Gibt es objektive Wahrheiten über Gott?
Summary
Kritik an drei modernen/postmodernen Versuchen zu leugnen, dass es objektive Tatsachen über Gott gibt.
Pilatus ging nun wieder hinein in das Prätorium und rief Jesus und sprach zu ihm: Bist du der König der Juden? Jesus antwortete: Sagst du dies von dir selbst aus, oder haben dir das andere von mir gesagt? Pilatus antwortete: Bin ich etwa ein Jude? Deine Nation und die Hohenpriester haben dich mir überliefert. Was hast du getan? Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt; wenn mein Reich von dieser Welt wäre, so hätten meine Diener gekämpft, damit ich den Juden nicht überliefert würde, nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt. Da sprach Pilatus zu ihm: Also bist du doch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, dass ich ein König bin. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis gebe. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme. Pilatus spricht zu ihm: Was ist Wahrheit? (Johannes 18,33-38).
In allen Zeitaltern haben Menschen dieselbe Frage gestellt wie Pilatus. Was ist das Wesen der Wahrheit? Woran erkenne ich Wahrheit? Gibt es die eine Wahrheit? Für mich als christlicher Philosoph sind das einige der Fragen, die ich gemeinsam mit Ihnen näher betrachten möchte.
Das biblische Konzept der Wahrheit ist recht facettenreich. Normalerweise benutzt die Bibel die Wörter „wahr“ oder „Wahrheit“ in einem nicht-philosophischen Sinn, um Eigenschaften wie Treue, moralische Rechtschaffenheit, Zuverlässigkeit und so weiter zu bezeichnen. Gelegentlich spricht die Heilige Schrift jedoch auch im philosophischen Sinne von Wahrhaftigkeit, und natürlich gehen die biblischen Verfasser überall davon aus, dass das, was sie schreiben, in genau diesem Sinn wahr ist, dass sie also nichts Falsches schreiben. Christliche Theologie hat also allemal Anlass, sich über den philosophischen Wahrheitsbegriff Gedanken zu machen.
Doch obwohl das so ist, bleibt die Tatsache bestehen, dass es keine spezifisch christliche Theorie der Wahrheit gibt. Genauso sollte es auch sein, denn wenn das Christentum eine eigene Definition und besondere Standards der Wahrheit präsentieren würde, dann wäre sein Anspruch, wahr zu sein, ein Zirkelschluss oder systemabhängig und damit belanglos. Aber der christliche Glaube will sich auf dem Marktplatz der Ideen empfehlen. Dass der christliche Glaube wahr ist, behauptet er in dem allgemeinen, gewöhnlichen Sinn des Wortes und überlässt die Formulierung einer ausführlicheren Definition den Philosophen. Wenn Philosophen also verschiedene Wahrheitstheorien – wie die Korrespondenztheorie der Wahrheit, die Kohärenztheorie der Wahrheit oder die Existenztheorie der Wahrheit – formulieren, kann keine davon als die christliche Wahrheitstheorie bezeichnet werden, und jede einzelne dieser Theorien wurde auch von christlichen Philosophen vertreten.
