Die Herausforderung der Geschichte: Ein Interview mit William Lane Craig (Australischer Presbyterianer)
Summary
Der unverwechselbare Anspruch des Christentums im Vergleich zu anderen Weltreligionen lautet, dass Gott sich selbst in der Geschichte offenbart hat. Wie der britische Theologe Alan Richardson es formulierte: „Der christliche Glaube …ist mit bestimmten Ereignissen der Vergangenheit verbunden, und wenn sich nachweisen ließe, dass diese Ereignisse niemals stattgefunden haben bzw. völlig anders waren als der biblisch-christliche Bericht bezeugt, dann würde sich herausstellen, dass das ganze Gebäude des christlichen Glaubens, Lebens und Gottesdienstes auf Sand gebaut wurde“.
In dieser Weihnachtszeit feiern wir das zentrale Ereignis in der Weltgeschichte: Gott wurde Mensch in Jesus Christus. Heutzutage ist diese Behauptung auf vielerlei Art unter Beschuss. Einige behaupten, es sei ein Mythos. Andere behaupten, es sei eine sinnlose Aussage, da es unmöglich sei, wirklich die Vergangenheit zu kennen. Australian Presbyterian (AP) fragte William Lane Craig, Professor für Philosophie am Theologischen Seminar Talbot, Los Angeles, nach seiner Meinung dazu.
Warum ist die Geschichte so wichtig für den christlichen Glauben?
Die Geschichte ist entscheidend für das Christentum, denn sie bewahrt den christlichen Glauben davor, zu einer Mythologie zu degenerieren. Es sei denn, dass die Bibel in wirklichen historischen Ereignissen wurzelt, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass Jesus von Nazareth heute maßgebender für mein Leben ist als sogenannte Götter wie Thor, Odin oder Zeus oder irgend eine andere mythologische Gottheit. Die Geschichte ist die entscheidende Komponente im Christentum, denn sie gründet den Glauben auf Tatsachen und bewahrt ihn davor, lediglich ein Mythos zu sein.
Haben andere Religionen ein ähnliches Interesse an Geschichte?
Ja, aber nur in einem relativen Sinne. Andere Religionen haben gewiss eine historische Komponente. Man denke zum Beispiel an das Judentum, wo zumindest für orthodoxe Juden Gottes Taten in der Geschichte, wie der Exodus, sehr bedeutsam sind. Gottes Errettung der Israeliten aus Ägypten ist das zentrale Wunder des Alten Testaments. Auch im Islam spielt die Geschichte eine gewisse Rolle. Zum Beispiel wird behauptet, dass das Herabkommen des Korans vom Himmel zu Mohammed ein historisches Ereignis sei; nach dem Glauben der Muslime handelte es sich dabei um Gottes Offenbarung an ihn.
So gibt es historische Elemente in diesen Glaubensrichtungen, aber sie spielen nicht dieselbe Bedeutung wie historische Ereignisse im Christentum. Der Grund dafür ist, dass die persönliche Rettung im Judentum und Islam nichts mit historischen Ereignissen zu tun hat, sondern mit dem Gehorsam gegenüber verschiedenen vorgeschriebenen Aktivitäten oder Regeln. Auch wenn diese Regeln in einem bestimmten historischen Kontext entstanden sind, beeinflusst er nicht wirklich die Frömmigkeitspraxis dieser Religionen in irgendeiner Weise. Im Christentum ist dies jedoch völlig anders. Im Christentum sind die rettenden Handlungen Gottes selbst historische Handlungen. Wollte man also die Historizität Jesu oder die Historizität des Kreuzes entfernen, würde man damit auch die ganze Grundlage für die Sühne und Rettung entfernen.
George E. Ladd hat gesagt: “Die Einzigartigkeit und der Skandal der christlichen Religion beruhen auf der Vermittlung der Offenbarung durch historische Ereignisse.” Was meint er damit?
Ladd hat natürlich recht. Das Christentum ist keine Lebensregel oder eine Religionsphilosophie. Es wurzelt in wirklichen geschichtlichen Ereignissen. Es ist skandalös, weil es die Wahrheit des Christentums an die Wahrheit dieser historischen Fakten bindet. Das bedeutet, ließe sich nachweisen, dass diese historischen Ereignisse falsch oder erfunden sind, dann würde damit die ganze Grundlage des Christentums beseitigt. So einfach wie möglich gesagt: Die Wahrheit oder Unwahrheit des Christentums steht oder fällt mit einzelnen Ereignissen in der Geschichte.
Der Islam dagegen ist nicht annähernd so abhängig von der Geschichte. So kann man zum Beispiel die fünf Säulen des Islams befolgen: das Bekenntnis sprechen, die Gebete sagen, Almosen geben, nach Mekka gehen usw., aber nichts davon hängt direkt von historischen Ereignissen ab. Im Christentum sieht es hingegen ziemlich anders aus. Das Angebot der Rettung, das wir in dem Evangelium erhalten, ist nur real, wenn die speziellen Ereignisse, auf denen das Angebot gründet, real sind. Und dies ist in gewissem Sinne skandalös, denn, wie ich sagte: beweist man, dass diese Ereignisse erfunden sind, dann bricht die ganze Religion zusammen.
Andererseits denke ich, dass dies das Christentum zu einer wirklich großen Religion macht, denn es bietet uns ein Mittel, die Wahrheit des christlichen Glaubens zu verifizieren. Wir können tatsächlich die Geschichte erforschen, um herauszufinden, ob Jesus von Nazareth lebte, starb und wieder auferstand und die Ansprüche stellte, die wir im Neuen Testament vorfinden. So liefert der christliche Glaube einen Prüfstein zur Beurteilung seiner eigenen Ansprüche, den es in den meisten anderen Religionen der Welt nicht gibt.
