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#89 Gregory Boyds Neo-Molinismus

February 02, 2019
F

Zunächst möchte ich Ihnen für alles danken, was Sie für den Herrn getan haben und auch weiterhin tun. Ich bin sehr dankbar für Webseiten wie Ihre, die sich mit all den schwierigen Fragen in Bezug auf das Christentum befassen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie fantastisch und hilfreich es ist, jederzeit auf die Weisheit von Menschen wie Ihnen zurückgreifen zu können.

Mit einem anderen Christen zusammen habe ich mich sehr intensiv mit dem Thema „offener Theismus versus die klassische Ansicht zur Allwissenheit Gottes“ auseinandergesetzt. Ich bevorzuge im Moment den offenen Theismus, wie ihn Greg Boyd zum Ausdruck bringt. Mich hat es wirklich überrascht, dass Sie ihn in Ihren Diskussionen nicht zu erwähnen scheinen, denn ich denke, er ist momentan einer der größten christlichen Denker. Er ist auch einer der größten Fürsprecher des offenen Theismus[1]. Da ich viele Fragen zu diesem Thema habe, würde ich gerne Ihren Standpunkt zu einem bestimmten Aspekt hören, den Boyd Neo-Molinismus nennt. Er führt die Existenz von vielleicht-Kontrafaktualen[2] sowie von würde-Kontrafaktualen in die Diskussion ein. Auf seiner Website und in seinen Büchern sagt er:

„In einem kontrafaktischen[3] logischen Quadrat[4] ist die logische Antithese der Aussage „Akteur x würde y in der Situation z tun“ nicht die Aussage „Akteur x würde y in Situation z nicht tun“. Dies ist eine konträre Proposition, keine kontradiktorische[5] Proposition. Die logische Antithese von „Akteur x würde y in Situation z tun“ ist vielmehr „Akteur x würde vielleicht nicht y in Situation z tun“. Diese letzte Aussage hat auch einen ewigen Wahrheitswert, den ein allwissendes Wesen daher wissen muss.

Die Sache ist, dass würde-Kontrafaktuale die Kategorie der Kontrafaktuale nicht erschöpfen: Es gibt auch vielleicht-Kontrafaktuale. Propositionen über beiden Kontrafaktual-Kategorien haben einen ewigen Wahrheitswert, den Gott wissen muss. Ich sehe also keinen Grund, Gottes mittleres Wissen auf das Wissen von würde-Kontrafaktualen zu beschränken oder – was auf das Gleiche hinausläuft – zu schlussfolgern, dass alle vielleicht-Kontrafaktualen falsch sind. “

Man kann noch viel zur Verteidigung der Ansicht des offenen Theismus bezüglich der Allwissenheit Gottes sagen und zu dem, was Boyd zu diesem Thema sagt, doch ich denke, vieles davon lässt sich auf die oben genannte Aussage herunterbrechen.

Würden Sie seinen Aussagen über die Existenz von vielleicht-Kontrafaktualen widersprechen?

Mich interessiert Ihre Auffassung hierzu sehr, weil ich der Meinung bin, dass dieses Thema derzeit innerhalb des Christentums eines der wichtigsten überhaupt ist.

Ephraim
 

 

[1]                En. „open theology“ (Anm. d. Übers.)

[2]                En. „might counterfactuals“ (Anm. d. Übers.)

[3]          Kontrafaktische Aussagen sind solche, die der Wirklichkeit widersprechen. Wenn es jetzt  regnet, ist der folgende Satz kontrafaktisch: „Wenn die Sonne scheinen würde, würde ich jetzt spazieren gehen.“ (Anm. d. Übers.)

[4]          Das traditionelle „logische Quadrat“ untersucht die Beziehungen zwischen allgemein bejahenden Urteilen (A-Urteil, z.B. „Alle S sind P“, also z.B. „Alle Schweine sind rosa“), allgemein verneinenden Urteilen (E-Urteil, „Keine S sind P“), partikulär bejahenden Urteilen (I-Urteil, „Einige S sind P“) und partikulär verneinenden Urteilen (O-Urteil, „Einige S sind P“). Vgl. http://www.iep.utm.edu/sqr-opp/ und https://plato.stanford.edu/entries/square/ (deutsch siehe auch  https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorisches_Urteil) (Anm. d. Übers.)

