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Die Zeit, die Ewigkeit und die Eschatologie

Summary

Bevor wir den Zusammenhang der Zeit, Ewigkeit, und Eschatologie erörtern können, brauchen wir zuerst ein differenziertes Verständnis dieser drei Begriffe.

„Time, Eternity, and Eschatology“ In The Oxford Handbook on Eschatology, pp. 596-613. Ed. J. Walls. Oxford: Oxford University Press, 2008. Mit freundlicher Genehmigung von Oxford University Press, Inc. www.oup.com

Die Zeit

Die Zeit ist diejenige Dimension der Wirklichkeit, deren konstitutive Elemente durch Beziehungen wie früher als, gleichzeitig mit und später als geordnet sind und von uns als vergangen, gegenwärtig und zukünftig erfahren werden. Zumindest bis hierhin sind sich fast alle Disputanten in Debatten über das Wesen der Zeit einig. [1]

Über diesen Punkt hinaus sind Philosophen zutiefst gespalten in ihren Ansichten über das Wesen der Zeit. Die relevanteste Kontroverse in den Fragen der Eschatologie ist die Debatte darüber, ob Zeit zeitlich oder zeitlos ist. Uns allen ist Zeit in ihrer Rolle als Tempus in natürlichen Sprachen vertraut. Aber viele Philosophen vertreten die Ansicht, dass Zeitlichkeit auch ein objektives Merkmal der Realität ist, dass Dinge in der Zeit tatsächlich vergangen, gegenwärtig oder zukünftig sind. Andere Philosophen betrachten Zeit als eine rein gedankliche Größe: Dinge in der Zeit sind genauso wenig objektiv „jetzt“, wie Dinge im Raum objektiv „hier“ sind. In Anlehnung an J. M. E. McTaggart haben Philosophen diese beiden Auffassungen der Zeit als A-Theorie beziehungsweise B-Theorie bezeichnet.

Nach der A-Theorie sind Dinge/Ereignisse in der Zeit nicht alle ontologisch gleichgestellt: Die Zukunft existiert noch nicht und die Vergangenheit existiert nicht mehr; nur Dinge, die gegenwärtig sind, sind real. Zeitliches Werden ist ein objektives Merkmal der Realität: Dinge entstehen und hören auf zu existieren. Im Gegensatz dazu sind nach der B-Theorie alle Ereignisse in der Zeit gleichermaßen real, und zeitliches Werden ist eine Illusion des menschlichen Bewusstseins. Vergangensein, Gegenwärtigsein, und Zukünftigsein sind allenfalls relationale Eigenschaften: Im Verhältnis zu den Personen, die im Jahr 2050 leben, sind die Menschen und Ereignisse des Jahres 2000 vergangen, aber im Verhältnis zu den Personen, die im Jahr 1950 leben, sind die Menschen und Ereignisse des Jahres 2000 zukünftig. Dinge und Ereignisse in der Zeit werden objektiv durch die Beziehungen früher als, gleichzeitig mit und später als geordnet, welche zeitlose Beziehungen sind, die unveränderlich sind und unabhängig davon gelten, ob die betreffenden Ereignisse im Verhältnis zu einem bestimmten Beobachter vergangen, gegenwärtig oder zukünftig sind. Vertreter der B-Theorie vereinen gewöhnlich Zeit und Raum zu einer vierdimensionalen, geometrischen Größe namens Raumzeit, bei der sämtliche Punkte gleichermaßen real sind und bei der kein Punkt objektiv gegenwärtig ist.

Eine reine B-Theorie hat also eine zeitlose Ontologie ohne zeitliches Werden; eine solche Auffassung wird oft als „Eternalismus“ bezeichnet. Im Gegensatz dazu hat eine reine A-Theorie eine dynamische Ontologie, die ein vom Denken unabhängiges zeitliches Werden aufweist und bei der Zeit ein objektives Merkmal der Realität ist und die Gegenwart ontologisch bevorzugt wird; eine solche Auffassung wird gewöhnlich als „Präsentismus“ bezeichnet.

Einige Denker haben versucht, zwischen diesen reinen Theorien hybride A/B-Theorien zu lokalisieren, manchmal durch Kombination objektiver Zeiten mit einer statischen Ontologie oder indem sie Vergangenheit und Gegenwart im Gegensatz zur Zukunft als ontologisch gleichgestellt behandeln (Abb. 1).

 

Abb. 1: Ontologien konkurrierender Theorien der Zeit. Die vertikale Dimension repräsentiert die Zeit und die zwei horizontalen Dimensionen repräsentieren die drei Dimensionen des Raumes. Das dargestellte Universum beginnt mit einem Urknall und endet in einem Kollaps. Nach der reinen A-Theorie sind nur diejenigen Dinge real, die im gegenwärtigen „Segment“ der Raumzeit existieren. Nach der reinen B-Theorie sind alle Dinge und Ereignisse in der Raumzeit real und kein Segment ist gegenwärtig. Nach hybriden Theorien gibt es eine objektive Gegenwart, aber sie wird nicht ontologisch bevorzugt: nicht-gegenwärtige Dinge und Ereignisse sind gleichermaßen real.

Es ist aber zu bezweifeln, ob diese hybriden Theorien kohärent sind. Wie McTaggart selbst argumentierte, muss nach diesen Theorien ein Ereignis e zu einer irgendeiner Zeit die Eigenschaft gegenwärtig sein und dann zu einer späteren Zeit die Eigenschaft Vergangensein haben. Aber dann kann nach dem Prinzip der Ununterscheidbarkeit identischer Dinge e nicht dasselbe Ereignis sein, da es andere Eigenschaften besitzt, die der Hypothese widersprechen. Der A-Theoretiker vermeidet das Problem, indem er behauptet, dass die einzigen Eigenschaften, die eine Größe hat, diejenigen Eigenschaften sind, die sie gegenwärtig hat, sodass e keine unvereinbaren Eigenschaften hat. Der B-Theoretiker vermeidet das Problem, indem er zeitliche Eigenschaften als relational behandelt und nicht als monadische Eigenschaften, sodass e im Verhältnis zu gewissen (simultanen) Ereignissen (zeitlos) gegenwärtig und im Verhältnis zu anderen (späteren) Ereignissen vergangen ist. Aber der hybride A/B-Theoretiker scheint nicht vermeiden zu können, was als McTaggart-Paradox bekannt geworden ist.

So haben wir also offenbar die Wahl zwischen Präsentismus und Eternalismus als unserer Ontologie und einer reinen A- oder B-Theorie als unserer Theorie der Zeit. Für beide Seiten lassen sich gewichtige Argumente anführen und es sieht nicht so aus, als würde die Kontroverse nachlassen. Tatsächlich ließe sich bei Zeit- und Raumphilosophen ein Verhältnis von nahezu eins-zu-eins zwischen A- und B-Theoretikern vergleichbarer Statur konstruieren. Glücklicherweise müssen wir diese Debatte hier nicht entscheiden, denn unser Interesse gilt der vergleichenden eschatologischen Bedeutung konkurrierender Theorien über Zeit und Ewigkeit.


 

Die Ewigkeit

Die Ewigkeit ist die Eigenschaft, permanent zu existieren, ohne Anfang und Ende. Da unser Anliegen ein theologisches ist, konzentrieren wir uns auf das Wesen der göttlichen Ewigkeit. Alle Disputanten sind sich einig, dass göttliche Ewigkeit die Eigenschaft Gottes ist, permanent zu existieren, also weder Anfang noch Ende der Existenz zu haben. Aber wie in der Frage nach dem Wesen der Zeit endet die Übereinstimmung hier. Philosophen und Theologen sind in Bezug auf das Wesen der göttlichen Ewigkeit zutiefst gespalten und debattieren, ob Gottes Ewigkeit als ein Zustand der Zeitlosigkeit oder als unendliche, omnitemporale Dauer zu konstruieren ist.

