#261
January 14, 2016Sehr geehrter Prof. Craig,
ich habe mit verschiedenen Atheisten darüber debattiert, inwiefern objektive moralische Werte in Gott begründet liegen können. Es ist mir ganz gut gelungen, das Ablenkungsmanöver der moralischen Epistemologie zu vermeiden, und ich habe es geschafft, in der Debatte bei dem Thema moralische Ontologie zu bleiben. Doch jetzt komme ich nicht mehr weiter und brauche Ihre Hilfe.
Ein Zitat aus Ihrer Debatte mit Sam Harris lautet: „Der Theismus bietet eine solide Grundlage für objektive moralische Pflichten. Aus theistischer Sicht sind objektive moralische Pflichten in Gottes Geboten begründet. Gottes moralische Natur findet uns gegenüber in der Form seiner Gebote Ausdruck. Diese stellen unsere moralischen Verpflichtungen dar.“
Liefert diese Aussage nicht bereits ein Argument für Offenbarungstheologie und damit auch ein Argument für moralische Epistemologie? Das heißt, es sei denn, göttliche Gebote werden nicht durch Offenbarung vermittelt.
Bitte helfen Sie mir. Ich weiß nicht, wie ich mich da wieder herausmanövrieren kann. Es scheint mir, dass ich nun in die Falle geraten bin, moralische Epistemologie diskutieren zu müssen.
Anonym
United States
Prof. Craigs Antwort
A
Wie ich in Philosophical Foundations for a Christian Worldview [1] erläutert habe, ist es bei der Diskussion moralischer Argumente zugunsten der Existenz Gottes entscheidend wichtig, zwischen verschiedenen Bereichen der Moralphilosophie eindeutig zu differenzieren: [2]

Die Behauptung, dass moralische Werte und Pflichten in Gott verwurzelt sind, ist eine meta- ethische Behauptung über moralische Ontologie, nicht über moralische Linguistik oder Epistemologie. Es ist im Grunde eine Behauptung über den objektiven Status moralischer Eigenschaften, nicht eine Behauptung über die Bedeutung moralischer Sätze oder über die Rechtfertigung oder Erkenntnis moralischer Prinzipien.
Ich bin der Überzeugung, dass die Beibehaltung einer klaren Unterscheidung zwischen moralischer Epistemologie und moralischer Ontologie vordringlich ist, um ein moralisches Argument für Gottes Existenz von der Art, wie ich es anführe, zu formulieren und zu verteidigen.
Ein Befürworter dieses Argumentes wird recht bereitwillig zustimmen (und sogar darauf bestehen), dass wir nicht wissen und selbst nicht einmal glauben müssen, dass es Gott gibt, um objektive moralische Werte zu erkennen oder um unsere moralische Pflicht zu erfüllen. Wenn wir die ontologischen Grundlagen objektiver moralischer Werte und Pflichten als in Gott verwurzelt bestätigen, so sagt dies gleichzeitig nichts darüber aus, wie wir dazu kommen, diese Werte und Pflichten zu erkennen. Der Theist kann aufrichtig für jegliche epistemologische Theorie seines säkularen Gesprächspartners offen sein, die erklärt, wie wir zur Erkenntnis objektiver Werte und Pflichten gelangen.
So bin ich froh darüber, dass Sie die Unterscheidung zwischen moralischer Epistemologie und moralischer Ontologie in Ihren Diskussionen mit Nicht-Theisten eindeutig beibehalten haben. Wenn Sie an dieser Unterscheidung entschieden festhalten, dann, so denke ich, können Sie auch ganz einfach die Antwort auf Ihre Frage erkennen: „Liefert man nicht bereits ein Argument für die Offenbarungstheologie und damit auch für moralische Epistemologie, wenn man sagt, dass objektive moralische Pflichten durch Gottes Gebote gegeben sind“? Wenn wir dies so sagen, so bedeutet dies tatsächlich, dass einer der Wege, auf dem wir zur Erkenntnis unserer moralischen Pflichten kommen können, eine Offenbarung der Gebote Gottes durch die Heilige Schrift ist. Aber das heißt damit nicht, dass Offenbarung der einzige Weg ist, zur Erkenntnis unserer moralischen Pflichten zu kommen. Wie Paulus schreibt: „Freilich, die Heidenvölker haben kein geschriebenes Gesetz. Trotzdem tun sie aus ihrem natürlichen Empfinden heraus, was es verlangt. So sind sie sich gleichsam selbst ein Gesetz geworden. Sie beweisen durch ihr Verhalten, dass das Gesetz in ihrem Herzen geschrieben steht. Dafür ist auch ihr Gewissen ein deutliches Zeugnis; denn ihre Gedanken verklagen sich untereinander, entschuldigen sich auch wieder und versuchen sich zu rechtfertigen.“ (Röm 2,14-15; Bruns).
Der springende Punkt ist, dass Gottes Gebote unsere moralischen Pflichten konstituieren. Dies ist ein Anspruch moralischer Ontologie. Wie wir dazu kommen, unsere moralischen Pflichten zu erkennen, ist eine Frage der moralischen Epistemologie und für das Argument irrelevant. Es gibt nichts, aus dem Sie sich herausmanövrieren müssten.
William Lane Craig
(Übers.: B. Currlin)
Link to the original article in English: /keeping-moral-epistemology-and-moral-ontology-distinct
-
[1]
J.P. Moreland und W.L. Craig: Philosophical Foundations for a Christian Worldview. IVP 2003.
J.P. Moreland und W.L. Craig: Philosophical Foundations for a Christian Worldview. IVP 2003.
-
[2]
Vgl. Walter Sinnott-Armstrong, “Moral Skepticism and Justification,” in Moral Knowledge?, ed. Walter Sinnott-Armstrong and Mark Timmons (New York: Oxford University Press, 1996), pp. 4-5.
Vgl. Walter Sinnott-Armstrong, “Moral Skepticism and Justification,” in Moral Knowledge?, ed. Walter Sinnott-Armstrong and Mark Timmons (New York: Oxford University Press, 1996), pp. 4-5.
- William Lane Craig