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Gibt es einen Gott?

Summary

In diesem Artikel führt Prof. Craig acht Gründe dafür an, warum er an die Existenz Gottes glaubt.

Quelle: Philosophy Now (Nov./Dez. 2013) http://philosophynow.org. Mit freundlicher Genehmigung verwendet.

Am 8. April 1966 brachte das Time Magazine einen Aufmacher heraus, für den das Cover komplett geschwärzt wurde, und nur drei Wörter in hellen roten Lettern prangten auf diesem schwarzen Hintergrund: „IS GOD DEAD?“ In dem Artikel ging es um die sogenannte „Tod Gottes“-Bewegung, die es damals in der amerikanischen Theologie gab. Doch – um es sinngemäß mit Mark Twain zu sagen – es schien, als wären die Neuigkeiten über Gottes Untergang „völlig übertrieben“. Denn während die Theologen zu jener Zeit Gottes Nachruf verfassten, entdeckte eine neue Generation junger Philosophen dessen Vitalität aufs Neue.

In den 1940ern und 50ern glaubte man unter Philosophen noch weitestgehend, dass jede Rede über Gott sinnlos ist, weil sie nicht mit den fünf Sinnen verifizierbar ist. Der Zusammenbrauch dieses Verifikationismus war vielleicht das wichtigste philosophische Ereignis des 20. Jahrhunderts. Sein Untergang bewirkte das Wiederaufleben der Metaphysik, zusammen mit anderen traditionellen Problemen der Philosophie, die vom Verifikationismus unterdrückt worden waren. Mit diesem Wiederaufleben kam es auch zu etwas völlig Unerwartetem: einer Renaissance der christlichen Philosophie.

Der Wendepunkt kam wohl im Jahr 1967 mit der Veröffentlichung von Alvin Plantingas God and Other Minds, in dem die Werkzeuge der analytischen Philosophie auf Fragen der Religionsphilosophie mit noch nie dagewesener Wucht und Kreativität angewandt wurden. Auf Platingas Zug sprangen noch viele weitere christliche Philosophen auf, die für professionelle Fachzeitschriften schrieben, an professionellen Konferenzen teilnahmen und ihre Werke bei den besten akademischen Verlagen veröffentlichten. Das Gesicht der angloamerikanischen Philosophie verwandelte sich folglich. Der Atheismus, wenn auch noch die vorherrschende Weltanschauung an Universitäten der westlichen Welt, ist auf dem Rückzug. In einem vor kurzem veröffentlichten Artikel beklagte Quentin Smith, Philosoph an der University of Western Michigan, die von ihm so genannte „Desäkularisierung der akademischen Welt, die sich in den Philosophie-Fakultäten seit den späten 1960er Jahren entwickelt hat“ („The Metaphilosophy of Naturalism“, Philo, Vol 4, #2, auf philoonline.org). Smith beschwert sich über die Passivität der Naturalisten angesichts der Welle von „intelligenten und talentierten Theisten, die heute in die akademische Welt eintreten“ und schlussfolgert: „In der akademischen Welt ist Gott nicht ‚tot‘; er ist in den späten 1960ern zum Leben erwacht und wohnt nun quicklebendig und kerngesund in seiner letzten akademischen Hochburg, den Philosophie-Fakultäten“.

Die Renaissance der christlichen Philosophie wurde von einem wiederauflebenden Interesse an Natürlicher Theologie begleitet – jenem Zweig der Theologie, der versucht, die Existenz Gottes zu beweisen, ohne sich auf die Ressourcen autoritativer göttlicher Offenbarung zu berufen – also z. B. durch philosophisches Argumentieren. Alle traditionellen philosophischen Argumente für die Existenz Gottes, wie beispielsweise das kosmologische, teleologische, moralische und ontologische Argument, ganz zu schweigen von kreativen, neuen Argumenten, finden intelligente und wortgewandte Vertreter in der modernen philosophischen Szene.