Die Frage ist hier, ob Gott temporal oder atemporal existiert. Eine Größe existiert nur in dem Falle temporal, wenn sie einen temporalen Ort und eine temporale Ausdehnung hat. Einen temporalen Ort zu haben heißt, zu einer Zeit zu existieren, also in temporalen Beziehungen der Gleichzeitigkeit zu anderen zu dieser Zeit existierenden Größen zu stehen und in Beziehungen der Nachzeitigkeit oder Vorzeitigkeit zu solchen Größen zu stehen, die im Verhältnis zu dieser Zeit entweder existiert haben oder existieren werden. Temporale Ausdehnung ist die Dauer einer Größe, grob gesagt, wie lange sie existiert. Selbst eine Größe, die nur für einen Augenblick existiert, hat eine Ausdehnung, deren Maß in diesem Fall Null beträgt. Als solche unterscheidet sie sich von einer atemporalen Größe, denn die Kategorie der temporalen Ausdehnung ist auf eine zeitlose Größe gar nicht erst anwendbar, während jede temporale Größe eine Ausdehnung hat, selbst wenn das Maß dieser Ausdehnung Null betragen sollte.

Eine Entität existiert nur in dem Falle atemporal, dass sie nicht temporal ist. Diese Erklärung macht offensichtlich, dass Temporalität und Atemporalität Widersprüche sind; das eine ist die Verneinung des anderen. Will man also einen Widerspruch vermeiden, kann man nicht sagen, dass Gott sowohl temporal als auch atemporal ist, es sei denn man kann irgendein Modell bieten, das diese Eigenschaften qualifiziert. Eine Entität kann zum Beispiel sowohl schwarz als auch nicht-schwarz sein, indem sie zu einer Zeit schwarz und zu einer anderen Zeit nicht-schwarz ist. Aber ein solches Modell ist im Fall der Temporalität nicht anwendbar, denn es wäre inkohärent zu behaupten, dass Gott zu einer Zeit temporal und zu einer anderen Zeit atemporal ist. Und natürlich könnte Gott selbst bei einem solchen Modell nicht gleichzeitig sowohl temporal als auch atemporal sein.

Auch wenn einige zeitgenössische Theologen gern davon sprechen, dass Gottes Ewigkeit atemporal ist, aber die Zeit umfasst, oder dass sie die Zeit transzendiert, aber in einem positiven Bezug zu ihr steht, wird für diese Behauptungen nie ein Modell angeboten, sodass sie entweder vage metamorph bleiben oder das vorliegende Problem nur neu formulieren. Einige wenige Denker haben solche Ausdrücke als Gottes Extra-Dimensionalität interpretiert: Unsere temporale Dimension ist in eine göttliche Hyper-Zeit eingebettet (Abb. 2).

 

Abb. 2. Unsere temporale Dimension t wird durch die vertikale Achse dargestellt, die orthogonal zu Gottes einbettender Hyper-Zeit T steht, die durch die horizontale Achse dargestellt wird. An sukzessiven Momenten der Hyper-Zeit hyper-Zeit T1,T2, T3, . . . existiert unsere gesamte temporale Reihe von Momenten t1, t2, t3, .... Unsere gesamte Zeitlinie hat somit sowohl einen temporalen Ort als auch eine Ausdehnung in der göttlichen Hyper-Zeit. Da Gott permanent existiert, muss die Hyper-Zeit sich in beide Richtungen unendlich ausdehnen und unsere Zeit-Dimension muss von Gott zu einer Hyper-Zeit Tn erschaffen werden.

Aber eine solche metaphysische Extravaganz (deren Möglichkeit fraglich ist) löst nichts. Denn wenn Gott in der Hyper-Zeit existiert, dann ist er temporal, nicht atemporal, wenn auch in einer anderen temporalen Dimension, als wir sie erfahren.

Auch hier gibt es auf beiden Seiten der Debatte gewichtige Argumente über das Wesen der göttlichen Ewigkeit. Die christliche Tradition hat die göttliche Zeitlosigkeit bevorzugt, aber der Konsens geht neuerdings ganz deutlich in Richtung einer göttlichen Omnitemporalität. Da unser Interesse vergleichender Natur ist, können wir auch diese Debatte ungelöst lassen.

Auf der Grundlage der Unterscheidungen, die wir getroffen haben, scheint es vier mögliche Optionen für das Problem von Gott und Zeit zu geben (Abb. 3).

 

Abb. 3: Optionen für Gott und die Zeit.

Die erste Frage, die sich stellt, ist, ob alle diese Optionen kohärent sind.

Nun scheinen die Optionen (2) und (3) prima facie kohärent zu sein. Nach (2) existiert die gesamte vierdimensionale Raumzeit-Mannigfaltigkeit als ein Ganzes. Zeit ist nur eine interne Dimension der Mannigfaltigkeit, welche die Ereignisse und Momente nach zeitlos temporalen Beziehungen ordnet. Aber der Raumzeit-Block selbst existiert zeitlos. Deshalb ist leicht zu sehen, wie Gott mit dem Universum zeitlos koexistieren könnte. Das Universum ist ontologisch von Gott abhängig, obwohl es mit ihm zusammen ewig ist. Eine solche Auffassung kann denjenigen theologisch anfechtbar erscheinen, die der Meinung sind, dass eine zeitlose Person unmöglich ist und auf jeden Fall religiös nicht in Frage kommt; aber dies ist ein Einwand gegen göttliche Atemporalität per se, nicht gegen ihre Kohärenz mit einer B-Theorie der Zeit.

Auch die in Option (3) vorgeschlagene Kombination göttlicher Temporalität und einer A-Theorie der Zeit scheint klar. Auch hier kann die Behauptung, dass Gott temporal ist, einigen Theologen als inakzeptabel erscheinen, weil dann göttliche Einfachheit und Unveränderlichkeit im Blick auf Gottes sich änderndes Wissen (z.B. darüber, was gerade jetzt geschieht) und sich ändernde Bezüge (z. B. dass er die Teilung des Roten Meeres bewirkt) aufgegeben werden müssen. Aber das ist ein Einwand gegen göttliche Temporalität als solche, nicht gegen die Kohärenz göttlicher Temporalität mit der A-Theorie. Nach dieser Auffassung gibt es eine objektive Gegenwart, in der Gott existiert, und er erfährt den phänomenalen Fluss der Zeit, während die Welt ein reales, temporales Werden erfährt. Es wurde der Einwand erhoben, dass eine solche Auffassung nicht mit dem göttlichen Vorauswissen zukünftiger Kontingenzen zu vereinbaren ist. Aber A-Theoretiker sind in keiner Weise verpflichtet, das Prinzip der Bivalenz für zukünftige kontingente Behauptungen zu leugnen (eine äußerst problematische und somit selten verteidigte Position), und es gibt keinen guten Grund anzunehmen, dass die Wahrheit solcher Behauptungen oder Gottes Vorauswissen darüber in irgendeiner Weise die menschliche Freiheit beeinträchtigt. [2] Somit bleibt die Kombination göttlicher Temporalität mit einer A-Theorie der Zeit eine reale Option.

Andererseits sind die Optionen (1) und (4) in fragwürdiger Weise kohärent. Option (1) ist offensichtlich die problematischere durch die Art und Weise, wie sie eine zeitliche Theorie der Zeit mit Gottes Zeitlosigkeit zu verbinden sucht. Denn wenn Gott wirklich in einer kausalen Beziehung zur Welt steht und temporales Werden real ist, dann ist außerordentlich schwer zu sehen, warum Gott sich in seinen Bezügen zur Welt nicht ständig ändern sollte und somit temporal wäre. Thomas von Aquin erkannte dieses Problem und berief sich zur Lösung des Problems auf die Lehre, dass Gott keine realen Beziehungen zu Geschöpfen unterhält, eine Lösung, die ebenso verzweifelt wie unplausibel erscheint. Einige zeitgenössische Denker haben das Problem dadurch zu lösen versucht, dass sie eine ewig-temporale Gleichzeitigkeitsbeziehung entwarfen; aber dieser Versuch wurde weithin als nichtssagend oder als Zirkelschluss verworfen. Außerdem verlangt Option (1), dass es zeitliche Fakten gibt wie: „Richard Löwenherz leitete den Dritten Kreuzzug“, die einem allwissenden Gott bekannt sein müssen. Gott kann solche Fakten aber nicht wissen, ohne sich selbst temporal zu verorten (in diesem Fall nach dem Dritten Kreuzzug), was mit der göttlichen Zeitlosigkeit nicht zu vereinbaren ist. Bestenfalls könnte eine zeitlose Gottheit solche zeitlosen Fakten wissen wie: „Richard Löwenherz leitet den Dritten Kreuzzug im Jahr 1192“, was aber bedeuten würde, dass Er nicht weiß, ob König Richard seinen Feldzug schon angetreten hat.