[5]          Vgl. http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch, Stichwort „Kontradiktion“. (Anm. d. Übers.)

Afghanistan

Prof. Craigs Antwort


A

Ich bin in Divine Foreknowledge: Four Views, ed. James Beilby und Paul Eddy (Downer's Grove, Ill.: Inter-Varsity Press, 2001) schon einmal auf Greg Boyds Ansichten eingegangen. Auf der Jahrestagung der Evangelical Theological Society letzten Monat in Providence[1], Rhode Island [November 2008, Anm. d. Übers.], habe ich sogar an einem Forum mit vier Rednern inklusive Greg und mir über konkurrierende Ansichten über göttliche Vorsehung teilgenommen. Er hat dabei einen Ansatz des offenen Theismus[2] vertreten, ich einen molinistischen Standpunkt. (Ich glaube, an eine Aufnahme kommt man über die ETS-Website.[3]) Die Kritiken der Zuhörer an seiner biblischen Hermeneutik waren meiner Meinung nach verheerend. Mir wurde zudem klar, dass er die molinistische Alternative, die auf Gottes mittlerem Wissen basiert, nicht ganz verstanden hatte.

Zwar halte ich Greg für den wichtigsten Popularisierer des offenen Theismus von heute, doch weist seine Arbeit auf diesem Gebiet einige Missverständnisse auf, die seine kritischen Anmerkungen zum göttlichen Vorwissen und zum mittleren Wissen hinfällig machen. David Hunt, der auch am oben erwähnten Four Views-Buch mitgewirkt hat und kein Molinist ist, stimmt dem zu und schreibt mit mir gerade eine Antwort auf einen kürzlich erschienen Artikel über den offenen Theismus, den Boyd mit Alan Rhoda und Thomas Belt zusammen geschrieben hat und den wir für sehr konfus halten.

Auf der ETS-Tagung erläuterte Boyd seine neo-molinistische Alternative, die, so meinte er, noch nicht viele Unterstützer habe. Er behauptet, dass Gott zwar kein mittleres Wissen von „würde“-Kontrafaktualen kreatürlicher Freiheit hat, wie „Wenn Jones in der Situation S wäre, würde er freiwillig die Handlung H tun“, sehr wohl aber mittleres Wissen von „vielleicht“-Kontrafaktualen kreatürlicher Freiheit hat, wie „Wenn Jones in der Situation S wäre, würde er vielleicht die Handlung H tun“ hat. Somit wisse Gott logisch vor seinem Dekret, eine Welt zu schaffen, was jeder Mensch, den er schaffen könnte, in jeder Situation, in die Gott ihn setzt, vielleicht tun oder nicht tun wird. Indem Gott sein mittleres Wissen solcher vielleicht-Kontrafaktuale ausnutze, sei er in der Lage, zu planen, wie er selbst auf eine beliebige Entscheidung eines beliebigen Menschen in einer beliebigen Situation reagieren würde. Obwohl Gott also mit der Erschaffung einer Welt freier Geschöpfe das Risiko eingehe, dass er weder wisse, wie sich die Geschöpfe entscheiden würden, wenn er sie erschaffen sollte, noch wie sie sich in der aktualen Welt entscheiden werden, sei er niemals überrascht von oder unvorbereitet für ihre Entscheidungen, weil er schon entschieden habe, wie er auf jede Handlung, für die sie sich vielleicht entscheiden, reagieren würde. Zudem sei er so intelligent, dass er wisse, dass er, wofür auch immer sich die Geschöpfe entscheiden, so darauf reagieren werde, dass die Umsetzung seiner letztendlichen Absichten gesichert werde.

Diese Äußerungen von Boyd erscheinen zunächst wie ein bedeutender Schritt in Richtung Molinismus, da es einen beträchtlichen intuitiven Unterschied zwischen dem zu geben scheint, was ein Mensch unter beliebigen Umständen vielleicht tut, und dem, was er tun könnte. Als Adolf Hitler beispielsweise 1937 auf dem Reichsparteitag sprach, hätte er in eine Lobeshymne für Winston Churchill ausbrechen könnte – doch zweifelsohne ist das nichts, was er vielleicht getan hätte. Es gibt also einen großen Unterschied zwischen dem, was ein Mensch unter gegebenen Umständen tun kann und was er vielleicht tut.