Doch was ist mit dem sogenannten „Neuen Atheismus“, der vor allem von Richard Dawkins, Sam Harris und Christopher Hitchens verkörpert wird? Ist er nicht der Bote für die Umkehr dieser Entwicklung? Nicht wirklich. Wie klar an den Autoren erkenntlich ist, mit denen er interagiert – oder auch nicht interagiert – ist der Neue Atheismus eigentlich ein populärkulturelles Phänomen ohne intellektuelle Muskelkraft und mit seliger Unwissenheit in Bezug auf die Revolution, die sich in der angloamerikanischen Philosophie ereignet hat. Er spiegelt eher den Szientismus einer vergangenen Generation wider als die intellektuelle Szene von heute.

Acht Gründe, die für die Existenz Gottes sprechen
 

Ich glaube, dass die Existenz Gottes die beste Erklärung für eine ganze Bandbreite von Daten der menschlichen Erfahrungen ist. Ich werde nun kurz auf acht solcher Fälle eingehen.

1.) Gott ist die beste Erklärung, warum überhaupt etwas existiert.

Stellen Sie sich vor, Sie wandern durch einen Wald und stoßen auf einen lichtdurchlässigen Ball, der auf dem Waldboden liegt. Sie würden sich natürlich fragen, wie er da hingekommen ist. Wenn Ihr Wanderkumpel daraufhin zu Ihnen sagen würde: „Hey, dafür gibt es keine Erklärung, vergiss es einfach!“, würden Sie entweder denken, er sei verrückt, oder daraus schließen, dass er einfach nur weitergehen will. Niemand würde allen Ernstes davon ausgehen, dass der Ball dort wirklich ohne eine Erklärung existiert. Beachten Sie hierbei auch, dass das Vergrößern des Balles, bis er genauso groß wie das Universum ist, weder eine Erklärung bietet noch das Bedürfnis nach einer solchen in irgendeiner Weise stillt.

Was erklärt also die Existenz des Universums (mit „Universum“ meine ich die gesamte Raumzeit-Realität)? Die Erklärung für das Universum kann nur in einer transzendenten Realität jenseits des Universums – jenseits von Raum und Zeit – liegen, deren Existenz metaphysisch notwendig ist (sonst bräuchte es für ihre Existenz auch wieder eine Erklärung). Nun, ich kenne nur einen Weg, von einer notwendigerweise existierenden Ursache zu einer kontingenten Entität wie dem Universum zu kommen: Die Ursache muss ein Akteur sein, der sich frei dazu entscheiden kann, die kontingente Realität zu erschaffen. Daraus folgt also, dass ein transzendentes, persönliches Wesen die beste Erklärung für die Existenz des kontingenten Universums ist – was jeder mit der Bezeichnung „Gott“ meint.

Wir können diese Argumentation folgendermaßen zusammenfassen:

1. Es gibt eine Erklärung für die Existenz jedes kontingenten Dinges.

2. Wenn es eine Erklärung für die Existenz des Universums gibt, ist ein transzendentes, persönliches Wesen diese Erklärung.

3. Das Universum ist ein kontingentes Ding.

4. Also gibt es eine Erklärung für die Existenz des Universums.

5. Also ist die Erklärung für das Universum ein transzendentes, persönliches Wesen

- und das ist, was jeder mit der Bezeichnung „Gott“ meint.
 

2.) Gott ist die beste Erklärung für den Ursprung des Universums.

