten wir das Wesen moralischer Verpflichtungen. Was werden bestimmte Handlungen für uns falsch? Warum sollten wir bestimmte Dinge tun und andere nicht? Woher kommt dieses „sollte“? Wenn wir die Existenz Gottes verneinen, dann ist es schwierig, in moralischen Verpflichtungen oder in Richtig und Falsch irgendeinen Sinn zu entdecken, wie Richard Taylor erläutert:

"Eine Pflicht ist etwas, das man zu tun schuldig ist (…). Aber eine Pflicht bezieht sich immer auf ein Gegenüber. Eine Pflicht kann nicht für sich isoliert stehen (…). Die Vorstellung einer politischen oder rechtlichen Verpflichtung ist klar genug (...). Gleichermaßen ist die Vorstellung einer noch höheren Verpflichtung, die moralische Verpflichtung genannt wird, klar genug, vorausgesetzt, sie wird als Bezug auf einen Gesetzgeber verstanden, der über (...) staatlichen Gesetzgebern steht. Mit anderen Worten: Unsere moralischen Verpflichtungen können so verstanden werden, dass sie uns von Gott auferlegt werden. So ergibt sich für die Behauptung, unsere moralischen Verpflichtungen hätten für uns eine größere Verbindlichkeit als unsere politischen Verpflichtungen, ein klarer Sinn (...). Wie ist es aber, wenn dieser über den Menschen stehende Gesetzgeber nicht mehr berücksichtigt wird? Ergibt dann das Konzept einer moralischen Verpflichtung (...) immer noch einen Sinn? (...) Das Konzept einer moralischen Verpflichtung ist ohne die Vorstellung von Gott unverständlich. Die Worte bleiben, aber ihr Sinn fällt weg." [15]

Daraus folgt, dass moralische Verpflichtungen sowie Richtig und Falsch die Existenz Gottes erfordern. Als ich vor einiger Zeit an einer kanadischen Universität einen Vortrag hielt, bemerkte ich ein Plakat, das vom Informationszentrum zu sexuellen Übergriffen [16] aufgehängt worden war. Darauf stand: „Sexueller Übergriff: Niemand hat das Recht, ein Kind, eine Frau oder einen Mann zu missbrauchen.“ Die meisten von uns erkennen an, dass dieser Satz offensichtlich wahr ist. Der Atheist aber kann das Recht einer Person, nicht von einer anderen Person sexuell missbraucht zu werden, letztlich nicht begründen. Die beste Antwort auf die Frage nach der Quelle moralischer Verpflichtung lautet: Das moralisch Richtige oder Falsche einer Tat besteht in deren Übereinstimmung bzw. Nicht-Übereinstimmung mit dem Willen oder den Geboten eines heiligen, liebenden Gottes.

Wenden wir uns zum Schluss dem Problem der moralischen Verantwortung zu. Hier finden wir ein starkes, praktisches Argument für den Glauben an Gott. Dem Philosophen William James zufolge sind praktische Argumente nur dann zu verwenden, wenn theoretische Argumente nicht ausreichen, um eine Frage von drängender und pragmatischer Wichtigkeit zu entscheiden. Es erscheint jedoch offensichtlich, dass ein praktisches Argument auch zur Untermauerung der Schlussfolgerung eines soliden theoretischen Arguments oder als Motivation zur Akzeptanz einer solchen Schlussfolgerung dienen könnte. Zu glauben, dass Gott nicht existiert und dass es somit keine moralische Verantwortung gibt, wäre also wortwörtlich de-moralisierend, denn dann müssten wir glauben, dass unsere moralischen Entscheidungen letztlich unbedeutend sind, da unser Schicksal und das des Universums gleich sein werden, egal was wir tun. Mit „de-moralisierend“ meine ich eine Verschlechterung moralischer Motivation. Es ist ja ohnehin schwierig, das Richtige zu tun, wenn es bedeutet, das Eigeninteresse hintanzustellen, und der Versuchung, das Falsche zu tun, zu widerstehen, wenn das Begehren stark ist. Und der Glaube, dass es letztendlich egal ist, wie man entscheidet oder was man tut, ist geeignet, die eigene moralische Kraft zu schwächen und damit das eigene moralische Leben zu untergraben. Wie Robert Adams, ein Philosoph an der Universität Oxford, bemerkt: „Es für sehr wahrscheinlich halten zu müssen, dass die Geschichte des Universums im Großen und Ganzen keine gute wird, egal was man tut, erscheint geeignet, bei den Menschen, die so denken, zu einem zynischen Gefühl der Sinnlosigkeit eines moralischen Lebens zu führen und so die moralische Entschlossenheit und das Interesse an moralischen Fragen zu untergraben.“ [17] Im Gegensatz dazu stärkt wahrscheinlich nichts das moralische Leben so sehr wie der Glaube, dass man für seine Taten zur Verantwortung gezogen wird und dass die eigenen persönlichen Entscheidungen wirklich einen Unterschied machen, wenn es darum geht, das Gute herbeizuführen. Der Theismus ist somit ein moralisch vorteilhafter Glaube, was an sich – mangels jeglichen theoretischen Arguments als Beleg für die Wahrheit des Atheismus – eine praktische Grundlage für den Glauben an Gott bietet und eine Motivation liefert, die Schlussfolgerungen aus den beiden theoretischen Argumenten zu akzeptieren, die ich gerade dargelegt habe.

