Kosmologie – Eine Religion für Atheisten?
Summary
In dem preisgekrönten Film “Die Entdeckung der Unendlichkeit“ [1] stellt ein junger Stephen Hawking sich selbst seiner zukünftigen Frau Jane als ein Student der Kosmologie vor. Als sie ihn fragt, was das denn sei, antwortet er: „Es ist eine Religion für intelligente Atheisten“. In diesem Artikel prüft Prof. Dr. Craig kritisch diese Behauptung, wie sie im Filmverlauf entfaltet wird.
In dem preisgekrönten Film “Die Entdeckung der Unendlichkeit“ stellt ein junger Stephen Hawking sich selbst seiner zukünftigen Frau Jane als ein Student der Kosmologie vor. Als Jane fragt, was das denn sei, antwortet er: „Es ist eine Art Religion für intelligente Atheisten“.
Diese Bemerkung ist sowohl provokativ als auch aufschlussreich. Kosmologie ist offenkundig nicht im buchstäblichen Sinne eine Religion, sondern ein Zweig der Astrophysik, der Großstrukturen des Universums erforscht. Wenn man nun ein Naturalist ist, das heißt, jemand, der glaubt, dass alles, was existiert, aus Raumzeit und dessen Inhalten besteht, dann erforscht jemand, der das Universum erforscht, in gewissem Sinne die letztendliche Wirklichkeit. Das ist dasselbe Projekt, an dem der Theologe arbeitet, außer, dass für den Theologen die letztendliche Wirklichkeit Gott und nicht das Universum ist. Der Theologe hat eine weitere, umfassendere Sicht der Realität als der Naturalist, denn er glaubt an eine Realität, die das Universum übersteigt. Das Universum ist eine untergeordnete Realität, die von Gott erschaffen wurde. Für Kosmologen, die Theisten sind – so wie George Ellis, den vielleicht größten lebenden Kosmologen der Welt, der ebenfalls in diesem Film dargestellt wird – ist die Kosmologie deshalb nicht eine Art Religion, sondern die wissenschaftliche Erforschung einer untergeordneten Realität. Aber man kann leicht nachvollziehen, wie für einen Naturalisten die Kosmologie ein Religionsersatz werden könnte.
Nun ist die Kosmologie in zwei Teildisziplinen aufgeteilt, die wiederum beide faszinierende Parallelen in der Theologie haben. Die erste Teildisziplin ist die Kosmogonie, die Studie über den Ursprung des Universums. Parallel dazu gibt es den theologischen Locus oder die theologische Kategorie oder Lehre von der Schöpfung, insbesondere die creatio originans oder Schöpfung am Anfang. Die christliche Theologie vertritt die Ansicht, dass Gott das Universum vor einer begrenzten Zeit aus dem Nichts erschaffen hat. Darum ist das Universum in der Vergangenheit nicht ewig, sondern hatte einen Anfang.
Die zweite Teildisziplin der Kosmologie ist die Eschatologie, die Studie des zukünftigen Schicksals des Universums. Diejenigen von Ihnen, die mit der Theologie vertraut sind, werden sofort erkennen, dass dieser Terminus eigentlich aus der Theologie entlehnt ist. Denn der theologische locus oder die Lehre von den letzten Dingen wird als Eschatologie bezeichnet. Noch einmal, die theologische Eschatologie hat einen weiteren Horizont als die physikalische Eschatologie. Denn während die physikalische Eschatologie das zukünftige Schicksal des Universums auf Basis der gegebenen gegenwärtigen Bedingungen und Naturgesetze erforscht, umfasst die theologische Eschatologie auch breitere Themenspektren, wie zum Beispiel den Zustand der Seele nach dem Tod, die Auferstehung, den neuen Himmel und die neue Erde sowie Himmel und Hölle. Wiederum können wir nachvollziehen, dass der naturalistische Kosmologe, der Kosmogonie und physikalische Eschatologie erforscht, von sich denken mag, an einer Art religiösen Suche beteiligt zu sein.
Während die physikalische Eschatologie nur kurz in dem Film „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ auftaucht, geht es hauptsächlich um die Kosmogonie. Schwerpunkt des Filmes sind zwei kosmogonische Theorien, die Hawking verteidigt hat. Die erste ist das Standard-Urknall-Modell, das sich gänzlich auf die Allgemeine Relativitätstheorie gründet. Die zweite Theorie ist das sogenannte „No-Boundary-Modell“, das Hawking in Zusammenarbeit mit James Hartle an der Universität von Kalifornien, Santa Barbara, entwickelt hat. Es beruht auf der Inkorporation der Quantenphysik in das Standardmodell und brachte so eine Quantentheorie der Gravitation hervor. Der Film untersucht die angeblichen theologischen Implikationen dieser beiden Theorien.