Wurde dem historischen Element des christlichen Glaubens in der Kirche immer Bedeutung zugemessen?
Traditionell ja. Gleich von Anfang an waren die frühesten christlichen Glaubensbekenntnisse Bestätigungen historischer Ereignisse. So heißt es zum Beispiel im Apostolischen Glaubensbekenntnis über Jesus „gelitten unter Pontus Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben … am dritten Tage aber auferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel“. Diese historischen Ereignisse sind wichtige Elemente der frühen Glaubensbekenntnisse.
Tragischerweise wurde mit dem Aufkommen der liberalen Theologie im 19. Jahrhundert die Bedeutung der Geschichte für den christlichen Glauben abgewertet und ging verloren. Liberale Gelehrte glaubten nicht länger mehr, dass Jesus wirklich zentral für das Herz des christlichen Glaubens war. Sie suchten an anderen Stellen nach dem zentralen Kern: der Vaterschaft Gottes und der Bruderschaft der Menschen. Sie glaubten, dass dies die eine fundamentale Lehre des Christentums sei. Alles andere sei sekundär, einschließlich der historischen Ereignisse.
Gott sei Dank kam und ging die liberale Theologie auch wieder. Ich denke, das 20. Jahrhundert war durch eine starke Wertschätzung der zentralen Bedeutung der Geschichte für den christlichen Glauben gekennzeichnet. Und dafür sollten wir wirklich dankbar sein.
Hat die Kirche im Mittelalter nicht auch durch ihre starke Beschäftigung mit der philosophischen Theologie den Kontakt mit der Geschichte verloren?
In einem Sinne, ja. Aber dies sollte uns nicht zum Denken verleiten, dass Menschen im Mittelalter kein Gefühl für die Bedeutung der Geschichte besaßen. Sie glaubten, dass Ereignisse wie die Auferstehung Jesu wirklich stattgefunden hatten. Sie hielten dies nicht für Erfindungen oder Mythen. Für sie war es Wirklichkeit, dass Jesus von Nazareth lebte, wirkte und starb.
Die Schwierigkeit bestand darin, dass sie keinerlei Möglichkeit hatten, diese Geschehnisse nachzuweisen. Sie konnten sich höchstens auf das Wunder der Kirche selbst berufen. Ihnen erschien es undenkbar, dass dieses universale Gefüge, das nun innerhalb der ganzen bekannten Zivilisation verbreitet war, auf Fälschung basieren könnte. Somit war das lebende Wunder der Kirche selbst bester Beweis, den sie dafür geben konnten, dass diese Ereignisse tatsächlich geschehen waren. Aber Gelehrte des Mittelalters glaubten gewiss, dass diese historischen Ereignisse stattgefunden hatten. Sie hatten keinerlei Zweifel, dass die Historizität dieser Ereignisse entscheidend war und nicht infrage gestellt werden durfte.
Welchen Einfluss hatte dieses erneute Interesse an Geschichte auf die Apologetik in der Zeit nach der Reformation?
Zur Zeit der Renaissance entwickelten die Gelehrten ein neues Geschichtsbewusstsein. Sie gewannen intensives Interesse daran, die Vergangenheit wieder zu entdecken. Diese Sehnsucht, ein geschichtliches Verständnis zu entwickeln, fand in der Liebe zu Dokumenten aus der Antike und ihrer Suche danach Ausdruck. Es bestand ein großes Interesse, griechische Dokumente wiederherzustellen und die Fähigkeit zu meistern, erneut Griechisch lesen zu können.
Dieses Interesse an den Klassikern hatte einen Übertragungseffekt auf die wissenschaftliche Erforschung des Neuen Testamentes. Gelehrte gewannen an den historischen Wurzeln des Christentums Interesse und gingen die Aufgabe an, den Text des Neuen Testamentes so zuverlässig wie sie konnten zusammenzustellen. Als eine Folge davon zeigte sich ein erstes Glimmen von Interesse an einer historisch-orientierten Apologetik des christlichen Glaubens. Gelehrte wie Philippe de Mornay und Hugo Grotius begannen bald, mithilfe historischer Argumente die Wahrheit der Evangelien und des Christentums zu verteidigen.
Warum sind Menschen heute so skeptisch gegenüber der Vorstellung, dass Geschichte eine objektive Realität ist?
Ich denke, dass manche dem gegenüber aufgrund der Popularität relativistischer Sichten über die Wahrheit skeptisch sind. Der Postmodernismus verneint die Existenz objektiver Wahrheit. Postmodernisten glauben, dass die Vergangenheit lediglich das Konstrukt der Gegenwart sei. Sie glauben, weil die Ereignisse der Vergangenheit vorbei sind, seien sie auch verloren – sie sind nicht länger zugänglich. Deshalb sei die Geschichte das, was wir daraus machen. Und weiter auch, da sie behaupten, dass kein Historiker ein neutraler Beobachter sei, sondern unweigerlich in dem historischen Prozess gefangen ist, könne er die Vergangenheit nicht objektiv so rekonstruieren, wie sie wirklich war. Dies hat einige Denker zu einer relativistischen Sicht der Geschichte verleitet, gemäß der, wie eine Person es ausdrückte, „Geschichte eine Reihe von Lügen ist, auf die zu einigen sich alle entschieden haben“.
Gibt es einen Grund zu versuchen, die historischen Fakten über Jesus zu entdecken, wenn so viele Menschen dies doch bereits versucht haben und zu einer unterschiedlichen Beurteilung kamen?
