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July 26, 2018Sehr geehrter Prof. Craig und geschätzte Mitarbeiter von RF,
ich habe eine Frage zu einem sehr bekannten schwedischen Theologen und seinen kürzlichen Nachforschungen über die Kreuzigung Jesu. In seinen Werken berichtet Gunnar Samuelsson, dass es wenig oder keine Evidenz für die Behauptung gibt, dass Jesus an ein wirkliches Kreuz genagelt wurde, wie es im traditionellen Christentum dargestellt wird.
Er behauptet, dass es keine Beweise dafür gibt, dass die Römer Menschen damals auf diese Weise hinrichteten, und auch, dass das griechische Wort „stauros“ für Kreuz genauso gut „Pfahl“ bedeuten könnte.
Ich muss sagen, dass ich nicht erkennen kann, inwiefern dies von Bedeutung ist, falls es zutrifft. Ob das Lamm Gottes die Arme ausgebreitet oder an seinen Seiten hatte, als er für unsere Sünden starb, scheint doch insgesamt eher irrelevant zu sein. Doch die leidenschaftliche Argumentation von Herrn Samuelsson und die vielen energischen Reaktionen auf sein Werk machen es mir einfach unmöglich, die ernsten Implikationen dieser Diskussion zu leugnen.
Was würde es für die christliche Gesellschaft bedeuten, wenn eine der zentralen Glaubensüberzeugungen über den Tod unseres Heilands sich als Falschdarstellung erweisen würde? Nicht jeder denkt, dass es darauf überhaupt nicht ankommt. Humanisten in Schweden zitieren aus den Werken von Herrn Samuelsson, und die Diskussion scheint einen Unglauben an die Bibel als das Wort Gottes zu wecken. Das ist meine große Sorge bei dieser Angelegenheit.
Meine Frage lautet einfach: Welche Grundlage haben wir, an der traditionellen Sicht der Kreuzigung zu zweifeln?
Ist es wahrscheinlicher, dass Jesus an einem Pfahl aufgehängt/angenagelt wurde statt an einem Kreuz, wie Herr Samuelsson erklärt?
Kommt es wirklich darauf an?
Beste Grüße
Karl
Sweden
Prof. Craigs Antwort
A
Ich denke, Ihre anfängliche Reaktion, Karl, war und bleibt die richtige: Es ist eine interessante Behauptung, die historisch oder theologisch nicht relevant ist. Kurz gesagt: Sie spielt keine Rolle.
Warum nicht? Nun, ganz einfach weil Samuelsson in seiner Dissertation „Crucifixion in Antiquity” die historische Wahrhaftigkeit der neutestamentlichen Dokumente nicht in Frage stellt; er sagt vielmehr, dass Christen späterer Generationen die Dokumente falsch verstanden haben. Er ist wie jene neutestamentlichen Gelehrten, die zum Beispiel argumentieren, dass Jesus nicht in einem Stall sondern in einem jüdischen Haus geboren wurde, in dem es typischerweise unter demselben Dach auch einen Bereich für die Tiere gab. Wenn Lukas berichtet, dass die kataluma voll war, bedeutet dieses Wort nicht „Herberge“, wie es traditionell übersetzt wird, sondern „Gastzimmer“. Da das Gastzimmer schon belegt war, wurde Joseph und seiner Familie ein Platz in demjenigen Teil des Hauses zugewiesen, in dem die Tiere untergebracht waren. Diese Hypothese mag unsere gewohnten Vorstellungen von Krippendarstellungen platzen lassen, aber sie stellt die Historizität der Evangelienberichte in keiner Weise in Frage. Ganz im Gegenteil hilft sie uns, diese Berichte noch genauer zu verstehen.
In ähnlicher Weise lautet Dr. Samuelssons Behauptung, dass griechische Begriffe wie stauros (Kreuz) und stauroo (kreuzigen) im Neuen Testament uns nicht die Schlussfolgerung erlauben, dass Jesus an einem Kreuz statt an irgendeiner anderen Vorrichtung gekreuzigt wurde. Sie könnte auch die Gestalt der alphabetischen Buchstaben „T“ oder „X“ oder „Y“ oder „I“ gehabt haben. Nichts davon stellt die Tatsache der Kreuzigung Jesu (so verstanden, dass er an irgendeine hölzerne Vorrichtung genagelt wurde und dort bis zum Tod hing) oder die Zuverlässigkeit der Evangelienberichte über seine Hinrichtung in Frage.