Damit wir diese angeblichen Implikationen besser nachvollziehen können, lassen Sie mich ein wenig über diese beiden Ansätze der Kosmogonie sagen. Zunächst das allgemeine relativitätstheoretische Standardmodell. Vor den 1920er Jahren hatten Wissenschaftler immer angenommen, dass das Universum statisch und ewig sei. Erste Erschütterungen des bevorstehenden Erdbebens, das diese traditionelle Kosmologie auf den Kopf stellen würde, wurden bereits 1917 spürbar, als Albert Einstein eine kosmologische Anwendung seiner neu entdeckten Gravitationstheorie brachte, die Allgemeine Relativitätstheorie (ART). Zu seinem Kummer stellte Einstein fest, dass die ART kein ewiges, statisches Modell des Universums erlauben würde, wenn er nicht die Gleichungen frisierte, um die Gravitationswirkung der Materie zu kompensieren. Während der 1920er Jahre entschlossen sich der russische Mathematiker Alexander Friedman und der belgische Astronom Georges LeMaître, Einsteins Gleichungen für bare Münze zu nehmen und entwickelten infolge unabhängig voneinander Modelle eines sich ausdehnenden Universums.
1929 machte der amerikanische Astronom Edwin Hubble durch unermüdliche Beobachtungen am Mt. Wilson Observatorium eine überraschende Entdeckung, die Friedmans und LeMaîtres Theorie verifizierte. Er fand heraus, dass das Licht aus fernen Galaxien roter erschien als erwartet. Diese Rotverschiebung des Lichtes war am plausibelsten auf die Ausdehnung der Lichtwellen zurückzuführen, die von den sich von uns fortbewegenden Galaxien ausgehen. Wo auch immer Hubble sein Teleskop in den Nachthimmel richtete, beobachtete er dieselbe Rotverschiebung in dem Licht, das von den Galaxien ausging. Es schien so, dass wir uns im Zentrum einer kosmischen Explosion befinden und alle anderen Galaxien in fantastischer Geschwindigkeit von uns fortfliegen.
Nun befinden wir uns nach dem Friedman LeMaître-Modell nicht wirklich im Zentrum des Universums, sondern ein Beobachter in irgendeiner Galaxie würde, wenn er hinausschaut, ebenso beobachten, wie sich die anderen Galaxien von ihm weg bewegen. Dies ist darum so, weil es, gemäß seiner Theorie, der Raum selbst ist, der sich ausdehnt. Die Galaxien ruhen in Wirklichkeit im Raum, aber weichen in dem Maße auseinander, wie der Raum sich selbst ausdehnt.
Das Friedman-LeMaître-Modell wurde schließlich als die Urknall-Theorie bekannt. Doch dieser Name kann irreführend sein. Stellt man sich die Expansion des Universums als eine Art Explosion vor, könnte dies uns zu der irrtümlichen Annahme führen, die Galaxien bewegten sich von einem zentralen Punkt in einen präexistenten, leeren Raum hinaus. Doch dies wäre ein völlig falsches Verständnis des Modells. Die Theorie ist noch viel radikaler.
Wenn man die Expansion des Raumes in der Zeit zurückverfolgt, dann rückt alles immer enger und enger zusammen. Schließlich wird die Distanz zwischen zwei beliebigen Punkten im Raum gleich Null. Man kann nicht näher kommen als das! So hat man an diesem Punkt die Grenze von Raum und Zeit erreicht. Raum und Zeit können nicht weiter zurück ausgedehnt werden als bis dorthin. Das ist buchstäblich der Anfang von Raum und Zeit.
Um ein Bild davon zu bekommen, können wir unseren drei-dimensionalen Raum als eine zwei-dimensionale Scheibe darstellen, die zusammenschrumpft, wenn man in der Zeit zurückgeht. (Abb. 1).

Zeit – Raum Achse Anfängliche kosmologische Singularität
Abb. 1.: Geometrische Darstellung der Raumzeit. Die zwei-dimensionale Scheibe repräsentiert unseren drei-dimensionalen Raum. Die vertikale Dimension repräsentiert die Zeit. Wenn man in der Zeit zurückgeht, dann schrumpft der Raum, bis die Distanz zwischen zwei Punkten gleich Null ist. Raumzeit hat somit die geometrische Form eines Kegels. Die Spitze des Kegels ist die Grenze von Raum und Zeit.
Schließlich wird die Distanz zwischen zwei beliebigen Punkten im Raum gleich Null. Somit kann die Raumzeit geometrisch als ein Kegel dargestellt werden. Wichtig ist dabei, dass ein Kegel unbegrenzt in eine Richtung ausgedehnt werden kann, während er einen Grenzpunkt in der anderen Richtung hat. Da diese Richtung die Zeit repräsentiert und der Grenzpunkt in der Vergangenheit liegt, impliziert das Modell, dass die Vergangenheit endlich ist und einen Anfang hatte.