Ja, ich glaube den gibt es. Ich denke, dass die Unterschiedlichkeit der Meinungen über den historischen Jesus weitgehend auf die Art philosophischer Vorannahmen zurückgeführt werden kann, die Kritiker bereits mitbringen. Ihre Schlussfolgerungen werden weniger durch die Beweislage als vielmehr durch die Vorannahmen, mit denen sie herangehen, bestimmt. Sie erkennen dies klar an ihren Veröffentlichungen.
Zum Beispiel erklären die Mitglieder des Jesus-Seminars explizit in der Einleitung ihrer Ausgabe der Five Gospels [Fünf Evangelien], von welchen Vorannahmen sie ausgehen. Für sie ist der wissenschaftliche Naturalismus Säule Nummer eins der akademischen Weisheit. In anderen Worten, sie glauben nicht, dass es übernatürliche Ereignisse in der Geschichte gibt. Sie glauben, wann immer man ein übernatürliches Ereignis in der Erzählung entdeckt, sei dies automatisch ein Zeichen, dass es sich um eine Legende oder um Mythologie handelt. Sie beginnen einfach mit der Annahme, dass Wunder immer erfunden sind. Erstaunlicherweise machen sie keinen Versuch, diese Vorannahme zu rechtfertigen. Wenn man von der Annahme des wissenschaftlichen Naturalismus ausgeht, dann muss man natürlich Ereignisse wie die Jungfrauengeburt, die Inkarnation, die Wunder Jesu und seine Auferstehung als nicht-historisch beurteilen.
Einige Kritiker wiederum wie Marcus Borg machen es sehr deutlich, dass das, wonach sie suchen, ein Jesus ist, der Menschen in der Gegenwartszene religiös zur Verfügung steht. Borg macht sich bewusst ans Werk, Jesus als eine Art transkulturelle, geistliche Person neu zu interpretieren – als eine Art Mystiker – der Menschen in allen Kulturen und allen Religionen anspricht. Darum kommt er auf einen politisch sehr korrekten Jesus – einen Jesus, der für das moderne Denken weder anstößig noch aufrüttelnd ist. Borgs neukonstruierter Jesus ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Schlussfolgerungen einiger Gelehrter zutiefst von ihren Vorannahmen geformt sind.
Wenn man jedoch den Evangelien diese kritischen Vorannahmen nicht aufzwingt, dann entsteht unter den Gelehrten ein bemerkenswerter Konsens über die Person des historischen Jesus, seine Lehre und über Ereignisse in seinem Leben im Umfeld seines Tod und seiner Auferstehung. So müssen wir, denke ich, Acht haben, die Unterschiedlichkeit der Ansichten unter heutigen Gelehrten nicht zu übertreiben. Gewiss gab es bei vergangenen Bemühungen, den historischen Jesus wieder zu entdecken, diverse Ansichten – doch zeitgenössische Forschung hat, so denke ich, die groben Linien eines Bildes von Jesus wieder entdeckt, dem man weithin zustimmen kann.
Da wir die Vergangenheit nicht direkt beobachten können, können wir dann überhaupt etwas darüber wissen, wie sie sich wirklich ereignete? Könnten unsere Vorstellungen von der Vergangenheit ein kunstreiches Fantasiegespinst sein, so wenig vertrauenswürdig wie ein Traum?
Nun, der Unterschied zwischen einem Traum und der Geschichte liegt natürlich darin, dass die Geschichte Spuren hinterlässt und ein Traum nicht. Und diese Spuren sind es, ob in Form literarischer Dokumenten oder archäologischer Trümmer, aufgrund derer Historiker in der Lage sind, die Vergangenheit zu rekonstruieren. Echte Historiker arbeiten innerhalb der Grenzen der übrig gebliebenen Beweise. Und darin besteht der Unterschied zwischen wirklicher Geschichte und einem Traum. Nur auf Grundlage der Beweislage können wir die Vergangenheit rekonstruieren. Wir sind sicherlich niemals berechtigt, im Widerspruch zu dieser Beweislage zu arbeiten.
Interessanterweise folgt der Historiker derselben Methode wie der historische Wissenschaftler in Wissenschaften wie Geologie, Paläontologie oder Kosmologie. Auf diesen Gebieten ist der Wissenschaftler ebenfalls daran beteiligt, die Vergangenheit zu rekonstruieren, entweder die vergangene Geschichte des Universums oder die Vergangenheit der Erde. Der einzig wirkliche Unterschied zwischen dem Wissenschaftler und dem Historiker besteht darin, dass der Historiker menschliche Geschichte anstelle der Geschichte der Erde oder des Kosmos studiert. Doch in Bezug auf die Methode tun sie genau dasselbe. Die Geschichtserforschung des Historikers liegt auf derselben Ebene wie die Geschichtserforschung des Geologen oder Kosmologen. Wenn Menschen versuchen, die Geschichte gegen die Naturwissenschaft auszuspielen, ist das ein illegitimes Vorgehen, weil die Erforschung der menschlichen Geschichte der Erforschung der Naturgeschichte absolut ebenbürtig ist. Solange wir uns streng an das historische Beweismaterial halten, gibt es keinen Grund für die Annahme, dass wir die Vergangenheit nicht so rekonstruieren können, wie sie sich tatsächlich ereignete.
Wie können wir wissen, dass historische Fakten real sind? Die Ereignisse selbst sind vorbei und alles, was uns bleibt, ist die Aussage eines Historikers. Beispielsweise in Bezug auf die Weihnachtsgeschichte ist alles, was wir haben, die historischen Aussagen von Matthäus und Lukas, dass diese Ereignisse stattfanden.
