English Site
back
05 / 06

Der Große Entwurf — Wahrheit oder Fiktion?

Summary

Als es um die Erschaffung des Universums ging, war Gott einfach nicht notwendig. Zu dieser Schlussfolgerung gelangte der renommierte englische Physiker und Kosmologe Stephen Hawking zusammen mit Leonard Mlodinow in seinem jüngsten Buch Der Große Entwurf. „Es ist nicht nötig, Gott als den ersten Beweger zu bemühen, der das Licht entzündet und das Universum in Gang gesetzt hat“, schreibt Hawking. Nach Hawkings Auffassung war der Urknall ein natürliches Ereignis, das ohne die Hilfe oder Beteiligung Gottes geschah. Damit löste Hawkings und Mlodinows neues Buch einen Paukenschlag unter Laien aus. Doch wie sehen die Schlussfolgerungen dieser Autoren aus? Wie zutreffend sind sie? William Lane Craig, der bekannte christliche Philosoph und Theologe, antwortet auf Hawkings und Mlodinows neues Buch.

Erstveröffentlichung dieses Artikels: Enrichment (Winter 2011), S. 118-122.

Der Große Entwurf und die Philosophie

Stephen Hawking und Leonard Mlodinow beginnen ihr Buch Der Große Entwurf mit einer Reihe tiefgründiger Fragen: „Was ist das Wesen der Wirklichkeit? Woher kommt das alles? Brauchte das Universum einen Schöpfer?“ Dann sagen sie: „Traditionell sind das Fragen für die Philosophie, doch die Philosophie ist tot. Sie hat mit den neueren Entwicklungen in der Naturwissenschaft, vor allem in der Physik, nicht Schritt gehalten. Jetzt sind es die Naturwissenschaftler, die mit ihren Entdeckungen die Suche nach Erkenntnis voranbringen.“ [1] 

Ein professioneller Philosoph kann über die Dreistigkeit und Überheblichkeit einer solchen Aussage nur den Kopf schütteln. Zwei Wissenschaftler, die allem Anschein nach mit Philosophie wenig vertraut sind, finden sich bereit, eine ganze Fachrichtung für tot zu erklären und die Kollegen ihrer eigenen philosophischen Fakultäten am Cal Tech [2] und an der Universität Cambridge zu beleidigen – von denen viele, wie Michael Redhead und D.H. Mellor, herausragende Wissenschaftsphilosophen sind –, weil sie angeblich nicht Schritt gehalten haben.

Ein professioneller Philosoph wird ihr Urteil nicht nur für erstaunlich arrogant, sondern auch für außerordentlich naiv halten. Wer behauptet, keine Philosophie zu brauchen, neigt am ehesten dazu, sich in philosophischen Fragen zu täuschen. Man ist daher geneigt, schon von vorneherein zu vermuten, dass Mlodinow und Hawking ihre anschließende Darlegung der von ihnen bevorzugten Theorien durch eine Fülle ungeprüfter philosophischer Grundannahmen untermauern werden. Diese Erwartung bestätigt sich dann tatsächlich. Für ihre Behauptungen über die Naturgesetze, die Möglichkeit von Wundern, den wissenschaftlichen Determinismus und die Illusion des freien Willens liefern sie nur eine höchst fadenscheinige Rechtfertigung. Mlodinow und Hawking stecken offensichtlich bis zum Hals mitten in philosophischen Fragen.

Was man vielleicht nicht erwartet ist, dass Hawking und Mlodinow – nachdem sie den Tod der Philosophie verkündet haben – sich anschließend sofort selbst in eine philosophische Diskussion über den wissenschaftlichen Realismus versus den Antirealismus stürzen. Das erste Drittel ihres Buchs handelt überhaupt nicht von aktuellen wissenschaftlichen Theorien, sondern ist eine Abhandlung über die Geschichte und Philosophie der Wissenschaft. Für mich war dieser Abschnitt der interessanteste und verblüffendste des ganzen Buchs. Lassen Sie mich das erklären.