Samuelsson hat Recht, dass die fraglichen Wörter verschiedene Bedeutungen haben. Aber Wortuntersuchungen, die vom Kontext isoliert sind, werfen wenig Licht auf die Bedeutung eines Textes. Nehmen wir zum Beispiel an, wir hören morgens in den Nachrichten „Die Polizei erschoss den Verdächtigen, als er zu fliehen versuchte.“ Wenn man die englischen oder deutschen Wörter „erschoss“ oder „schießen“ untersucht, stellt man fest, dass man über eine Person sagen könnte, dass sie mit einer Schusswaffe oder mit Pfeil und Bogen oder sogar mit einem Wurfgeschoss erschossen wurde! Doch im Kontext der Nachrichtenmeldung besteht kein Zweifel, dass das Wort hier bedeutet, dass der Verdächtige mit Kugeln aus den Schusswaffen der Polizisten erschossen wurde. So ist es im jeweiligen Fall der Kontext, der die Bedeutung von stauros bestimmt.
Es ist unter anderem deshalb schwierig, genau zu wissen, wie Jesus gekreuzigt wurde, weil uns aus dem Altertum sehr wenige Informationen darüber erhalten geblieben sind, wie eine Kreuzigung vorgenommen wurde. Tatsächlich sind die Berichte in den Evangelien, die ihrerseits das Ereignis mit bemerkenswerter Zurückhaltung schildern, die wohl detailliertesten Berichte, die uns über eine Kreuzigung in der Welt des Altertums vorliegen! Aber die Beschreibung, dass Jesus sein Kreuz trug, stimmt mit der römischen Praxis überein, die Opfer zu zwingen, den Querbalken des Kreuzes selbst zum Ort der Kreuzigung zu tragen. Das Annageln der Hände und Füße Jesu deutet eine gewisse Form des Kreuzes an. In Johannes 21,18-19 wird die Todesart, die Petrus erleiden würde, mit den Worten angekündigt: „Du [wirst] deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und hinbringen, wohin du nicht willst.“ Der heidnische Verfasser des zweiten Jahrhunderts Artemidorus spricht in ähnlicher Weise davon, dass Verbrecher „hoch und mit ausgestreckten Armen gekreuzigt“ wurden (Oneirocritica, I. 76, 35). Die ausgestreckten Hände lassen natürlich ein seitliches Ausstrecken vermuten. Artemidorus bestätigt dies, indem er später sagt: „Das Kreuz besteht aus Holzstücken und Nägeln wie ein Boot, dessen Mast einem Kreuz gleicht“ (II. 53. 3). Die angekündigte Todesart von Petrus ist wahrscheinlich eine Kreuzigung, derselbe Tod, den sein Herr erlitt. Jesus wurde also in ähnlicher Weise mit ausgestreckten Händen gekreuzigt, was eine I-Form ausschließt. Die Inschrift mit dem Anklagegrund gegen Jesus (ein Detail, das universal als historisch gesichert gilt) wurde oberhalb seines Kopfes an das Holz genagelt, was eine T-, X- oder Y-Form ausschließt. Die Einzelheiten der Kreuzigungsberichte in den Evangelien stimmen also alle mit dem traditionellen Verständnis überein, dass Jesus an eine kreuz-förmige Vorrichtung genagelt wurde.
So verstand die frühe Kirche die Kreuzigungsberichte, wie die frühesten Gravierungen und Piktogramme des Kreuzes belegen, die bis ins erste Jahrhundert zurückreichen. Samuelssons Dissertation konzentriert sich ausschließlich auf die Philologie (Linguistik) und nimmt keinen Bezug auf Erkenntnisse der Archäologie oder Kunstgeschichte.
Der Versuch schwedischer Humanisten, Dr. Samuelssons Werk gegen seine eigenen Intentionen auszunutzen, führt zu einer von zwei Schlussfolgerungen: Entweder haben sie ihn nicht verstanden oder es sind keine integren Leute, sondern bloße Propagandisten, die das Werk eines anderen nur zu gern verdrehen, wenn es ihren Zwecken dient. Die öffentliche Furore bedeutet nicht, dass Samuelssons Dissertation wirklich ernste Implikationen hat. Es gibt eine ganze Reihe beliebter Vorstellungen über Jesus, für die es in den Berichten der Evangelien keine Grundlage gibt: zum Beispiel die Idee, dass drei Könige aus dem Osten Joseph und Maria in der Nacht der Geburt Jesu aufsuchten (denn in Matthäus 2,1-12 ist von einem Besuch der Weisen die Rede), oder dass Maria, die Mutter Jesu, seinen Leichnam auf ihren Schoss nahm, als er vom Kreuz abgenommen wurde, wie es in der Pieta dargestellt wurde. Das Verwerfen dieser populären, aber falschen Vorstellungen ändert nichts an der Glaubwürdigkeit der Bibel als Gottes Wort. Ganz im Gegenteil hilft es uns, sie noch genauer zu verstehen.
(Übers.: M. Wilczek)
Link to the original article in English:
/was-jesus-crucified-on-a-cross
- William Lane Craig