In erster Linie ist es wichtig festzustellen, dass das Fehlen eines Beweises nicht gleich einem Beweis für das Fehlen ist. Wenn Sie darüber nachdenken, so haben wir für die meisten historischen Ereignisse keinerlei Beweise – und dennoch sind sie wirklich geschehen. Beispielsweise haben wir keinen Beweis, dass Napoleon am 2. April 1802 in eine Pfütze spuckte. Vielleicht tat er es, aber es gibt keine Möglichkeit, es zu wissen.
Die meisten historischen Ereignisse hinterlassen nicht ausreichend Beweise, um sie zu rekonstruieren. Somit ist das Fehlen eines Beweises noch nicht in sich selbst Beweis, dass ein Ereignis nicht stattfand. Im Falle der Evangelien finde ich es außergewöhnlich, dass wir für einige Ereignisse überhaupt Beweise haben. Nehmen wir beispielsweise die Ereignisse der Jungfrauengeburt oder die Auferstehung des Jesus von Nazareth. In diesem Fall haben wir Beweismaterial aus verschiedenen Quellen. Das ist sehr interessant, wenn wir dies mit dem Beweismaterial vergleichen, das wir für andere Personen in der Antike besitzen. In ihrem Fall haben wir beinahe keinerlei Beweise. Somit ist es eindeutig falsch zu sagen, dass allein das Fehlen von Beweisen bereits Beweis für das Fehlen sei. [1]
Für Fälle, in denen wir Beweise haben, haben Historiker eine Anzahl objektiver Regeln ausgearbeitet, die wir auf die Quellen anwenden können, um festzustellen, ob sie historisch glaubwürdige Berichte im Gegensatz zu reiner Fiktion sind. Wir nennen diese Kriterien „die Kriterien der Echtheit“.
Betrachten wir zum Beispiel das Kriterium der “mehrfachen Bezeugung”. Wenn wir unabhängige Berichte über dasselbe Ereignis haben, dann besagt diese Regel, es ist wahrscheinlicher, dass es historisch ist als erfunden, denn es wäre äußerst ungewöhnlich, wenn zwei Autoren unabhängig voneinander dieselbe Geschichte über dasselbe Ereignis erfinden. Ist es nicht bemerkenswert, dass wir zwei unabhängige Berichte über die Jungfrauengeburt Jesu haben? Wenn man diese Regel der mehrfachen Bezeugung auf Jesu Geburtserzählungen anwendet, dann haben wir eine gute Grundlage, um zu glauben, dass er in Bethlehem von einer Jungfrau geboren wurde. Warum? Weil wir es von zwei voneinander unabhängigen Erzählungen bezeugt bekommen. Matthäus und Lukas sind zumindest in ihren Quellen unabhängig voneinander.
Eine weitere Regel, um die Historizität eines Ereignisses festzustellen, ist das Prinzip der Unähnlichkeit. Diese Regel besagt, wenn man nachweisen kann, dass ein Ereignis oder eine Aussage über das Leben Jesu anders ist als alles Vorherige im Judentum und auch anders als etwas in der Gemeinde nach ihm, dann ist es höchst wahrscheinlich, dass sie zu dem historischen Jesus selbst gehören. So kann dieses Kriterium der Unähnlichkeit eine sehr positive Hilfe sein, um Ereignisse als historisch festzustellen. Übrigens, diese Regel bedeutet jedoch nicht, wenn einige der Aussagen Jesu denen ähnlich sind, welche man im Judentum oder in der frühen Kirche findet, es beweist, dass sie aus diesen Quellen entlehnt wurden. Kritiker verwenden die Regel falsch, wenn sie das so auslegen.
Eine weitere Regel ist das Kriterium der Peinlichkeit oder Beschämung. Diese Regel besagt, wenn man für die frühe christliche Kirche unangenehme oder sogar peinliche Ereignisse findet, dann sind diese sehr wahrscheinlich auch eher historisch als von der Kirche erfunden.
Ein weiteres Kriterium wäre die Hinrichtung Jesu. Seine Kreuzigung ist solch ein stark verankerter Fixpunkt in der Geschichte, dass Ereignisse in den Evangelien nach ihrer Wahrscheinlichkeit beurteilt werden können, mit der sie zur Hinrichtung/Kreuzigung Jesu führten. Beispielsweise ist Marcus Borgs Bild von Jesus als freundlich, sanftmütig und mild nicht kompatibel mit seiner Kreuzigung aufgrund seinem Anspruch, König der Juden zu sein. Nach dieser Ansicht tat er nichts, was zu seiner Kreuzigung geführt hätte. Somit können wir folgern, dass diese Ansicht uns vermutlich kein akkurates Bild von Jesus, wie er wirklich war, vermittelt.
Es gibt auch andere Kriterien. Es gibt sogar eine lange Liste davon, doch dies sind hier nur einige. Historiker wenden sie beständig auf säkulare Erzählungen an, um deren historische Glaubwürdigkeit zu ermitteln. Ich finde diese Kriterien als sehr hilfreich. Wenn Kritiker wie die im Jesus-Seminar diese Kriterien benutzen, um skeptische Darstellungen von Jesus aufzubringen, dann liegt der Grund, so denke ich, an ihren Vorannahmen und nicht an den Kriterien. Sie wenden diese Kriterien falsch an, weil sie durch ihre naturalistischen Vorannahmen verdreht sind.
Einige sagen, dass die Geschichte nicht naturwissenschaftlich sei, weil man bei der Naturwissenschaft zumindest die Beweise vor sich hat, mit ihnen experimentieren und das Experiment wiederholen kann. Offensichtlich kann man ein historisches Ereignis nicht wieder konstruieren– was sagen Sie dazu? Ist die Wissenschaft deshalb objektiver als die Geschichte?