Ich hatte mir einen Montagnachmittag eingeplant, um das Buch von Hawking und Mlodinow zu lesen, und hatte gerade den Vormittag damit verbracht, einen Fachartikel aus dem im Wiley-Blackwell Verlag erschienenen Contemporary Debates in Metaphysics [3]  durchzuarbeiten, der sich mit einem philosophischen Standpunkt befasst, der als ontologischer Pluralismus bekannt ist. Der ontologische Pluralismus ist eine Auffassung in einer Teildisziplin der Philosophie, deren Name wie gestottert klingt: Meta-Metaphysik oder, wie sie manchmal genannt wird, Meta-Ontologie. Das ist Philosophie der ätherischsten Art. Ontologie beschäftigt sich mit dem Sein oder dem, was existiert – dem Wesen der Wirklichkeit. Meta-Ontologie geht noch einen Schritt darüber hinaus: Sie fragt, ob ontologische Streitfragen sinnvoll sind und wie man sie am besten lösen kann.

Der ontologische Pluralismus behauptet, dass es eigentlich keine richtige Antwort auf viele ontologische Fragen gibt wie: Existieren zusammengesetzte Objekte? Nach Auffassung des ontologischen Pluralisten gibt es einfach verschiedene Arten, die Wirklichkeit zu beschreiben, und keine davon ist korrekter oder zutreffender als die andere. Es gibt buchstäblich überhaupt keinen faktischen Grund, diese Fragen zu beantworten. Wenn man also fragen würde: „Gibt es so etwas wie den Mond?“, würde der ontologische Pluralist sagen, dass es für diese Frage keine objektive Antwort gibt. Es ist nicht wahr, dass der Mond existiert, und es ist nicht wahr, dass der Mond nicht existiert. Es gibt einfach keinen faktischen Sinn in der Frage, ob es so etwas wie den Mond gibt. Der ontologische Pluralismus ist also eine radikale Auffassung, die von einer Handvoll Philosophen verteidigt wird.

Stellen Sie sich deshalb meine Überraschung vor, als ich feststellte, dass Hawking und Mlodinow sich den ontologischen Pluralismus (ohne sich der Bezeichnung bewusst zu sein) als ihre Wissenschaftsphilosophie zu eigen machen. Sie bezeichnen ihre Auffassung als „modellabhängigen Realismus“. Sie erklären, dass Modelle einfach verschiedene Ansätze sind, unsere Sinneswahrnehmungen zu interpretieren. Aus ihrer Sicht gibt es keine objektive Wirklichkeit, auf die unsere Modelle der Welt mehr oder weniger genau zutreffen (S. 7).

Mlodinow und Hawking sind somit extreme Antirealisten. Bei der Gegenüberstellung der kreationistischen Theorie einer jungen Erde und der Theorie des Urknalls behaupten Hawking und Mlodinow zum Beispiel, die Theorie des Urknalls sei zwar „praktischer“, aber nichtsdestoweniger „könnten wir nicht sagen, das eine sei realer als das andere“ (Seite 51).

Man kann sich nur wundern, welches Argument man anführen könnte, um eine so radikale Auffassung zu rechtfertigen. Alles, was Mlodinow und Hawking zu bieten haben, ist die Tatsache, dass wir, wenn wir sozusagen Bewohner einer virtuellen Wirklichkeit wären, die von außerirdischen Wesen beherrscht würde, keine Möglichkeit hätten zu erkennen, dass wir uns in der simulierten Welt befinden, und deshalb auch keinen Grund hätten, an ihrer Wirklichkeit zu zweifeln (S. 42). Das Problem bei dieser Art von Argument ist, dass es die Möglichkeit nicht ausschließt, dass wir in diesem Fall zwei konkurrierende Modelle der Welt haben – das der Außerirdischen und unseres – und dass eines der Modelle wahr und das andere falsch ist, auch wenn wir nicht erkennen können, welches das eine und welches das andere ist.