Da die Raumzeit das Gebiet ist, in dem alle Materie und Energie existiert, ist der Anfang der Raumzeit auch der Anfang von Materie und Energie. Es ist der Anfang des Universums.
Beachten Sie, dass es einfach nichts vor der anfänglichen Grenze der Raumzeit gab. Lassen wir uns jedoch durch Worte nicht irreführen. Wenn Kosmologen sagen: „Es gibt nichts vor der anfänglichen Grenze“, dann meinen sie nicht, dass es davor einen Zustand gab, und das ist der Zustand des Nichts. Das hieße, das Nichts als etwas zu behandeln, als wäre es ein Etwas! Sie meinen damit vielmehr, dass es an dem Grenzpunkt falsch ist, anzunehmen, dass „es etwas vor diesem Punkt“ gibt.
Das Standard-Urknall-Modell sagt somit einen absoluten Anfang des Universums voraus. In dem Film wird das Standardmodell in dem folgenden Austausch zwischen Hawking und Jane beschrieben:
Stephen: . . . Wenn Einstein recht hat und die Allgemeine Relativitätstheorie stimmt, dann expandiert das Universum also?
Jane: Ja.
Stephen: Wenn man also die Zeit rückgängig macht, dann würde das Universum kleiner.
Jane: Richtig …
Stephen: Was wäre also, wenn ich den gesamten Prozess rückwärts vollziehe, um zu sehen, was zu Beginn der Zeit selbst geschah?
Jane: Der Anfang der Zeit selbst?
Stephen: Das Universum wird kleiner und kleiner, dichter und dichter, heißer und heißer, wenn …
Jane: …wir die Uhr zurückdrehen?
...
Stephen: . . . Drehe sie noch weiter! Du musst bis zum Beginn der Zeit zurück. Drehe sie weiter. Bis du eine… Raumzeit-Singularität erhältst.
Das Standardmodell prognostizierte somit eine anfängliche Singularität. Da das wirkliche Universum jedoch nicht perfekt mit dem Idealmodell von Friedmann und Lemaître übereinstimmt, argwöhnte man, dass ihre Prognose eines singulären Anfangs des Universums sich letztlich als falsch erweisen würde. Vielleicht wäre die Verteilung von Materie und Energie im wirklichen Universum nicht homogen genug, dass das Universum zu einer Singularität zusammenschrumpft. 1970 bewies Hawking jedoch in Zusammenarbeit mit Roger Penrose, dass die Annahme einer idealen Homogenität irrelevant war. Die Singularitätstheoreme von Hawking-Penrose zeigten, dass solange im Universum die ART herrscht, unsere Vergangenheit eine anfängliche Singularität mit einschließen muss.
Nun ist eine solche Schlussfolgerung für jeden, der darüber nachdenkt, beunruhigend. Denn die Frage lässt sich nicht unterdrücken: Warum entstand das Universum? Sir Arthur Eddington, der über den Anfang des Universums nachdachte, äußerte die Meinung, dass die Expansion des Universums so absurd und unglaublich sei, dass „ich beinahe darüber empört bin, dass irgendjemand daran glauben sollte – abgesehen von mir selbst“. [2] Er fühlte sich schließlich gezwungen zu folgern, „Der Anfang schein unüberwindliche Schwierigkeiten zu bieten, es sei denn, wir einigen uns darauf, ihn unumwunden als übernatürlich zu betrachten“. [3]
In einer Szene, die beim letzten Schritt der Filmproduktion herausgeschnitten wurde, denken Jane und Hawking über die Implikationen der Hawking-Penrose Singularitätstheoreme nach:
Jane: Ist das nicht erstaunlich? Das ist Poesie …
Stephen: Nun, es ist die Schwarze-Loch-Theorie.
Jane: …Die Zeit begann an einem bestimmten Punkt. … Es gab einen Moment der Schöpfung …
Stephen: ….Ja…
Jane: …Das ist Gottes Werk!
Stephen: Ich denke, du wirst feststellen, dass die Gleichungen von mir sind …aber…gutes Argument!
Das Standard-Urknall-Modell prognostiziert somit einen absoluten Anfang des Universums. Wenn dieses Modell korrekt ist, dann haben wir eine erstaunliche wissenschaftliche Bestätigung für die theologischen Lehre von der Erschaffung aus dem Nichts.