Nein, ich denke nicht. Nehmen wir zum Beispiel einmal Geologie. Nun nimmt ein Geologe an, dass bestimmte theoretische Entitäten, wie Dinosaurier, einst existierten. Er beobachtet fossile Knochen und stellt die Hypothese auf, dass dies die Überbleibsel lebender Kreaturen sind, die tatsächlich einst über die Erde zogen. Aber er hat niemals einen Dinosaurier gesehen. In gewisser Weise ist ein Dinosaurier eine theoretische Entität ähnlich einem Quark. Doch der Unterschied ist, dass das Quark offensichtlich eine solch hohe Ebene theoretischer Abstraktion beinhaltet, dass wir nicht sicher sind, dass es Quarks wirklich gibt. Jedoch zweifelt niemand daran, dass Dinosaurier einmal wirklich existiert haben. Und doch, wie gesagt, sind die Subjekte dieser Wissenschaft genauso fern von dem Geologen wie die Ereignisse der Geschichte von dem Historiker.
Vielmehr arbeitet der Historiker mit genauso vielen Spuren der Vergangenheit wie der Geologe. Er kann sich auf die Archäologie und andere Wissenschaften wie Numismatik (die Studie der Münzen) oder die Papyrologie verlassen. Alle diese Wissenschaften erforschen die Vergangenheit genauso wie die Geologie oder Paläontologie es tut. Sie sind Disziplinen, die dazu gedacht sind, die Vergangenheit innerhalb der Grenzen der Beweise zu rekonstruieren. So denke ich nicht, dass man zwischen Wissenschaft und Geschichte einfach in der Art eine Grenzlinie ziehen kann, dass man sagt: nun, die Wissenschaft ist objektiv, aber die Geschichte ist ein Sumpf von Subjektivität.
Einige Historiker, besonders Revisionisten wie Neo-Nazis, sind sehr selektiv in ihrem Umgang mit Fakten. Sie schreiben Geschichte, die mehr eine Widerspiegelung ihrer Vorurteile darstellt als dessen, was wirklich stattfand. Inwieweit können wir sicher sein, dass die Schreiber der Evangelien nicht selbst Revisionisten waren?
Es ist wichtig, zu verstehen, dass alle antiken Historiker aus einem Blickwinkel schrieben. Herodot, Thukydides, Tacitus – alle von ihnen hatten etwas, wofür sie sich einsetzten. Für sie war die Geschichte ein Mittel, ihr Verständnis oder ihre Position zu verteidigen. Somit gründet sich in diesem Sinne die gesamte griechisch-römische Geschichte auf Dokumente, die eine gewisse Voreingenommenheit widerspiegeln. Dies hindert jedoch nicht den klassischen griechisch-römischen Historiker daran, die Vergangenheit so zu rekonstruieren wie sie wirklich geschah.
Gleicherweise, wenn jüdische Historiker über den Holocaust schreiben, dann tun sie dies eindeutig aus einer bestimmten Perspektive und engagieren sich dafür so leidenschaftlich wie die Neo-Nazis. Dennoch schreiben wir ihr Werk aufgrund ihrer Voreingenommenheit nicht als unhistorisch ab oder stellen es mit dem der Neo-Nazis gleich. Vielmehr beurteilen wir beide Versionen des Holocausts aufgrund des Beweismaterials. Wenn der jüdische Bericht den Vorgaben durch das Beweismaterial entspricht, dann verfälscht ihre Perspektive nicht unbedingt das, was sie schreiben.
Nun wurden die Evangelien aus einer bestimmten Perspektive geschrieben: sie haben eine Geschichte zu erzählen – die Geschichte von Jesus. Sie sind Verkündigungen mit einem intensiven Interesse an bestimmten Ereignissen der Geschichte. Aber das bedeutet nicht, dass sie nicht die Wahrheit über die Vergangenheit sagen können oder wir nicht ihre Glaubwürdigkeit einschätzen können.
Die “Kriterien der Echtheit”, die ich bereits erwähnt habe, zielen genau darauf, die Art von Voreingenommenheit zu überwinden, die Historiker beeinflussen mag, wenn sie die Geschichte der Vergangenheit schreiben. Diese Regeln sind dazu gedacht, uns bei der Rekonstruktion dessen, was wirklich geschah, beizustehen. Sie helfen uns, zu erkennen, ob ein Historiker die Wahrheit sagt.
Kurz gesagt, wenn das Verständnis eines Historikers von der Vergangenheit falsch ist, dann ist der Grund, weshalb es falsch ist der, dass es nicht zu dem historischen Befund passt. Es ist nicht falsch, weil er eine bestimmte Perspektive vertritt. Somit geht alles auf die Aussage des Befundes zurück.
Jede neue Generation hat ihre eigene Meinung über Geschichte. Der Philosoph Karl Popper hat gesagt: „Es kann keine Geschichte der Vergangenheit geben, wie sie wirklich geschehen ist. Es kann nur historische Interpretationen geben und keine davon ist endgültig. Jede Generation hat ein Recht, ihre eigenen zu bilden“. Stimmt das? Ist es möglich, zu einem wirklich objektiven Verständnis von Geschichte zu gelangen?
Ich denke, der Grund, weshalb Historiker oft die Vergangenheit neu schreiben, geht auf ein paar Faktoren zurück. Einer davon ist die Entdeckung neuer Befunde. Wenn wir neue Befunde entdecken, dann kann dies unser Bild der Vergangenheit revidieren. So müssen wir die Geschichte neu schreiben, um sie in Einklang mit dem neuen Befund zu bringen. Nun, weit davon entfernt, die Objektivität der Geschichte zu untergraben, ist dies in der Tat ein Beweis dafür. Wenn die Entdeckung neuer Informationen bedeutet, dass wir unsere Sicht der Vergangenheit mit dem breiteren Befundmaterial in Einklang bringen müssen, dann meine ich, ist dies ein mächtiges Zeugnis für und nicht gegen die Objektivität der Geschichte.
