#296 Kann Gott notwendige moralische Wahrheiten begründen?
August 26, 2018Sehr geehrter Prof. Craig,
In der letzten Zeit wurden viele Fragen über die Begründung der Existenz von Moral in Gott gestellt, und ich habe ebenfalls eine. Der christliche Philosoph Richard Swinburne lehnt das moralische Argument für Gott ab, denn er denkt, moralische Wahrheiten sind notwendigerweise wahr, und somit könne die Existenz Gottes keinen Einfluss auf deren Wahrheit haben.
Er kommt zu dem Schluss, dass moralische Wahrheiten notwendig sind, da bestimmte Ereignisse für moralisch gut oder schlecht gehalten werden. Ja, die moralische Gutheit oder Schlechtheit eines Ereignisses sei vom Sachverhalt[1] selbst nicht zu trennen. So behauptet Swinburne, es gäbe keine mögliche Welt, in der sich genau dieselben Dinge ereigneten, wie sie sich während des Holocausts ereigneten und in der der Holocaust nicht moralisch verwerflich wäre.
Dasselbe sei der Fall mit anderen Ereignissen, die als moralisch gut oder schlecht betrachtet werden. Es gäbe keine mögliche Welt, in welcher das Ereignis dasselbe sei wie in der aktualen Welt und in welcher die moralische Beurteilung des Ereignisses anders sei als in der aktualen Welt. Somit schließt Swinburne, dass die moralische Beurteilung eines Ereignisses für das Ereignis selbst notwendig sei. Und dies führt natürlicherweise zu seiner Schlussfolgerung, dass die Existenz oder Nicht-Existenz Gottes für die Existenz moralischer Urteile irrelevant sei, da das moralische Urteil angesichts des Ereignisses notwendig sei.
Swinburnes Argument würde somit eine der Prämissen Ihres moralischen Argumentes unterhöhlen. Ich bin ein christlicher Student der Philosophie an einer säkularen Universität, wo viele meiner Professoren eine ähnliche Sicht wie Swinburne vertreten und der Ansicht sind, dass die Objektivität moralischer Werte nicht von Gottes Existenz abhängt. Ich habe Ihre Argumente in Bezug auf die Absurdität des Lebens ohne Gott gelesen und gehört, und bin gegenwärtig unentschieden. Wie würde Ihre Antwort auf Swinburnes Argumentation lauten?
Robert
[1] En.: „state of affairs“ – Anm. d. Übers.
Canada
Prof. Craigs Antwort
A
Ich habe kürzlich eine ganze Reihe von Fragen bezüglich Gott und der Moral aufgegriffen, Robert, und ich bin dankbar für die Ihre. Richard Swinburne war einer von sieben Befragten zu meiner veröffentlichten Version der Debatte mit dem verstorbenen Humanisten Paul Kurtz, mit dem Titel „Ist Güte ohne Gott gut genug?“ In meiner Schlussantwort an die Befragten griff ich Swinburnes Einwand auf, den Sie zusammenfassen.
Ich stimme Swinburne von ganzem Herzen zu, dass einige moralische Wahrheiten notwendige Wahrheiten sind. (Einige mögen kontingent sein kraft eines göttlichen Gebotes, das kontingent von Gott erteilt wurde, z. B. des Gebots, den Sabbat zu halten.)
Diejenigen, die meine Verteidigung des Moral-Argumentes für Gottes Existenz in Debatten gehört haben, wissen, dass ich sehr gerne Michael Ruse zitiere: „Der Mann, der behauptet, es sei moralisch akzeptabel, kleine Kinder zu vergewaltigen, liegt genauso falsch wie der Mann, der sagt, 2+2 =5.“ Hier schreibt Ruse einer moralischen Wahrheit dieselbe Art von breiter logischer Notwendigkeit zu, die typischerweise mathematischen Wahrheiten zugeschrieben wird. Somit dient die Notwendigkeit bestimmter moralischer Prinzipien nicht dazu, Swinburnes Sicht von der Sicht göttlicher Gebot-Theoretiker wie Robert Adams und meiner selbst zu trennen.