Ist das Standardmodell also korrekt? Oder, noch wichtiger, ist es korrekt darin, dass es von einem Anfang des Universums spricht? Trotz seiner empirischen Bestätigung muss das Standard-Urknall-Modell auf verschiedene Weise modifiziert werden. Das Modell beruht, wie wir gesehen haben, auf Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie. Aber Einsteins Theorie bricht zusammen, wenn der Raum auf subatomische Proportionen zusammenschrumpft. An diesem Punkt müssen wir die Quantenphysik einführen, und niemand weiß, wie dies geschehen soll.
Das zweite kosmogonische Modell, das im Film erwähnt wird, ist eben solch ein Versuch, die Quantenphysik mit der Allgemeinen Relativitätstheorie zu verheiraten, um eine Quantentheorie der Gravitation zu formen, die uns befähigt, das frühe Universum zu beschreiben. Das sogenannte „No Boundary-Proposal“ [Modell, gemäß dem das Universum keinen Rand und keine Grenze hat; Anm. d. Übs.], welches von Stephen Hawking in Zusammenarbeit mit James Hartle entwickelt wurde, (der, was seltsam genug ist, niemals im Film erwähnt wird), ist als das Hartle-Hawking-Modell bekannt.
Das Hartle-Hawking Modell eliminiert die anfängliche Singulärität, indem es die geometrische Trichterform der klassischen Raumzeit in eine abgerundete geometrische Form transformiert, die keinen Rand hat, sodass die Raumzeit einem Badminton-Federball gleicht (Abb.2).

Achse Zeit – Raum
Abb. 2: Modell der Quantengravitation. In der Hartle-Hawkin Version ist die Raumzeit vor der Planck-Zeit (10-43sec) abgerundet, sodass es, obwohl die Vergangenheit endlich ist, keinen Rand oder Grenzpunkt gibt.
Dies wird durch die Einführung imaginärer Zahlen wie Ö-1 für die Zeitvariable in Einsteins Gravitationsgleichungen bewerkstelligt, was effektiv die Singularität eliminiert. Somit brechen die Gesetze der Physik nicht an irgendeinem Punkt zusammen und erlauben die vollständige Beschreibung der Raumzeit.
In seinem Buch Eine kurze Geschichte der Zeit, einem Bestseller, in dem Hawking seine Theorie popularisiert, offenbart Hawking ein explizites theologisches Anliegen. Er gibt zu, dass man bei dem Standardmodell legitim die Urknall-Singularität als den Moment identifizieren könnte, an dem Gott das Universum erschuf. [4] Er meint sogar, dass eine Reihe von Versuchen, den Urknall zu vermeiden, vermutlich von dem Gefühl motiviert waren, dass ein Anfang der Zeit „nach göttlicher Intervention schmeckt.“ [5] Er hält sein neues Modell für besser als das Standardmodell, denn es würde keinen Raumzeitrand geben, „an dem man sich auf Gott oder irgend ein neues Gesetz berufen müsste“ [6]. Hawking sieht im neuen Modell tiefgründige theologische Implikationen:
„Die Vorstellung, dass Raum und Zeit möglicherweise eine in sich geschlossene Fläche ohne Begrenzung bilden, hat auch weitreichende Konsequenzen für die Rolle Gottes in den Geschicken des Universums … Wenn das Universum einen Anfang hatte, können wir von der Annahme ausgehen, dass es durch einen Schöpfer geschaffen worden sei. Doch wenn das Universum wirklich völlig in sich selbst abgeschlossen ist, wenn es wirklich keine Grenze und keinen Rand hat, dann hätte es auch weder einen Anfang noch ein Ende: Es würde einfach sein. Wo wäre dann noch Raum für einen Schöpfer?“ [7]
Hawking leugnet nicht die Existenz Gottes, aber er denkt, dass sein Modell die Notwendigkeit eines Schöpfers für das Universum eliminiert.
In dem Film werden die theologischen Implikationen des Hartle-Hawking-Modells in einem Gespräch zwischen Jane, Stephen und ihrem Freund Jonathan angesprochen:
Jane: Stephen hat eine Kehrtwendung vollzogen. Die große neue Idee lautet, dass das Universum überhaupt keine Grenzen hat. Keine Grenzen … keinen Anfang …
Jonathan: … Und keinen Gott …Oh …oh, ich verstehe, ich (lacht befangen), ich dachte, Sie hätten bewiesen, dass das Universum einen Anfang hatte und somit auch die Notwendigkeit eines Schöpfers? Mein Fehler.
Stephen: Nein …meiner.
Jane: Stephen sucht nach einer einzigen Theorie, die alle Kräfte im Universum erklärt. Deshalb muss Gott sterben.
Jonathan: Äh …warum muss Gott sterben? Ich verstehe das nicht.
Jane: Die zwei großen Säulen der Physik sind die Quantentheorie – die Gesetze, welche die ganz kleinen Elektronen, Teilchen usw. bestimmen – und die Allgemeine Relativitätstheorie …
Jonathan: …Ah, ja, Einstein!
