36 Argumente für die Existenz Gottes: Goldstein über das kosmologische Argument
Summary
Rebecca Goldsteins Roman präsentiert und widerlegt drei Dutzende “Argumente” für Gottes Existenz. Die Argumente sind jedoch Strohmänner ihrer eigenen Konstruktion und haben nur schwache Ähnlichkeit mit den klassischen Argumenten. Darüber hinaus scheint zumindest im Falle des kosmologischen Argumentes sogar der Strohmann das Argument zu gewinnen! Ihre Kritikpunkte sind leicht widerlegbar. Dadurch wird ihr Buch zu einer netten Übung für Anfänger in Apologetik.
Quelle: “36 Arguments for the Existence of God: Goldstein on the Cosmological Argument.” Christian Research Journal 34/01 (2010), pp. 52-53.
Ich muss gestehen, dass ich nicht die Geduld habe, Bücher wie diese zu lesen, noch finde ich sie unterhaltsam. Als Philosoph will ich Prämissen und stichhaltige Argumente, ohne den philosophischen Weizen von der Spreu einer populären fiktionalen Erzählung trennen zu müssen. Zum Glück besitzt das Buch einen Anhang mit den 36 theistischen Argumenten, in dem die Argumente klar bezeichnet werden und jeweils die Prämissen sowie die Argumente, welche die Prämissen jeweils unterstützen, dargelegt werden. So konnte ich gleich zum Kern der Sache kommen und sehen, was Rebecca Goldstein über mein Lieblingsargument, das kosmologische Argument (Nr. 1 auf ihrer Liste) zu sagen hat. Ich war entsetzt.
Sehen Sie, ich hatte gerade einen populärwissenschaftlichen Artikel über “Die zehn schlechtesten Einwände der Welt gegen das kosmologische Kalam-Argument“ verfasst, die ich von YouTube und aus dem Internet gesammelt hatte. Ich hätte Goldsteins Buch zuerst lesen müssen. Ich bin nirgendwo im Internet oder auf YouTube einer solch lächerlichen Karikatur des kosmologischen Argumentes begegnet wie bei Goldstein. Sie lässt im Vergleich dazu die Teenager, die im Internet posten, wie Dozenten der prestigeträchtigen Gifford Vorlesungen erscheinen.
Nun hat Goldstein sich selbst für ihre etwas anmaßende aber alberne Liste von Argumenten eine Ummantelung besorgt. Denn der Anhang besteht angeblich aus den 36 Argumenten, die durch den neuen atheistischen Protagonisten des Romans, Cass Seltzer, formuliert wurden und in seinem Bestseller erscheinen. Goldstein konnte mit einiger Glaubwürdigkeit behaupten, dass die Argumente im Anhang eine faire Wiedergabe der neuesten atheistischen Argumente seien, die es heute da draußen gibt. – „Also tadeln Sie mich nicht!“ Dennoch erklärt der Schutzumschlag ihres Buches:
„Auf rein intellektuellem Gebiet scheint es so, dass die Skeptiker alle Argumente auf ihrer Seite haben. Dennoch gibt es Menschen, die sich weigern, ihre anscheinend unwiderlegbaren Argumente zu akzeptieren und die weiterhin den Glauben an Gott als ihre Quelle von Sinn, Bedeutung und Trost annehmen."
Wie lächerlich ein solches Getue ist, wird deutlich, wenn wir einen Blick auf die Argumente werfen. Goldstein stellt sie zunächst falsch dar und bietet dann wenig überzeugende Wiederlegungen. Beispielsweise lautet ihre Formulierung des kosmologischen Arguments:
- Alles, was existiert, muss eine Ursache haben.
- Das Universum muss eine Ursache haben. (Folgt aus 1).
- Nichts kann die Ursache für sich selbst sein.
- Das Universum kann nicht die Ursache für sich selbst sein (folgt aus 3).
- Etwas außerhalb des Universums muss das Universum verursacht haben (folgt aus 2 und 4).
- Gott ist das einzige Ding außerhalb des Universums.
- Gott hat das Universum verursacht (folgt aus 5 und 6).
- Gott existiert.
Komisch ist, dass Goldstein dann weiter fortfährt, zwei “Schwachstellen” an diesem Konglomerat von Aussagen, die sich als das kosmologische Argument verkleiden, aufzuzeigen. Sie macht nicht einmal Halt, um zu bemerken, dass es nicht nur logisch ungültig, sondern fragwürdig ist, da (8) allein aus (6) folgt, sodass alle übrigen Prämissen nur Augenwischerei sind. Dieses Strohmann-Argument wurde noch nie in der gesamten Geistesgeschichte von einem Philosophen verteidigt.
Welche Schwachstellen erspäht also Goldstein in diesem Argument? Sie haben richtig erraten, natürlich: „Wer hat denn Gott verursacht?“ Der Vertreter des kosmologischen Argumentes, so sagt sie, müsse entweder sagen, dass Gott keine Ursache habe, was (1) widerspreche, oder dass Gott sich selbst verursacht habe, was (3) widerspreche.
