#91 Dawkins’ Kritik am ontologischen Argument
February 02, 2019Hallo Herr Prof. Craig,
sowohl mein Herz als auch mein Geist sind sehr gesegnet und erfüllt durch Ihre Darstellung von Gottes Charakter. Ich bin ein Anhänger des ontologischen Arguments für Gottes Existenz (beängstigend, ich weiß). Richard Dawkins verweist in seinem Buch „Der Gotteswahn“ auf Douglas Gaskings „Beweis“ dafür, dass Gott nicht existiert. Er ist folgendermaßen aufgebaut:
1. Die Erschaffung der Welt ist die großartigste Errungenschaft, die man sich vorstellen kann.
2. Die Größe einer Errungenschaft ist das Produkt aus (a) seiner intrinsischen Qualität und (b) der Fähigkeit des Schöpfers.
3. Je größer die Unfähigkeit (oder die Einschränkung) des Schöpfers, desto beeindruckender die Errungenschaft.
4. Die größte Einschränkung für einen Schöpfer wäre Nicht-Existenz.
5. Wenn wir also annehmen, dass das Universum das Produkt eines existenten Schöpfers ist, können wir uns ein größeres Wesen vorstellen – nämlich eines, das alles geschaffen hat, obwohl es nicht existiert hat.
6. Ein existierender Gott wäre demnach kein Wesen, das so groß ist, dass man sich kein größeres vorstellen könnte, denn ein noch größerer und eindrucksvollerer und unfassbarerer Schöpfer wäre ein Gott, der nicht existiert.
7. Also existiert Gott nicht.
Haben Sie jemals dieses Argument widerlegt bzw. sind Sie jemals auf dieses Argument gestoßen? Was denken Sie über dieses Argument? Danke!
Jeff
Afghanistan
Prof. Craigs Antwort
A
Ich muss zugeben, dass ich dieses Argument nie gesehen hatte, bis ich es in Der Gotteswahn las. Der Grund für seine Unbekanntheit ist nicht schwer zu erraten: Es geht so sehr fehl, dass selbst Kritiker des ontologischen Arguments, die das Argument verstehen, darin übereinstimmen würden, dass dieser Einwand kein guter ist. Lassen Sie uns das ontologische Argument noch einmal ansehen, um zu verstehen, warum dem so ist.
Diese Version stammt von Alvin Plantinga, einem der führenden Philosophen in Amerika. Es ist in der Semantik möglicher Welten verfasst. Denjenigen, die nicht mit der Terminologie möglicher Welten vertraut sind, möchte ich kurz erklären, dass man mit „einer möglichen Welt“ keinen Planeten, nicht einmal ein Universum, meint, sondern eine vollständige Beschreibung der Realität, oder wie die Realität sein könnte. Dass Gott in einer möglichen Welt existiert, heißt, dass es eine mögliche Beschreibung der Realität gibt, zu der die Aussage „Gott existiert“ als Teil dieser Beschreibung gehört.
Nun, in seiner Version des Arguments stellt sich Plantinga Gott als ein Wesen vor, das in jeder möglichen Welt „maximal exzellent“ ist. Für Plantinga zählen Eigenschaften wie Allwissenheit, Allmacht und moralische Vollkommenheit zur maximalen Exzellenz. Ein Wesen, das in jeder möglichen Welt maximale Exzellenz hat, hätte das, was Plantinga „maximale Größe“ nennt. Somit argumentiert Plantinga:
1. Es ist möglich, dass ein maximal großes Wesen existiert.
2. Wenn es möglich ist, dass ein maximal großes Wesen existiert, dann existiert ein maximal großes Wesen in einer möglichen Welt.