Wenn Boyd auf diesen intuitiven Sinn von „vielleicht“ abzielt, dann scheint er dadurch, dass er zugibt, dass vielleicht-Kontrafaktuale logisch vor dem göttlichen Dekret wahr sind, die geläufigsten und stärksten Einwände auf die Lehre des mittleren Wissens schweigend verbannt zu haben, nämlich diejenigen Einwände, die auf dem Begründungsmangel solcher Propositionen basieren. Laut Boyds neo-molinistischer Ansicht scheint es Wahrheiten darüber zu geben, was Menschen unter beliebigen Umständen vielleicht tun oder nicht nun; Wahrheiten, die über bloße Möglichkeiten hinausgehen und von denen Gott logisch vor seinem Dekret weiß, welche Welt aktual sein sollte.

Doch wenn vielleicht-Kontrafakten logisch vor Gottes Dekret wahr sein können, warum dann nicht auch würde-Kontrafaktuale? Boyd scheint nicht zu berücksichtigen, dass würde-Kontrafaktuale laut der molinistischen Ansicht vielleicht-Kontrafaktuale logisch implizieren, dass beide wahr sind und Gott beide kennt. Boyd erliegt einem fundamentalen Irrtum, wenn er denkt, dass der Molinismus darauf abzielt, „Gottes mittleres Wissen auf das Wissen von würde-Kontrafaktualen zu beschränken oder – was auf das Gleiche hinausläuft – zu schlussfolgern, dass alle vielleicht-Kontrafaktuale falsch sind.“ Der Molinist behauptet, dass beide Arten von Kontrafaktualen wahr sind und Gott sie durch sein mittleres Wissen weiß.

Boyd ist es also, der versucht, Gottes Wissen zu beschränken, indem er es auf vielleicht-Kontrafaktuale beschränkt. Doch welche Berechtigung hat Boyd für diese Einschränkung, nachdem er die typischen Einwände gegen das mittlere Wissen verbannt hat? Wenn er behauptet, dass würde-Kontrafaktuale nicht mit der kreatürlichen Freiheit vereinbar sind, dann hat er den Unterschied zwischen dem vergessen, was man unter beliebigen Umständen tun könnte und was man vielleicht tut. Die Freiheit erfordert nur, dass man unter gegebenen Umständen in der Lage ist, von etwas, was man tun würde, Abstand zu nehmen; es ist nicht erforderlich, dass man das, was man tun würde, nicht vielleicht tun würde.

Es ist wichtig zu verstehen, dass vielleicht-Kontrafaktuale nach der traditionellen Semantik für Kontrafaktuale einfach als Negationen von würde-nicht-Kontrafaktualen definiert werden. Das erkennt Boyd an, wenn er in dem von Ihnen zitierten Abschnitt erwähnt, dass „die logische Antithese der Aussage 'Akteur x würde y in der Situation z tun' in einem kontrafaktisch-logischen Quadrat nicht die Aussage 'Akteur x würde y in Situation z nicht tun' ist“ (. . .) [sondern] „Akteur x tut y in Situation z vielleicht.“ Boyd scheint die herkömmliche Verwendung von „vielleicht“, die voller Konnotationen der Freiheit ist, mit seiner technischen Bedeutung in der kontrafaktischen Semantik zu verwechseln, welche überhaupt keine Auswirkung auf die Freiheit der getroffenen Entscheidungen hat. (Ja, diese Verschmelzung von dem, was man tun könnte, mit dem, was man vielleicht tut, ist eine Verwechslung, die sich durch die gesamte Literatur Boyds zieht). Wenn Boyd bereit ist, die wahren vielleicht-Kontrafaktuale zu akzeptieren, sehe ich keinen Grund mehr, die Wahrheit von würde-Kontrafaktualen zu bestreiten. Aber dann ist man vollumfänglich beim Molinismus.