Jane: …Einsteins Theorie – die Gesetze, die die sehr großen -- Planeten und so etwas bestimmen. Aber Quanten und Relativität…
Jonathan: …du brauchst nichts zu sagen… sie sind verschieden!
Jane: … Sie spielen nicht im Entferntesten nach denselben Regeln. Wenn es auf der Welt überall nur Kartoffeln gäbe, dann wär’s leicht, du kannst einen genauen Anfang zurückverfolgen, wie Stephen es früher tat. Einen Moment der Schöpfung …Halleluja, Gott lebt. Aber sobald du Erbsen zum Menü hinzufügst, dann wird alles ein bisschen … durchgedreht. Alles wird zu einem gottlosen Durcheinander.
Jonathan: Ach du liebe Zeit …
Jane: Gott steht wieder auf der Liste aussterbender Spezies.
Jonathan: (lacht) Nun, ich hoffe, er kann damit umgehen …
Wie Jonathan zurecht erkannte, sind die theologischen Implikationen, die Hawking aus diesem Modell zu folgern sucht, äußerst suspekt. Es gibt überhaupt keinen Grund, weshalb Gott nicht ein Universum geschaffen haben sollte, das von dem Hartle-Hawking Modell beschrieben wird. Als ich mit James Hartle in seinem Büro an der Universität von Kalifornien, Santa Barbara, sprach, sah er absolut keine theologischen Implikationen in diesem Modell.
Vielmehr scheint ein solches Modell, das eine endliche (imaginäre) Zeit auf einer in sich geschlossenen Oberfläche vor der Planck-Zeit postuliert, statt einer unbegrenzten Zeit auf einer offenen Oberfläche, die Tatsache, dass die Zeit und das Universum einen Anfang hatten, eher zu unterstützen, statt sie zu unterminieren. Eine solche Theorie, wäre sie erfolgreich, würde uns befähigen, ein Modell für den Anfang des Universums zu formen, ohne eine anfängliche Singularität, die Dichte, Temperatur, Druck usw. beinhaltet. Aber wie der Physiker John Barrow von der Universität in Cambridge es darlegt: „Diese Art des Quantenuniversums hat nicht immer existiert. Es entsteht genauso wie in den klassischen Kosmologien. Aber es startet nicht bei einem Urknall, bei dem physikalische Mengen unendlich sind …“ [8] Barrow führt weiter aus, dass solche Modelle „oft so beschrieben werden, als lieferten sie ein Bild für die ‚Erschaffung aus dem Nichts‘, wobei der einzige Vorbehalt ist, dass es in diesem Falle „keinen definitiven …Zeitpunkt der Schöpfung gibt.“ [9]
Hawkings entscheidende Fehlannahme ist, dass einen Anfang zu haben mit sich bringt, dass es einen Anfangspunkt gibt. Alte griechische Paradoxe über Loslaufen und Anhalten haben uns längst schon eines besseren belehrt. Man stelle sich vor, dass eine Kanonenkugel einen letzten Augenblick hat, an dem sie ruht, bevor sie aus der Kanone geschossen wird. In einem solchen Fall gibt es keinen Punkt, an dem die Kanonenkugel sich zuerst zu bewegen beginnt. Denn an jedem Punkt nach ihrem letzten Augenblick der Ruhe, wird es einen vorherigen Augenblick geben, wo sie bereits in Bewegung war, ad infinitum. Und doch würde niemand sagen, dass die Kanonenkugel nicht eine begrenzte Flugbahn und einen Grund für ihren Bewegungsanfang hätte.
Einen Anfang zu haben, bedeutet nicht, einen Anfangspunkt zu haben. Die Zeit beginnt nur zu existieren im Falle eines beliebigen endlichen temporalen Intervalls, das man wählt. Es gibt nur eine begrenzte Anzahl gleicher temporaler Intervalle, die früher liegen. Diese Bedingung ist für das Hartle-Hawking Modell und auch für das Standard-Modell erfüllt.
Darüber hinaus ist bei Weitem nicht klar, dass das Hartle-Hawking-Modell bei irgendeiner realistischen Interpretation nicht doch tatsächlich einen Anfangspunkt hat. Indem Hawking das mathematische Artefakt der imaginären Zeit verwendet, kann er das Universum auf solche Weise neu beschreiben, dass es keine anfängliche Singularität hat. Hawking gibt zu: „Nur wenn wir das Universum unter dem Blickwinkel der imaginären Zeit darstellen könnten, gäbe es keine Singularitäten. … Wenn wir jedoch in die reale Zeit zurückkehren, in der wir leben, scheint es noch immer Singularitäten zu geben.“ [10] Hawkings Modell ist somit ein Weg, ein Universum mit einem singulären Anfangspunkt in solcher Weise neu zu beschreiben, dass die Singularität wegtransformiert wird; aber es handelt sich um dasselbe Universum mit einem Anfang, das dabei beschrieben wird. Somit implizieren Quanten-Gravitationsmodelle, wie das Standardmodell, den Anfang des Universums.