Wir haben ziemlich starke Belege dafür, dass das Universum nicht schon ewig existiert hat, sondern vor einer endlichen Zeit einen Anfang hatte. Im Jahr 2003 gelang es dem Mathematiker Arvind Borde und den Physikern Alan Guth und Alexander Vilenkin zu beweisen, dass jedes Universum, das sich über den Zeitraum seiner Existenz hinweg durchschnittlich gesehen ausgedehnt hat, keine unendliche Vergangenheit haben kann, sondern einen Raumzeit-Grenzpunkt (also einen Anfang) gehabt haben muss. Ihr Beweis wird dadurch so überzeugend, dass er für alle Zustände gilt, in denen auch Zeit und Kausalität existieren, unabhängig von der physikalischen Beschreibung des sehr jungen Universums. Da wir noch keine Theorie der Quantengravitation haben, können wir noch keine physikalische Beschreibung der ersten Sekundenbruchteile des Universums bieten; doch das Borde-Guth-Vilenkin-Theorem ist unabhängig von der Theorie der Gravitation, die man annimmt. Ihr Theorem impliziert beispielsweise, dass der Quanten-Vakuumszustand, der das junge Universum gekennzeichnet haben könnte, keine ewige Existenzvergangenheit haben kann, sondern selbst einen Anfang gehabt haben muss. Selbst wenn unser Universum nur ein kleiner Teil eines aus vielen Universen bestehenden sogenannten „Multiversums“ ist, macht ihr Theorem es erforderlich, dass auch das Multiversum einen Anfang gehabt haben muss.

Natürlich wurden hoch spekulative physikalische Szenarien, wie Schleifenquantengravitationsmodelle, String-Modelle, sogar geschlossene zeitartige Kurven in dem Versuch vorgeschlagen, diesen absoluten Anfang zu vermeiden. Diese Modelle bergen unzählige Probleme; unter dem Strich schafft es keine dieser Theorien, auch wenn sie stimmen, dem Universum eine ewige Vergangenheit zu verschaffen. Letztes Jahr hielt Vilenkin in Cambridge zur Feier des 70. Geburtstags von Stephen Hawking einen Vortrag mit dem Titel „Did The Universe Have A Beginning?” [1], bei dem der derzeitige Stand der Kosmologie begutachtet wurde. Er sagte: „Keines dieser Szenarien kann tatsächlich eine ewige Vergangenheit haben“. Vilenkin machte vor allem jenen drei Modellen den Garaus, die die Implikationen seines Theorems zu umgehen versuchen: ewiges Aufblähen, ein zyklisches Universum und ein 'emergentes' Universum, das schon immer als statischer Samen existiert, bevor es sich ausbreitet. Vilenkin schlussfolgerte: „Alle Belege, die wir haben, besagen, dass das Universum einen Anfang hatte“.

Doch dann stellt sich unweigerlich die Frage: Warum ist das Universum entstanden? Was ließ das Universum entstehen? Es muss eine transzendente Ursache gegeben haben, die das Universum entstehen ließ – eine Ursache außerhalb des Universums selbst.

Wir können dieses Argument wie folgt zusammenfassen:

1. Das Universum begann zu existieren.

2. Wenn das Universum zu existieren begann, hat das Universum eine transzendente Ursache.

3. Also hat das Universum eine transzendente Ursache.
 

Es liegt in der Natur der Sache, dass die Ursache des physikalischen Universums ein immaterielles (also nicht-physisches) Wesen sein muss. Es gibt nur zwei Sachen, auf die diese Beschreibung möglicherweise zutrifft: entweder ein abstraktes Objekt wie eine Zahl oder ein körperloser Geist/ein körperloses Bewusstsein. Doch abstrakte Objekte stehen nicht in kausaler Relation zu physischen Dingen. Die Zahl 7 hat zum Beispiel keine Auswirkung auf irgendetwas. Also ist die Ursache des Universums ein körperloser Geist. Und somit gelangen wir nicht mehr nur zu einer transzendenten Ursache des Universums, sondern auch zu dessen persönlichem Schöpfer.

3.) Gott ist die beste Erklärung für die Anwendbarkeit der Mathematik auf die physische Welt.