Das Problem bei dieser Widerlegung ist nur, dass keine Version des kosmologischen Argumentes, wie man sie in den Werken der Hauptvertreter finden kann, Goldsteins Prämisse (1) verwendet. Die Prämissen, die normalerweise anstelle von (1) vorkommen, lauten in etwa so:
1´. Alles, das einmal anfängt zu existieren, hat eine Ursache.
Oder
1′′. Alles, das existiert, hat eine Erklärung für seine Existenz (entweder liegt diese in der Notwendigkeit seiner eigenen Natur oder in einer externen Ursache).
Versionen des kosmologischen Argumentes, die (1′) anführen, behaupten, dass alles, was entsteht, eine Ursache haben muss (etwas kann nicht von nichts kommen). Aber wenn etwas von Ewigkeit an existiert hat, dann ist es offenbar nie entstanden, und somit besteht keine Notwendigkeit dafür, eine Ursache anzugeben. Diese Version des Argumentes wird dann eine Prämisse anführen, die behauptet, dass das Universum zu existieren begann, eine Prämisse, die verdächtigerweise in Goldsteins Formulierung fehlt.
Andere Versionen des kosmologischen Argumentes, die (1′′) anführen, behaupten stattdessen, dass alles, was existiert, selbst ein ewiges Universum, eine Erklärung haben muss, warum es existiert. Diese Erklärung kann auf zweierlei Art sein: Entweder existiert das Ding aufgrund der Notwendigkeit seiner eigenen Natur, sodass es ein metaphysisch notwendiges Wesen ist, oder sonst hat es eine externe Ursache; in diesem Fall ist es ein abhängiges Wesen. Diese Version des Argumentes wird dann eine Prämisse anführen, die besagt, dass das Universum nicht aus Notwendigkeit existiert und darum eine externe Ursache in einem Wesen haben muss, das aus einer Notwendigkeit seiner eigenen Natur heraus existiert und Ursache für jedes abhängige Ding ist.
Goldstein kommt mit ihrer Prämisse (1) daher, weil sie diese beiden Versionen des kosmologischen Argumentes verwechselt. Indem sie (1′) und (1′′) zusammenlaufen lässt, erhält sie eine Prämisse, die kein Vertreter des Argumentes je vertreten hat, nämlich dass “alles, was existiert, ”—entnommen aus (1′′)—“eine Ursache hat”—entnommen aus (1′).
Seltsamerweise greift Goldstein das kosmologische Argument nicht aufgrund einer falschen Prämisse an. Sie sieht das Problem vielmehr darin, „zu erklären, warum Gott eine einzigartige Ausnahme sein muss“, statt das Universum selbst. Hätte sie das kosmologische Argument getreu wiedergegeben, statt es so zu karikieren, wüsste sie die Antwort auf diese Frage. Vertreter der ersten Version argumentieren weiter, dass das Universum zu existieren begann und darum auch eine Ursache haben muss, während Vertreter der zweiten Version fortfahren zu argumentieren, dass das Universum nicht aufgrund einer Notwendigkeit seiner eigenen Natur existiert und deshalb abhängig sein muss. Dies sind wichtige und umstrittene Behauptungen; aber sie werden nicht diskutiert werden, wenn das Argument so falsch dargestellt wird, dass diese Prämissen nicht einmal auftauchen.
Allerdings spricht Goldstein in einem anderen Argument, nämlich in Nr. 4, “Das Argument für Gottes Existenz auf Basis des Urknalls“, kurz den Beweis der physikalischen Kosmologie für den Anfang des Universums an. Die „Schwachstelle“, die sie in diesem Argument sieht, lautet: „Kosmologen selbst stimmen nicht alle darin überein, dass der Urknall eine Singularität ist … Der Urknall mag das gesetzmäßige Auftauchen eines neuen Universums aus einem zuvor existierenden darstellen“. Das ist eine „Schwachstelle“? Seit wann ist universaler Konsens für einen physikalischen Beweis erforderlich, um eine Hypothese zu bestätigen? Darüber hinaus lenkt die Erwähnung der Singularität auch vom eigentlichen Thema ab, da Modelle des Universums mit einer endlichen Vergangenheit, wie das von Stephen Hawking und James Hartle, einen nicht-singulären Anfang darstellen können. Im Jahre 2003 bewiesen Arvind Borde, Alan Guth und Alexander Vilenkin, dass jedes Universum, das sich im Durchschnitt in einem Zustand der Expansion befindet, in der Vergangenheit nicht ewig gewesen sein kann, sondern einen absoluten Anfang gehabt haben muss. Tatsache ist, dass es kein mathematisch oder physikalisch haltbares Modell des Universums gibt, das sich auf vergangene Unendlichkeit hochrechnen ließe. Wenn Goldstein anderer Auffassung ist, möge sie uns das Modell vorstellen. Die Kernaussage ist: In der Physik kommt es nicht auf bloße Möglichkeiten an. Es wäre zu billig, einfach nur theoretisch denkbare Möglichkeiten aufzuzeigen. Was wir wissen wollen ist, in welche Richtung die Indizien zeigen.