Zusammengefasst: Für Moral scheinen meta-ethische Grundlagen sehr wohl erforderlich zu sein. Wenn Gott nicht existiert, dann ist die Meinung plausibel, dass es keine objektiven moralischen Werte gibt, dass wir keine objektiven moralischen Pflichten haben und dass wir keine moralische Verantwortung für unser Leben und Handeln tragen. Das Grauen solch einer moralisch neutralen Welt ist offensichtlich. Wenn wir jedoch glauben, was ja vernünftig erscheint, dass objektive moralische Werte und Pflichten doch existieren, dann haben wir gute Gründe für einen Glauben an die Existenz Gottes. Zudem haben wir angesichts der moralstärkenden Auswirkungen eines Glaubens an eine moralische Verantwortlichkeit starke praktische Gründe dafür, den Theismus anzunehmen. Ohne Gott können wir also nicht wahrhaft gut sein; aber wenn wir bis zu einem gewissen Grad gut sein können, dann folgt daraus, dass Gott existiert.

(Übers.: R. und J. Booker)

William Lane Craig

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/can-we-be-good-without-god

  • [1]

    Nach Michael Ruse, “Evolutionary Theory and Christian Ethics,” in The Darwinian Paradigm (London: Routledge, 1989), S. 262, 268-9.

  • [2]

    Nach Richard Taylor, Ethics, Faith, and Reason (Englewood Cliffs, N.J.: Prentice-Hall, 1985), S. 2-3.

  • [3]

    Ebd., S. 7

  • [4]

    Nach Paul Kurtz, Forbidden Fruit (Buffalo, N.Y.: Prometheus Books, 1988) S. 65.

  • [5]

    Ebd., S. 73

  • [6]

    Der Begriff "Speziesismus" beinhaltet den Vorwurf, eine Spezies (meist den Menschen) absolut zu stellen oder im Vergleich zu anderen Spezies (z.B. Tier) über Gebühr zu bevorzugen. (Anm. d. Übers.)

  • [7]

    Nach Critical notice of Peter Haas, Morality after Auschwitz: The Radical Challenge of the Nazi Ethic (Philadelphia: Fortress Press, 1988), by R. L. Rubenstein, Journal of the American Academy of Religion 60 (1992): 158.

  • [8]

     Nach Fjodor Dostojewski, The Brothers Karamazov, üb. C. Garnett (New York: Signet Classics, 1957)

  • [9]

    Richard Wurmbrand, Gefoltert für Christus, 20. Auflage: Gräfelfing 2013 (Resch/HMK), S. 40.

  • [10]

    Nach Kai Nielsen, “Why Should I Be Moral?” American Philosophical Quarterly 21 (1984): 90.

  • [11]

    Nach Stewart C. Easton, The Western Heritage, 2d ed. (New York: Holt, Rinehart, & Winston, 1966), S. 878.

  • [12]

    Nach John Hick, Arguments for the Existence of God (New York: Herder & Herder, 1971), S. 63.

  • [13]

    Nach R. Z. Friedman, “Does the ‘Death of God’ Really Matter?” International Philosophical Quarterly 23 (1983): 322.

  • [14]

    Nach Michael Ruse, Darwinism Defended (London: Addison-Wesley, 1982), S. 275.

  • [15]

    Nach Taylor, Ethics, Faith, and Reason, S. 83-4. (Neu herausgegeben unter dem Titel Virtue Ethics, Anm. d. Übers.)

  • [16]

    Engl. "Sexual Assault and Information Center" (Anm. d. Übers.)

  • [17]

    Nach Robert Merrihew Adams, „Moral Arguments for Theistic Belief”, in Rationality and Religious Belief, Hrsg. von. C. F. Delaney (Notre Dame, Ind.: University of Notre Dame Press, 1979), S. 127.