Philosophen und Naturwissenschaftler haben sich über das, was der Physiker Eugene Wigner „die ungeheure Effektivität der Mathematik“ nennt, schon den Kopf zerbrochen. Wie kommt es, dass ein Mathematik-Theoretiker wie Peter Higgs sich an seinen Tisch setzen und durch das Brüten über mathematischen Gleichungen die Existenz eines Elementarteilchens vorhersagen kann, das 30 Jahre später, nachdem man Millionen von Dollar und Tausende Stunden Arbeitszeit hineingesteckt hat, dann von Experimentatoren entdeckt wird? Die Mathematik ist die Sprache der Natur. Doch wie lässt sich das erklären? Wenn mathematische Objekte wie Zahlen und mathematische Theoreme abstrakte Entitäten sind, die von der physischen Welt kausal isoliert sind, dann ist die Anwendbarkeit der Mathematik, so die Philosophin und Mathematikerin Mary Leng, „ein glücklicher Zufall“. Wenn mathematische Objekte aber nur nützliche Phantasien sind, wie kommt es dann, dass die Natur in der Sprache dieser Phantasien geschrieben ist? Naturalisten haben keine Erklärung für die ungeheure Anwendbarkeit der Mathematik auf die physische Welt. Im Gegensatz hierzu haben Theisten eine Erklärung zur Hand: Als Gott die physische Welt geschaffen hat, gestaltete er sie mit der mathematischen Struktur, die ihm vorschwebte.

Wir können dieses Argument wie folgt zusammenfassen:

1. Wenn Gott nicht existieren würde, wäre die Anwendbarkeit der Mathematik bloß ein glücklicher Zufall.

2. Die Anwendbarkeit der Mathematik ist nicht nur ein glücklicher Zufall.

3. Also existiert Gott.

4.) Gott ist die beste Erklärung für die Feinabstimmung des Universums, die intelligentes Leben ermöglicht.

In den letzten Jahrzehnten haben Naturwissenschaftler überrascht entdeckt, dass die Ausgangsbedingungen des Urknalls mit einer den menschlichen Verstand völlig übersteigenden Komplexität und Fragilität auf die Existenz intelligenten Lebens abgestimmt waren. Diese Feinabstimmung existiert auf zweierlei Art. Erstens: Wenn die Naturgesetze als Gleichungen ausgedrückt werden, findet man darin gewisse Konstanten vor, wie beispielsweise die Konstante der Schwerkraft. Die Werte dieser Konstanten sind unabhängig von den Naturgesetzen. Zweitens: Es gibt außerdem willkürliche Größen, die die Ausgangsbedingungen definieren, unter denen die Naturgesetze operieren – beispielsweise die Menge an Entropie (Unordnung) im Universum. Diese Konstanten und Größen liegen in einer außerordentlich kleinen Bandbreite, in der Leben möglich ist. Würden diese Konstanten und Größen um weniger als eine Haaresbreite verändert, wäre das Gleichgewicht der Natur, das Leben ermöglicht, zerstört, und es gäbe kein Leben.

Es gibt drei Erklärungsmöglichkeiten für diese außerordentliche Feinabstimmung: physikalische Notwendigkeit, Zufall oder Design.

Physikalische Notwendigkeit ist allerdings keine plausible Erklärung, weil die fein abgestimmten Konstanten und Größen unabhängig von den Naturgesetzen sind. Sie sind somit nicht physikalisch notwendig.

Könnte die Feinabstimmung also auf Zufall zurückzuführen sein? Das Problem an dieser Erklärung ist, dass die Wahrscheinlichkeit, dass alle Konstanten und Größen zufällig in den unvorstellbar schmalen Bereich fallen, der Leben ermöglicht, so gering ist, dass es unvernünftig wäre, diese Meinung zu vertreten. Die Befürworter der Zufallserklärung sahen sich also gezwungen, die Existenz eines „Multiversums“ aus zufällig angeordneten, vorzugsweise unendlich vielen Universen zu postulieren, das so angeordnet ist, dass Universen wie unseres, die Leben ermöglichen, zufällig irgendwie im Multiversum erscheinen würden. Diese Hypothese ist nicht nur, um Richard Dawkins‘ Bezeichnung zu borgen, eine „großzügige Extravaganz“; sie steht auch einem unüberwindbaren Einwand gegenüber. Die mit Abstand wahrscheinlichsten beobachtbaren Universen in einem Multiversum wären Welten, in denen ein einzelnes Gehirn aus dem Vakuum ins Dasein fluktuiert und seine sonst leere Welt beobachtet. Wenn unsere Welt also ein beliebiges Mitglied eines Multiversums wäre, müssten wir aller Wahrscheinlichkeit nach eigentlich derlei Dinge beobachten. Da wir das nicht tun, spricht das stark gegen die Multiversumshypothese. Der Zufall ist also auch keine gute Erklärung. Folglich:

1. Die Feinabstimmung des Universums ist entweder auf physikalische Notwendigkeit, Zufall oder Design zurückzuführen.

2. Die Feinabstimmung des Universums ist nicht auf physikalische Notwendigkeit oder Zufall zurückzuführen.

3. Also ist die Feinabstimmung des Universums auf Design zurückzuführen.

Die Feinabstimmung des Universums stellt also einen Beleg für einen kosmischen Designer dar.

5.) Gott ist die beste Erklärung für intentionale Bewusstseinszustände.

Philosophen sind in Bezug auf Intentionalitätszustände ratlos. Intentionalität ist die Eigenschaft, auf etwas anderes bezogen zu sein, oder über etwas anderes nachzudenken. Damit ist die Objektgerichtetheit unserer Gedanken gemeint. Ich kann beispielsweise über meinen Sommerurlaub nachdenken, oder ich kann an meine Frau denken. Kein physisches Objekt hat eine Intentionalität in diesem Sinne. Ein Stuhl oder ein Stein oder ein Gewebeklumpen wie das Gehirn ist auf nichts anderes bezogen. Nur mentale Zustände oder Bewusstseinszustände beziehen sich auf andere Dinge. Im Buch Atheist’s Guide to Reality: Enjoying Life without Illusions [2] (2011) erkennt der Materialist Alex Rosenberg diese Tatsache an und schlussfolgert, dass es aus atheistischer Sicht eigentlich keine intentionalen Zustände gibt. Rosenberg behauptet mutigerweise, dass wir eigentlich nie über etwas nachdenken. Doch das erscheint unmöglich zu glauben. Ganz offensichtlich denke ich gerade über Rosenbergs Argument nach – und Sie auch! Dies scheint mir eine reductio ad absurdum seines Atheismus zu sein. Einen Theisten überrascht es jedoch kaum, dass es auch andere, endliche Geistwesen mit intentionalen Zuständen gibt, weil Gott ein Geistwesen ist. Intentionale Zustände passen also gut in eine theistische Weltanschauung.

Wir können somit folgendermaßen argumentieren:

1. Wenn Gott nicht existieren würde, würden keine intentionalen Bewusstseinszustände existieren.

2. Doch intentionale Bewusstseinszustände existieren.

3. Also existiert Gott.

6.) Gott ist die beste Erklärung für objektive moralische Werte und Pflichten.

Innerhalb unserer Erfahrung haben wir eine Ahnung von moralischen Werten und Pflichten, die sich selbst als objektiv bindend und wahr aufdrängen. Wir erkennen beispielsweise an, dass es falsch ist, mit einer Maschinenpistole in eine Grundschule zu laufen und kleine Kinder und deren Lehrer zu erschießen. Gemäß einer naturalistischen Ansicht ist daran aber nichts wirklich falsch: Moralische Werte sind bloß das subjektive Nebenprodukt biologischer Evolution und sozialer Konditionierung und haben keine objektive Gültigkeit.

Alex Rosenberg schreibt auch hier mit brutaler Ehrlichkeit über die Implikationen seines Atheismus. Er verkündet: „Es gibt kein moralisches Richtig oder Falsch“ (The Atheist’s Guide to Reality, S. 145); „Das einzelne Menschenleben ist sinnlos (…) und ohne moralische Werte“ (S. 17); „Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass der Nihilismus wahr ist“ (S.95). Der Theist gründet objektive moralische Werte dahingegen auf Gott und unsere Pflichten auf seine Befehle. Der Theist hat somit eine Erklärung, um objektive moralische Werte und Pflichten zu begründen, die dem Atheisten fehlen.