Doch dadurch, dass Boyd die Wahrheit jeglicher würde-Kontrafaktuale bestreitet, scheint seine Ansicht die Unterscheidung zwischen „vielleicht“ und „könnte“ zum Einsturz zu bringen. Solange vielleicht-Kontrafaktuale von wahren würde-Kontrafaktualen impliziert werden, können wir die Unterscheidung zwischen dem, was jemand unter beliebigen Umständen vielleicht tut, und dem, was er tun könnte, aufrechterhalten. Es stimmt, dass Hitler nicht vielleicht eine Lobesrede für Churchill halten würde, weil er das nicht tun würde; dennoch könnte er es tun, weil es mögliche Welten gibt (die der aktualen Welt weniger ähnlich sind als die, in denen er so etwas nicht vielleicht tun würde), in denen er es tut. Doch wenn würde-Kontrafaktuale ausnahmslos falsch sind, dann ist es falsch, dass er so etwas nicht tun würde, und so ist es per Definition wahr, dass er so etwas vielleicht tut. Ganz egal, wie absonderlich die Handlung ist – z. B. dass Hitler seine Rede im Handstand hält –, ohne jegliche wahre Kontrafaktuale dahingehend, dass er eine solche Handlung nicht tun würde, wird es Welten unter denen geben, die der aktualen Welt am ähnlichsten sind, in denen er diese Handlung durchführt, und somit ist es wahr, dass er so etwas vielleicht tut. Boyds angebliche Bewegung hin zum Molinismus entpuppt sich als bloße Finte. Da sich vielleicht-Kontrafaktuale auflösen in Kontrafaktuale über das, was jemand freiwillig tun könnte, weiß Gott vor seinem Schöpfungsdekret nicht mehr als bloße Möglichkeiten – was haargenau das ist, was der offene Theismus behauptet!

Boyd ist also mit einem fundamentalen Dilemma konfrontiert: wenn vielleicht-Kontrafaktuale sich von Aussagen darüber unterscheiden, was jemand unter beliebigen Umständen tun könnte, dann gibt es keinen Grund mehr, auch die Wahrheit von würde-Kontrafaktualen abzustreiten; doch wenn sie sich nicht unterscheiden, dann ist Boyds vermeintlicher Neo-Molinismus nur eine triviale Variation der gewöhnlichen Ansicht des offenen Theismus.

Der molinistischen wie auch Boyds Ansicht nach plant Gott, wie er auf sämtliche Entscheidungen der Geschöpfe reagieren würde. Denn wenn er beschließt, welche Welt die aktuale sein soll, beschließt er gleichzeitig die Wahrheit sogenannter Kontrafaktuale göttlicher Freiheit, d. h. Kontrafaktuale darüber, wie Gott selbst frei unter beliebigen Umständen, die mit seinen Geschöpfen zu tun haben, handeln würde. Mit dem Dekret der Erschaffung einer Welt beschließt Gott nicht nur, wie er auf die Entscheidungen der Geschöpfe reagieren wird, sondern auch, wie er reagieren würde, wenn sich die Geschöpfe anders entscheiden würden. Somit ist er, wie der Gott des Neo-Molinismus, auf jede Kontingenz vorbereitet, doch er übertrifft den Gott des Neo-Molinismus darin, dass er nicht nur weiß, wie sich die Geschöpfe unter beliebigen Umständen vielleicht entscheiden, sondern auch, wie sie sich unter den jeweiligen Umständen entscheiden würden.

In jedem Fall ist das Wissen von bloßen vielleicht-Kontrafaktualen unzulänglich, um Gott die Art spezifische Vorsehung zuzuschreiben, von der die Bibel spricht. Betrachten Sie die folgenden Bibelstellen:

„(...) diesen [Jesus], der nach Gottes festgesetztem Ratschluss und Vorsehung hingegeben worden war, habt ihr genommen und durch die Hände der Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und getötet.“ (Apg 2,23).

„Ja, wahrhaftig, gegen deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast, haben sich Herodes und Pontius Pilatus versammelt zusammen mit den Heiden und dem Volk Israel, um zu tun, was deine Hand und dein Ratschluss zuvor bestimmt hatte, dass es geschehen sollte.“ (Apg 4,27-28).  