Ich für meinen Teil finde eine minimalistische Version der Korrespondenztheorie der Wahrheit besonders zufriedenstellend. Diese Theorie geht auf Aristoteles zurück oder ist sogar noch älter. Nach Aristoteles „ist es falsch, von dem Seienden zu sagen, es sei nicht, oder von dem Nicht-Seienden zu sagen, es sei; doch von dem Seienden zu sagen, dass es ist, oder von dem Nicht-Seienden zu sagen, dass es nicht ist, ist wahr.“ Aristoteles nennt hier die Bedingungen, unter denen etwas als wahr behauptet werden kann, statt eine Definition der Wahrheit an sich zu geben, und mir scheint, dass seine außerordentlich einflussreiche Charakterisierung recht treffend ist. Im Mittelalter sprachen Philosophen die Frage der Wahrheit direkter an; so charakterisierte Thomas von Aquin die Wahrheit als die Korrelation von Intellekt und Wirklichkeit. Mit anderen Worten: Wenn die Wirklichkeit so ist, wie der Intellekt sie zu sein beurteilt, dann ist Wahrheit eine Eigenschaft, die sowohl dem Urteil als auch dem Intellekt selbst innewohnt. Unter zeitgenössischen Anhängern der Korrespondenztheorie wird Wahrheit in ähnlicher Weise als Eigenschaft solcher Sätze oder Propositionen [1] verstanden, die der Welt entsprechen, wie sie tatsächlich ist. So ist zum Beispiel der Satz „Schnee ist weiß“ wahr, wenn und nur wenn Schnee weiß ist. Zwar würde ich nicht behaupten, dass die Bibel explizit die Korrespondenztheorie der Wahrheit lehrt, aber eine solche Theorie erscheint mir mit biblischen Wahrheitsbegriffen völlig kompatibel und in sich sehr plausibel, wenn nicht sogar offensichtlich, zu sein.
Doch welchen Beitrag kann christliche Theologie dann zu einer Diskussion über Wahrheit leisten? Nun, sie sagt uns insbesondere, dass es Wahrheiten über Gott gibt, und das ist nicht trivial. Denn gewisse zeitgenössische Schulen des modernen und postmodernen Denkens leugnen, dass es irgendeine objektive theologische Wahrheit gibt. Atheisten und Theisten mögen verschiedener Meinung darüber sein, welche Aussagen über Gott wahr oder falsch sind – der Theist behauptet, dass die Aussage „Gott existiert“ den Wert „wahr“ hat, und der Atheist behauptet, dass diese Aussage den Wert „falsch“ hat – aber zumindest stimmen beide darin berein, dass es Aussagen über Gott gibt und dass diese Aussagen nicht ohne Wahrheitswert sind. Einige Schulen des modernen und postmodernen Denkens teilen diese Auffassung dagegen nicht.
Denken Sie zum Beispiel an die Herausforderung des Verifikationismus. Um die verifikationistische Herausforderung zu verstehen, muss man zuerst den Unterschied zwischen einem Satz und einer Aussage verstehen. Ein Satz ist eine linguistische Einheit, die sich aus Wörtern zusammensetzt. Eine Aussage ist der Informationsgehalt, der durch einen deklarativen Satz ausgedrückt wird. Zum Beispiel ist der Satz „Snow is white“ offensichtlich ein anderer als der Satz „Der Schnee ist weiß“. Der eine besteht aus drei Wörtern, der andere aus vier, und sie haben kein Wort gemeinsam. Nichtsdestoweniger haben beide Sätze denselben Informationsgehalt, nämlich dass Schnee weiß ist; sie drücken also dieselbe Aussage aus.
Nun gingen Philosophen in der Blütezeit des logischen Positivismus weithin davon aus, dass es buchstäblich keine Aussagen über Gott gibt, dass also Sätze, die das Wort „Gott“ enthalten, in Wirklichkeit bedeutungslos sind, sodass der Satz „Gott erschuf die Welt“ genauso unsinnig ist wie der Satz „Verdaustig war's, und glaße Wieben rotterten gorkicht im Gemank [2].