Somit können wir folgendermaßen argumentieren:

1. Objektive moralische Werte und Pflichten existieren.

2. Doch wenn Gott nicht existieren würde, würden keine objektiven moralischen Werte und Pflichten existieren.

3. Also existiert Gott.

7.) Allein die Möglichkeit der Existenz Gottes impliziert, dass Gott existiert.

Um dieses Argument zu verstehen, muss man verstehen, was Philosophen mit „möglichen Welten“ meinen. Eine mögliche Welt ist eine Weltvariante. Sie beschreibt eine mögliche Realität. Eine mögliche Welt ist also kein Planet oder Universum oder irgendeine Art konkretes Objekt, sondern eine Beschreibung einer Welt. Die tatsächliche Welt beschreibt die Welt, wie sie wirklich ist. Andere mögliche Welten sind Beschreibungen, die zwar nicht der Realität entsprechen, ihr aber hätten entsprechen können. Wenn etwas in keiner möglichen Welt existiert, heißt dies, dass es unmöglich existieren kann. Es gibt beispielsweise keine mögliche Welt, in der ein rundes Viereck existiert. Wenn man sagt, etwas existiert in mindestens einer möglichen Welt, drückt man damit aus, dass es eine widerspruchsfreie Beschreibung einer möglichen Realität gibt, zu der diese Entität gehört. Dass etwas in jeder möglichen Welt existiert, heißt, dass diese Entität unabhängig davon, welche der möglichen Beschreibungen der Welt nun die richtige ist, in jedem Fall enthalten sein wird. Einhörner existieren beispielsweise nicht wirklich, doch es gibt mögliche Welten, in denen Einhörner existieren. Auf der anderen Seite sind viele Mathematiker der Meinung, dass Zahlen in jeder möglichen Welt existieren.

Behalten Sie dies im Hinterkopf und betrachten Sie das ontologische Argument, das im Jahr 1077/78 vom Mönch Anselm von Canterbury entdeckt wurde. Gott, so Anselm, ist per definitionem das größte vorstellbare Wesen. Wenn Sie sich irgendetwas Größeres als Gott vorstellen könnten, dann wäre das Gott. Gott ist somit das größte vorstellbare Wesen – ein Wesen von maximaler Größe. Wie wäre ein solches Wesen also? Es wäre allmächtig, allwissend und absolut gut, und es würde in jeder logisch möglichen Welt existieren. Ein Wesen, das nur eine dieser Eigenschaften nicht hätte, wäre nicht von maximaler Größe: Wir könnten uns etwas Größeres vorstellen – ein Wesen, welches alle diese Eigenschaften hat.

Doch das impliziert: Wenn Gottes Existenz auch nur irgendwie möglich ist, muss Gott existieren. Denn wenn ein Wesen von maximaler Größe auch nur in einer möglichen Welt existieren würde, existiert es in all diesen Welten. Das ist Teil der Bedeutung von „maximaler Größe“ – in jeder logisch möglichen Welt allmächtig, allwissend und absolut gut zu sein. Wenn Gottes Existenz also auch nur möglich ist, dann existiert er in jeder logisch möglichen Welt – und damit auch in der tatsächlichen Welt.

Wir können dieses Argument wie folgt zusammenfassen:

1. Es ist möglich, dass ein Wesen von maximaler Größe (Gott) existiert.

2. Wenn es möglich ist, dass ein Wesen von maximaler Größe existiert, dann existiert ein Wesen von maximaler Größe in mindestens einer möglichen Welt.

3. Wenn ein Wesen von maximaler Größe in mindestens einer möglichen Welt existiert, dann existiert es in jeder möglichen Welt.