In seinem späteren Buch Der Große Entwurf, mit Co-Autor Leonard Mlodinow, scheint Hawking selbst diese Interpretation seines Modells zu unterstützen. Sie schreiben:
“Nehmen wir an, der Beginn des Universums wäre wie der Südpol der Erde, wobei die Breitengrade die Rolle der Zeit übernehmen. Wenn man sich nordwärts bewegt, so würden die konstanten Breitenkreise, welche den Umfang des Universums repräsentierten, expandieren. Das Universum würde als ein Punkt am Südpol beginnen, aber der Südpol ist jedem anderen Punkt ähnlich. Zu fragen, was vor dem Beginn des Universums geschah, würde zu einer sinnlosen Frage, denn es gibt nichts südlich vom Südpol. In diesem Bild hat die Raumzeit keine Grenze – dieselben Naturgesetze gelten am Südpol wie an anderen Orten." (S. 134-5) [11]
Dieser Abschnitt ist faszinierend, denn er stellt eine ziemlich andersartige Interpretation des Modells dar, als wir es in Eine kurze Geschichte der Zeit lasen.
Lassen Sie es mich erklären. In seinem Modell verwendet Hawking imaginäre Zahlen (wie Ö-1) für die Zeitvariable in seinen Gleichungen, um die anfängliche kosmologische Singularität loszuwerden, welche die Grenze der Raumzeit im Standard-Urknall-Modell darstellt. Das anfängliche Segment der Raumzeit, ist, statt dass es (wie bei einem Kegel) an einer Spitze endet, „abgerundet“ (wie bei einem Badminton-Federball). Der „Südpol“ dieser gerundeten Oberfläche ist wie jeder andere Punkt auf dieser Oberfläche (daher die Vorstellung, dass es “keine Grenzen“ gibt). Da die imaginäre Zeit sich wie eine Dimension des Raumes verhält, interpretierte Hawking sein „grenzenloses“ Universum so, dass es „einfach IST“.
Doch in Der Große Entwurf wird der Südpol als Repräsentant des Anfangspunktes sowohl der Zeit als auch des Universums interpretiert. Hawking erlaubt den Breitengraden, die Rolle der Zeit zu spielen, die einen Anfangspunkt an dem Südpol besitzt. Wenn Hawking über „das Problem, dass die Zeit einen Anfang hat” spricht, meint er damit: “den uralten Einwand, dass das Universum einen Anfang hat” (S. 135), einen Einwand, den sein Modell beseitigt. Worin besteht dann dieser uralte Einwand? Dieser Einwand, so sagt er, ist die Frage: “Was geschah vor dem Beginn des Universums?” Hawking hat recht, dass diese Frage innerhalb seines Modells bedeutungslos ist, was er aber zu erwähnen vergisst, ist, dass die Frage im Standard-Urknall-Modell ebenso bedeutungslos ist, da vor der anfänglichen kosmologischen Singularität nichts ist. Bei beiden Modellen hat das Universum einen absoluten zeitlichen Anfang, sodass es bedeutungslos ist zu fragen, was zuvor geschah.
Die wirkliche Frage lautet vielmehr, warum begann das Universum zu existieren? Das Hartle-Hawking Modell spricht diese Frage gar nicht an. Wie könnte es auch? Physik beginnt erst am „Südpol“ in dem Modell ohne Grenzen. Es gibt keine Physik des Nicht-Seins. Darüber hinaus gibt es nichts an dem Modell, was impliziert, dass dieser Anfangspunkt ohne einen Grund kam. In der Tat, die Vorstellung, dass das Sein ohne einen Grund aus dem Nicht-Sein entstehen konnte, erscheint metaphysisch absurd.
Somit stimmen sowohl das Standardmodell und das Hartle-Hawking Quantenmodell der Gravitation darin überein, dass sie die Endlichkeit der Vergangenheit und den Anfang des Universums prognostizieren. Und Hawkings Schlussfolgerungen über theologische Implikationen des Modells basieren auf philosophischen Fehlern. Es ist traurig, dass ein so begabter Wissenschaftler durch solche philosophischen Fehler in die Irre geleitet werden sollte. Beide Modelle stehen somit in vollkommener Übereinstimmung mit der jüdisch-christlichen Lehre der Erschaffung aus dem Nichts.