Option (4) ist eher bizarr als inkohärent und wird deshalb in Diskussion über göttliche Ewigkeit fast ausnahmslos ignoriert. Wenn die vierdimensionale Raumzeit-Mannigfaltigkeit zeitlos existiert, scheint es ungeschickt zu behaupten, dass Gott nicht ebenfalls zeitlos ist, sondern in der temporalen Dimension verortet ist und sich als ein eindimensionaler „Wurm“ (beruhend auf der Annahme göttlicher Körperlosigkeit) entlang dieser Dimension erstreckt. Man könnte denken, dass eine solche Auffassung mit der ontologischen Abhängigkeit der Welt von Gott unvereinbar ist, aber es gibt keinen erkennbaren Grund, warum die Raumzeit-Mannigfaltigkeit nicht sozusagen von innen hervorgebracht werden könnte, statt von außen. Das gravierende Problem bei dieser Auffassung ist: Wenn (was plausibel erscheint) die B-Theorie der Zeit einschließt, dass Größen mit temporaler Ausdehnung aus temporalen Teilen zusammengesetzt sind (siehe dazu nachfolgenden Begriff), dann ist Gott entweder keine Person (wenn er der gesamte eindimensionale Wurm ist) oder er ist zu verschiedenen Zeiten nicht dieselbe Person (wenn er ein Segment oder ein temporaler Teil des Wurms ist). Außerdem muss Gott, um zeitlich zu handeln, bei einer solchen Auffassung zeitliche Überzeugungen haben wie „Christus ist gerade auf dem Weg nach Golgatha“, und es fällt schwer, seine kognitive Vollkommenheit mit einer solch illusorischen Sicht der Realität zu vereinbaren.

Nach dieser Analyse ist die A- oder B-Theorie der Zeit ebenso denkbar wie göttliche Temporalität oder Zeitlosigkeit. Göttliche Zeitlosigkeit lässt sich ganz natürlich mit einer B-Theorie der Zeit verbinden, während eine A-Theorie der Zeit einzuschließen scheint, dass Gott, wenn er existiert, jetzt existiert, d. h. temporal ist.

Die Eschatologie

Die Eschatologie, schließlich, beschreibt das Geschick der räumlich-zeitlichen Welt und ihrer menschlichen Bewohner. Obwohl das Wort bei manchen Theologen wenig mehr bedeutet als „theologisch sinnträchtig“, ist eine solche ent-temporalisierte Sprache etymologisch nicht gerechtfertigt und steht in keinem Zusammenhang mit dem traditionellen Sprachgebrauch. Als Lehre von den letzten Dingen ist die Eschatologie ein inhärent temporaler Begriff. Er beschäftigt sich mit der Geschichte der Menschheit und des Universums in der später-als- Richtung.

Eschatologie ist nicht mehr ausschließlich ein Thema der Theologie, sondern ist in den letzten ungefähr 25 Jahren auch zu einem neuen Zweig der Kosmologie (dem Studium der großangelegten Struktur und Geschichte des Universums) entwickelt, als eine Art Spiegelbild der Kosmogonie, jenem Zweig der Kosmologie, der sich mit dem Studium des Ursprungs des Universums beschäftigt. Nicht, dass die Zukunft des Universums seiner Vergangenheit gleichen wird; alles andere als das. Aber so wie eine physikalische Kosmogonie zeitlich zurückschaut, um die Geschichte des Kosmos anhand von Spuren der Vergangenheit und anhand der Naturgesetze nachzuerzählen, so blickt die physikalische Eschatologie zeitlich voraus, um die Zukunft des Kosmos anhand der gegenwärtigen Bedingungen und der Naturgesetze vorauszusagen. Die physikalische Eschatologie zeichnet ein sehr düsteres und völlig anderes Bild der Zukunft als die theologische Eschatologie. Geht man von den aktuellen wissenschaftlichen Evidenzen aus, sieht das wahrscheinlichste Szenario so aus, dass das Universum sich ewig weiter ausdehnen wird. Während es dies tut, werden die Sterne allmählich verlöschen und die Galaxien dunkel werden. Etwa 1015Jahre nach dem Urknall wird der größte Teil der Baryonischen Masse des Universums aus degenerierten stellaren Objekten wie braunen Zwergen, weißen Zwergen, Neutronensternen und schwarzen Löchern bestehen. Die Elementarteilchenphysik lässt vermuten, dass nach etwa 1037 Jahren die Protonen zu Elektronen und Positronen zerfallen und den Raum mit einem so stark verdünnten Gas füllen werden, dass die Distanz zwischen zwei Partikeln etwa die Größe der gegenwärtigen Galaxie ausmachen wird. Nach etwa 10100 Jahren, zum Beginn der sogenannten Dunklen Ära, werden vielleicht die schwarzen Löcher selbst verschwunden sein. Die Masse des Universums wird nur noch ein kaltes, dünnes Gas von Elementarteilchen und Gravitation sein und sich ständig weiter verdünnen, während sie sich in die unendliche Dunkelheit ausdehnt, ein Universum in Trümmern.

Das ist in der Tat ein düsteres Bild; doch wie Freeman Dyson uns in Erinnerung gerufen hat, unterliegen die Voraussagen der physikalischen Eschatologie dem Vorbehalt, dass keine intelligenten Akteure in die voraussichtlichen natürlichen Prozesse eingreifen werden. [3] Wenn intelligente Wesen fähig sind, die natürlichen Prozesse wesentlich zu manipulieren, dann könnte die tatsächliche Zukunft des Kosmos ganz anders aussehen als bei der Trajektorie, die aufgrund der Gesetze und der gegenwärtigen Bedingungen vorausgesagt wird. Dysons eigener Versuch, ein Szenario zu entwerfen, bei dem immanente Akteure die Auslöschung abwenden könnten, ist fraglos verzweifelt und unplausibel. [4]Doch warum sollten wir unsere Aufmerksamkeit auf immanente Akteure beschränken? Theisten glauben an die Existenz eines intelligenten Wesens, das der Schöpfer des Raumzeit-Universums ist und die Gesetze der physikalischen Schöpfung transzendiert. Aus christlicher Sicht wird Gott das Ende der Menschheitsgeschichte und des gegenwärtigen Kosmos zu der Zeit herbeiführen, die er für richtig hält (Mk 14,32; Mt 24,43; 1 Thess 5,2; Heb 1,10-12; 2 Pet 3,10; Off 3,3). Er wird nicht zulassen, dass die Ereignisse, die aufgrund gegenwärtiger Trends vorausgesagt werden – wie die Auslöschung der Menschheit –, auch nur in der relativ nahen Zukunft auftreten werden, ganz zu schweigen von Ereignissen der unermesslich fernen Zukunft wie einer stellaren Auslöschung oder einem Protonenzerfall. Bevor diese Ereignisse stattfinden können, wird Gott handeln, um die Menschheitsgeschichte zu beenden und neue Himmel und eine neue Erde einzuleiten (1. Kor 15,51-52; 1 Thess 4,15-17; Offenbarung 21,1).

Dies impliziert, dass die Ergebnisse der physikalischen Eschatologie bestenfalls Projektionen des zukünftigen Verlaufs der Ereignisse sind und keine tatsächlichen Beschreibungen. Sie sagen uns mit annähernder Genauigkeit, was geschehen würde, wenn keine intelligenten Akteure eingreifen. Somit sind die Ergebnisse der physikalischen Eschatologie keineswegs unvereinbar mit der christlichen Eschatologie, da zu diesen Ergebnissen implizite ceteris paribus-Bedingungen in Bezug auf das Handeln intelligenter Akteure gehören, Gott eingeschlossen.