3. Wenn ein maximal großes Wesen in einer Welt existiert, dann existiert es in jeder möglichen Welt.
4. Wenn ein maximal großes Wesen in jeder möglichen Welt existiert, dann existiert es in der aktualen Welt.
5. Wenn ein maximal großes Wesen in der aktualen Welt existiert, dann existiert ein maximal großes Wesen.
6. Also existiert ein maximal großes Wesen.
Die Prämissen (2)-(5) dieses Argumentes sind relativ unumstritten. Die meisten Philosophen würden darin übereinstimmen, dass Gott existieren muss, wenn es möglich ist, dass er existiert. Die größte Schwierigkeit, die es in Bezug auf Plantingas ontologisches Argument zu klären gilt, ist die Frage, welche Rechtfertigung es für die Meinung gibt, dass die Hauptprämisse „Es ist möglich, dass ein maximal großes Wesen existiert“ wahr ist.
Die Vorstellung eines maximal großen Wesens ist intuitiv eine kohärente Vorstellung, und somit erscheint es plausibel, dass ein solches Wesen existieren könnte. Das ontologische Argument wäre nicht stichhaltig, wenn das Konzept eines maximal großen Wesens inkohärent wäre, wie das Konzept eines verheirateten Junggesellen. Doch das Konzept eines maximal großen Wesens erscheint nicht einmal ansatzweise inkohärent. Das bringt eine Prima-facie-Rechtfertigung dafür mit sich, dass es möglich ist, dass ein maximal großes Wesen existiert.
In seinem Buch widmet Dawkins dem ontologischen Argument spottend und schimpfend sechs ganze Seiten, ohne einen ernstzunehmenden Einwand gegen dieses Argument vorzubringen. (Er erwähnt nebenbei Immanuel Kants Einwand, dass Existenz keine großmachende Eigenschaft ist; aber da Plantingas Argument das nicht voraussetzt, können wir diese irrelevante Anmerkung beiseitelassen.) Er zitiert sodann die Parodie vom Argument, die Sie oben erwähnten, die zeigen soll, dass Gott nicht existiert, weil ein Gott, „der alles geschaffen hat, obwohl er nicht existierte“, größer sei als einer, der existiert und alles geschaffen hat.
Ironischerweise verstärkt diese Parodie das ontologische Argument sogar, anstatt es zu unterminieren. Denn ein Wesen, das alles schafft, obwohl es nicht existiert, ist eine logische Inkohärenz und daher unmöglich: es gibt keine mögliche Welt, zu der ein nicht-existentes Wesen gehört, das die Welt schafft. Wenn der Atheist behaupten soll – was er ja muss –, dass Gottes Existenz unmöglich ist, müsste das Gotteskonzept ähnlich inkohärent sein. Doch allem Anschein nach ist es das nicht. Dies stützt die Plausibilität der Prämisse (1) in Plantingas Argument.
Ich denke, man sieht hieran, dass Dawkins die Logik des ontologischen Arguments, die von der logischen Möglichkeit der Existenz Gottes zu ihrer Aktualität führt, gar nicht versteht. Eine Parodie des Argumentes, die von einer logischen Unmöglichkeit zur Aktualität führt, läuft nicht parallel zum Argument.
Dawkins gluckst: „Ich habe die Details vergessen, aber ich habe einmal einen Theologen- und Philosophentreff verärgert, indem ich das ontologische Argument so angepasst habe, dass ich damit belegen konnte, dass Schweine fliegen können. Sie mussten auf die Modallogik zurückgreifen, um zu beweisen, dass ich falsch lag“ (Der Gotteswahn, S. 84). Das ist einfach peinlich. Das ontologische Argument ist eine Übung in Modallogik – der Logik des Möglichen und Notwendigen. Ich kann mir gut vorstellen, wie sich Dawkins mit seiner falschen Parodie selbst zum Ärgernis dieser professionellen Konferenz machte – so ähnlich, wie er sich auch bei der Templeton-Foundation-Konferenz in Cambridge blamierte, wo er die ihn herausfordernden erstklassigen Philosophen und Theologen mit seinem Fliegengewichts-Einwand auf das teleologische Argument belustigte!
Wenn Sie an weiteren Antworten auf Dawkins' Kritik an theistischen Argumenten interessiert sind, lesen Sie doch das Buch von Chad Meister mir God is Great, God is Good (Inter-Varsity Press, 2009).
(Übers.: J. Booker)
Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/dawkins-critique-of-the-ontological-argument
- William Lane Craig