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#497 Kalam und Leibniz: Bitte nicht verwechseln!

January 20, 2017
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

als ehemaliger Neuer Atheist und Philosophiestudent in Großbritannien finde ich Ihre Argumente für ein kreatives intelligentes Gehirn, das hinter dem Ursprung des Universums steckt, recht faszinierend und überzeugend. Aber ich sehe da mehrere Dilemmas, die mir unlösbar erscheinen; könnten Sie mir hier vielleicht helfen?

Erstens berufen Sie sich als Eingangsprämisse für Ihren Glauben an Gott (und zwar an einen Gott, der etwas erschaffen hat) auf das kalam-kosmologische Argument. Ich halte Ihre Argumentation für richtig, aber in Ihrer Debatte mit Dr. Lawrence Krauss sagten Sie ein paar interessante Sachen, die möglicherweise ein Problem für das Kalam-Argument und auch für das Leibniz‘sche Kosmologische Argument darstellen.

Ihre Antwort auf die Frage, warum es überhaupt etwas gibt und nicht nichts, bestand im Wesentlichen aus dem kalam-Argument. Mit anderen Worten: Für Sie ist Gott die Antwort auf diese Frage. Danach versuchte Dr. Krauss, dieselbe Frage damit zu beantworten, dass er ein ewiges Multiversum postulierte, in welchem unser Universum nur eines aus einer unendlichen Zahl von Universen ist. Sie erwiderten darauf, dass ein solches Multiversum im Prinzip nichts an dem Leibniz‘schen Argument ändern würde; man könne, wenn es ein Multiversum gäbe, genauso gut fragen: „Warum gibt es ein ewiges Multiversum, in welchem unser Universum ein Universum und nicht nichts ist?“ Ich stimme Ihnen zu, dass auch bei einem Multiversum Ihr Argument gültig bliebe.

Aber jetzt zu meinem Problem: Ist Gott selber nicht auch „etwas und nicht nichts“? Wenn wir die Frage von „ein Universum“ (etwas und nicht nichts) in „ein ewiges Multiversum“ (etwas und nicht nichts) ändern können, muss man dann nicht fairerweise auch fragen können, warum es einen Gott gibt und nicht nichts? Wenn „nichts“ die Abwesenheit von „etwas“ ist (also von jeder beliebigen Entität mit beliebigen Eigenschaften), dann muss bei „nichts“ auch Gott abwesend sein, egal, ob er sich innerhalb oder außerhalb des Raumes und der Zeit befindet, in welchen ein Universum bzw. Multiversum existieren könnte.

Wenn ich ihn recht verstanden habe, versucht John Lennox dieses Problem dadurch zu umgehen, dass er sagt, dass Gott nicht von irgendwoher kommt und in seiner Existenz keinen Anfang hat, wie unser Universum ihn hatte; er war halt immer schon da. Aber ist es nicht denkbar, dass auch das ewige Multiversum keinen Anfang hat und immer schon da war? Nach welchen Kriterien können wir zwischen einem ewigen Gott und einem ewigen Multiversum, von welchem unser Universum nur ein Teil ist, so unterscheiden, dass diese beiden Fragen nicht zu einer verschmelzen? Ein ewiges Multiversum und ein ewiger Gott scheinen mir mehr oder weniger Synonyme zu sein, womit wir praktisch beim Pantheismus gelandet wären.

Unterliegt nicht auch Gott der Möglichkeit, dass er unter Umständen nie existiert hätte und damit auch kein Universum (oder Multiversum) hätte schaffen können?

Danke, dass Sie sich die Zeit für meine Frage nehmen.

John-Paul

United Kingdom

Prof. Craigs Antwort


A

Die Versuchung, das Leibniz Kosmologisches Argument der Kontingenz mit dem kalam-kosmologischen Argument des Anfangs des Universums zu verschmelzen, scheint fast unwiderstehlich zu sein. Das unvermeidliche Ergebnis ist Verwirrung; es werden Einwände gegen dieses Hybridkonstrukt gebracht, die auf die beiden Argumente separat nicht zutreffen.