Hier haben wir es mit einem erstaunlichen Anspruch auf göttliche Souveränität über das Treiben der Menschen zu tun. Die Verschwörung, Jesus zu kreuzigen, bei der nicht nur Römer und Juden in Jerusalem zu der Zeit mitwirkten, sondern im Speziellen Pilatus und Herodes, die Jesus den Prozess machten, habe sich nach Gottes Plan ereignet, der von seinem Vorwissen und seiner Vorherbestimmung ausging. Wie sollen wir eine derart weitreichende Vorsehung verstehen?

Wenn wir das biblische Wort „Vorwissen“ so verstehen, dass es mittleres Wissen umschließt, können wir Gottes vorsehende Kontrolle über eine Welt freier Akteure wunderbar verstehen. Denn durch sein mittleres Wissen wusste Gott genau, welche Personen, wenn sie Mitglieder des Sanhedrin wären, freiwillig für Jesu Verurteilung stimmen würden. Er wusste, welche Personen, wenn sie in Jerusalem wären, freiwillig Jesu Tod fordern und die Freilassung Barabbas' befürworten würden. Er wusste, wie Herodes, wenn er König wäre, freiwillig auf Jesus und Pilatus Bitte, zu urteilen, reagieren würde. Und er wusste, was Pilatus selbst unter dem Druck von Seiten der jüdischen Anführer und der Menge freiwillig tun würde,  wenn er im Jahr 30 n. Chr. der Präfekt in Palästina wäre. Um alle möglichen Umstände, Personen und Permutationen derselben wissend, beschloss Gott, nur die Umstände und nur die Menschen zu erschaffen, die freiwillig das tun würden, was Gott bestimmte. Somit entwickelte sich das ganze Szenario gemäß Gottes Plan, wie Lukas beharrlich schreibt. Das ist wirklich irre. Wenn man darüber reflektiert, dass die Existenz der verschiedenen beteiligten Umstände und Personen selbst das Ergebnis von Myriaden von vorangegangen freien Entscheidungen auf Seiten dieser und anderer Akteure war und diese wiederum das Ergebnis wieder anderer vorangegangener Kontingenzen und so weiter, dann erkennen wir, dass nur ein allwissendes Wesen eine Welt freier Geschöpfe zu seinen souverän gesetzten Zielen hin vorsehend dirigieren könnte. Ja, Paulus reflektiert: „Keiner von den Machthabern dieser Welt hat etwas von dem Plan gewusst; keiner von ihnen hat Gottes Weisheit erkannt. Sonst hätten sie den Herrn, dem alle Macht und Herrlichkeit gehört, nicht kreuzigen lassen.“ (1Kor 2,8). Hat man sie einmal begriffen, mündet die Lehre vom mittleren Wissen Gottes in Anbetung und Lob Gottes für eine solch atemberaubende Souveränität.

Nun, wie kann man die göttliche Vorsehung ohne mittleres Wissen erklären? Vertreter des offenen Theismus geben offen zu, dass eine starke Lehre göttlicher Vorsehung ohne mittleres Wissen unmöglich wird. Doch bei einem solchen Standpunkt ergeben Bibelstellen wie die oben zitierten überhaupt kein Sinn. Denken Sie an die Erzählung von Sauls Tod in 1Sam 31,1-6 und 1Chr 10,8-12. In beiden Stellen heißt es, dass Saul sich umbrachte, um nicht den Philistern in die Hände zu fallen. Doch der Chroniker fügt noch diesen erstaunlichen Kommentar hinzu: „Darum tötete Er [der Herr] ihn und wandte das Königreich David [...] zu.“ (1Chr 10,14b). Nun, wie will Boyd diese Behauptung einordnen? Sauls Selbstmord galt als Sünde und Schande und kann daher nicht von Gott kausal bestimmt worden sein. Und doch war der Selbstmord, so der Chroniker, Gottes Handeln. Oder denken Sie an Josephs Aussage gegenüber seinen Brüdern in Ägypten: „Und nun bekümmert euch nicht und macht euch keine Vorwürfe darüber, dass ihr mich hierher verkauft habt; denn zur Lebensrettung hat mich Gott vor euch hergesandt (. . . .)  Ihr gedachtet mir zwar Böses zu tun; aber Gott gedachte es gut zu machen, um es so hinauszuführen, wie es jetzt zutage liegt.“ (1Mo 45,5; 50,20) Auch der Verrat und der Betrug von Seiten der Brüder kann nicht von Gott verursacht worden sein; und doch dirigierte Gott die Ereignisse souverän zu seinem vorgesehenen Ziel, Israel vor der Hungersnot zu retten. Die offene Theologie ist völlig aufgeschmissen, wenn sie diese Verbindung von menschlicher Freiheit mit göttlicher Souveränität erklären soll. Ironischerweise ist Boyd gezwungen, auf den calvinistischen Determinismus zurückzugreifen, um Gottes Vorsehung zu erklären, und zerstört die menschliche Freiheit letztlich damit. Der Molinismus hingegen bietet eine verständliche Erklärung der Souveränität Gottes und Freiheit des Menschen anhand von Gottes mittlerem Wissen der Kontrafaktuale kreatürlicher Freiheit.