“ Dieser Ausdruck philosophischer Ignoranz gegenüber der religiösen und der alltäglichen Sprache war das Ergebnis des von Positivisten so gepriesenen Verifikationsprinzips der Bedeutung. Nach diesem Prinzip, das eine Reihe von Revisionen durchlief, kann ein Satz nur dann sinnvoll sein, wenn er sich grundsätzlich empirisch verifizieren lässt. Da sich theologische Aussagen nicht empirisch verifizieren lassen, wurden sie als bedeutungslos betrachtet. Unter dem Druck des Verifikationismus begannen einige Theologen, emotivistische Theorien der theologischen Sprache zu befürworten. Nach ihrem Verständnis sind theologische Aussagen überhaupt keine Aussagen über Tatsachen, sondern drücken nur die Emotionen und Einstellungen des Sprachnutzers aus. Der Satz „Gott erschuf die Welt“ gibt gar nicht vor, irgendeine faktische Aussage zu machen, sondern ist nur ein Ausdruck für – sagen wir – die eigene Ehrfurcht und das Staunen über die Großartigkeit des Universums. Nun erübrigt es sich eigentlich zu sagen, dass eine solche Interpretation theologischer Aussagen weder den Standpunkt der biblischen Verfasser noch den der Gläubigen im Allgemeinen darstellt. Mit ihren religiösen Aussagen meinen sie gewöhnlich genau das, was diese Aussagen zu behaupten scheinen, zum Beispiel dass Gott die Welt erschuf. Glücklicherweise wurde bald entdeckt, dass das Verifikationsprinzip uns zwingen würde, nicht nur theologische Aussagen als bedeutungslos zu verwerfen, sondern auch sehr viele wissenschaftliche Aussagen – ebenso wie ethische, ästhetische und metaphysische Aussagen –, sodass das Prinzip als völlig unzulänglich erkannt wurde. Noch grundlegender aber war die Erkenntnis, dass das Prinzip sich selbst widerlegte. Fragen Sie sich einfach: Ist der Satz „Ein Satz hat nur Bedeutung, wenn er grundsätzlich empirisch verifizierbar ist“ selbst empirisch verifizierbar? Offensichtlich nicht; keine noch so große Fülle empirischer Indizien würde seine Wahrheit verifizieren. Das Verifikationsprinzip ist deshalb nach seinem eigenen Kriterium eine bedeutungslose Kombination von Wörtern, die der Theist kaum zu beachten braucht, oder bestenfalls eine willkürliche Definition, bei der es dem Theisten frei steht, sie zu verwerfen. Der logische Positivismus und sein Verifikationsprinzip wurden deshalb von Philosophen fast völlig aufgegeben; traurig ist aber, wie diese positivistische Einstellung sich in einigen nicht-philosophen Kreisen hält, besonders unter Wissenschaftlern, die in der positivistischen Ära ausgebildet wurden.
Eine zweite Leugnung theologischer Wahrheit kommt aus dem Bereich des östlichen Mystizismus und seines vor allem westlichen Stiefkindes, der New Age-Bewegung. Nach dieser Auffassung, die ich als mystischen Antirealismus bezeichnen werde, gibt es zwar Aussagen über Gott, aber sie sind weder wahr noch falsch; sie haben allesamt keinen Wahrheitswert. Aussagen, die durch Sätze wie „Gott existiert“ oder „Gott ist gut“ oder „die Welt wurde von Gott erschaffen“ ausgedrückt werden, sind also weder wahr noch falsch, da sie keinen Wahrheitswert haben. Von Gott wird gesagt, dass er alle Kategorien des menschlichen Denkens und der menschlichen Sprache transzendiert, sodass es im Grunde unmöglich ist, irgendeine Wahrheit über Gott auszusagen, wie es die christliche Theologie zu tun behauptet.
Leider ist nicht einmal klar, was der mystische Antirealismus mit der Behauptung meint, dass Gott „menschliches Denken und menschliche Sprache übersteigt“. Dies ist ein metaphorischer Ausdruck; aber was bedeutet er? Den Sinn dieser Behauptung kann ich am ehesten darin sehen, dass das, was Logiker als Prinzip der Bivalenz bezeichnen, sich für Aussagen über Gott nicht eignet. Das Prinzip der Bivalenz besagt: Für jede Aussage p ist p entweder wahr oder falsch. Dieses Prinzip steht in enger Verbindung zu dem Satz vom ausgeschlossenen Dritten, einem der drei berühmten „Denkgesetze“; er besagt: Für jede Aussage p und ihre Verneinung nicht-p gilt, dass entweder p wahr ist oder nicht-p wahr ist. Die hier zur Diskussion stehende Behauptung lautet, dass Aussagen, die sich vorgeblich auf Gott beziehen, weder wahr noch falsch sind.
