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#61

January 14, 2016
F

Jetzt, da die Wahlen näher rücken, habe ich eine Frage zur Abtreibung. Meine Familie ist größtenteils katholisch – wir wissen alle, wie die Kirche (für Katholiken) und die Bibel (für Protestanten) zu Abtreibung stehen. Wie können einige Gläubige dann Kandidaten unterstützen, die dafür sind, dass Mütter über einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden können („pro choice“)? Es macht mich wahnsinnig, wenn ich die Situation analysiere. Ich weiß, das ist nur ein Thema von vielen, aber es ist so ein riesiges Thema! Ich würde mich sehr über eine Antwort freuen, weil ich Ihr Urteilsvermögen sehr schätze.

Garry

Korea, South

Prof. Craigs Antwort


A

Um Ihre Frage zu beantworten, Garry, müssen wir zunächst festlegen, wie wir zur Ethik der „Abtreibung auf Wunsch“ („abortion on demand“) stehen. Wie ich finde, gibt es inmitten all der Argumente für und gegen die Abtreibung zwei zentrale Fragen, die richtungsweisend sind:

(1) Besitzen Menschen einen intrinsischen moralischen Wert?

(2) Ist der sich entwickelnde Fötus ein Mensch?

Denken Sie einmal über die erste Frage nach: Haben Menschen einen intrinsischen moralischen Wert? Etwas hat intrinsischen Wert, wenn es in sich selbst ein Zweck ist, und kein Mittel zum Zweck. Dinge, die lediglich als Mittel zu bestimmten Zwecken wertvoll sind, haben nur extrinsischen Wert. Papiergeld hat an und für sich beispielsweise keinen intrinsischen Wert. Es hat vielmehr einen extrinsischen Wert insofern, als es ein nützliches Zahlungsmittel für Menschen ist, und ist demnach für uns zu den Zwecken wertvoll, die wir damit erreichen können. Doch an und für sich ist es intrinsisch wertlos. Es ist bloß Papier.

Nun stellt sich die Frage: Ist es bei Menschen auch so? Oder sind sie intrinsisch wertvoll? Ich bin mir sicher, dass die meisten Leute, wenn sie einmal darüber nachdenken, anerkennen, dass Menschen intrinsisch wertvoll sind. Menschen sind nicht nur als Mittel zu irgendeinem Zweck wertvoll; Menschen sind an sich Zwecke. Deswegen sollten wir, wie Augustinus sagte, Menschen lieben und Dinge benutzen, nicht anders herum. Wer Menschen benutzt und Dinge liebt, tut etwas tief Unmoralisches, weil er Wert und Würde nicht anerkennt, die anderen Menschen innewohnen, die ja wiederum nicht einfach nur Dinge sind, die man benutzt.

International erkennt man den intrinsischen moralischen Wert von Menschen in der Menschenrechtserklärung an. Der Gedanke, dass Menschen inhärente Rechte allein aufgrund der Tatsache haben, dass sie Menschen sind – unabhängig von ihrer Rasse, Schicht, Religion, Kaste oder Lebenssituation – basiert auf dem inhärenten moralischen Wert des Menschen. Diese Wahrheit wird auch in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung anerkannt, die bekräftigt, dass alle Menschen mit gewissen unveräußerlichen Rechten versehen sind, wie das Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit. Die meisten von uns würden zu ähnlichen Schlüssen kommen, wenn wir darüber reflektieren. Ja, Menschen haben einen intrinsischen moralischen Wert.

Nun, das impliziert, dass der sich entwickelnde Fötus, wenn er denn ein Mensch ist, mit intrinsischem moralischen Wert versehen ist und deshalb inhärente Menschenrechte besitzt, einschließlich des Rechts auf Leben. Abtreibung wäre eine Form des Mordes, und bei derlei Angriffen hätte der unschuldige und wehrlose Fötus jedes Recht auf gesetzlichen Schutz.

So kommen wir zur zweiten Frage, mit der wir uns befassen müssen: Ist der sich entwickelnde Fötus ein Mensch? Es erscheint mir naturwissenschaftlich und medizinisch unbestreitbar, dass der Fötus in jedem Entwicklungsstadium ein Mensch ist. Schließlich ist der Fötus kein Hunde-, Katzen- oder Kuhfötus; er ist ein menschlicher Fötus. Vom Zeitpunkt der Zeugung an gibt es einen lebenden Organismus, der ein genetisch vollständiger Mensch ist und der, wenn er der natürlichen Entwicklung überlassen wird, zu einem erwachsenen Mitglied seiner Spezies heranwachsen wird.