Außerdem beinhaltet die Tatsache, dass unsere Beobachtungen modellabhängig sind, nicht, dass wir keine Kenntnis über die Beschaffenheit der Welt haben können (und schon gar nicht, dass es keine bestimmte Beschaffenheit der Welt gibt). Zum Beispiel würde ein Laie, der beim Betreten eines wissenschaftlichen Labors ein technisches Gerät auf dem Labortisch liegen sieht, es nicht als Interferometer erkennen, da ihm das theoretische Wissen fehlt, es als solches zu erkennen. Ein Höhlenmensch, der das Labor betritt, würde nicht einmal wahrnehmen, dass ein technisches Gerät auf dem Tisch liegt, da er keine Vorstellung von technischen Geräten hat. Aber das ändert nichts an der objektiven Wahrheit der Beobachtung des Labortechnikers, dass ein Interferometer auf dem Tisch liegt.

Mlodinow und Hawking, mit dem ontologischen Pluralismus nicht zufrieden, geraten vollends in die Schieflage, wenn sie erklären: „Es gibt keinen modellunabhängigen Test der Wirklichkeit. Daraus folgt, dass ein gut konstruiertes Modell eine eigene Realität schafft“ (S. 172). Dies ist eine Behauptung der ontologischen Relativität, der Ansicht, dass die Realität selbst sich für Personen, die verschiedene Modelle haben, unterscheidet.

Wenn man Fred Hoyle ist, hat das Universum tatsächlich ewig in einem konstanten Zustand existiert; aber wenn man Stephen Hawking ist, hat das Universum in Wirklichkeit mit einem Urknall begonnen. Wenn man der antike Arzt Galenos ist, gibt es keinen Blutkreislauf im menschlichen Körper; wenn man aber William Harvey ist, der den Blutkreislauf entdeckte, dann gibt es den Blutkreislauf. Eine solche Auffassung erscheint verrückt und wird nur noch unsinniger, wenn Mlodinow und Hawking behaupten, das Modell selbst sei dafür verantwortlich, seine jeweilige Realität geschaffen zu haben. Es erübrigt sich eigentlich zu sagen, dass eine solche Schlussfolgerung gar nicht gezogen werden kann, da es ja keinen modellunabhängigen Test für die Beschaffenheit der Welt gibt.

Das alles ist jedoch nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist, dass Hawking und Mlodinow trotz ihrer Behauptung, als wissenschaftliche Fackelträger des Wissens zu reden, Philosophie betreiben. Die wichtigsten Schlussfolgerungen, die sie in ihrem Buch ziehen, sind philosophisch, nicht wissenschaftlich. Warum erklären sie dann die Philosophie für tot und behaupten, als Wissenschaftler die Fackel der Entdeckung zu tragen? Einfach weil das sie in die Lage versetzt, ihr amateurhaftes Philosophieren mit dem Mantel wissenschaftlicher Autorität zu umkleiden und so der harten Arbeit zu entgehen, wirklich für ihre philosophischen Standpunkte zu argumentieren, statt sie nur zu behaupten.

Warum existiert das Universum?

In ihrem Buch versuchen Hawking und Mlodinow drei Fragen zu beantworten, die sie im ersten Kapitel selbst gestellt haben:

1. Warum gibt es etwas und nicht einfach nichts?

2. Warum existieren wir?

3. Warum dieses besondere System von Gesetzen und nicht irgendein anderes?

Seltsamerweise fallen ihre Antworten auf jede dieser Fragen sehr kurz aus. Frage (2) wird sogar in Frage (1) eingeschlossen und erhält nicht einmal eine eigene Antwort.

Hawkings und Mlodinows Antwort auf die Fragen (1) und (2) beruft sich auf die „no boundary"-Hypothese über den Ursprung des Universums, die Hawking in seinem Buch Eine kurze Geschichte der Zeit popularisierte. Unsere Autoren erklären das Modell einfach, ohne irgendwelche Indizien und Gründe dafür zu nennen oder irgendeine der möglichen Alternativen zu erwähnen. Sie antworten auch nicht auf die Kritik, dass das Merkmal der sogenannten „imaginären Zeit“ in diesem Modell physikalisch nicht erfasst werden kann und damit nur ein mathematischer „Trick“ ist, der nützlich ist, um die kosmologische Singularität zu umgehen, die in klassischen Theorien über den Beginn des Universums in Erscheinung tritt.