Auf den ersten Blick scheint eine solche Auffassung nicht nachvollziehbar zu sein, denn es erscheint absurd zu sagen, dass ein logischer Widerspruch nicht falsch ist. Nach dieser Auffassung ist eine Aussage, die sich in einem Satz wie „Gott ist sowohl existent als auch nicht-existent“ ausdrückt, nicht falsch. Eine solche Aussage ist aber offenbar notwendigerweise falsch! Und nach der Auffassung ist es auch nicht wahr, dass „Gott entweder existiert oder nicht existiert“. Aber diese Aussage ist offenbar notwendigerweise wahr – welche andere Alternative könnte es sonst geben außer diese beiden Möglichkeiten?
Doch in dieser Sichtweise steckt eine noch tiefere Inkohärenz. Denn betrachten Sie einmal die Aussage, die in dem Satz ausgedrückt wird: „Gott lässt sich durch bivalente Aussagen beschreiben.“ Da diese Aussage selbst eine Aussage über Gott ist, sollte (nach der obigen Auffassung) das Prinzip der Bivalenz dafür nicht gelten. Deshalb kann sie keinen Wahrheitswert haben; insbesondere kann sie nicht falsch sein. Aber wenn sie nicht falsch ist, wie kann es dann sein – wie es der Antirealist behauptet –, dass das Prinzip der Bivalenz für Aussagen über Gott nicht gilt? Wenn das Prinzip der Bivalenz für Aussagen über Gott nicht gilt, ist es dann nicht auch falsch zu behaupten, dass Gott sich durch bivalente Aussagen nicht beschreiben lässt? Die Behauptung widerlegt sich also selbst: Man kann nicht kohärent behaupten, dass Aussagen über Gott weder wahr noch falsch sind.
Der Antirealist könnte erwidern, dass das oben Gesagte nur zeigt, dass rationale Paradoxie unvermeidbar ist, wenn man über Gott zu reden versucht. Aber das ist nicht der Fall. Solange wir das Prinzip der Bivalenz beachten, können wir vollkommen rational und kohärent über Gott reden. Inkohärent ist dagegen, dass der Antirealist die Gültigkeit des Prinzips für Aussagen über Gott leugnet. Wer leugnet, dass das Prinzip der Bivalenz für Aussagen über Gott gilt, macht mit genau dieser Leugung eine bivalente Aussage über Gott. Nicht Gott ist die Quelle der Inkohärenz, sondern nur die Auffassung des mystischen Antirealisten.
Klar ist jedenfalls, dass keine Gründe für die Auffassung genannt werden können, dass das Prinzip der Bivalenz für Aussagen über Gott nicht gültig sei. Denn jeder angebliche Grund für eine Annahme dieser Auffassung würde gleichzeitig beinhalten, gewisse Wahrheiten über Gott zu behaupten, was ja nach dieser Auffassung nicht zulässig ist. Wenn zum Beispiel gesagt wird, dass das Prinzip nicht gilt, weil „Gott zu groß ist, um durch menschliche Kategorien des Denkens erfasst zu werden“ oder weil „Gott völlig anders ist“ oder weil „Gott allmächtig ist“, dann sind das immer bivalente Aussagen über Gott. Doch nach dieser Auffassung gilt, dass es keine bivalente Aussagen über Gott gibt. Daher kann keine dieser Aussagen wahr sein, und somit können sie auch keine Gründe für eine Annahme der fraglichen Position liefern. Diese Position könnte nur durch einen nichtrationalen „blinden Sprung des Glaubens“ übernommen werden. Doch gewiss sollte es uns als rationalen Männern und Frauen äußerst widerstreben, ohne den geringsten Grund intellektuellen Selbstmord zu begehen, wenn wir uns der Theologie zuwenden. Solange es nicht den geringsten Grund gibt, in diesem Bereich das rationale Denken aufzugeben, sollten wir fortfahren, die rationalen Regeln des Denkens zu benutzen, die sich in anderen Disziplinen als so fruchtbar erwiesen haben.