Natürlich könnten physikalische Eschatologen fragen, ob es irgendeinen Grund gibt, die Hypothese eines transzendenten, intelligenten Akteurs ernstzunehmen, der die nötige Macht über den Verlauf der Natur besitzt, um die vorausberechneten Trajektorien der physikalischen Eschatologie zu beeinflussen. Interessanterweise liefert die physikalische Eschatologie selbst eine Grundlage, um eine solche Hypothese ernstzunehmen. Schon mit der Formulierung des Zweiten Gesetzes der Thermodynamik im 19. Jahrhundert erkannten die Wissenschaftler, dass die Anwendung des Gesetzes auf das Universum insgesamt (das nach naturalistischen Annahmen ein gigantisches geschlossenes System ist, denn es ist alles, was existiert) eine düstere eschatologische Schlussfolgerung beinhaltet: Bei genügender Zeit würde das Universum irgendwann einen Gleichgewichtszustand erreichen und den Hitzetod erleiden. Aber diese scheinbar feste Prognose warf eine noch tiefer gehende Frage auf: Wenn das Universum bei genügender Zeit den Hitzetod erleidet, warum ist es dann – wenn es ewig existiert, wie die Naturalisten annahmen – nicht jetzt in einem Zustand des Hitzetodes? Wenn das Universum nach einer endlichen Zeitdauer unweigerlich ein Gleichgewicht erreicht, von dem aus keine weitere Veränderung physikalisch möglich ist, dann sollte es inzwischen schon im Gleichgewicht sein, wenn es seit unendlicher Zeit existiert hat.

Das Aufkommen der Relativitätstheorie und ihrer Anwendung auf die Kosmologie änderte die Gestalt des eschatologischen Szenarios, das aufgrund des Zweiten Gesetzes der Thermodynamik vorausgesagt wurde, wirkte sich aber nicht wesentlich auf die fundamentale Frage aus. Geht man von der Annahme aus, dass es keine positive kosmologische Konstante gibt, welche die Ausdehnung des Universums antreibt, wird diese Expansion sich mit der Zeit verlangsamen. Somit ergeben sich radikal verschiedene eschatologische Szenarien. Wenn die Dichte des Universums einen bestimmten kritischen Wert überschreitet, wird der innere Sog der eigenen Schwerkraft des Universums irgendwann die Kraft der Ausdehnung übersteigen und das Universum wird in einem feurigen Kollaps in sich selbst zusammenfallen. Es gibt keine bekannte Physik, nach der das Universum vor einer letzten Singularität zu einer neuen Expansion zurückprallen oder durch die Singularität hindurch in einen nachfolgenden Zustand übergehen könnte. Wenn dagegen die Dichte des Universums gleich hoch oder geringer ist als der kritische Wert, dann wird die Schwerkraft die Expansionskraft nicht übersteigen und das Universum wird sich mit immer langsamerer Geschwindigkeit ausdehnen. Da das Volumen des Raumes ständig wächst, wird das Universum tatsächlich nie ein Gleichgewicht erreichen, da es immer noch mehr Raum für die Erzeugung von Entropie gibt. Nichtsdestoweniger wird das Universum zunehmend kalt, dunkel, verdünnt und tot werden.

Neueste Entdeckungen bieten eine starke Evidenz dafür, dass es effektiv eine positive kosmologische Konstante gibt, welche bewirkt, dass die kosmische Expansion sich beschleunigt, statt sich zu verlangsamen. Paradoxerweise, da das Volumen des Raumes sich exponentiell erhöht und somit mehr Raum für weitere Entropie-Erzeugung bietet, entfernt das Universum sich in Wirklichkeit mit der Zeit immer weiter von einem Gleichgewichtszustand. Aber die wachsende Geschwindigkeit beschleunigt zusätzlich die Desintegration des Universums in zunehmend isolierte Materialteilchen, die nicht länger mit ähnlichen isolierten Überbleibseln des Kosmos kausal verbunden sind.

Dieselbe pointierte Frage, die klassische Physiker aufgeworfen haben, bleibt somit bestehen: Warum ist das Universum, wenn es ewig existiert hat, nicht jetzt in einem kalten, dunklen, verdünnten und leblosen Zustand? Wenn man den Schluss umgehen will, dass die Annahme, auf welcher die Frage basiert – nämlich, dass das Universum ewig existiert hat – falsch ist, dann muss man einen wissenschaftlich plausiblen Weg finden, die Ergebnisse der physikalischen Eschatologie aufzuheben, um zu ermöglichen, dass das Universum in seinen jungen Zustand zurückkehrt.

Doch es zeichnet sich kein realistisches und plausibles Szenario ab. Andrei Linde hat ein zukünftig-ewiges inflationäres Modell vorgeschlagen, bei dem die Inflation ad infinitum Inflation erzeugt, und er hat einmal vorgeschlagen, dass ein solches Modell unendlich in die Vergangenheit ausgedehnt werden könnte, mit dem Ergebnis, dass der Anfang des Universums abgewendet würde. Aber man hat gezeigt, dass zukünftig-ewige inflationäre Raumzeiten nicht vergangen-ewig sind können: Sie müssen anfängliche Singularitäten und somit einen Anfang des Universums einschließen. [5] In jedem Fall gibt es keinen Grund zu denken, dass eine weitere Inflation die Implikationen des Zweiten Hauptsatzes abwenden oder zur Wiederherstellung eines jungen Universums dienen könnte. Im Gegenteil: Eine weitere Inflation würde dazu führen, Sterne und Galaxien im Universum zunehmend zu isolieren, bis sie aufhören, in kausalem Kontakt miteinander zu sein, und somit verschwinden.

Es wurde vorgeschlagen, dass das Universum einen Quantentunneleffekt durchlaufen und so in einen radikal neuen Zustand übergehen könnte. Wäre das Universum zum Beispiel gegenwärtig in einem falschen Vakuumzustand, dann könnte es schließlich in einen Vakuumzustand niedrigerer Energie durchtunneln. Beim Durchlaufen eines solchen Phasenübergangs würden sich alle Werte der physikalischen Konstanten ändern und ein völlig neues Universum würde entstehen. Nun, selbst wenn ein solcher Übergang stattfinden würde, wäre die Wahrscheinlichkeit, dass die Werte aller Konstanten in die unvorstellbar enge Bandbreite fallen würden, die Leben ermöglicht, verschwindend gering (ein Hauptpunkt bei Diskussionen über kosmische Feinabstimmung). Daher ist höchst unwahrscheinlich, dass unsere gegenwärtige, Leben ermöglichende Konstellation physikalischer Konstanten das Zufallsergebnis eines solchen Phasenübergangs von einem höherstufigen Vakuumzustand vor etwa 13 Milliarden Jahren ist. Schlimmer noch: Wenn es überhaupt eine Wahrscheinlichkeit ungleich Null gibt, dass ein solcher meta-stabiler Zustand zu einem richtigen Vakuumzustand durchtunneln würde, dann hätte dies bei einer unendlichen Vergangenheit schon vor unendlich langer Zeit geschehen müssen und nicht erst vor rund 13 Milliarden Jahren. Doch dann wird wieder unerklärlich, warum das Universum nicht bereits tot ist.

Auch Spekulationen, dass unser Universum zukünftige „Baby-Universen“ erzeugen könnte, wurden in eschatologischen Diskussionen in Umlauf gebracht. Es wird vermutet, dass schwarze Löcher Portale von Wurmlöchern sein könnten, durch welche Blasen mit falscher Vakuumenergie durchtunneln und neue expandierende Baby-Universen erzeugen können, deren Nabelschnüre zu unserem Universum vielleicht irgendwann abreißen, wenn die Wurmlöcher sich schließen, sodass das Baby-Universum eine unabhängig existierende Raumzeit erhält. Könnte dieses eschatologische Szenario in die Vergangenheit extrapoliert werden, sodass unser Universum eines der Baby-Universen ist, das durch ein Mutteruniversum oder eine unendliche Reihe von Vorgängern erzeugt wurde? Offenbar nicht, denn während solche Baby-Universen externen Beobachtern als schwarze Löcher erscheinen, sieht ein Beobachter im Baby-Universum selbst den Urknall als weißes Loch, das Energie ausstößt. Doch dies steht in scharfem Kontrast zu unserer Beobachtung des Urknalls als eines Ereignisses niedriger Entropie mit stark eingeschränkter geometrischer Struktur. Und wie schon gesagt, ist unklar, was die unendliche Sequenz kosmischer Abkömmlinge vor den Konsequenzen des Zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik rettet.