Trotzdem sind ihre Ausführungen über den Beginn des Universums nicht uninteressant. Sie schreiben zum Beispiel: „Die Erkenntnis, dass die Zeit sich wie eine weitere Raumdimension verhalten kann, bedeutet, dass wir uns der Frage, ob die Zeit einen Anfang hat, auf ähnliche Weise entledigen können wie derjenigen, ob die Welt einen Rand hat. Nehmen wir an, der Anfang des Universums war wie der Südpol der Erde, wobei die Breitengrade die Rolle der Zeit übernehmen. Wenn wir uns nach Norden bewegen, weiten sich die Kreise konstanter Breite aus, die die Größe des Universums darstellen. Das Universum beginnt als ein Punkt am Südpol, der weitgehend jedem beliebigen Punkt ähnelt. Zu fragen, was vor dem Anfang des Universums geschah, wird zu einer sinnlosen Frage, weil es nichts gibt, was südlich des Südpols liegt. Nach dieser Vorstellung hat die Raumzeit keine Grenzen – am Südpol gelten die gleichen Gesetze wie an anderen Orten“ (S. 134-135). [4]

Dieser Abschnitt ist faszinierend, denn wenn wir die Analogie ernstnehmen, postuliert sie einen Anfangspunkt sowohl für die Zeit als auch für das Universum. Trotz der Tatsache, dass imaginäre Zeit sich wie eine weitere Raumdimension verhält, lässt Hawking die Breitengrade die Rolle der Zeit übernehmen, die am Südpol einen Anfangspunkt hat. Wenn Hawking davon spricht, wie „wir uns der Frage, ob die Zeit einen Anfang hat, ... entledigen können“, meint er den „uralten Einwand gegen einen Anfang des Universums“ (a.a.O., S. 135), ein Einwand, den sein Modell aufhebt. Dieser uralte Einwand ist die Frage: „Was geschah vor dem Anfang des Universums?“ Hawking hat Recht, dass diese Frage in seinem Modell sinnlos ist. Doch was er zu sagen versäumt ist, dass die Frage beim Standardmodell des Urknalls ebenso sinnlos ist, da es vor der anfänglichen kosmologischen Singularität nichts gibt. Oder anders gesagt, jedes der beiden Modelle des Universums hat einen absoluten zeitlichen Anfang.

Die Frage lautet also: Warum begann das Universum zu existieren? Warum gibt es etwas und nicht einfach nichts? Hawking und Mlodinow vertreten bei dieser Frage einen „Top-down-Ansatz“, wie sie es nennen. Die Idee dabei ist, bei unserem gegenwärtig beobachteten Universum zu beginnen, das durch das Standardmodell der Teilchenphysik charakterisiert ist, und dann, unter der Voraussetzung der "no boundary"-Bedingung, die Wahrscheinlichkeit der verschiedenen historischen Verläufe zu berechnen, die nach der Quantenphysik möglich sind, um zu unserem gegenwärtigen Zustand zu gelangen. Die wahrscheinlichste Geschichte stellt die Geschichte unseres beobachtbaren Universums dar. Hawking und Mlodinow behaupten, dass „nach dieser Auffassung das Universum spontan aus dem Nichts entstand“ (a.a.O., S. 136). Mit „spontan“ meinen sie offenbar ohne eine Ursache.

