#311
January 14, 2016Sehr geehrter Prof. Craig,
Ein bekannter Einwand (etwa von Grünbaum) gegen Ihre Sichtweise zum Ursprung des Universums lautet, der Augenblick der Schöpfung könne sich nicht „vor“ der Verwirklichung des Universums ereignet haben, denn damit setze man die Zeit voraus. Daraufhin haben Sie gemeint, vielleicht falle der Augenblick der Erschaffung des Universums mit dessen Ursprung zusammen; in diesem Fall bräuchte man kein „vorher“.
Was wir aber unter der Gleichzeitigkeit von Ereignissen verstehen, kann ja nur in einem bereits existierenden Raum-Zeit-Gefüge stattfinden (egal, ob man die Gleichzeitigkeit absolut oder relativ nimmt).
Sagt man, Raum und Zeit stünden gleichzeitig in Beziehung mit einer Ursache oder mit einem Augenblick der Erschaffung (als seien Raum und Zeit eine Art „Raumzeit-Ding“ oder gar ein Ereignis), so ist das unbegreiflich. Unsere Auffassung von Gleichzeitigkeit, von einem Zusammentreffen von Umständen, selbst unsere Auffassung vom Wesen eines Ereignisses kann ja nur dann Sinn haben, wenn man Raum und Zeit bereits als gegeben voraussetzt.
Zu guter Letzt: Wenn man sagt, die Eigenschaft der Gleichzeitigkeit selbst setze zum gleichen Zeitpunkt ein (also simultan) wie der Ursprungszeitpunkt des Universums und dessen Ursache, dann scheint man eine Metaebene der Gleichzeitigkeit zu benötigen, was erneut unverständlich wäre.
Was sagen Sie zu dieser Problematik?
Grüße,
Rui
Canada
Prof. Craigs Antwort
A
Diesen Einwand bringt Brian Leftow im siebenten Argument seines Buches Time and Eternity, wo er über Gottes zeitlose Existenz schreibt. Ich selbst bin dieser Frage im Anfangskapitel meines Buches God, Time, and Eternity nachgegangen. [1]
Die grundlegende Unzulänglichkeit seines Einwandes ist seine Annahme: „[Der Begriff der] Gleichzeitigkeit zweier Ereignisse [ist] nur dann sinnvoll, wenn Raum und Zeit bereits existieren“. Die Philosophen haben zwischen substantivischen und relationalen Zeittheorien unterschieden. Nach der substantivischen Sichtweise existiert die Zeit unabhängig von den Ereignissen, die sich in ihr zutragen. Danach ist also durchaus statthaft, von einem „vor“ der Zeit zu sprechen. Isaac Newton ging etwa von einer „leeren Zeit“ aus, bevor Gott das Universum erschuf, einer Zeit, in der sich nichts ereignete – bis zu dem Zeitpunkt, an welchem Gott das physische Universum erschuf. Im Gegensatz dazu hängt die Zeit für relationale Zeittheorien vom Auftreten der Ereignisse ab; von Zeit sprechen könne man also erst, nachdem sich etwas ereignet hat. Zeit existiert, weil sich etwas ereignet. Ereignet sich nichts, gibt es nicht „leere Zeit“, sondern überhaupt keine Zeit. Daher war Gottfried Wilhelm Leibniz gegen Newton davon überzeugt, dass es vor der Erschaffung des Universums keinerlei Zeit gab. Die Zeit begann erst im Moment der Erschaffung; es ist sinnlos, zu fragen: „Warum erschuf Gott die Welt nicht schon früher?“
Ihr Einwand beruht auf der substantivischen Sichtweise der Zeit, denn sie geht davon aus, dass die Zeit auch schon vor dem Eintreten von Ereignissen existiert, und ihr explanatorisch vorausgeht [2]. Damit Ereignisse eintreten können, muss die Zeit sozusagen „schon da“ sein. Aus relationaler Sicht ist das falsch. Die Zeit existiert, weil Ereignisse sich ereignen. Das Geschehen von Ereignissen geht der Existenz der Zeit erklärungstechnisch voraus.
Nach relationalem Zeitverständnis existiert Gott unveränderlich jenseits der Schöpfung als zeitloses Wesen. Wie Leibniz richtig erkannte, war die Zeit da, als sich das erste Geschehen ereignete: Gottes Schöpfungsakt. Die Existenz der Zeit beginnt mit dem Eintreten eines Ereignisses.
Ihr Einwand setzt die Unhaltbarkeit der relationalen Sichtweise der Zeit voraus. Aber gerade diese Sichtweise scheint völlig stimmig zu sein; viele heutige Philosophen teilen sie. Der Einwand gründet damit auf einer speziellen Voraussetzung, die zurückzuweisen dem Theisten frei steht.
(Übers.: I. Carobbio)
Link to the original article in English: /Gods-Creation-of-Time
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[1]
Vgl. W.L. Craig: God, Time and Eternity (Dordrecht: Kluwer Academic Publishers, 2001), S. 19-23; vgl. Brian Leftow, Time and Eternity, Cornell Studies in Philosophy of Religion (Ithaca, N.Y.: Cornell University Press, 1991), S. 273f.
Vgl. W.L. Craig: God, Time and Eternity (Dordrecht: Kluwer Academic Publishers, 2001), S. 19-23; vgl. Brian Leftow, Time and Eternity, Cornell Studies in Philosophy of Religion (Ithaca, N.Y.: Cornell University Press, 1991), S. 273f.
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[2]
Nach der substantivischen Sicht der Zeit muss man, um Ereignisse in der Zeit zu erklären, zuerst die Existenz von Zeit voraussetzen und diese also erklären. Wenn A explanatorisch vor B liegt, liegt A in der Reihenfolge der Ereignisse (und logisch) vor B. (Anm. d. Übers.)
Nach der substantivischen Sicht der Zeit muss man, um Ereignisse in der Zeit zu erklären, zuerst die Existenz von Zeit voraussetzen und diese also erklären. Wenn A explanatorisch vor B liegt, liegt A in der Reihenfolge der Ereignisse (und logisch) vor B. (Anm. d. Übers.)
- William Lane Craig