Der zweite Schwachpunkt im kosmologischen Argument, den Goldstein aufspürt, besteht darin, dass unsere beste Definition von Ursache laute: „eine Beziehung, die zwischen Ereignissen besteht, die durch physikalische Gesetze miteinander verbunden sind“. „Dieses Konzept auf das Universum selbst anzuwenden, bedeutet, das Konzept der Ursache falsch anzuwenden, indem man es auf ein Gebiet ausweitet, wo wir keine Vorstellung haben, wie wir es anwenden sollen“. Hier ist Goldstein verwirrt. Die relevante Frage ist nicht die einer Definition von „Ursache“. Um diese zu finden, schlagen Sie Ihr Wörterbuch auf. (Gewiss reicht Goldsteins Definition nicht aus: z. B. ist Simultanität „eine Beziehung, die zwischen Ereignissen besteht, die durch physikalische Gesetze miteinander verbunden sind“, doch offensichtlich bedeutet oder impliziert „simultan bestehend mit“ nicht „verursacht durch“). Webster‘s Lexikon definiert „Ursache“ als eine „Person oder Sache, die freiwillig oder unfreiwillig als Agent wirkt, der eine Wirkung oder ein Ergebnis herbeiführt“. Kein Problem damit!
Die relevante Frage besteht hier vielmehr darin, ob wir eine philosophische Analyse der kausalen Beziehung in primitiveren oder grundlegenderen Termini bieten können, oder ob die Kausalität selbst eine grundlegende (nicht weiter reduzierbare) Idee ist. Zum Beispiel haben einige Philosophen eine Kausalbeziehung folgenderweise analysiert:
Für jegliche Entitäten x und y ist x die Ursache von y wenn und nur dann, wenn
(i) Wenn x nicht existierte, würde y nicht existieren, und
(ii) Wenn y nicht existierte, würde x immer noch existieren.
Wenn wir annehmen, x sei Gott und y das Universum, dann würde nach dieser Analyse Gott die Bedingungen erfüllen, die Ursache des Universums zu sein, denn wenn Gott nicht existierte, würde das Universum nicht existieren; aber wenn das Universum nicht existierte, würde Gott immer noch existieren. So ist im Widerspruch zu Goldstein die Kausalität über das Universum hinaus ausdehnbar und wir haben eine klare Vorstellung davon, wie wir sie verwenden können. Nun behaupte ich nicht, dass diese Analyse der Kausalität für jeden Fall adäquat sei. Die korrekte Analyse von Kausalität oder Verursachung ist ein Gegenstand großer Kontroverse unter den Philosophen, und viele würden sagen, dass dies nur ein grundlegendes, nicht ableitbares Konzept ist. Aber beachten Sie, dass die Adäquatheit solcher Analysen danach beurteilt werden wird, wie gut sie sich mit unserem prä-philosophischen, intuitiven Verständnis der Ursache-Wirkung Beziehung verbinden. Man braucht keine philosophische Analyse, um zu erkennen, dass Dinge, die zu existieren beginnen, Ursachen haben. Es gibt noch viel mehr, was man hier als Philosoph aus fachlicher Sicht einwenden könnte (warum sollte man z.B. annehmen, wie sie behauptet, dass Ursächlichkeit nur eine Beziehung zwischen Ereignissen sein muss und warum müssen die Ereignisse durch physikalische Gesetze miteinander verbunden sein?) – doch lassen wir das beiseite. Es ist in keiner Hinsicht anstößiger zu behaupten, dass Gott die Ursache des Universums ist, als dass Tolstoi die Ursache von Krieg und Frieden ist.
Schließlich kommentiert Goldstein, dass das kosmologische Argument ein Ausdruck unserer Verwirrung angesichts der Frage sei, warum ist da etwas und nicht vielmehr nichts? – woraufhin sie die Erwiderung empfiehlt: „Und wenn es nichts gäbe? Dann würden Sie sich immer noch beklagen!“ Das soll wohl süß klingen, nehme ich an, denn, wenn es nichts gäbe, dann wären Sie ja nicht da, um sich zu beklagen. Doch ist dies nicht gerade der Punkt? Das Nichts braucht weder eine Erklärung, noch kann es sie haben (es ist nichts da, was erklärbar wäre oder was man erklären könnte!). Aber die Tatsache, dass etwas existiert, ist ein positives Faktum, das nach einer Erklärung schreit. Nachdenkliche Nicht-Theisten erkennen die Gewichtigkeit dieser Frage. Der naturalistische Philosoph Derek Parfit, zum Beispiel, sinniert: „Keine Frage ist erhabener als die, warum es ein Universum gibt, warum etwas da ist statt nichts.“
Es ist tragisch, dass zu einer Zeit, in der sich eine wahrhaftige Renaissance christlicher Philosophie ereignet und diese in voller Blüte steht, eine interessierte Öffentlichkeit mit dieser Art von geistlosem Einheitsbrei abgespeist wird, wie er sich in Goldsteins Buch befindet.
William Lane Craig
(Übers.: B. Currlin)
Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/36-arguments-for-the-existence-of-god