Eines der Dinge, nach denen wir in einer Moral-Theorie suchen, ist eine Art Erklärung für die moralischen Wahrheiten, die es gibt. Der Ethiktheoretiker Shelley Kagan hat die Notwendigkeit solider Erklärungen in der Moral-Theorie betont. Er besteht darauf: „Diese Notwendigkeit der Erklärung in der Moraltheorie kann nicht überbetont werden. … Letztlich haben wir keinen befriedigenden Grund dafür, zu glauben, dass sie wahr sind, es sei denn, wir haben eine kohärente Erklärung für unsere moralischen Prinzipien.“
Er greift dem Einwand voraus, dass alle Erklärungen irgendwo zu einem Ende kommen müssen. „Vielleicht ist das so“, antwortet er, „aber das wäre immer noch keine Lizenz, die Erklärung auf einer oberflächlichen Ebene abzuschneiden.“ Weil ihm eine adäquate Erklärung fehlt, sagt er, unsere moralischen Prinzipien, „werden nicht von dieser Färbung der Willkür“ frei sein, welche ad-hoc-„Einkaufslisten“ moralischer Prinzipien charakterisiert. Er behauptet zurecht, dass „eines der Dinge, von denen wir uns wünschen, dass unsere moralische Theorie uns hilft, sie zu verstehen, das ist, wie es auch nur ein moralisches Gebiet geben kann, und welcher Art von objektivem Status es hat.“ Eine Ethiktheorie des göttlichen Gebotes sucht, eine Erklärung notwendiger moralischer Wahrheiten zu bieten.
Der Streitpunkt wird dann nicht die Notwendigkeit bestimmter moralischer Wahrheiten sein, sondern Swinburnes stillschweigende Annahme, dass notwendige Wahrheiten untereinander nicht in Beziehungen von Erklärungspriorität stehen können. Warum sollten wir diese Vermutung akzeptieren? Ich erkenne nicht nur keinen Grund für die Annahme, dass diese Vermutung wahr ist, sondern sie scheint mir offensichtlich falsch. Beispielsweise sind die Axiome der Peano-Arithmetik explanativ „2+2=4“ vorausgehend, genauso wie die Axiome der Zermelo-Fraenkel-Mengenlehre deren Theoreme vorausgehen. In der Metaphysik sollte ich sagen, „kein Ereignis geht sich selbst voraus“ ist notwendigerweise wahr, denn es ist notwendigerweise wahr, dass „temporales Werden ein objektives und essenzielles Merkmal der Zeit ist.“
Um ein theologisches Beispiel zu geben, würde ich sagen, dass “Bewusstseinszustände existieren” ist notwendigerweise wahr, da “Gott existiert” notwendig wahr ist. Das heißt, die Tatsache, dass ein persönliches, metaphysisch notwendiges Wesen wie Gott existiert, erklärt, warum es notwendig wahr ist, dass Bewusstseinszustände existieren. Ich halte den Vorschlag, dass die Relation der Erklärungspriorität in solchen Fällen symmetrisch ist, für völlig unplausibel. Es wäre ungeschickt, beispielsweise zu behaupten, dass der Grund, weshalb es notwendigerweise wahr ist, dass Gott existiert, der ist, dass notwendigerweise Bewusstseinszustände existieren.
Aber wenn notwendige Wahrheiten zueinander in asymmetrischen Relationen der Erklärungspriorität stehen können, dann gibt es keinen Einwand gegen die Überzeugung, dass moralische Werte existieren, weil Gott existiert. Im klassischen Theismus gibt es keine mögliche Welt, in der Gott nicht existiert, und da Sein Charakter essenziell für Ihn ist, gibt es keine Welt, in der bestimmte moralische Werte nicht existieren.
Das Problem für Swinburne ist, dass er denkt, Gott existiere kontingent und könne deshalb keine notwendigen moralischen Wahrheiten begründen. Eine solche Sicht weicht nicht nur vom klassischen Theismus ab, der Gottes Existenz für metaphysisch notwendig erachtet, sondern sie ist auch theologisch grauenhaft defizitär. Gott - ein kontingentes Wesen? Die zentrale Einsicht von Anselms ontologischen Argument, egal, ob man es als ein erfolgreiches Stück natürlicher Theologie betrachtet oder nicht, besteht darin, dass, wenn Gott, das größte vorstellbare Wesen existiert, dann existiert er notwendigerweise. Gottes Existenz ist dann entweder notwendig oder unmöglich,
Klassische Theisten, anders als Swinburne, haben somit kein Problem, notwendige Wahrheiten in Gott zu begründen.
(Übers.: B. Currlin)
Link to the original article in English: https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/can-god-ground-necessary-moral-truths
- William Lane Craig