Vergleichen Sie den vollständigen menschlichen Embryo einmal mit einem Spermium oder einer unbefruchteten Eizelle. Weder das Spermium noch die Eizelle an sich stellt ein menschliches Wesen dar: Beide sind genetisch unvollständig, da sie jeweils nur die Hälfte der Chromosomen haben, die es für einen vollständigen Menschen braucht. Wenn sie sich überlassen werden, entwickeln sie sich zu gar nichts: Das Spermium stirbt innerhalb weniger Tage, und die unbefruchtete Eizelle wird mit der monatlichen Periode der Frau ausgestoßen. Doch wenn sie sich verbinden, dann zu einer alleinstehenden lebenden Zelle, woraus sich ein einzigartiges Individuum bildet, das nie zuvor existiert hat.

Schon im Moment der Zeugung ist dieses Individuum entweder männlich oder weiblich, je nachdem, ob es ein X- oder Y-Chromosom vom Spermium bekommen hat. Die spätere Entwicklung der Geschlechtsteile und der anderen zweitrangigen sexuellen Merkmale ist bloß das Sichtbarwerden eines Sexualitätsunterschieds, der schon immer da war. Außerdem werden alle individuellen Züge wie Körperbau, Augen- und Haarfarbe, Gesichtsmerkmale und viele mehr im Moment der Zeugung festgelegt und warten bloß darauf sich zu entfalten. Vom Moment der Zeugung an haben wir einen genetisch kompletten und einzigartigen Menschen; folglich begannen auch Sie, als sie gezeugt wurden.

Zudem ist die Entwicklung dieses Individuums die ganze Zeit über ein gleichmäßiges und ununterbrochenes Kontinuum. Es gibt keinen nicht-willkürlichen Punkt, vor dem man sagen kann, dass der Fötus kein Mensch ist, und nach dem man sagen kann, dass er schon einer ist. Die traditionelle Unterteilung der Schwangerschaft in drei Trimester hat keine wissenschaftliche oder medizinische Grundlage. Sie ist ein rein willkürliches Recheninstrument, das man aus praktischen Gründen verwendet. Sie ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass die Schwangerschaft neun Monate dauert. Wenn Menschen eine Tragzeit von acht Monaten hätten, würde niemand von Trimestern sprechen. Wir würden sie wahrscheinlich in Viertel teilen. Somit ist jeglicher Versuch, eine Linie zu ziehen und „vor dieser Linie kein Mensch, danach schon“ zu sagen, völlig willkürlich und entbehrt jeder biologischen Grundlage.

Daher erscheint es mir, wie ich schon sagte, praktisch unbestreitbar, dass der Fötus – was einfach Lateinisch für „Kleines“ ist – ein Mensch in den frühen Entwicklungsstadien ist. Ob jemand ein „Kleines“, ein Neugeborenes, ein Heranwachsender oder ein Erwachsener ist – er oder sie ist zu jeder Zeit ein Mensch in einem bestimmten Entwicklungsstadium. Wer bestreitet, dass das Kleine im Mutterleib ein Mensch ist, verwechselt Mensch sein typischerweise mit in einem späteren Entwicklungsstadium sein. Zum Beispiel sagen einige Abtreibungsbefürworter, dass ein Embryo kein Mensch ist, weil es kein Baby ist und Abtreibung moralisch deshalb akzeptabel ist.

Dieses Argument ist meiner Meinung nach völlig fehlerhaft. Gemäß dieser Argumentation könnten wir mit gleichem Recht sagen, dass ein Kind, weil es kein Erwachsener ist, kein Mensch ist, oder dass ein Baby kein Mensch ist, weil es kein Kind ist. Natürlich ist ein Embryo kein Baby, aber das heißt nicht, dass ein Embryo kein Mensch ist. Zusammen ergeben sie alle die verschiedenen Entwicklungsstadien des Menschen, und es ist reine Willkür, ein Stadium abzutrennen und zu sagen, dass es kein Mensch ist, weil es sich um kein späteres Stadium handelt.

Zudem ist es schlichtweg falsch, dass die meisten Abtreibungen an Embryos vollzogen werden. Wenn die meisten Frauen bemerken, dass sie schwanger sind (ungefähr zwei Monate nach der Zeugung), ist der Embryo bereits zu einem Fötus geworden, einem „Kleinen“. Wir haben es an diesem Punkt nicht mehr mit einem Zellklumpen zu tun, sondern mit – das Wort lässt sich nicht vermeiden – einem Baby, einem winzigen Baby mit einem Gesicht und Gesichtszügen, mit kleinen Armen und Beinen, mit winzigen Füßen und Händen. Alle Organe des Körpers sind bereits da, und die Muskel- und Kreislaufsysteme sind vollständig. Man kann sogar Gehirnstromwellenaktivität verzeichnen. Bis zur zwölften Woche sind seine Finger und Zehen voll entwickelt, komplett mit feinen Fingerabdrücken und kleinen Finger- und Zehennägeln, die sich bilden. Das Baby ist schon ziemlich mobil, tritt herum und bewegt sich, ballt und öffnet seine kleinen Fäuste und bewegt die Zehen. Hinter den geschlossenen Augenlidern sind seine Augen fast vollständig entwickelt. Unglaublich ist, dass sich schon zu diesem Zeitpunkt die Gesichtszüge des Babys denen der Eltern zu ähneln beginnen!