Der andere Grund, weshalb Historiker ihr früheres Verständnis revidieren, ist, dass wir mit zunehmender Distanz oder mit neuen Perspektiven oft eine andere Sicht von der Vergangenheit und ihrer Bedeutung gewinnen. Manchmal sehen wir Ereignisse in einem neuen Licht. Wir erkennen, wie bestimmte Ereignisse die Geschichte auf eine Art und Weise formten, die wir zuvor nicht würdigten. Und wiederum denke ich nicht, dass diese Perspektiven die Vergangenheit fälschen. Sie helfen uns vielmehr, die Bedeutung dieser Ereignisse von einem neuen Blickwinkel aus zu sehen. Der wichtigste Punkt, den wir beachten müssen, ist: unser erweitertes Verständnis der Vergangenheit verleitet uns nicht zu dem Denken, dass diese Ereignisse niemals stattfanden oder vergangene historische Berichte notwendigerweise falsch sind. In der Regel geht es mehr um eine Neueinschätzung der Motive der Schlüsselfiguren oder der Bedeutung der Ereignisse selbst für den Verlauf der nachfolgenden Geschichte und wie sie die Dinge geformt und beeinflusst haben.
So denke ich nicht, dass die Notwendigkeit, Geschichte neu zu schreiben, die Objektivität der Disziplin überhaupt irgendwie unterminiert. Meiner Meinung nach ist es genau umgekehrt der Fall. Es ist wirklich ein Zeugnis für die Objektivität der Geschichte.
Welche anderen Probleme bestehen bei der Sicht, die besagt, dass wir niemals die Vergangenheit so kennen können, wie sie wirklich war?
Ich kann mir mindestens drei bedeutsame Probleme denken, mit denen Historiker konfrontiert sind, wenn sie die Ansicht vertreten, dass wir die Vergangenheit nicht so kennen können, wie sie wirklich ist. Die erste Schwierigkeit, vor der sie im Falle dieser pauschalen Behauptung stehen, ist, dass es einen gemeinsamen Kern von historischen Ereignissen gibt, der von allen Historikern akzeptiert wird, ob Katholik oder Protestant, Marxist oder Kapitalist, Liberaler des 19. Jahrhunderts oder Revisionist des 20. Jahrhunderts. Zum Beispiel kenne ich keinen Historiker, der so etwas wie das Datum der Unabhängigkeitserklärung, Lincolns Hinrichtung, Napoleons Sieg bei Waterloo usw. leugnen würde. Diese Ereignisse bilden eine Art tragender Säule der Geschichte, auf die sich alle Historiker geeinigt haben. Ich denke, es war Isaiah Berlin, der sagte: „Wenn jemand behaupten würde, dass die Stücke von William Shakespeare in Wirklichkeit am Hof von Dschingis Khan geschrieben wurden, würden wir nicht sagen, dass er sich einfach irgendwie geirrt hat, sondern dass er seinen Verstand verloren hat“. So gibt es diesen allgemeinen Kern historischer Ereignisse, bei dem sich alle einig sind. Ich denke, dies ist ein überwältigend starkes Argument gegen die relativistische Behauptung, es gäbe keine objektive Geschichte.
Die zweite Schwierigkeit, vor der die Relativisten stehen, ist, dass es einen Unterschied zwischen Geschichte und Propaganda gibt. Historiker bestehen auf diesem Unterschied. Als in Folge der stalinistischen Machtübernahme die Sowjet-Union begann, die Geschichte neu zu schreiben, wurden riesige Mengen von Material – Zeitungen und alle Arten von Dokumenten – eingestampft. Stalin tat dies, damit er die Geschichtsbücher neu schreiben konnte. Natürlich wollte er, dass die Menschen dachten, dass er an vorderster Front der bolschewistischen Revolution stand. Ich denke, es sollte uns nicht überraschen, dass jedermann diese Art der sowjetischen Neuschreibung der Geschichte als reine Propaganda erkennt. Sie entbehrte jeglicher faktischen Grundlage. Wenn Historiker ihre Arbeit tun, so wissen sie, dass dies innerhalb der Vorgaben geschichtlicher Beweise zu geschehen hat. Sie dürfen keine Propaganda machen. Jedoch wird eine solche Unterscheidung bedeutungslos, wenn der Relativismus wahr ist. Wenn der Relativismus gültig ist, dann müssen wir der Tatsache ins Auge schauen, dass wir nicht auf der Unterscheidung zwischen Geschichte und Propaganda bestehen können, auf der alle angesehenen Historiker bestehen.
Schließlich besteht das dritte Problem der Ansicht, die besagt, dass wir die Vergangenheit nicht objektiv erkennen können, darin, dass es auf dieser Basis unmöglich wird, schlechte Geschichtsschreibung zu kritisieren. Nehmen wir Immanuel Velikovsky, einen populären Autor, als Paradebeispiel. Er versucht, antike Geschichte völlig neu zu schreiben, indem er ganze Zivilisationen und Sprachgruppen aufgrund astronomischer Katastrophen in der Erdgeschichte leugnet. Nun wurden Velikovskys Ansichten durchweg von allen Historikern als äußerst fantastisch abgelehnt. Seine Bücher haben in der Gemeinschaft der Historiker sehr negative Kritiken erhalten. Und doch, wenn der Relativismus wahr wäre, wäre es unmöglich, diese Art von Arbeit zu kritisieren. In der Tat, ließe man Velikovskys Arbeit so stehen, dann wäre jede Sicht der Vergangenheit möglich.