Aber inwiefern ist das eine Folgerung aus dem Modell? Der Top-down-Ansatz berechnet die Wahrscheinlichkeit unseres beobachtbaren Universums unter der Voraussetzung der "no-boundary" Bedingung – also unter der Voraussetzung, dass die Raumzeit keine Grenze hat. Der Top-down-Ansatz berechnet nicht, mit welcher Wahrscheinlichkeit die no-boundary-Bedingung gegeben ist, sondern setzt sie einfach voraus. Eine solche Bedingung ist metaphysisch oder physikalisch nicht notwendig. Wenn das Universum unverursacht aus dem Nichts entstand, hätte es jede erdenkliche Art von raum-zeitlicher Konfiguration haben können. Denn das Nichts, oder das Nicht-Sein, hat keine Eigenschaften oder Beschränkungen und wird durch keine physikalischen Gesetze bestimmt. Die Physik beginnt in dem no-boundary-Modell am „Südpol“. Es gibt in dem Modell nichts, was beinhaltet, dass dieser Punkt ohne eine Ursache entstand. Tatsächlich erscheint die Vorstellung, dass ein Sein ohne eine Ursache aus dem Nicht-Sein entstehen könnte, metaphysisch absurd.

Hawking und Mlodinow scheinen zu merken, dass sie die Frage „Warum gibt es etwas und nicht einfach nichts?“ noch nicht beantwortet haben. Sie kehren in ihrem abschließenden Kapitel zu dieser Frage zurück und geben eine ganz andere Antwort. Dort erklären sie, dass im leeren Raum eine konstante Vakuumenergie enthalten ist, und wenn die mit der Materie verbundene positive Energie des Universums durch die negative Gravitationsenergie aufgehoben wird, kann das Universum spontan entstehen als eine Fluktuation der Vakuumenergie (von der sie in einem geschickten Schachzug einfach sagen: "wir können die Größe der Vakuumenergie auch einfach als gleich Null beziffern".).

Dies scheint eine ganz andere Erklärung für den Ursprung des Universums zu sein, denn sie setzt die Realität des Raums und der darin enthaltenen Energie voraus. Es ist also verblüffend, wenn Mlodinow und Hawking den Schluss ziehen: „Da es ein Gesetz wie das der Gravitation gibt, kann und wird sich das Universum auf die in Kapitel 6 beschriebene Weise aus dem Nichts erzeugen“ (a.a.O., S. 180). Hier wird gesagt, dass das Nichts, von dem in Kapitel 6 die Rede war, schließlich doch kein Nichts ist, sondern ein mit Vakuumenergie gefüllter Raum. Dies verstärkt die Überzeugung, dass der no-boundary-Ansatz nur die Evolution unseres Universums seit seinem Ursprung an seinem „Südpol“ bis zu seinem gegenwärtigen Zustand beschreibt, aber nichts darüber aussagt, warum das Universum überhaupt entstand.

Dies bedeutet, dass Hawking und Mlodinow nicht einmal angefangen haben, auf die philosophische Frage „Warum gibt es etwas und nicht einfach nichts?“ einzugehen. Denn in ihrem Wortschatz hat „Nichts“ nicht die traditionelle Bedeutung von „Nicht-Sein“, sondern bedeutet vielmehr „das Quanten-Vakuum“. Sie antworten nicht einmal auf dieselbe Frage. Wie ein Philosophie-Student, der im Abschlussexamen auf die Frage „Was ist die Zeit?“ antwortet: „eine überregionale Wochenzeitung aus Hamburg“, so sind Hawking und Mlodinow der eigentlichen Frage durch Äquivokation (sprachliche Mehrdeutigkeit) ausgewichen.

Warum ist das Universum für das Leben feinabgestimmt?

Wenn die Autoren es versäumt haben, die Fragen (1) und (2) zu beantworten, was ist mit Frage (3): Warum gibt es dieses besondere System von Gesetzen und nicht irgendein anderes? Hier geht es darum, die anscheinend übernatürliche Feinabstimmung des Universums für intelligentes Leben zu erklären. Hawking und Mlodinow sprechen diese Idee an, indem sie feststellen, dass „Physiker in den letzten Jahren angefangen haben, sich zu fragen, wie das Universum gewesen wäre, wenn die Naturgesetze anders wären“ (a.a.O., S. 159). Leider ist diese Aussage sehr irreführend. Wissenschaftler, die sich mit der Feinabstimmung auseinandersetzen, fragen nicht, wie das Universum gewesen wäre, wenn es von anderen Naturgesetzen bestimmt würde. Sie fragen vielmehr, wie das Universum gewesen wäre, wenn es durch dieselben Naturgesetze bestimmt würde, aber mit anderen Werten für die physikalischen Konstanten, die in ihnen erscheinen, und mit anderen Quantitäten für die Anfangszustände, auf welche die Gesetze einwirken.

