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#54 Hilbert und Kalam

February 02, 2019
F

In einer Debatte[1] mit Kirk Durston behauptete der Atheist Jeffrey Shallit (während seiner ersten Gegenrede), Hilbert habe nie gesagt, dass ein unendlicher Ursachenregress mathematisch unmöglich sei. Daraufhin hob er ein Buch von Hilbert hoch und meinte:


„Ich habe diesen Aufsatz von Hilbert, auf den Sie (Durston) sich beziehen: David Hilbert[2], „On the Infinite[3]“. Sie – oder sonst jemand von den Zuhörern – können danach zu mir kommen und selbst einen Blick hineinwerfen. Hier findet sich kein Beweis. Tut mir leid. Sie sind von William Lane Craig, der nicht gerade die verlässlichste Quelle ist, zum Narren gehalten worden. Craig ist ein christlicher Apologet. Es gibt hier keinen Beweis. Der Artikel wurde 1925 geschrieben. Hilbert behandelt darin die *damalige* Auffassung des physikalischen Universums. Die *damals*, 1925, also vor 82 Jahren gängige Auffassung des Universums. Er behauptet, dass es *jener* Auffassung zufolge keine unendlichen Quantitäten im Universum gebe. Aber jetzt ist es 2007! Wir haben seitdem extrem viel über das Universum gelernt. Und ich bin kein Physiker. Aber meine Physiker-Kollegen versichern mir, dass seriöse physikalische Theorien existieren, in denen unendliche Quantitäten in der Natur vorkommen. Also, mal sehen, ob ich die Folie dafür finde. Ja, da ist sie. Tatsächlich würde ich behaupten, dass es keinen logischen Grund gibt, einen unendlichen Ursachenregress auszuschließen. Es ließe sich eine Singularität zum Zeitpunkt 0 annehmen und für jede natürliche Zahl n ein Ereignis zum Zeitpunkt 1/(n+1), das ein Ereignis zum Zeitpunkt 1/n verursacht. Also haben wir ein Ereignis zum Zeitpunkt  1/4, das ein Ereignis zum Zeitpunkt 1/3 verursacht. Und ein Ereignis zum Zeitpunkt 1/5, das ein Ereignis zum Zeitpunkt  1/4 verursacht. So entstünde ein unendlicher Ursachenregress. Hier besteht eine große Ähnlichkeit zu verschiedenen Behauptungen, die über die Singularität des Urknalls aufgestellt worden sind. Nämlich, dass es eine unendliche Anzahl von Zuständen nach dem Urknall gebe. Es gibt also keinen logischen Grund, und glauben Sie ihm bitte nicht, wenn er sagt, dass Hilbert es bewiesen habe. Nichts dergleichen hat er getan.“

 

Unglücklicherweise erhielt Durston eine sehr knapp bemessene Redezeit für sein Schlusswort, um Shallit zu widerlegen (dennoch bin ich überzeugt, dass er die Diskussion gewonnen hat). Da Shallit sich Ihnen gegenüber abfällig und unredlich geäußert hat, dachte ich aber, es wäre fair, wenn Sie selbst antworten. Hat Shallit in Bezug auf Hilbert Recht? Und wäre, Shallits Argument vorausgesetzt, ein unendlicher Regress im Universum denkbar?

Danke,

Eddie

 

[1]                Eine Audio-Datei des Streitgesprächs zwischen Jeffrey Shallit und Kirk Durston vom 25. Oktober 2007 an der University of Waterloo findet sich hier: https://archive.org/details/JeffreyShallitVs.KirkDurstonDebate; Shallit spricht über David Hilbert von 56m42s bis 58m49s, woraus das obige Zitat stammt. 
Eckpunkte der Debatte: erste Ansprache Kirk Durston 3m58s; erste Ansprache Jeffrey Shallit 24m47s; erste Gegenrede Durston: 45m32s;  erste Gegenrede Shallit: 56m08s. (Anm. d. Übers.)

[2]                David Hilbert (1862-1943), deutscher Mathematiker, forschte über mathematische Logik, Grundlagen der Mathematik und mathematische Methoden der Physik. (Anm. d. Übers.)

[3]                Englische Übersetzung des Vortrages „Über das Unendliche“ von David Hilbert, gehalten 1925 in Münster, abgedruckt in Mathematische Annalen, Band 95, Berlin 1926 (Anm. d. Übers)

Afghanistan

Prof. Craigs Antwort


A

- William Lane Craig