Wenn solche spekulativen Mutmaßungen sich nicht empfehlen, bleibt uns nur die Hypothese, dass der Urknall den absoluten Anfang des Universums darstellt, genau wie er in Standardmodellen des Urknalls den Anfang bildet; und der Zustand niedriger Entropie wurde einfach als ein anfänglicher Zustand gesetzt.

An diesem Punkt werden Theorien der Zeit entscheidend. Wenn wir von einer A-Theorie der Zeit ausgehen, nach der temporales Werden real ist, dann hat die Schlussfolgerung, dass das Universum einen Anfang hatte, tiefe metaphysische Bedeutung. Nach einer B-Theorie der Zeit ist der Anfang des Universums nicht wichtiger als sein Ende, denn dass das Universum einen Anfang (oder ein Ende) hat, bedeutet einfach für den vierdimensionalen, zeitlos existierenden Raumzeit-Block, in einer bestimmten Richtung endlich zu sein und einen Rand zu haben (wenn sein Endpunkt eine Singularität ist). Doch nach einer A-Theorie der Zeit ist der Anfang des Universums der Punkt, an dem das Universum buchstäblich in Existenz kam. Das Universum geht nicht aus dem Nichts in etwas über; es kommt vielmehr absolut in Existenz. Doch wenn etwas metaphysisch unmöglich erscheint, dann dass etwas ohne eine Ursache absolut in Existenz kommen kann. Seiendes kommt nur aus Seiendem. Es muss deshalb vor dem Urknall eine kausal vorherige (wenn nicht temporal vorherige) außerweltliche Ursache des Universums geben.

Eine solche Ursache muss den physikalischen Raum und die physikalische Zeit transzendieren und deshalb immateriell sein, nicht physisch. Da die einzigen immateriellen Größen, die wir kennen, entweder ein Geist [6]  oder abstrakte Objekte (wie Zahlen) sind und da letztere nicht in kausalen Beziehungen stehen, ist es plausibel, dass die Ursache des Universums ein nicht-körperlicher Geist oder eine nicht-körperliche Person ist, die das Universum erschuf. So liefert die physikalische Eschatologie selbst – in Verbindung mit einer A-Theorie der Zeit – eine Grundlage, an die Existenz eines genau solchen Wesens zu glauben, das fähig ist, die Projektionen der physikalischen Eschatologie zu ändern.

Der Naturalist mag darauf beharren, dass wir keinen guten Grund haben zu meinen, dass der personale Schöpfer in die natürliche Welt eingreifen würde, um die Konsequenzen abzuwenden, zu denen das Universum neigt. Doch die christliche Eschatologie ist unauflöslich mit der Person des Jesus von Nazareth verbunden: Seine leibliche Auferstehung ist der Vorbote nicht nur unserer eigenen eschatologischen Auferstehung, sondern auch einer Art kosmischer Auferstehung (Röm 8,19-23). Die christliche eschatologische Hoffnung beruht also auf der historischen Realität der Auferstehung Jesu.

Außerhalb des Fachgebiets neutestamentlicher Forschung wird vielleicht nicht gewürdigt, wie beeindruckend die historischen Belege für dieses bemerkenswerte Ereignis sind. [7] Heute ist die Mehrheit der neutestamentlichen Historiker, die über dieses Thema geschrieben haben, sich einig, 1) dass Jesus von Nazareth unter römischer Herrschaft durch Kreuzigung hingerichtet wurde; 2) dass der Leichnam Jesu dann durch Joseph von Arimathäa, einem Mitglied des jüdischen Sanhedrin, in ein Grab gelegt wurde; 3) dass eine Gruppe seiner weiblichen Nachfolger das Grab Jesu am Sonntagmorgen nach der Kreuzigung leer vorfand; 4) dass danach verschiedene Einzelpersonen und Gruppen unter vielfältigen Umständen Erscheinungen des lebendigen Jesus erlebten; und 5) dass die ersten Jünger trotz ihrer starken Veranlagung, das Gegenteil zu glauben, plötzlich und aufrichtig zu dem Glauben kamen, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hatte. Diese Punkte sind zwar keineswegs unumstritten, aber sie entsprechend nichtsdestoweniger der Mehrheitsauffassung.

Nun bleibt die Frage, wie diese Tatsachen am besten zu erklären sind. Wir haben Gründe gesehen zu denken, dass ein transzendenter, personaler Schöpfer des Universums existiert. In diesem Licht lässt sich plausibel argumentieren, dass die Auferstehungshypothese (nämlich: „Der Gott Israels erweckte Jesus von den Toten auf“), wenn man sie nach solchen Standardkriterien wie Aussagekraft, Reichweite, Plausibilität der Erklärung usw. beurteilt, sich als die beste Erklärung herausstellt. [8] Wenn das der Fall ist, dann lässt sich die Perspektive einer eschatologischen Rückkehr Christi, um das Reich Gottes völlig – mit einem neuen Himmel und einer neuen Erde – einzuläuten, nicht als bloßer Mythos abtun.

Die Plausibilität der christlichen Eschatologie vis-à-vis mit den Projektionen der physikalischen Eschatologie ist also inhärent mit der eigenen Ontologie verbunden. Wenn es, wie die physikalische Eschatologie selbst andeutet, einen personalen, transzendenten Akteur gibt, der das Universum mit allen seinen Naturgesetzen und Grenzbedingungen schuf, und wenn dieser Akteur Jesus von Nazareth von den Toten auferweckt hat, der seine eschatologische Rückkehr versprochen hat, dann ist es eminent rational, die „selige Hoffnung“ der christlichen Eschatologie zu nähren und dabei die Ergebnisse der physikalischen Eschatologie als mehr oder weniger genaue Projektionen auf der Grundlage der gegenwärtigen Konditionen zu akzeptieren.

Die Zeit, die Ewigkeit und die Eschatologie

Wir haben schon gesehen, dass Theorien der Zeit sich in entscheidender Weise mit Theorien der göttlichen Ewigkeit und mit der Kosmogonie kreuzen. Dies ist auch bei der Eschatologie der Fall, insbesondere bei der physikalischen Eschatologie. Infolge der anti-metaphysischen Vorurteile des Positivismus mit seiner verifikationistischen Bedeutungstheorie, und der naturalistischen Epistemologie von W. V. O. Quine, nach der die Ergebnisse der physikalischen Wissenschaften die Realität bestimmen, gehen zeitgenössische Physiktheoretiker und Zeitphilosophen von der nahezu unbestrittenen Annahme aus, dass Zeit diejenige Quantität ist, die unter diesem Namen in der Physik untersucht wird. Doch bei einem Überblick über Zeitkonzepte in verschiedenen Bereichen der Physik hat Carlo Rovelli herausgestellt, wie wenig die physikalischen Zeitkonzepte dem intuitiven Zeitbegriff gleichen und wie sehr sie sich unterscheiden, wenn man sie miteinander vergleicht. [9] Er zählt acht Merkmale auf, die allgemein mit Zeit in Verbindung gebracht werden:

1. Eindimensional: Zeit lässt sich als eine Ansammlung von Momenten denken, die auf einer eindimensionalen Linie angeordnet werden können.

2. Metrisch: Zeitintervalle lassen sich messen, sodass von zwei Intervallen gesagt werden kann, dass sie von gleicher Dauer sind.

3. Zeitlich global: die reale Variable t, die wir als Bezeichnung für das Zeitmaß benutzen, durchläuft jeden realen Wert von -Unendlichkeit bis +Unendlichkeit.