Boyd vergleicht Gott oft mit einem großen Schachmeister, der aufgrund dessen, dass er um sein Können und die Schwäche des Gegners weiß, voraussagen kann, wann und mit welchem Zug er seinen Gegner Schachmatt setzen wird. Dies ist eine ansprechende Analogie; nur ist Gott nach Boyds Verständnis gar kein so brillianter Schachspieler, dass er wissen kann, dass sein Vorhaben wahrscheinlich Erfolg haben wird. Denn er hat die universelle Errettung, nach der er sich gesehnt hat, nicht erlangt und hat bereut, den Menschen geschaffen zu haben. Das sind keine Züge eines großen Meisters! Wie hätte er also vor Grundlegung der Welt überhaupt wissen können, dass sich beispielsweise sein Plan erfüllen würde, dass Christus durch das freiwillige Agieren von Pilatus und Herodes gekreuzigt würde? Auf der ETS-Tagung antwortete Boyd hierauf, dass Gottes Plan Herodes, Pilatus oder die Kreuzigung nicht einschloss, sondern nur die Tatsache, dass Christus für unsere Sünden sterben würde. Warum sollte man ohne zwingende philosophische Argumente die biblische Lehre derart verletzen?

Beim Molinismus hingegen ergibt Gottes Vorsehungsplan mit allen Details wunderbar Sinn. Er ist wie ein großer Schachmeister, der gegen einen Gegner spielt, den er so gut kennt, dass er jeden Zug weiß, den sein Gegner auf seinen eigenen Zug hin machen würde. So ein großer Meister könnte aufgrund der Freiheit seines Kontrahenten nicht einfach irgendein mögliches Spiel verwirklichen, doch er könnte jedes Spiel verwirklichen, das aufgrund der Kontrafaktuale der Freiheit, die wahr sind, machbar ist. Der Molinist kann also die nicht-universelle Errettung damit erklären, dass die falschen Kontrafaktuale wahr gewesen sind. Es kann sein, dass eine Welt, in der es mehr Errettete und weniger Verdammte gibt, für Gott nicht machbar war. Doch aufgrund seines Wissens um die wahren Kontrafaktuale kreatürlicher Freiheit ist sich Gott sicher, dass seine Ziele für den Bau seines Reiches letztlich erreicht werden.

Zusätzlich zu alledem gibt es noch weitere Argumente dafür, dass der Molinismus wahr ist – eine Diskussion derselben ist in meinem Büchlein Was Does God Know? (Atlanta: RZIM, 2002) zu finden.

(Übers.: J. Booker)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/gregory-boyds-neo-molinism

 

 

[1]          W.L. Craig hielt den Vortrag zum Thema „Molinism“ am 21. November 2008 bei der Jahrestagung der Evangelical Theological Society, im Rahmen eines Moduls „Conflicting Views of Providence“; Gregory Boyd hielt einen anschließenden Vortrag mit dem Titel „Open Theism“, vgl. http://www.etsjets.org/files/annual_programs/2008/2008_Session_Information.pdf S. 24. (Anm. d. Übers.)

[2]                En. „open theism“ – Anm. d. Übers.

[3]          Die Aufnahmen der ETS / EPS-Konferenz vom November 2008 finden sich hier:  http://www.wordmp3.com/product-group.aspx?id=317 (Die Vorträge / Diskussionen von u.a. Craig und Boyd scheinen jedoch nicht dabei zu sein, Anm. d. Übers.)

- William Lane Craig