Ich glaube, dass diejenigen, welche die Möglichkeit einer objektiven Geschichte leugnen, sich noch nicht die Tatsache bewusst gemacht haben, dass es einen gemeinsamen Kern historischer Ereignisse gibt, der von allen Historikern akzeptiert wird. Noch haben sie die Wahrheit ernst genug genommen, dass eine Unterscheidung zwischen Geschichte und Propaganda besteht. Und wie gesagt, die Tatsache, dass alle Historiker schnell bereit sind, schlechte Geschichtsschreibung zu kritisieren, ist ein starker Beweis dafür, dass es durchaus möglich ist, eine objektive Geschichtsschreibung der Vergangenheit zu erstellen.
Ein Kritiker des Neuen Testamentes hat gesagt: “Da die Jünger enge Nachfolger Jesu waren, waren sie weniger genaue Beobachter und Aufzeichner dessen, was wirklich geschah.“ Ist daran etwas in Bezug auf die Geburtsgeschichten von Jesus wahr?
In Bezug auf die Geburtsgeschichten Jesu haben wir keine Augenzeugenberichte der Jünger Jesu, aber es ist sehr interessant, einmal nach den Quellen der Geburtsgeschichten zu fragen. Colin Hemer prüft in seinem Buch The Book of Acts in the Setting of Hellenistic History [2] sehr genau die Glaubwürdigkeit von Lukas als antikem Historiker. Er zieht einen Reichtum historischer Details aus diesem Buch heraus. Er beurteilt die historische Information, die er vorfindet, anhand von Fakten, die für jeden, der damals lebte, Allgemeinwissen gewesen wären, bis hin zu den Details, die so spezifisch sind, dass nur ein Augenzeuge davon gewusst haben konnte. Und er stellt überzeugend die historische Glaubwürdigkeit des Lukas als historischen Autoren fest.
Weiterhin argumentiert Hemer, dass diese Einschätzung der Zuverlässigkeit des Lukas für die Apostelgeschichte auch auf das Evangelium des Lukas auszuweiten ist. Er stellt die interessante Frage: „Welche Quellen mag es für das Evangelium des Lukas gegeben haben?“ Nun, eine Art, dies festzustellen, besteht darin, aus dem Evangelium des Lukas alles zu subtrahieren, das wir in den anderen Evangelien auch finden und dann zu sehen, was übrig bleibt. Tut man das, so ist interessant, dass das für Lukas einzigartige Material häufig mit Frauen in Verbindung steht, die hauptsächlich in seinem Evangelium genannt werden – Frauen wie Johanna und, interessanterweise, Maria, der Mutter Jesu.
Nun schreibt Lukas, dass er Paulus auf seinen Missionsreisen zurück nach Jerusalem begleitete, wo er Augenzeugen der Ereignisse des Lebens und Dienstes Jesu traf. Und ich denke, es ist nicht unwahrscheinlich, dass Lukas Maria als seine Quelle für die Geschichte der Jungfrauengeburt interviewt haben mag. Es ist interessant festzustellen, dass Lukas' Bericht aus Marias Perspektive erzählt wird, Matthäus' Bericht hingegen mehr aus der Perspektive Josephs. Es ist darum nicht unglaubwürdig anzunehmen, dass wir vielleicht eine indirekte Quelle in Maria selbst für Lukas' Erzählung über Jesus haben.
Zahlreiche Historiker haben behauptet, dass die Geburtsgeschichten von Jesus unglaubwürdig seien, weil es beinahe fantastisch klingt, dass Menschen wie die drei Weisen aus dem Morgenland wirklich erschienen sind. Was denken Sie dazu?
Wenn Menschen so denken, dann vermutlich deshalb, weil sie große Schwierigkeiten haben, die übernatürlichen Elemente der Erzählung zu akzeptieren. Sie finden es zu schwierig, die Vorstellung zu akzeptieren, dass ein Stern im Osten erschien und die drei Weisen zu Jesus führte. Wie gesagt, ich glaube, dies wird hauptsächlich davon abhängen, inwiefern jemand einer übernatürlichen Sicht gegenüber offen ist. Ich meine, es hat Versuche gegeben nachzuweisen, dass diese Konstellation von Planeten, die ein helles Licht am Himmel hervorrief, ein schicksalhafter Zufall gewesen sein könnte. Einige argumentieren, dass ein solches Ereignis astronomisch glaubhaft sei. Doch wenn ich die Geschichte lese, so scheint mir, dass Lukas dies als ein übernatürliches Ereignis beschreibt. Wenn man an die Existenz Gottes glaubt, dann sehe ich keinen Grund anzunehmen, dass Er nicht zoroastrische Priester aus dem Osten herbeigeführt haben könnte, damit sie Jesus finden und ihn anbeten.
Natürlich gibt es auch den Streit über die Ermordung der Kinder durch Herodes, doch dies ist wirklich wiederum ein Argument aus dem Schweigen. Diejenigen, die behaupten, dass es nicht geschehen sein kann, tun dies auf der Grundlage, dass es nicht bei Josephus erwähnt wird. Aber denken Sie daran, was wir zuvor sagten: Das Fehlen eines Beweises für ein Ereignis ist nicht notwendigerweise Beweis dafür, dass das Ereignis nicht stattgefunden hat.
Hätte die Ermordung dieser Kinder dem Charakter des Herodes entsprochen?