4. Räumlich global: Die Zeitvariable t kann an allen Punkten des Raumes eindeutig definiert werden.

5. Extern: Der Zeitfluss ist unabhängig von der spezifischen Dynamik der Objekte, die sich in der Zeit bewegen.

6. Einzig: Es gibt nicht viele Zeiten, sondern einfach die Zeit.

7. Direktional: Es ist möglich, die vergangene von der zukünftigen Richtung der Zeitlinie zu unterscheiden.

8. Gegenwärtig: Es existiert immer ein bevorzugter Moment der Zeit, das Jetzt.

Rovelli bietet dann die folgende Tabelle, um die Verschiedenheit der physikalischen Zeitkonzepte zu veranschaulichen (Abb. 4).

 

Abb. 4: Das Konzept der Zeit in verschiedenen Bereichen der Physik im Vergleich zum allgemein üblichen Konzept.

Dieses Fehlen eines einheitlichen Konzepts sollte schon aufzeigen, dass das, womit wir es in der Physik zu tun haben, nicht die Zeit selbst ist, sondern physikalische Quantitäten, die als Stellvertreter oder als Maße der Zeit dienen und je nach Bereich verschieden sind.

Dass Temporalität nicht inhärent mit dem Auftreten physikalischer Ereignisse verbunden ist, zeigt sich an der Tatsache, dass schon eine Abfolge mentaler Ereignisse für eine temporale Reihe ausreicht. Würde also Gott (oder ein Engel) bis zur Schöpfung herunterzählen – „…, 3, 2, 1, fiat lux!“ – dann würde diese Sequenz mentaler Ereignisse für eine temporale Reihe ausreichen, bei völliger Abwesenheit eines physikalischen Raumes und einer physikalischen Zeit und tatsächlich buchstäblich vor dem Beginn der physikalischen Zeit. In einem solchen Fall würde eine metaphysische Zeit existieren, von der die physikalische Zeit nur das Maß ist. Zeit selbst könnte sich somit über den Urknall und den Kollaps hinaus erstrecken, obwohl diese den Anfang beziehungsweise das Ende der physikalischen Zeit kennzeichnen. [10]

Durch die Frage nach einem Anfang und einem Ende der Zeit wird ein weiterer Mangel einer rein physikalischen Eschatologie aufgedeckt: Sie hat keine Grundlage für die Asymmetrie der Zeit. Die Asymmetrie der Zeit besteht aus der Anisotropie und der Orientierung der Zeit. Eine Reihe kann anisotrop sein – das heißt, in verschiedene Richtungen variieren – ohne orientiert zu sein. Eine Reihe von Bällen, die nach ihrer Größe angeordnet sind, ist zum Beispiel anisotrop, da sie anhand der Beziehungen kleiner als und größer als angeordnet ist; aber einer solchen Reihe fehlt jede Orientierung oder Ordinalstruktur, und somit fehlt eine intrinsische Richtung. Im Gegensatz dazu ist Zeit sowohl anisotrop als auch orientiert, da sie nach den Beziehungen früher als/später als angeordnet ist, was nicht nur Momente unterscheidbar macht, sondern der Zeit auch eine Richtung verleiht (den „Zeitpfeil“).

Physikalische Eschatologie ist von ihrem Wesen her der Asymmetrie der Zeit verpflichtet, denn das Eschaton ist der Zustand, der zuletzt kommt, nicht zuerst. Physikalische Eschatologie untersucht unsere zukünftige kosmische Entwicklung, nicht unsere Vergangenheit, welche Gegenstand der Kosmogonie ist. Aber welche Grundlage gibt es in rein physikalischen Zuständen, die eine solche Differenzierung rechtfertigen? Sehr viel Tinte ist bei dem Versuch geflossen, die Asymmetrie der Zeit durch physikalische Prozesse zu begründen, wie zum Beispiel steigende Entropie oder die Ausdehnung des Universums. Aber alle Versuche dieser Art lassen die entscheidende Frage offen, indem sie voraussetzen, was sie zu begründen behaupten. Schon die Aussagen, dass die Entropie in einem geschlossenen System zunimmt oder dass das Universum sich ausdehnt, setzen voraus, dass früher als- und später als-Richtungen bereits existieren, in denen diese Prozesse auftreten. Das Universum lässt eine physikalische Anisotropie daran erkennen, dass seine physikalische Beschreibung sich zu verschiedenen Zeiten unterscheidet. Aber diese Anisotropie bietet keine Rechtfertigung für die Aussage, dass der Urknall zuerst kommt und beispielsweise der Kollaps zuletzt, und nicht umgekehrt. Eine Berufung auf den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik ist belanglos, denn es gibt keine physikalische Rechtfertigung, die Richtung der Entropie-Zunahme „später“ statt „früher“ zu nennen. Die Feststellung solcher Gesetze oder de facto-physikalischer Asymmetrien setzt die Asymmetrie der Zeit schon voraus, statt sie zu begründen. Zu denken, dass die Zustände des Universums aufgrund der physikalischen Anisotropie temporal asymmetrisch sind, bedeutet, sich wie der geistig umnachtete Zimmermann zu verhalten, der die Hälfte seiner Nägel wegwirft, weil er denkt, dass der Nagelkopf sich am falschen Ende befindet!

Wenn also die physikalische Eschatologie überhaupt einen Sinn ergeben soll, muss die Disziplin in der Natur der Zeit selbst begründet sein. Hier bieten die A- und B-Theorien der Zeit interessanterweise unterschiedliche Perspektiven zur Eschatologie. A-Theoretiker begründen die Asymmetrie der Zeit durch die Objektivität des temporalen Werdens, was der Zeit durch die Unmöglichkeit eines rückwärtsgerichteten Werdens eine eindeutige Orientierung gibt. Früher als/später als-Beziehungenlassen sich durch die Ordinalbegriffe erstens geschehen/zweitens geschehen oder durch die Tempora der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft reduktiv analysieren. So macht die A-Theorie der Zeit Eschatologie zu einem sinnvollen Begriff.

Eschatologie ist auch bei der B-Theorie sinnvoll, da auch diese Theorie temporale Asymmetrie bekräftigt, wenn auch ohne Tempus oder temporales Werden. Aber hier stellt sich die Frage, ob die B-Theorie die metaphysischen Mittel für die Realität der Asymmetrie der Zeit hat, die sie bekräftigt. Da temporale Asymmetrie nicht durch physikalische Anisotropien begründet werden kann, scheint die B-Theorie nur grundlos zu behaupten, dass die zeitlos ordnenden Beziehungen zwischen Ereignissen wirkliche temporale Beziehungen sind. Die meisten B-Theoretiker betrachten die Früher als/später als-Beziehungeneinfach ohne weitere Begründung alsPrimitiva der Theorie. Da der A-Theoretiker diese Beziehungen jedoch durch die Realität temporaler Prozesse begründen kann, scheint die Behauptung der Asymmetrie der Zeit durch B-Theoretiker eher auf Diebstahl statt auf ehrlicher Arbeit zu beruhen. Angesichts der ontologischen Parität aller Ereignisse und der illusorischen Natur des Tempus nach der B-Theorie, kann man sich nur schwer dem Eindruck entziehen, dass die Ontologie des B-Theoretikers tatsächlich zeitlos ist. Aus diesem Grund haben einige Eternalisten die Asymmetrie der Zeit glatt geleugnet und die Ansicht vertreten, dass Zeit völlig isotrop und richtungslos ist. Objektiv gesprochen gibt es keinen Anfang und kein Ende des Universums, sondern nur Endpunkte des Universums, und welcher als „anfänglicher“ oder als „letzter“ bezeichnet wird, ist völlig willkürlich. Bei einer solchen Auffassung der „Zeit“ gibt es streng genommen überhaupt keinen Platz für Eschatologie.