Niemand weiß, wie ein Universum wäre, das von anderen Gesetzen bestimmt würde. Doch weil wir über Universen sprechen, die durch dieselben Gesetze bestimmt werden, die jedoch mit anderen Ziffern für die Konstanten und die Quantitäten versehen sind, können wir berechnen, welche Arten von Universen sich aufgrund der Naturgesetze ergeben würden (so wie Hawking und Mlodinow es auf den Seiten 159-162 illustrieren). Frage (3) ist demnach fehlerhaft formuliert. Die wirkliche Frage lautet: Warum dieses besondere System von Konstanten und Quantitäten und nicht irgendein anderes?

Nun gibt es drei mögliche Antworten auf diese Frage: physikalische Notwendigkeit, Zufall oder Design. Hawking und Mlodinow lehnen die Hypothese einer physikalischen Notwendigkeit ab: „Offenbar werden die fundamentalen Zahlen und sogar die Form der in unserem Kosmos nachweisbaren Naturgesetze nicht von der Logik oder von physikalischen Prinzipien verlangt“ (S. 143). Da Mlodinow und Hawking nichts mit einem kosmischen Designer zu tun haben wollen, wählen sie die Hypothese des Zufalls. Da die Wahrscheinlichkeit einer Feinabstimmung unseres Universums für intelligentes Leben unfassbar gering ist, berufen Hawking und Mlodinow sich auf die Viele-Welten-Hypothese, um die Wahrscheinlichkeit für die eigene Sicht so weit zu erhöhen, dass es geradezu unvermeidbar wird, dass ein feinabgestimmtes Universum zufällig irgendwo in der Gesamtheit der Welten oder im Multiversum auftreten wird. Wenn es eine unendliche Zahl zufällig geordneter Universen in der Gesamtheit der Welten gibt, dann wird irgendwo in dieser Gesamtheit der Welten rein zufällig ein feinabgestimmtes Universum auftreten.

Wenn die Viele-Welten-Hypothese ernsthafte Wissenschaft sein soll und nicht metaphysische Spekulation, muss irgendein Mechanismus bereitgestellt werden, um die Gesamtheit der Welten hervorzubringen. Der Mechanismus, auf den Hawking und Mlodinow sich berufen, ist Richard Feynmans quantentheoretischer Ansatz der „Summe über alle Historien“. Das ist der Ansatz, den Hawkings im no-boundary-Modell benutzt, um die wahrscheinlichste Historie des Universums, unter der Voraussetzung der no-boundary-Bedingung, bis zu unserem gegenwärtig beobachteten Zustand zu berechnen. Hawking und Mlodinow verstehen diese alternativen Historien, die das Universum durchlaufen haben könnte, als tatsächliche, parallele Universen, die genauso real sind wie unser Universum.

Leider ist dies keine Wissenschaft, sondern ein unbegründetes Stück Metaphysik. Feynmans Methode der „Summe über alle Historien“ ist nur ein mathematisches Instrument, um die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, mit der ein subatomares Teilchen von einem Punkt zu einem anderen gelangt. Man stellt sich alle möglichen Pfade vor, die das Teilchen hätte nehmen können, und berechnet dann auf dieser Basis die Wahrscheinlichkeit, mit der es das beobachtete Ziel erreicht. Es gibt keine Grundlage dafür, diesen mathematischen „Trick“ so zu interpretieren, dass er die ontologische Realität konkreter, raumzeitlicher Universen einschließt.

Hawking und Mlodinow verweisen auch auf die M-Theorie oder Superstringtheorie, um die Gesamtheit von Universen zu generieren, die verschiedene Werte für die Konstanten der Natur aufweist. Eine solche Spekulation ist in mehreren Hinsichten problematisch - auf diese Probleme gehen die Autoren aber nicht ein. Erstens sind in der „kosmischen Landschaft“ die 10500 verschiedenen möglichen Universen, die mit den Naturgesetzen übereinstimmen, welche die M-Theorie erlaubt, eben nur das: Möglichkeiten. Sie sind keine realen Welten, genauso wenig wie Feynmans Historien.