In-Utero-Fotografien dieser „Kleinen“ haben uns offenbart, welch wunderbar schöne und feine Wunder der Schöpfung sie sind. Ein Arzt beschreibt das Erlebnis, eines dieser acht Wochen alten Kleinen aus nächster Nähe gesehen zu haben, folgendermaßen:

„Als ich vor Jahren einer Patientin wegen einer Eileiterschwangerschaft (im zweiten Monat) ein Anästhetikum gab, überreichte man mir den, wie ich meinte, kleinsten Menschen, den man jemals gesehen hatte. Der Embryosack war unversehrt und durchsichtig. Im Sack schwamm ein winziger Junge extrem energisch im Fruchtwasser, während er von der Nabelschnur an der Wand gehalten wurde. Dieser kleine Mensch war komplett entwickelt mit langen, spitzen Fingern, Füßen und Zehen. Seine Haut war fast durchsichtig, und die feinen Arterien und Venen waren bis in die Fingerspitzen deutlich sichtbar. Das Baby war extrem lebendig und sah überhaupt nicht wie die „Embryos“ aus, die ich auf Fotos oder Zeichnungen gesehen habe. Als der Sack geöffnet wurde, verlor der kleine Mensch sofort sein Leben und nahm das Aussehen eines Embryos an, wie man es sonst in diesem Stadium kennt, mit plumpen Extremitäten usw. “

Niemand, der Fotos von 8 bis 12 Wochen alten Babies im Mutterleib gesehen hat, kann ernsthaft bestreiten, dass wir es hier mit einem menschlichen Baby zu tun haben.

Die allermeisten Abtreibungen werden zu dieser Zeit durchgeführt – zwischen der zehnten und der zwölften Schwangerschaftswoche – und zerstören damit ganz klar das Leben eines menschlichen Babys. Ich erwähne den Schrecken der Zweit- und Dritttrimesterabtreibungen gar nicht erst, von denen jährlich 150.000 allein in den USA durchgeführt werden, oder den Schrecken der Teilgeburtabtreibungen, in denen ein Baby tatsächlich teilweise entbunden wird, bevor man es brutalst umbringt. Machen wir uns nichts vor: Abtreiben heißt, Babies zu töten. Das kann nur deshalb ungehindert weitergehen, weil man diese Kleinen normalerweise nicht zu Gesicht bekommt. Wie mein ehemaliger Pastor einmal sagte: „Wenn Bäuche Fenster hätten, gäbe es keine Abtreibungen.“

Fest steht: Von der Zeugung bis ins hohe Alter gibt es im Leben eines Menschen verschiedene Entwicklungsstadien. Daher meine ich, dass die medizinischen und naturwissenschaftlichen Tatsachen es praktisch unbestreitbar machen, dass der sich entwickelnde Fötus ein Mensch ist.

Wenn wir die eingangs formulierten Fragen also mit „Ja“ beantworten, folgt daraus, dass Abtreibung auf Wunsch eine moralische Abscheulichkeit ist, das Auslöschen eines unschuldigen und wehrlosen menschlichen Lebens. Nun ist Ihnen vielleicht aufgefallen, dass ich mich hier zu keiner Zeit auf die Bibel berufen habe. Das liegt daran, dass Abtreibung, entgegen dem allgemeinen Eindruck, an sich keine religiöse Frage ist. Die erste Frage, die wir gestellt haben, ist eine philosophische: Besitzen Menschen einen intrinsischen moralischen Wert? Die zweite Frage ist naturwissenschaftlich und medizinisch: Ist der sich entwickelnde Fötus ein Mensch? Keine davon ist religiös.

Aus unseren Antworten auf die beiden obigen Fragen folgt, dass die Abtreibung auf Wunsch das überragende ethische Thema unserer Zeit ist. Seit der Legalisierung der Abtreibung auf Wunsch in den USA im Jahr 1973 werden wir Zeugen eines amerikanischen Holocaust, der mehrere Zehnmillionen unschuldige Menschen das Leben gekostet hat. Andere Themen verblassen im Vergleich hierzu. Zwar sollten uns innen- und außenpolitische Standpunkte eines Kandidaten interessieren, doch wenn Pro-Life-Kandidaten zur Wahl stehen, muss es für unsere Stimme die conditio sine qua non sein, dass sich der jeweilige Kandidat das Ziel setzt, gegen das Urteil in Roe vs. Wade vorzugehen, durch welches die Abtreibung auf Wunsch legalisiert wurde.

(Übers.: J. Booker; L:RN)

Link to the original English article: /abortion-and-presidential-politics

- William Lane Craig