Ich erwähnte, dass die physikalische Eschatologie kaum in dem Film Die Entdeckung der Unendlichkeit auftaucht.Sie erscheint nur in der vorletzten, ergreifenden Szene des Filmes. Hawking wird gefragt: „Sie haben gesagt, dass Sie nicht an Gott glauben. Haben Sie eine Lebensphilosophie, die Ihnen hilft?“ Er antwortet, indem er an die Religion der Kosmologie appelliert:
„Es ist klar, dass wir nur eine höher entwickelte Brut von Primaten auf einem kleineren Planeten sind, auf einem sehr durchschnittlichen Stern auf dem Weg durch den Weltraum, in der äußersten Vorstadt einer von hundert Milliarden Galaxien. Doch seit Anbeginn der Zivilisation haben Menschen sich immer danach gesehnt, eine Ordnung zu erkennen, die der Welt zugrunde liegt. Es sollte etwas ganz Besonderes mit den Grenzbedingungen des Universums auf sich haben. Aber was kann schon außergewöhnlicher sein, als dass es keine Grenzen gibt? Und es sollten keine Grenzen für menschliches Bemühen geben. Wir sind alle verschieden. Wie schlimm auch das Leben erscheinen mag, es gibt immer etwas, was du tun, und worin du Erfolg haben kannst. Solange es Leben gibt, gibt es Hoffnung.“
Ja, Applaus für den Mut und die Ausdauer dieses bemerkenswerten Mannes angesichts nahezu unmöglicher Hindernisse. Doch selbst wenn es wahr wäre, dass es, solange es Leben gibt, auch Hoffnung gibt; die Lektion der physikalischen Eschatologie lautet, Gott ist abwesend, und eines Tages wird es kein Leben und daher auch keine Hoffnung mehr geben. Bereits im 19. Jahrhundert erkannten Wissenschaftler, dass die Anwendung des zweiten Gesetzes der Thermodynamik auf das Ganze des Universums eine düstere eschatologische Schlussfolgerung implizierte: Gibt man genug Zeit, so wird das Universum schließlich den „Wärmetod“ erleiden. Die Astronomin der Yale Universität, Beatrice Tinsley, beschrieb das Schicksal eines expandierenden Universums folgendermaßen:
„Wenn das Universum eine niedrige Dichte hat, wird sein Tod kalt sein. Es wird sich für immer ausdehnen, langsamer und immer langsamer. Galaxien werden all ihr Gas in Sterne verwandeln, und die Sterne werden ausbrennen. Unsere eigene Sonne wird ein kaltes, totes Überbleibsel werden, das zwischen den Überbleibseln anderer Sterne in einer zunehmend isolierten Milchstraße umherschwebt“. [12]
Die Elementarteilchenphysik nimmt an, dass danach Protonen in Elektronen und Positronen zerfallen, sodass der Weltraum mit einem verdünnten Gas gefüllt sein wird, so dünn, dass die Distanz zwischen einem Elektron und Positron in etwa die Größe einer unserer heutigen Galaxien haben wird. Schließlich werden alle Schwarzen Löcher völlig verdampfen und alle Materie wird in dem ewig expandierenden Universum auf dünnes Gas von Elementarteilchen und Strahlung reduziert sein. Es gibt keine Hoffnung auf eine Revision dieses Niedergangs in die Vergessenheit. Das Universum wird unweigerlich zunehmend kalt, dunkel, aufgelöst und tot …
Das Nachdenken über diese eschatologische Schlussfolgerung hat einige Philosophen zu der Frage nach dem Sinn des Lebens selbst geführt. In einer berühmten Passage klagt der britische Philosoph Bertrand Russell:
„Dass der Mensch ein Ergebnis von Ursachen ist, die den Zweck, den sie erzielen würden, nicht vorhersehen konnten; dass sein Ursprung, sein Werden, seine Hoffnungen und Ängste, sein Lieben und sein Glauben nichts anderes sind als das Ergebnis einer zufälligen Anordnung von Atomen; dass keine Leidenschaft und kein Heldentum, keine Intensität des Denkens und Fühlens das individuelle Leben vor dem Grab bewahren kann; dass all die Bemühungen von Äonen, all die Hingabe, all die Inspiration, alle Mittagshelle des menschlichen Genius dem Untergang im Tod des Sonnensystems geweiht sind; und dass der ganze Tempel menschlicher Errungenschaften unvermeidlich in den Ruinen und Trümmern des Universums begraben werden soll - all diese Dinge sind zwar nicht gänzlich unumstritten, doch so annähernd gewiss, dass keine Philosophie, die sie verwirft, auf Bestand hoffen darf. Nur innerhalb des Gerüsts solcher Wahrheiten, nur auf dem festen Fundament unnachgiebiger Verzweiflung kann die Wohnstätte der Seele künftig sicher errichtet werden." [13]
Russells kühner philosophischer Verstand erkannte klarer als Hawking die richtigen Implikationen eines gottlosen Kosmos.