Es gibt andere Arten und Weisen, wie sich die Theorie der Zeit, die man vertritt, auf die eigene Eschatologie auswirkt. Wenn zum Beispiel eine A-Theorie der Zeit richtig ist, dann ist Gott plausibel temporal. Als solcher teilt der ewige Gott buchstäblich unsere Eschatologie, das heißt, obwohl er die Zukunft vorausweiß, sieht er wie wir den entsprechenden Ereignissen entgegen und wird sie erfahren, während sie geschehen. Wenn dagegen die B-Theorie göttliche Zeitlosigkeit beinhaltet, dann schließt die Wahrheit dieser Theorie ein, dass Gott selbst keine Eschatologie hat, denn er transzendiert temporale Prozesse. Für Ihn sind alle Ereignisse in der vierdimensionalen Raumzeit-Mannigfaltigkeit gleichermaßen real. Gott weiß zwar, dass bestimmte Ereignisse zeitlos später als bestimmte andere Ereignisse auf unseren jeweiligen Weltlinien lokalisiert sind, aber sie sind für Ihn sozusagen einfach „da“ und es kann nicht davon die Rede sein, dass er darauf wartet, dass sie geschehen, oder sie als gegenwärtig erfährt.

Einige Gegner der B-Theorie haben behauptet, dass die Theorie mit menschlicher Freiheit unvereinbar ist, da die Zukunft so real ist wie die Vergangenheit und somit darauf festgelegt – oder zumindest dazu vorgesehen – ist zu geschehen. Ein solcher Fatalismus würde die Bedeutung der Eschatologie untergraben, da alles notwendigerweise geschehen würde. Aber diese Behauptung beruht auf einem Missverständnis. Libertäre Freiheit verlangt die Abwesenheit eines Kausaldeterminismus, was manchmal als Freiheit der Gegensätze bezeichnet wird. Dass dies in keiner Weise durch die B-Theorie aufgehoben wird, zeigt sich an der Tatsache, dass die Theorie mit indeterministischer Quantenmechanik völlig kompatibel ist. Die Bedingungen, die bis zu einer Zeit t bestehen, legen nicht fest, was tatsächlich zu t geschieht, selbst wenn die Ereignisse zum oder nach dem Zeitpunkt t so real sind wie die Ereignisse vor t. Es ist auch nicht so, dass Ereignisse zum Zeitpunkt t nicht-kausal dazu „vorgesehen“ sind zu geschehen (wenn wir mit einer solchen Vorstellung überhaupt etwas anfangen können), denn die Realität der Konsequenzen unserer Entscheidungen zeigt nur, dass man nicht anders entscheiden wird, nicht, dass man nicht anders entscheiden kann. Wenn man anders entscheiden würde (wozu man absolut fähig ist), dann würden als Konsequenz dieser Entscheidungen andere Ereignisse in der Raumzeit lokalisiert sein. Somit kann man dem B-Theoretiker nicht zu Recht vorwerfen, die menschliche Freiheit zu untergraben.

Nichtsdestoweniger hat die B-Theorie andere Implikationen für die Eschatologie, die beunruhigend sind. Im Allgemeinen bekommt man bei einer B-Theorie eine weniger robuste Eschatologie als bei einer A-Theorie. Wenn es wirklich keine Zukunft gibt, dann erscheint auch die Eschatologie als eine Illusion. Bei einer eternalistischen Ontologie gibt es kein Werden, keine Realisierung, keine Verwirklichung von Dingen und Ereignissen. Das „noch nicht“, das für die Eschatologie eine so zentrale Rolle spielt, ist eine Illusion des menschlichen Bewusstseins. In ähnlicher Weise sind für den B-Theoretiker Aktivitäten wie Warten, Befürchten, Erhoffen und so weiter letztlich alle irrational, da temporales Werden illusorisch ist. Ereignisse sind an ihrem zeitlos temporalen Ort fixiert und in keiner Weise herannahend, so als wären sie anders zu betrachten als vergangene Ereignisse. Doch für eine existentiell bedeutsame Eschatologie sind solche Ideen wesentlich.

Das Problem des Bösen wird bei einer B-Theorie der Zeit besonders akut. Bei der A-Theorie der Zeit verschwindet das Böse, da es Teil der Vergangenheit ist, für immer aus der Schöpfung, sobald das Eschaton kommt. Doch bei einer eternalistischen Ontologie wird das Böse nie wirklich aus der Schöpfung beseitigt. Die Vernichtung des Bösen läuft nur darauf hinaus, dass spätere Teile des Raumzeit-Blocks frei vom Bösen sind. Aber die früheren, mit dem Bösen infizierten Teile existieren genauso robust wie die späteren Teile. Der Makel des Bösen haftet der Schöpfung unauslöschlich an. Was dies für die Kreuzigung und Auferstehung Christi bedeutet, ist besonders bedrückend. In gewisser Weise hängt Christus (oder zumindest dieser temporale Teil von ihm) permanent am Kreuz. Der Sieg der Auferstehung erscheint hohl, da der Tod und das Leid nie wirklich überwunden und beseitigt werden. Was für eine Art von Eschatologie ist das, die das Böse nicht aus dem Universum auslöschen kann?

Auch die B-Theorie hat problematische Implikationen für das göttliche Gericht. Das Problem entsteht hier durch die Auffassung darüber, wie die Dinge durch die Zeit hindurch bestehen. Endurantisten glauben, dass Objekte in der Zeit fortdauern, dass dasselbe Objekt, das zu t1 existiert, auch zu t2 existiert, dass materielle Objekte räumliche, aber keine temporalen Dimensionen haben, sodass sie ganz zu einer Zeit existieren. Perdurantisten glauben, dass Objekte sich in der Zeit erstrecken, dass sie sowohl temporale als auch räumliche Dimensionen haben, und dass sie deshalb temporale Teile oder Segmente haben. Nach dem Perdurantismus ist derjenige Teil eines temporal ausgedehnten Objekts, das zu t1 existiert, offensichtlich nicht derjenige Teil, der zu t2 existiert, denn sie haben verschiedene Eigenschaften, und deshalb verlangt das Prinzip der Ununterscheidbarkeit identischer Dinge, dass sie nicht-identisch sind.

Der Perdurantismus versteht die Personen, mit denen wir verkehren, als bloße Teile von ausgedehnten, räumlich-zeitlichen „Würmern“, die keine Personen sind, denn das gesamte ausgedehnte Objekt ist weder seiner selbst bewusst, noch ist es mit Freiheit, Intentionalität und ähnlichen Eigenschaften ausgestattet, die für Personalität wesentlich sind. Aber dann wird die eschatologische Lehre einer göttlichen Belohnung oder Bestrafung inkohärent. Denn die Person, die beim Gericht vor Gott erscheint, ist dann eine andere Person als diejenige, welche die gute Tat leistete oder das Verbrechen beging. Es wäre aber unmoralisch, eine Person zu loben oder anzuklagen, die die lobenswerte oder schuldhafte Tat nicht begangen hat. Wenn man alternativ an einen temporalen Teil denkt, der groß genug ist, um sowohl zur Zeit der Tat als auch zur Zeit des Gerichts lokalisiert zu sein, dann muss Gott auch einer unendlichen Zahl anderer kürzerer Teile Lob oder Tadel zusprechen, die wiederum beim Gericht, aber nicht bei der Tat anwesend sind, da der ausgedehnte Teil in alle kleineren Teile unterteilt werden kann, von denen jeder eine Person ist. So macht der Perdurantismus moralisches Lob und moralischen Tadel zu einer Farce.