Zweitens ist nicht klar, dass 10500 Möglichkeiten genügen, um die Existenz feinabgestimmter Universen in der kosmischen Landschaft zu garantieren. Was wäre, wenn die Wahrscheinlichkeit der Feinabstimmung geringer ist als 1: 10500 ? Dies könnte im Blick auf die willkürlichen Anfangsbedingungen besonders problematisch sein.

Und zuletzt: Weist das durch die M-Theorie beschriebene Multiversum selbst eine Feinabstimmung auf? Wenn das der Fall ist, dann wurde das Problem nur um eine Ebene verschoben. Offenbar ist es so, denn wie Hawking und Mlodinow erklären, verlangt die M-Theorie exakt elf Dimensionen, um anwendbar zu sein. Die Theorie kann jedoch nicht erklären, warum gerade diese Anzahl von Dimensionen existieren sollte.

Außerdem wird die scharfe Kritik, die Roger Penrose in seinem Buch The Road to Reality [5] gegen die Viele-Welten-Hypothese zur Erklärung der Feinabstimmung äußert, von Mlodinow und Hawking nicht einmal erwähnt, geschweige denn beantwortet. Er argumentiert nämlich, dass es, falls wir nur ein zufälliger Teil eines Multiversums wären, dann unfassbar wahrscheinlicher wäre, dass wir ein ganz anderes Universum beobachten sollten, als wir es tun, was eine starke Entkräftung der Viele-Welten-Hypothese darstellt. Es gibt keine Entschuldigung für Hawkings Versäumnis, die Kritikpunkte seines einstmaligen Kollegen Penrose an seiner Auffassung nicht zu beantworten.

Schluss

Zusammenfassend hat das Buch von Hawking und Mlodinow trotz ihrer vielgepriesenen Behauptungen und ständigen Seitenhiebe gegen religiöse Überzeugungen tatsächlich einen echten Nutzen für gläubige Leser, besonders wenn sie sich für natürliche Theologie interessieren. Denn die Autoren bestätigen und argumentieren für die Tatsachen eines absoluten Anfangs der Zeit und des Universums und die anscheinend übernatürliche Feinabstimmung des Universums, die intelligentes Leben überhaupt erst ermöglicht. Angesichts der Verzweiflung und/oder Irrelevanz der von ihnen angebotenen Antworten auf die Fragen, die ihre Untersuchung motivierten, erweist sich ihr Buch eher als eine Bestätigung für die Existenz eines transzendenten Schöpfers und Designers des Kosmos.

William Lane Craig

(Übers.: M. Wilczek)

Link zum Originalartikel: http://www.reasonablefaith.org/the-grand-design-truth-or-fiction

  • [1]

    Stephen Hawking und Leonard Mlodinow, The Grand Design, New York 2010, S. 5. Die deutsche Ausgabe erschien 2010 unter dem Titel Der große Entwurf: Eine neue Erklärung des Universums, Reinbek (3. Auflage 2011): Verlag rororo. – Die Seitenzahlen in dieser Übersetzung beziehen sich auf die englische Ausgabe. (Anm. d. Übers.)

  • [2]

    California Institute of Technology, eine Universität in Pasadena, Kalifornien, die auf Natur- und Ingenieurswissenschaften spezialisiert ist. (Anm. d. Übers.)

  • [3]

    Theodore Sider, John Hawthorne, Dean W. Zimmermann (Hrsg.): Contemporary Debates in Metaphysics, Verlag Wiley-Blackwell 2007, 416S. (Anm. d. Übers.)

  • [4]

    Stephen Hawking und Leonard Mlodinow, A Brief History of Time, New York 1988, S. 134-135.

  • [5]

    Roger Penrose, The Road to Reality. A Complete Guide to the Laws of the Universe. Vintage Verlag 2007, 1136 S.