4. Wenn ein Wesen von maximaler Größe in jeder möglichen Welt existiert, dann existiert es in der tatsächlichen Welt.

5. Also existiert ein Wesen von maximaler Größe in der tatsächlichen Welt.

6. Also existiert ein Wesen von maximaler Größe.

7. Also existiert Gott.

Vielleicht überrascht es Sie, dass die Schritte 2-7 dieses Arguments relativ wenig umstritten sind. Die meisten Philosophen würden der Aussage zustimmen, dass Gott existieren muss, wenn seine Existenz auch nur möglich ist.

Die Frage lautet also: Ist Gottes Existenz möglich? Nun, was denken Sie? Atheisten müssen behaupten, dass es unmöglich ist, dass Gott existiert. Das heißt, sie müssen behaupten, dass das Konzept von Gott logisch widersprüchlich ist, wie etwa das Konzept eines verheirateten Junggesellen oder eines runden Quadrats. Das Problem ist aber, dass das Konzept von Gott allem Anschein nach nicht derart inkohärent ist. Die Vorstellung eines Wesens, das in jeder möglichen Welt allmächtig, allwissend und absolut gut ist, scheint völlig kohärent. Zudem gibt es, wie wir gesehen haben, noch weitere Argumente für die Existenz Gottes, die zumindest dafür sprechen, dass es möglich ist, dass Gott existiert. Deshalb überlasse ich es Ihnen. Sind Sie, wie ich auch, der Meinung, dass es zumindest möglich ist, dass Gott existiert? Wenn ja, dann folgt logisch daraus, dass er auch existiert.

8.) Man kann Gott persönlich kennen und erfahren.

Das ist nicht wirklich ein Argument für die Existenz Gottes; es ist vielmehr die Behauptung, dass man ganz unabhängig von Argumenten wissen kann, dass Gott existiert, nämlich indem man ihn persönlich erlebt. Philosophen nennen derartig angeeignete Überzeugungen „berechtigterweise basale Überzeugungen“ [3]. Sie gründen nicht auf andere Überzeugungen, sondern gehören zum Fundament des Überzeugungssystems eines Menschen. Andere berechtigterweise als basal angesehene Überzeugungen sind der Glaube an die Realität der Vergangenheit oder an die Existenz der externen Welt. Diese Überzeugungen können auch nicht per Argument bewiesen werden. Wie könnten Sie beweisen, dass die Welt nicht vor fünf Minuten erschaffen wurde, mit eingebauten Alterserscheinungen wie einem Magen voller Essen von dem Frühstück, das wir eigentlich nie gegessen haben, und Gedächtnisspuren im Gehirn von Ereignissen, die wir eigentlich nie erlebt haben? Wie könnten Sie beweisen, dass Sie kein Gehirn sind, das in einem Fass mit Chemikalien schwimmt und von einem wahnsinnigen Wissenschaftler mit Elektroden so stimuliert wird, dass Sie glauben, dass Sie diesen Artikel lesen? Wir gründen solche Überzeugungen nicht auf Argumente; vielmehr gehören sie zum Fundament unseres Überzeugungssystems.

Doch dass diese Art von Überzeugungen für uns basal bzw. grundlegend sind, heißt nicht, dass diese Überzeugungen willkürlich sind. Sie sind in dem Sinne gegründet, dass sie im Kontext bestimmter Erfahrungen gebildet werden. Im Erfahrungskontext des Sehens, Fühlens und Hörens habe ich ganz natürlich die Überzeugung aufgebaut, dass es bestimmte physische Gegenstände gibt, die ich wahrnehme. Meine basalen Überzeugungen sind also nicht willkürlich, sondern angemessen auf Erfahrungen gegründet. Es mag vielleicht keinen Weg geben, solche Überzeugungen zu beweisen, und trotzdem ist es völlig vernünftig, sie zu haben. Derlei Überzeugungen sind somit nicht nur basal, sondern auch berechtigterweise basal. Genauso ist der Glaube an Gott für diejenigen, die ihn suchen, eine berechtigterweise basale Überzeugung, die auf deren Gotteserfahrung gründet.