Die B-Theorie scheint leider den Perdurantismus nach sich zu ziehen. Denn Objekte, die zu verschiedenen Zeiten existieren, haben eben aufgrund dieser Tatsache unterscheidbare Eigenschaften und können nicht identisch sein. Somit können Objekte nach einer eternalistischen Ontologie nicht durch die Zeit fortdauern. Einige B-Theoretiker haben dieser Schlussfolgerung entgegenzutreten versucht, indem sie eine Lehre namens Adverbialismus annahmen, nach welcher die Dinge nicht zu verschiedenen Zeiten verschiedene Eigenschaften haben; die Art, wie Dinge ihre Eigenschaften haben, wird vielmehr durch Daten modifiziert, z.B. hat John F. Kennedy die Eigenschaft, 1963lich ermordet zu werden. Dieser Versuch, den Perdurantismus zu umgehen, scheint jedoch Semantik und Ontologie zu vermischen. Semantisch wirken Tempora in Sätzen adverbial; doch eine ontologische Verpflichtung zu Tempora ist ein besonderes Merkmal der A-Theorie. Der B-Theoretiker hat in seiner Ontologie keinen Platz für Tempora, sodass die semantische Funktion von Daten als Adverbien irrelevant dafür ist, ob Dinge tatsächlich verschiedene Eigenschaften zu verschiedenen Zeiten (zeitlos) besitzen. Eine Eigenschaft 1963lich zu haben, ist bei einer eternalistischen Ontologie nicht anders, als eine Eigenschaft im Jahr 1963 zu haben. Wenn es also bei einer eternalistischen Ontologie fortdauernde Objekte gäbe, würde ein solches Objekt verschiedene Eigenschaften zu verschiedenen Zeiten besitzen, zum Beispiel 1960 zum Präsidenten gewählt werden und 1963 ermordet werden. Aber dann verlangt das Prinzip der Ununterscheidbarkeit identischer Dinge. dass die Person, die diese Eigenschaften besitzt, nicht dieselbe Person ist. Nach einer B-Theorie der Zeit ist es so, dass Objekte nicht durch die Zeit fortdauern, sondern anhaltend sind.

Der Perdurantismus macht nicht nur moralisches Lob und moralischen Tadel problematisch, sondern bringt für die Eschatologie eine weitere damit verbundene Schwierigkeit mit sich. [11] Nehmen wir an, dass Gott seine Entscheidung, eine Person in den Himmel zu lassen, davon abhängig macht, ob diese Person im Augenblick ihres Todes oder bei der Wiederkunft Christi in einem Zustand der Gnade ist. Gehen wir von Letzterem aus. Nehmen wir an, dass eine bestimmte Person im größten Teil ihres Lebens in einem Zustand der Gnade war, aber später vom Glauben abfiel, sodass sie bei der Wiederkunft Christi nicht mehr in einem Zustand der Gnade ist. Nach einer A-Theorie der Zeit existiert sie völlig zu diesem Moment und Gott urteilt über sie nach dem Zustand, in dem sie sich in diesem Moment befindet. Doch nach einer perdurantistischen Auffassung ist der temporale Teil des ausgedehnten Objekts, das bei der Wiederkunft Christi existierte, in keiner Weise gegenüber den früheren temporalen Teilen im Vorzug, die in einem Zustand der Gnade waren. Deshalb ist Gottes Urteil über diese Person aufgrund ihres letzten temporalen Teils (oder aber Gottes selektives Urteilen nur über Personen, die im letzten temporalen Teil der Raumzeit-Würmer sind) willkürlich und ungerecht. Somit scheinen die perdurantistischen Konsequenzen einer B-Theorie der Zeit verschiedene wichtige Aspekte der theologischen Eschatologie zu untergraben. [12]

(Übers.: M. Wilczek)
 

Bibliographie

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________. The Tensed Theory of Time: A Critical Examination. Synthese Library 293. Dordrecht: Kluwer Academic Publishers, 2000. Eine gründliche Untersuchung der Argumente für und gegen die A-Theory der Zeit.

________. The Tenseless Theory of Time: A Critical Examination. Synthese Library 294. Dordrecht: Kluwer Academic Publishers, 2000. Eine gründliche Untersuchung der Argumente für und gegen die B-Theory der Zeit.

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Sider, Theodore. Four-Dimensionalism: An Ontology of Persistence and Time. Oxford: Oxford University Press, 2001. Eine wichtige Verteidigung des Eternalismus durch einen führenden Vertreter.

 

  • [1]

    Einige Philosophen haben argumentiert, dass Vertreter einer A-Theorie der Zeit (wie in der Fortsetzung erklärt wird) nicht kohärent behaupten können, dass temporale Größen in Früher als/später als-Beziehungen stehen, da ein reiner A-Theoretiker glaubt, dass vergangene und zukünftige Größen nicht existieren; aber die große Mehrheit der Philosophen fand dieses Argument nicht überzeugend. Jedenfalls erkennen alle Disputanten an, dass temporale Größen von uns in einzigartiger Weise so erfahren werden, dass sie als zukünftig erwartet, als gegenwärtig erfahren und als vergangen erinnert werden.

  • [2]

    In der kürzlich wiederaufgenommenen Debatte über den theologischen Fatalismus geht es im Kern um die Frage, ob Kritiker des göttlichen Vorauswissens zukünftiger kontingenter Ereignisse in der Lage sind, einen Eindruck temporaler Notwendigkeit hervorzubringen, die (i) auf Aussagen über Gottes Annahmen über die Zukunft anwendbar ist, (ii) unter Folgebeziehung geschlossen ist, sodass dieselbe Notwendigkeit, welche die Vergangenheit charakterisiert, auf das zukünftige Ereignis übertragen wird, und (iii) mit libertärer Freiheit unvereinbar ist. Es ist niemandem gelungen, eine solche Erklärung zu entwerfen. Solange wir fähig sind, so zu handeln, dass Gottes Vorauswissen, sollten wir so handeln, anders gewesen wäre, stellt göttliches Vorauswissen keine Gefahr für zukünftige kontingente Ereignisse dar.

  • [3]

    Freeman J. Dyson, „Time without End: Physics and Biology in an Open Universe,“ Reviews of Modern Physics 51 (1979): 447.

  • [4]

    Siehe Lawrence M. Krauss und Glenn D. Starkman, „Life, the Universe, and Nothing: Life and Death in an Ever-Expanding Universe,“ Astrophysical Journal 531 (2000): 220-30.

  • [5]

    Siehe A. Borde und A. Vilenkin, „Eternal Inflation and the Initial Singularity,“ Physical Review Letters 72 (1994): 3305-08; A. Borde, A. Guth, und A. Vilenkin, „Inflation Is Not Past Eternal,“ http://arxiv1.library.cornell.edu/abs/gr-qc/0110012v1 (1 Oct 2001): 4.

  • [6]

    En. „mind“ – Anm. d. Übers.

  • [7]

    Siehe William Lane Craig, Assessing the New Testament Evidence for the Historicity of the Resurrection of Jesus (Lewiston 1989); N. T. Wright, the Resurrection of the Son of God

    (London: 5PCK, 2003).

  • [8]

    Zu einer anschaulichen Anwendung von drei Kriterien auf konkurrierende Hypothesen siehe William Lane Craig und Gerd Lüdemann, Jesus' Resurrection: Fact or Figment?, hrsg. von Paul Copan und Ronald Tacelli (Downer's Grove, Ill.: Inter-Varsity Press, 2000).

  • [9]

    Carlo Rovelli, „What Does Present Days [sic] Physics Tell Us about Time and Space?“, Vorlesung während der jährlichen Vorlesungsreihe des Center for Philosophy of Science der Universität von Pittsburgh, 17. September 1993.

  • [10]

    Die meisten Philosophen, die Gott als temporal betrachten, behaupten, dass der Anfang der physikalischen Zeit nicht den Anfang von Gottes Zeit bildete, obwohl einige, denen die Perspektive widerstrebt, dass Gott vor der Schöpfung eine unendliche Zeit hindurch fortdauerte, es vorziehen, Gott als ohne das Universum zeitlos zu betrachten, selbst wenn er vom Augenblick der Schöpfung an temporal ist, was der Einfachheit halber mit dem Urknall identifiziert wird. Doch in beiden Fällen ist möglich, dass Zeit vor dem Urknall existierte, sodass Zeit nicht grundsätzlich physikalische Zeit ist. Ähnlich gilt, dass selbst wenn die physikalische Zeit in einem kosmischen Kollaps enden sollte, dies nicht das Ende der Zeit selbst implizieren würde. Aus christlicher Sicht hat Gott seinen Kindern tatsächlich „ewiges Leben“ (Joh 3,16) verliehen, sodass die Zeit nie enden wird.

  • [11]

     Siehe Patrick Toner, „Divine Judgment and the Nature of Time“. Faith and Philosophy (In Vorbereitung).

  • [12]

    Ich danke Fred Adams und Milan Cirkovic für eine faszinierende Erörterung von Themen, die in diesem Beitrag angesprochen werden.