Ein letzter zeitgenössischer Angriff gegen theologische Wahrheit, wie sie von Christen verstanden wird, ist der abgedrehteste von allen: es ist das, was ich radikalen Pluralismus nennen werde. Im östlichen Mystizismus verwurzelt und durch den Einfluss der kritischen Philosophie von Kant radikal invididualisiert, wird hier die Auffassung vertreten, dass jedes Individuum selbst Realität konstituiert, sodass es keine transsubjektive Wahrheit darüber gibt, wie die Welt ist. Nach dieser Auffassung ist eine Redensart wie „das mag für dich wahr sein, für mich ist es aber nicht wahr“ im wörtlichen Sinn korrekt. Nimmt man diese Einstellung für bare Münze, ist sie offensichtlich völlig absurd: Ob wir nun glauben, dass die Herdplatte an ist oder nicht – wenn wir die Hand darauf legen, werden wir uns verbrennen. Es ist objektiv wahr, dass der Herd an ist, ganz gleich welche subjektive Einstellung wir dazu haben. In ähnlichem Sinn haben sich ganz gewiss Ereignisse abgespielt, bevor ich geboren wurde, die von mir völlig unabhängig sind: der Urknall, das Zeitalter der Bildung von Galaxien, das Zeitalter der Dinosaurier, und so weiter. Aber dass uns diese Sichtweise als absurd erscheint, liegt daran, dass wir immer noch von einer objektive Wirklichkeit ausgehen und versuchen, den Subjektivismus damit zu vereinbaren. Aus der Sicht des radikalen Pluralismus gibt es keine objektive Realität; es gibt keine übergeordnete Seinsweise der Welt. Die Welt gibt es nicht mehr; sie wurde durch die Welt-für-mich ersetzt.
Dieser radikale Pluralismus steht im Gegensatz zur christlichen Weltanschauung, weil das Christentum Gott eine privilegierte Position als dem, der alle Wahrheit weiß, zuschreibt. Er steht sozusagen an der Spitze der Pyramide unterschiedlicher Sichtweisen der Welt und erfasst in der Einheit seines Intellekts die Welt, wie sie ist. Somit gibt es aus christlicher Sicht eine Einheit der Wahrheit und Wirklichkeit, die Gott bekannt ist. Radikale Pluralisten betrachten ihre Aufgabe oft als überaus antitheologisch. Der Literaturkritiker Roland Barthes schreibt zum Beispiel:
„Einem Text einen Verfasser zu geben bedeutet, diesem Text eine Beschränkung aufzuerlegen, ihn mit einer endgültigen Bedeutung auszustatten, das Schreiben abzuschließen... In genau dieser Art und Weise setzt Literatur, indem sie es ablehnt .. dem Text (und der Welt als Text) eine letztgültige Bedeutung zuzuschreiben, das frei, was sich als antitheologische Aktivität bezeichnen lässt, eine Aktivität, die wahrhaft revolutionär ist, da die Weigerung, Bedeutung festzulegen, letztlich eine Ablehnung Gottes und seiner Hypostasen – Vernunft, Wissenschaft, Gesetz – darstellt.“
Besonders interessant finde ich, dass radikale Pluralisten davon ausgehen, dass Vernunft, Wissenschaft und Gesetz zusammen mit Gott verworfen werden müssen.
