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#662 Wie komme ich vom Theismus zum christlichen Glauben?

April 10, 2020
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich habe eine Frage zur Epistemologie des christlichen Glaubens. Mir scheint, dass das Christentum die kohärenteste und plausibelste Weltsicht ist, aber es hat auch etwas Irreales. Ich finde die Argumente für den Theismus durchaus überzeugend, aber bei der Auferstehung wird es für mich problematisch. Die historische Argumentation ist hier ein guter Anfang, wie Sie und andere gezeigt haben. Sie zeigt, dass es vernünftig ist, zu glauben, dass die Auferstehung stattgefunden hat. Aber sie reicht nicht aus, um die Wahrheit der Auferstehung zweifelsfrei nachzuweisen.

Ich finde daher, dass wir hier etwas anderes brauchen. Soweit ich weiß, habe ich das, was Sie „das Zeugnis des Heiligen Geistes“ nennen, noch nicht erlebt, sodass für mich der einzige Weg zum Glauben derzeit wohl ein pragmatischer „Sinneswandel“ wäre. Ein Mensch, der das Leben liebt und nicht will, dass es mit dem physischen Tod endet, scheint mir schlicht vernünftig zu handeln, wenn er die Hoffnung ergreift, die der christliche Glaube ihm da anbietet.

Aber ehrlich gesagt: Mir persönlich kommt der Tod als Ende von allem nicht besonders schrecklich vor. Der menschliche Alltag erscheint mir als etwas, das bestenfalls nett, aber trivial ist – eine Abfolge von sinnlosen Augenblicken, deren Fortsetzung in alle Ewigkeit mir nicht besonders attraktiv erscheint. Gut, manchmal bekommt man den Eindruck, dass das Ganze einen tieferen Sinn haben könnte, aber diese Augenblicke sind selten und ziemlich nebulös und eignen sich nicht als klare Hinweise auf die Realität der Auferstehung.

Dazu kommt noch, dass es vernünftige Menschen gibt, die Dinge glauben, die ich für eindeutig falsch halte (ein Beispiel ist der Atheismus). Was doch bedeutet, dass wir immer Argumente finden werden, wenn wir etwas glauben wollen, und dass wir daher, wenn uns die Wahrheit wirklich wichtig ist, in unseren Urteilen über die letzten Dinge zurückhaltend sein sollten. Wenn der christliche Glaube wahr ist, dann möchte ich ihn für mich annehmen, da mir die Wahrheit wichtig ist. Fragt sich nur, wie das möglich sein soll, obwohl es ja vorkommt, dass komplette Nichtchristen zum Glauben kommen. Haben Sie eine Vorstellung davon, wie man zum Glauben kommen kann? Und inwieweit spielt dabei der Heilige Geist eine Rolle und inwieweit der Wille des Einzelnen?

Vielen Dank.

Grant

United Kingdom

Prof. Craigs Antwort


A

Danke für Ihre sehr interessante Frage, Grant!

Als ich Ihren Brief las, war meine erste Reaktion, dass Sie die Messlatte für einen vernünftigen Glauben an Christus übermäßig hoch legen. Der zweifelsfreie Nachweis ist ein juristischer Standard, der in den USA bei Strafprozessen vor Gericht erfüllt sein muss, um jemanden schuldig sprechen zu können. Das amerikanische Rechtssystem hat diesen Standard deswegen so strikt formuliert, um der Gefahr zu begegnen, einen Unschuldigen zu verurteilen (vor allem in Fällen, wo es um die Höchststrafe geht). In zivilrechtlichen Fällen dagegen ist ein zweifelsfreier Nachweis nicht erforderlich, um einen Angeklagten für schuldig zu erklären; es reicht, dass nach Abwägung der Fakten die Indizien eher gegen den Angeklagten sprechen. Und in nichtjuristischen Kontexten, wie Naturwissenschaft und Geschichte, sowie im normalen Alltagsleben verlangen wir ebenfalls keinen zweifelsfreien Nachweis, weil wir uns sonst zum Stillstand und zum ewigen Skeptizismus verurteilen würden.

Ich finde, solange die verfügbaren Fakten die Auferstehung Jesu von den Toten wahrscheinlich machen, sollte ein rational denkender Mensch an sie glauben. Dies schließt, wie Sören Kierkegaard ganz richtig sah, Furcht und Zittern, Unsicherheit und Zweifel im Glauben nicht aus. Wenn wir bedenken, was bei diesem Thema auf dem Spiel steht, sollten wir es nicht riskieren, unser Leben und unsere Seligkeit zu verlieren, bloß weil wir auf unrealistisch starken Beweisen beharren, um glauben zu können. Zum Glück machen die Fakten die Realität der Auferstehung Jesu um einiges wahrscheinlicher als bloße 51 %. Die Wahrscheinlichkeit ist weit mehr als ausreichend, um den Glauben an Christus zu rechtfertigen.

Sie schreiben: „Mir persönlich kommt der Tod als Ende von allem nicht besonders schrecklich vor.“ Hier gehen Sie von einer naturalistischen Sicht vom Leben aus, das Sie als „eine Abfolge von sinnlosen Augenblicken, deren Fortsetzung in alle Ewigkeit mir nicht besonders attraktiv erscheint“ beschreiben. Das sehe ich auch so und habe selber ähnlich argumentiert. Ja, es stimmt: Die bloße Fortsetzung unserer Existenz ist keine ausreichende Bedingung für ein sinnvolles Leben; wir brauchen unbedingt Gott, um unserem Leben den richtigen Kontext und die richtige Perspektive zu geben. Wenn es uns gelingt, von der sisyphusartigen Monotonie und Trivialität des Lebens frei zu werden, dann ist das (sinnvolle) Leben ein unfassbar hohes Gut – jetzt und in Ewigkeit. Und genau dies bietet Gott uns in Christus an, was die Entscheidung für den Glauben existenziell noch wichtiger macht.

Doch der Selbstbetrug ist immer eine Gefahr. Aber diese Gefahr betrifft jeden, Nichtchristen wie Christen. Wir müssen die Argumente halt sorgfältig abwägen. Ich stimme Ihnen zu, dass wir offen sein müssen für das innere Wirken des Heiligen Geistes in unserem Leben. Es kann sein, dass Gott selber uns bestimmte Wahrheiten aufschließt. Wir müssen offen sein für ihn. Es ist möglich, sein Herz für die Stimme des Heiligen Geistes zu verschließen und so sein Wirken zu blockieren. Aber egal, ob Sie das spüren oder nicht – der Heilige Geist ist dabei, Sie zu sich zu ziehen, ob nun durch einen Medienbericht über einen tragischen Unfall, der uns ins Nachdenken über Tod und Ewigkeit bringt, oder ein herrliches Gemälde oder Konzert oder ein Gespräch mit einem Freund. Auf hundert Weisen ist Gott am Werk, um sich uns zu zeigen. Folgen Sie den Beweisen dorthin, wohin sie führen!

- William Lane Craig