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#523 Was könnte Gott niemals befehlen?

February 02, 2019
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

in Ihren bisherigen Debatten und Diskussionen haben Sie oft das Thema der Genozide und/ oder Grausamkeiten in der Bibel angesprochen (z.B. die Amalekiter oder Kanaaniter), insbesondere in Bezug auf Ihre Theorie des göttlichen Moralgebots (Divine Command Theory). Sie haben dabei mögliche Einwände auf das, was Gott damals geboten hat, angesprochen und gesagt, dass es möglich sei, dass Gott moralisch hinreichende Gründe dafür hatte, den Israeliten diese Dinge zu gebieten.

Ich gehe einmal davon aus, dass Gott existiert und dass Ihr Moral-Argument für Gott gültig ist. Ich möchte auch das Problem beiseitelassen, ob Gott diese Dinge tatsächlich befohlen hat, ebenso die Frage der Unfehlbarkeit der Bibel (die Sie ja mehrfach für irrelevant erklärt haben), und mich stattdessen auf das Argument selber konzentrieren. Meine Frage ist: Wenn jede beliebige Anweisung bzw. Handlung Gottes damit verteidigt werden kann, dass Gott „moralisch hinreichende Gründe“ dafür haben muss, was für Anweisungen bzw. Handlungen Gottes sind dann nicht möglich, wenn Gott ein moralisch vollkommenes Wesen bleiben soll? Anders formuliert: Können Sie mir ein paar Beispiele geben für Anweisungen, die Gott nie geben würde, oder Dinge, die er nicht tun würde, weil es NICHT möglich ist, dass er moralisch hinreichende Gründe für sie hätte?

Wenn es keine solchen Beispiele gibt, wäre das meines Erachtens eine Antwort, die alles und damit gar nichts erklärt. Eine tragfähige Verteidigung Ihres Argumentes läge meines Erachtens nur dann vor, wenn es tatsächlich gewisse Dinge gibt, für die Gott keine moralisch hinreichenden Gründe haben könnte.

Weiter: Wenn es keine solchen Beispiele gibt (oder nur sehr wenige; ich könnte mir als ein Beispiel vorstellen, dass Gott Selbstmord begeht), wird damit die ganze Moral nicht de facto relativistisch und nicht objektiv?

Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen, mir zu antworten.

David

United States

Prof. Craigs Antwort


A

Bevor ich Ihre Frage beantworte, David, möchte ich sichergehen, dass wir uns darüber klar sind, wie die Position, die ich verteidigt habe, tatsächlich aussieht. Gottes Freiheit, Dinge zu befehlen, die ohne ein göttliches Moralgebot unmoralisch wären, wurzelt nicht darin, dass Gott moralisch hinreichende Gründe für solche Befehle hat, sondern vielmehr in der Vorstellung, dass die Quelle moralischer Pflichten in Befehlen Gottes liegt – und da Gott sich selber nichts befiehlt, hat er folglich auch keine moralischen Pflichten.

Doch dies bedeutet nicht, dass Gottes Freiheit, moralische Anweisungen auszusprechen, keine Schranken kennt, so wie die voluntaristischen Anhänger des göttlichen Moralgebots das behaupten. Nach der Position, die ich verteidigt habe, ist es vielmehr so, dass Gottes Befehle in Übereinstimmung mit seinem Wesen als vollkommen liebend, gütig, gerecht usw. stehen müssen. Gott selber ist das Gute, und seine Befehle und Gebote spiegeln sein Wesen wider. Auch wenn Gott also die Freiheit hat, Dinge anzuordnen, die uns erstaunen – alles anordnen kann er nicht.

Er könnte uns z.B. nicht befehlen, andere Götter als ihn anzubeten (und er könnte dies auch nicht selber tun). Er könnte uns nie befehlen, unsere Mitmenschen zu hassen und ihnen Schaden zuzufügen, anstatt unseren Nächsten so zu lieben wie uns selber. Er könnte nicht befehlen, dass Liebe etwas Böses ist und Hass etwas Gutes. Denken Sie nur an die Tugenden, die Gott von Ewigkeit besitzt, und fragen Sie sich dann, ob Gott die Dinge so auf den Kopf stellen könnte, dass diese Tugenden sich in Laster verkehren, sodass unsere moralischen Verpflichtungen sich umdrehen. So etwas zu befehlen, ginge gegen Gottes Wesen und wäre daher unmöglich.

(Übers.: Dr. F. Lux)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/what-could-god-not-have-commanded

- William Lane Craig