Wenn das nun so ist, besteht die Gefahr, dass philosophische Argumente, die für Gott sprechen, sogar Ihre Aufmerksamkeit von Gott weglenken. Die Bibel verspricht: „Naht euch Gott, so naht er sich zu euch“ (Jak 4,8). Wir dürfen uns nicht so sehr auf die externen Argumente fokussieren, dass wir die innere Stimme Gottes, die zu unseren Herzen spricht, nicht mehr hören. Bei denjenigen, die bereit sind zuzuhören, wird Gott eine persönliche Realität im Leben.

Zusammenfassung

Wir haben uns nun acht Bereiche angesehen, in denen Gott eine bessere Erklärung für Sachverhalte in der Welt bietet als der Naturalismus: Gott ist die beste Erklärung …

1.) … dafür, dass überhaupt etwas existiert.

2.) … für die Entstehung des Universums.

3.) … für die Anwendbarkeit der Mathematik auf die physische Welt.

4.) … für die Feinabstimmung des Universums, die intelligentes Leben ermöglicht.

5.) … für intentionale Bewusstseinszustände.

6.) … für objektive moralische Werte und Pflichten.

Außerdem:

7.) Allein die Möglichkeit der Existenz Gottes impliziert, das Gott existiert.

8.) Man kann Gott persönlich kennen und erfahren.

(Übers.: J. Booker / L: RN)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/popular-articles-does-god-exist

  • [1]

    Dt. „Hatte das Universum einen Anfang?“. Ein Vortrag von Alexander Vilenkin mit dem gleichen Titel findet sich hier: https://www.youtube.com/watch?v=NXCQelhKJ7A (abgerufen 24.09.2015)

    Ein von Alexander Vilenkin mitverfasster Aufsatz findet sich hier: http://arxiv.org/abs/1204.4658 (abgerufen 24.09.2015). (Anm. d. Übers.)

  • [2]

    Dt. „Leitfaden zur Realität für Atheisten: ein Leben ohne Illusionen genießen“ (Anm. d. Übers.)

  • [3]

    En. „properly basic beliefs“. (Anm. d. Übers.)

    Für eine Erörterung darüber, ob der christliche Glaube "berechtigterweise basal" ist, siehe die Lektionen 26-30 hier: http://www.reasonablefaith.org/defenders-2-podcast/s4. Eine Mitschrift der Vorträge ist ebenfalls verfügbar.
    W.L. Craig nennt einige Gründe dafür, dass der christliche Glaube "berechtigterweise basal" ist, also dass es rational sein kann, christliche Überzeugungen zu vertreten, auch ohne alle Argumente der natürlichen Theologie zu vertreten, in dem Artikel Christliche Apologetik: Wer braucht sie? (siehe http://www.reasonablefaith.org/german/christliche-apologetik-wer-braucht-sie), dort den zweiten Abschnitt: "Christliche Apologetik – ihre Definition".

    Vgl. auch den in deutscher Sprache erhältlichen Aufsatz von Alvin Plantinga: Ist der Glaube an Gott berechtigterweise basal?, in: Christoph Jäger (Hrsg.), Analytische Religionsphilosophie, Paderborn 1998: UTB, S. 317-330.

    Zur Erläuterung: Wenn es rational ist, eine Überzeugung zu haben, ohne sie durch andere Überzeugungen begründen zu müssen, nennt man sie "berechtigterweise basal".

    Die Frage nach der Struktur der Rechtfertigung unserer Überzeugungen ist eine allgemeine Frage der Erkenntnistheorie, die auch unabhängig von religiöser Epistemologie erörtert wird. Eine einführende Diskussion der verschiedenen Modelle der Struktur der Rechtfertigung (klassischer und neoklassischer Fundamentalismus, Kohärenztheorie, Kontextualismus) enthält z.B. Thomas Grundmann, Analytische Einführung in die Erkenntnistheorie, Berlin 2008: Verlag Walter de Gruyter, Kap. 5, S. 277-338.

    (Anm. d. Übers.)