Der radikale Pluralismus geht mit dem Relativismus einher. Der amerikanische Philosoph Richard Rorty sagt zum Beispiel, dass Wahrheit das ist, was immer meine Kollegen mir durchgehen lassen. Da Sie und ich andere Kollegen haben, ist Wahrheit pluralistisch, weil Ihre Kollegen Ihnen vielleicht nicht dieselben Dinge durchgehen lassen, wie meine Kollegen sie mir durchgehen lassen. Als Reaktion auf Rortys Auffassung schreibt der Philosoph Alvin Plantinga:
Zwar ist diese Ansicht in der zeitgenössischen intellektuellen Welt sehr gängig und verbreitet, aber sie hat seltsame oder gar absurde Konsequenzen. Die meisten von uns denken zum Beispiel, dass die chinesischen Behörden monströs handelten, indem sie Hunderte junger Menschen auf dem Tiananmen Platz ermordeten und ihre Bosheit noch verschlimmerten, indem sie ihre Tat leugneten. Doch aus Rortys Sicht wäre dies ein unfaires Missverständnis. Was die Behörden in Wirklichkeit taten, indem sie die Ermordung dieser Studenten leugneten, war etwas völlig Lobenswertes: Sie versuchten herbeizuführen, dass das vermeintliche Massaker nie geschah. Denn sie versuchten zu erreichen, dass ihre Kollegen ihnen die Behauptung, dass das Massaker nie geschah, durchgehen lassen würden; sie versuchten also, wahr zu machen, dass es nie geschah; und wer könnte ihnen dies zum Vorwurf machen? Dasselbe gilt für jene zeitgenössischen Neonazis, die behaupten, dass es keinen Holocaust gab; aus rortyanischer Sicht versuchen sie nur dafür zu sorgen, dass etwas so Schreckliches nie geschah; und was könnte lobenswerter sein als das? Diese Denkweise bietet reale Möglichkeiten für den Umgang mit Armut und Krankheit: Wenn wir einander nur durchgehen lassen zu sagen, dass es gar keine Armut und keine Krankheit – sagen wir, keinen Krebs oder kein AIDS – gibt, dann wäre es wahr, dass es sie nicht gibt; und wenn es wahr wäre, dass es sie nicht gibt, dann würde es sie natürlich nicht geben.
Der ernste Punkt in Plantingas satirischer Kritik ist die Aufdeckung der wirklich unheilvollen Natur des radikalen Pluralismus. Da es keine objektive Wahrheit gibt, ist die Realität das, was die Machthaber als Realität festlegen. Wenn es keine Wahrheit gibt, dann gibt es nichts, was einem ungezügelten Willen zur Macht Einhalt gebieten kann.
Als wäre das nicht schon schlimm genug, scheint mir der radikale Pluralismus auch selbst-widerlegend zu sein. Wir müssen uns nur die Frage stellen: „Ist der radikale Pluralismus objektiv wahr?“ Er behauptet, dass es „keine objektive Wahrheit über die Welt gibt“; aber diese Aussage gibt sich selbst als objektive Wahrheit über die Welt aus. Er sagt, dass „jedes Individuum Realität konstituiert“, sodass es keine objektive Realität gibt; aber das ist in sich selbst eine Aussage über objektive Realität. Er erklärt, dass die Aussage „Wahrheit ist pluralistisch“ objektiv wahr ist, was aber selbstwidersprüchlich ist.
Der radikale Pluralismus kann sich dieser Inkohärenz nicht entziehen, indem er sagt, dass es nur aus seiner eigenen Perspektive keine objektive Wahrheit über die Welt gibt. Denn wenn dies nur aus seiner eigenen Perspektive wahr ist, schließt dies nicht aus, dass es eine objektive Wahrheit über die Welt gibt, und in diesem Fall ist seine Perspektive objektiv falsch. Wenn er erwidert, dass es nur aus der Perspektive irgendeines Anderen eine objektive Wahrheit über die Welt gibt, folgt daraus, dass jede Wahrheit perspektivisch ist oder dass der radikale Pluralismus objektiv wahr ist, was inkohärent ist.