Stellen wir zunächst einmal die beiden Argumente nebeneinander:

Das Leibniz‘sche Argument der Kontingenz

1. Für alles, was existiert, gibt es eine Erklärung seiner Existenz.

2. Wenn es eine Erklärung für die Existenz des Universums gibt, ist diese Erklärung Gott.

3. Das Universum existiert.

4. Es gibt eine Erklärung für die Existenz des Universums.

5. Also ist Gott die Erklärung für die Existenz des Universums.

Das kalam-kosmologische Argument

1. Was zu existieren beginnt, hat eine Ursache.

2. Das Universum begann zu existieren.

3. Also hat das Universum eine Ursache.

Die Vermischung des Leibniz‘schen und des Kalam-Arguments führt typischerweise dazu, dass man glaubt, diese Argumente behaupteten, dass alles, was existiert, eine Ursache hat, was natürlich zu der Frage führt, was Gottes Ursache ist. Doch keines der beiden Argumente stellt diese Behauptung auf. Das Kalam-Argument behauptet lediglich, dass alles, was zu existieren beginnt (also einen Anfang hat), eine Ursache hat, und das Leibniz‘sche Argument besagt, dass nur solche Dinge, die nicht aufgrund der Notwendigkeit ihres eigenen Wesens existieren, Ursachen haben. Beide Argumente sind voll und ganz vereinbar mit der Existenz eines ewigen, unverursachten, metaphysisch notwendigen Wesens.

Wenn Sie sich meinen Dialog mit Lawrence Krauss über die Frage „Warum gibt es überhaupt etwas?“ („Why Is There Something rather than Nothing?“) anhören, werden Sie sehen, dass es in meiner Antwort auf diese Frage ganz um das Leibniz’sche Kontingenzargument geht, und nicht um das kalam-kosmologische Argument (dieses Argument kommt in unserem Dialog „Ist es vernünftig, zu glauben, dass Gott existiert?“ [„Is It Reasonable to Believe that God Exists?“]. Ich hoffe, Sie sehen, wie aussichtslos der Versuch ist, auf Leibniz‘ Argument mit dem Hinweis auf ein ewiges Multiversum zu antworten, weil die Frage dann natürlich lautet: „Warum gibt es ein ewiges Multiversum und nicht nichts?“

Wie Sie ganz richtig bemerken, ist auch Gott etwas, sodass man, wenn er existiert, ebenfalls eine Erklärung für seine Existenz braucht. Leibniz begeht nicht den berühmten „Taxitrugschluss“, d.h. er behandelt das Prinzip des hinreichenden Grundes nicht wie einen Taxifahrer, den man fortschickt, sobald er einen an sein Ziel gebracht hat. Für Leibniz ist Gott keine Ausnahme vom Prinzip des hinreichenden Grundes. Die Erklärung für Gottes Existenz ist, dass er aufgrund der Notwendigkeit seines eigenen Wesens existiert. Das Leibniz’sche Argument endet somit mit der Existenz eines metaphysisch notwendigen Wesens.

Die Frage „Nach welchen Kriterien können wir zwischen einem ewigen Gott und einem ewigen Multiversum, von welchem unser Universum nur ein Teil ist, so unterscheiden, dass diese beiden Fragen nicht zu einer verschmelzen?“ ist also nicht durchdacht. Sie denken hier an das Kalam-Argument, auf das die Annahme eines ewigen Multiversums eine ernstzunehmende Erwiderung wäre. Aber Leibniz kann gegenüber der möglichen Existenz eines Multiversums vollkommen gelassen sein, weil sie für sein Argument irrelevant ist.

Was relevant ist, ist die Frage, ob das Universum (oder Multiversum) aufgrund der Notwendigkeit seines eigenen Wesens existiert. Mir ist kein moderner Philosoph oder Wissenschaftler bekannt, der dergleichen glauben würde. In meinen Publikationen finden Sie Argumente gegen die Annahme, dass das Universum aufgrund einer Notwendigkeit seines eigenen Wesens existiert. [1] Es ist die Kontingenz des Universums (ob es nun ewig ist oder nicht), die es von Gott unterscheidet, der als das höchste Wesen keine Ursache haben kann.

(Übers.: Dr. F. Lux)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/confusing-the-leibnizian-and-kalam-cosmological-arguments

  • [1]

    Siehe W.L. Craig, Reasonable Faith (Wheaton, Ill.: Crossway, 2008), S. 108-110 (in englischer Sprache).

- William Lane Craig