Doch Russell wusste nicht um die Beweise für einen Anfang des Universums und darum um die Notwendigkeit eines kosmischen Schöpfers. Wenn er gefragt wurde, die Existenz des Universums zu erklären, so antwortete Russell: „Das Universum ist einfach da, und mehr kann man dazu nicht sagen“. Diese Antwort ist nachvollziehbar für eine Schau auf ein ewiges Universum in der Zeit vor Einstein. Aber sie wird unpassend, wenn man mit der Tatsache konfrontiert wird, dass das Universum einen zeitlichen Anfang hatte. Ein solcher Anfang weist über das Universum hinaus auf seinen Grund in einem transzendenten Schöpfer. Wenn ein solcher Schöpfer des Universums wirklich existiert, dann bietet Er die beste Hoffnung auf Befreiung von den düsteren Implikationen der physikalischen Eschatologie.
William Lane Craig
(Übers.: B. Currlin)
Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/popular-articles-cosmology-a-religion-for-atheists
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[1]
Engl. "The Theory of Everything". Der Film aus Großbritannien lief 2014 in deutscher Sprache unter dem Titel "Die Entdeckung der Unendlichkeit" in den Kinos.
Engl. "The Theory of Everything". Der Film aus Großbritannien lief 2014 in deutscher Sprache unter dem Titel "Die Entdeckung der Unendlichkeit" in den Kinos.
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[2]
Arthur Eddington, The Expanding Universe (New York: Macmillan, 1933), S. 124.
Arthur Eddington, The Expanding Universe (New York: Macmillan, 1933), S. 124.
-
[3]
Ibid., S. 178.
Ibid., S. 178.
-
[4]
Stephen Hawking: A Brief History of Time (New York: Bantam Books, 1988), S. 9. Deutsche Ausgabe: Stephen Hawking: Eine kurze Geschichte der Zeit. Die Suche nach der Urkraft des Universums. Reinbek 1988: Rowohlt, S. 23
Stephen Hawking: A Brief History of Time (New York: Bantam Books, 1988), S. 9. Deutsche Ausgabe: Stephen Hawking: Eine kurze Geschichte der Zeit. Die Suche nach der Urkraft des Universums. Reinbek 1988: Rowohlt, S. 23
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[5]
Ibid., S. 46. (Deutsche Ausgabe: S. 66).
Ibid., S. 46. (Deutsche Ausgabe: S. 66).
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[6]
Ibid., S. 136. (Deutsche Ausgabe: S. 173).
Ibid., S. 136. (Deutsche Ausgabe: S. 173).
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[7]
Ibid., S. 140-1. (Deutsche Ausgabe: S. 179).
Ibid., S. 140-1. (Deutsche Ausgabe: S. 179).
-
[8]
John D. Barrow, Theories of Everything (Oxford: Clarendon Press, 1991), S. 68.
John D. Barrow, Theories of Everything (Oxford: Clarendon Press, 1991), S. 68.
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[9]
Ibid., S. 67-68.
Ibid., S. 67-68.
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[10]
Hawking, Brief History of Time, S. 138-9. (Deutsche Ausgabe S. 176f).
Hawking, Brief History of Time, S. 138-9. (Deutsche Ausgabe S. 176f).
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[11]
Zitate aus "Der Große Entwurf" hier und im Folgenden direkt aus dem Engl. übersetzt. (Anm. d. Übers.)
Zitate aus "Der Große Entwurf" hier und im Folgenden direkt aus dem Engl. übersetzt. (Anm. d. Übers.)
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[12]
Tinsley, “Big Bang,” S. 105.
Tinsley, “Big Bang,” S. 105.
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[13]
Bertrand Russell, “Was der freie Mensch verehrt", in: Christoph Fehige, Georg Meggle und Ulla Wessels (Hrsg.): Der Sinn des Lebens, München 2000: Deutscher Taschenbuchverlag, S. 341-347. Original: "A free man's worship", erstmals 1903 veröffentlicht (in engl. mehrfach online verfügbar). Es gilt als einer der am meisten verbreiteten und am öftesten nachgedruckten Aufsätze Russells. (Anm. d. Übers.)
Bertrand Russell, “Was der freie Mensch verehrt", in: Christoph Fehige, Georg Meggle und Ulla Wessels (Hrsg.): Der Sinn des Lebens, München 2000: Deutscher Taschenbuchverlag, S. 341-347. Original: "A free man's worship", erstmals 1903 veröffentlicht (in engl. mehrfach online verfügbar). Es gilt als einer der am meisten verbreiteten und am öftesten nachgedruckten Aufsätze Russells. (Anm. d. Übers.)