Woran liegt es aber dann, dass in unserem heutigen Zeitalter so viele Menschen pluralistische und relativistische Auffassungen der Wahrheit offenbar attraktiv finden, obwohl sie sowohl unsinnig als auch selbst-widerlegend sind? Ich glaube, die Anziehungskraft beruht auf einem Missverständnis des Konzepts der Toleranz. In unserer demokratischen Gesellschaft ist die Toleranz gegenüber unterschiedlichen Auffassungen ein Wert, dem wir tief verpflichtet sind. Viele Menschen haben den Eindruck, dass Toleranz einen radikalen Pluralismus in Bezug auf Wahrheit erfordert. Sie scheinen zu denken, die Behauptung, dass es objektive Wahrheit gibt, sei mit der Toleranz gegenüber anderen Auffassungen unvereinbar, weil diese Auffassungen dann als falsch betrachtet werden müssen. Um also gegenüber allen Auffassungen tolerant zu bleiben, darf man keine von ihnen als falsch erachten. Sie müssen alle wahr sein. Aber da sie sich gegenseitig widersprechen, können nicht alle objektiv wahr sein. Daher muss Wahrheit relativ und pluralistisch sein.
Aber es scheint mir recht offensichtlich zu sein, dass eine solche Sicht auf einem falschen Verständnis von Toleranz beruht. Schon aus dem Konzept der Toleranz selbst folgt, dass man mit dem, was man toleriert, nicht übereinstimmt. Sonst würde man die Sicht des anderen nicht tolerieren, sondern ihr zustimmen! Man kann also eine Auffassung nur tolerieren, wenn man sie als falsch betrachtet. Eine Auffassung, die man für wahr hält, kann man nicht tolerieren. So setzt das Konzept der Toleranz selbst voraus, dass man die tolerierte Auffassung für falsch hält. Objektive Wahrheit ist also mit Toleranz nicht unvereinbar; ganz im Gegenteil ist Objektivität der Wahrheit eine Voraussetzung für Toleranz.
Die richtige Basis der Toleranz ist nicht Pluralismus sondern der inhärente Wert jedes einzelnen Menschen, der im Ebenbild Gottes erschaffen und deshalb mit bestimmten von Gott gegebenen Rechten ausgestattet wurde, darunter die Freiheit des Denkens und die freie Meinungsäußerung. Deshalb sagte Jesus: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen.“ Die Basis der Toleranz ist nicht Relativismus sondern Liebe.
Zusammenfassend scheint mir klar, dass christliche Theologie zwar keine bestimmte Wahrheitstheorie vertritt, aber mit dem traditionellen Verständnis der Wahrheit als Korrespondenz völlig vereinbar ist. Die christliche Weltanschauung gibt vor, die Realität so zu beschreiben, wie sie ist, und deshalb wahr zu sein. Die Herausforderungen, die der Verifikationismus, der mystische Antirealismus und der radikale Pluralismus an die theologische Wahrheit stellen, sind alle letztlich selbst-widerlegend und inkohärent. Natürlich habe ich hier nicht versucht zu zeigen, dass die Aussagen, die die christliche Weltanschauung konstituieren, tatsächlich wahr sind. Das ist ein Gesprächsthema für ein anderes Mal.
Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/are-there-objective-truths-about-god
(Übers.: M. Wilczek)
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Im folgenden wird das englische Wort "proposition" mit dem in der dt. Alltagssprache wesentlich gebräuchlicheren Wort "Aussage" statt mit dem Fachbegriff "Proposition" wiedergegeben. ("Aussage" ist daher im folgenden als der Bedeutungsgehalt oder Aussagesinn eines Satzes zu verstehen).
Im folgenden wird das englische Wort "proposition" mit dem in der dt. Alltagssprache wesentlich gebräuchlicheren Wort "Aussage" statt mit dem Fachbegriff "Proposition" wiedergegeben. ("Aussage" ist daher im folgenden als der Bedeutungsgehalt oder Aussagesinn eines Satzes zu verstehen).
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Es handelt sich um die ersten zwei Zeilen des Unsinns-Gedichts "Jabberwocky" von Lewis Carroll (1871), in der deutschen Übersetzung von Christian Enzensberger. (Anm. d. Übers.)
Es handelt sich um die ersten zwei Zeilen des Unsinns-Gedichts "Jabberwocky" von Lewis Carroll (1871), in der deutschen Übersetzung von Christian Enzensberger. (Anm. d. Übers.)