Ich denke nicht, dass daran irgendwelche Zweifel bestehen! Es passt gewiss ganz genau zu Herodes' Charakter, so etwas zu tun. Josephus erzählt, dass Herodes, bevor er starb, den Befehl gegeben hatte, bei seinem Tode alle Honoratioren im Gebiet in einem Stadium zusammenzutreiben und hinzurichten, weil er fürchtete, dass die Menschen seinen Tod nicht beweinen würden. Und auf diese Art konnte er sicherstellen, dass man bei seinem Tode klagen würde! Gott sei Dank wurde dieser Befehl nicht ausgeführt, aber er zeigt uns etwas über seinen brutalen Charakter. Wenn er die Ermordung der Kinder um Bethlehem herum angeordnet hätte, dann muss dabei nicht unbedingt eine große Anzahl männlicher Babys gewesen sein, die getötet wurde. Es mögen höchstens einige Dutzend gewesen sein. So denke ich nicht, dass man viel aus Josephus' Schweigen über den Vorfall ableiten kann. Ich denke wirklich, dass man mit besseren Argumenten kommen muss, wenn man behaupten will, dass die Geburtsgeschichten nicht historisch sind.
Was ist mit der Behauptung einiger Gelehrter, Lukas habe sich mit seiner Sicht geirrt, dass es eine Volkszählung gab, die zur Zeit der Geburt Jesu in der gesamten bekannten Welt stattfand?
Das ist schon eher ein Problem, so denke ich, denn wir haben positiven Beweis dafür, dass es eine Volkszählung unter Quirinus um das Jahr 6 oder 7 vor Christus gab. Aber es ist sehr interessant, dass Lukas sich [in der Apostelgeschichte – Anm. d. Übs.] auf diese Volkszählung bezieht, wenn er über den Aufstand von Judas, dem Galiläer spricht. Aber wenn er [im Evangelium – Anm. d. Übs.] über die Volkszählung spricht, die Maria und Joseph nach Bethlehem zog, schreibt er, dass dies die erste Volkszählung sei. Dies legt nahe, dass Lukas zwischen dieser Volkszählung und der späteren unter Quirinus unterscheidet. So scheint er die beiden nicht zu verwechseln. Er weiß um die Spätere und sagt, dass dies eine Frühere war. So wird dies wiederum zu einem Argument aus dem Schweigen, welches besagt, da wir kein unabhängiges Zeugnis über diese frühere Volkszählung haben, muss Lukas falsch liegen. Nun, das könnte so sein, doch nochmals: diese Argumente aus dem Schweigen sind sehr dürftig. Wir sollten beachten, dass er nicht ausdrücklich sagt, dass Quirinus zu dieser Zeit der Statthalter war. Das Wort, das er im Griechischen benutzt, ist nicht das griechische Wort für „Statthalter“. Und es könnte sein, dass Quirinus, als ein Militärkommandeur, diese Volkszählung auf Geheiß der machthabenden Autorität durchführte. So ist es also wiederum ein Argument aus dem Schweigen, das nichts beweist.
Zugunsten von Lukas muss ich nochmals betonen, dass seine Genauigkeit in anderen Dingen einfach makellos ist. Er schreibt immer wieder an so vielen anderen Stellen akkurat, dass ihm dies eine gewisse Glaubwürdigkeit verleiht, die uns zögern lässt zu sagen: „Hier hat er einen größeren faux pas begangen.“
Lukas behauptet in seiner Einleitung (Luk 1, 1-4), dass er so etwas wie eine griechische wissenschaftliche Abhandlung schreibt. Stimmt das?
Ja. Sein Vorwort ist in dem Griechisch eines klassischen griechischen Historikers geschrieben. Aber nach dem Vorwort kehrt er wieder zu dem allgemeinen Vulgärgriechisch zurück. Es ist so, als wollte er den Leser im Vorwort darauf aufmerksam machen: „Auch ich kann, wenn ich es möchte, im klassischen Griechisch der großen griechischen Historiker schreiben“. Und er spricht dort davon, dass er die Methodologie des griechischen Historikers verwendet, nämlich, Augenzeugen von Ereignissen zu befragen, um eine geordnete Erzählung von dem vorzulegen, was wirklich geschah. In anderen Worten, sein Ziel ist es, die Wahrhaftigkeit der Ereignisse in den Evangelien zu bestätigen. Somit besteht sein Projekt eindeutig darin, Geschichte zu schreiben. Darüber hinaus beweist die Apostelgeschichte reichlich seine historische Zuverlässigkeit. Und somit sollten wir im Falle des Evangeliums dort, wo wir nicht den Vorteil einer säkularen Bestätigung haben, Lukas die Glaubwürdigkeit zuerkennen, die er sich als Historiker in der Apostelgeschichte verdient hat.
(Übers.: B. Currlin)
Link zum Originalartikel: http://www.reasonablefaith.org/the-challenge-of-history-an-interview-with-william-lane-craig
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Engl: "Absence of evidence is not evidence of absence." D.h. wenn es keine Beweise dafür gibt, dass ein bestimmtes Ereignis stattgefunden hat, ist dieses Fehlen von Beweisen alleine noch kein Beweis dafür, dass das Ereignis nicht stattgefunden hat. (Anm. d. Übers.)
Engl: "Absence of evidence is not evidence of absence." D.h. wenn es keine Beweise dafür gibt, dass ein bestimmtes Ereignis stattgefunden hat, ist dieses Fehlen von Beweisen alleine noch kein Beweis dafür, dass das Ereignis nicht stattgefunden hat. (Anm. d. Übers.)
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Colin J. Hemer: The Book of Acts in the setting of Hellenistic history. Reihe Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament, Band 49. Tübingen: Mohr, 1989, 482S.
Colin J. Hemer: The Book of Acts in the setting of Hellenistic history. Reihe Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament, Band 49. Tübingen: Mohr, 1989, 482S.