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#175

July 26, 2018
F

Frage #1:

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich habe das Probekapitel aus Ihrem Buch On Guard[1] gelesen, und es hat einige Fragen berührt, die ich mir über die Effizienz der Apologetik stelle.

Auf Seite 17 schreiben Sie: „Einen Menschen, der völlig säkularisiert ist, kann man genauso gut auffordern, an Elfen oder Kobolde zu glauben, wie an Jesus Christus! So absurd wird ihm die Botschaft von Christus erscheinen.“[2]

Ich stimme zu, dass die Kultur in hohem Maß bestimmt, welche Glaubensüberzeugungen wir plausibel finden. Sie sagen, dass einer der Hauptgründe für Apologetik darin besteht, die Kultur so zu prägen, dass die Behauptungen des Evangeliums plausibel klingen. So weit so gut, aber wie tut man das konkret? Sämtliche kosmologischen Argumente der Welt werden Menschen nicht erreichen, wenn sie Gott nicht plausibler finden als eine himmlische Teekanne oder ein fliegendes Spaghetti-Monster. Die Tatsache, dass einige christliche Apologeten es für nötig hielten, auf solche Karikaturen ernsthaft zu antworten, lässt das Christentum in keiner Weise plausibler erscheinen. Und das gilt schon in Bezug auf Gottes Existenz, von den spezielleren Behauptungen des Christentums ganz zu schweigen.

Ich habe früher große Hoffnungen in die Wirksamkeit der Apologetik gesetzt, aber im Lauf der Jahre ist diese Hoffnung verblasst. Und ich kann meinen säkularen Gesprächspartnern nicht unbedingt die Schuld geben, weil ich in gleicher Weise die Mormonen und die Zeugen Jehovas ablehne, die gelegentlich an meine Tür klopfen.

Obwohl Sie ein paar Anekdoten erzählen, in denen Apologetik effektiv war, sagen Sie auf Seite 22 auch: „Wir sollten damit rechnen, dass die meisten Ungläubigen sich von unseren apologetischen Argumenten nicht überzeugen lassen.“ Wenn das vor allem deshalb der Fall ist, weil das Christentum säkularen Menschen prima facie unplausibel erscheint, dann macht es eigentlich kaum Sinn, logisch wasserdichte Argumente zu finden oder Evidenz für die Auferstehung zu sammeln. Diese Argumente werden den anfangs unplausiblen Eindruck der Behauptung nicht überwinden.

Seit einer Weile bin ich über die apologetische Literatur nicht mehr auf dem Laufenden. Das Aufkommen des Neuen Atheismus und die „Bekehrung“ von Antony Flew lassen mich jetzt wieder über das Thema nachdenken und lesen. Aber ich werde einfach das Gefühl nicht los, dass die Argumente, denen ich einmal viel Gewicht beigemessen habe, einfach nicht mehr sehr überzeugend wirken. Wie optimistisch sind Sie, dass diese Kultur sich in nicht allzu langer Zeit ändern wird, oder müssen wir uns darauf einstellen, dass apologetische Argumente bis auf weiteres gegen diese grundsätzliche Annahme, der christliche Glaube sei unplausibel, ankämpfen müssen?

Danke,

Dan

Vereinigte Staaten

Frage #2:

Wenn man die Landschaft der zeitgenössischen Themen betrachtet, die Gläubige und Ungläubige gleichermaßen beschäftigen, warum konzentriert Prof. Craig sich auf Themen wie „göttliche Temporalität“ oder „Molinismus“ (bei denen weniger als 0,01 Prozent der Laien von seinen Einsichten profitieren) statt auf Fragen wie biblische Unfehlbarkeit, Alte-Erde-Kreationismus versus Junge-Erde-Kreationismus und die Ursprungsdebatte, auf die er sehr wenig Zeit verwendet hat? Sollte Prof. Craig als einer der bedeutendsten christlichen Denker der Welt seine Bemühungen nicht anders ausrichten? Ja, ich weiß, dass er in seinen Werken andere Themen behandelt (in ihrer Relevanz immer noch sekundär im Vergleich zu den oben genannten Themen); und ich glaube nicht, dass diese Streitfelder nicht von Personen gleichen Kalibers wie Prof. Craig angesprochen werden.

(Bitte beachten Sie: Ich habe den größten Respekt für Prof. Craig und habe fast alles gelesen, was er geschrieben hat [einige seiner Bücher zwei- und dreimal], damit nicht der Eindruck entsteht, dass ich diese Frage aus einem anderen Beweggrund stelle als der aufrichtigen Sorge um das, womit Menschen da draußen wirklich zu kämpfen haben.)

Brian

 
  1.                                  Craig, William L.: On Guard. Mit Verstand und Präzision den Glauben verteidigen, CVMB 2015, 309 S., 12,90€

[2]                Deutsche Ausgabe von On Guard: ebenfalls S. 17. (Anm. d. Übers.)

United States

Prof. Craigs Antwort


A

Ach, du meine Güte, Dan, ich sprach davon, das Klima der Plausibilität zu bewahren, das in den Vereinigten Staaten in Bezug auf das Christentum immer noch herrscht! Wenn Sie denken, dass es hier schlecht ist, sollten Sie einmal versuchen, in einer Kultur wie der belgischen oder der türkischen zu leben – oder sogar der kanadischen. Sie machen sich keine Vorstellungen, welche positive Einstellung die amerikanische Kultur dem Theismus und sogar dem Christentum noch entgegenbringt.

Seit das biblische Christentum sich in die intellektuellen Nischen des Fundamentalismus begeben hat, verlieren wir in der amerikanischen Kultur ständig an Boden. Nicht dass die Fundamentalisten die falschen Dinge glaubten; es war eher ihr Rückzug aus der Kultur und den Institutionen des Mainstreams, der sich für die Sache Christi als so schädlich erwies. Wir haben die führenden Denominationen und Seminare abdriften lassen und haben die säkularen Universitäten verlassen, um uns in eigene Institutionen abzusondern. Das, was Sie jetzt als Abdriften der amerikanischen Kultur vom christlichen Glauben wahrnehmen, beruht zum Teil auf jahrzehntelangen Versäumnissen der amerikanischen Kirche. Das Problem ist nicht, dass gründliche Apologetik versucht wurde und gescheitert ist; das Problem ist, dass sie gar nicht versucht wurde. Welche apologetische Literatur stand in den 1950er Jahren für die Ausbildung in der Kirche zur Verfügung? Carnell, Van Til, Clark – und das war mehr oder weniger alles!

Lesen Sie die Werke der Neuen Atheisten. Diese Leute setzen sich mit einer Form von Christentum auseinander, der nahezu jegliche apologetische Argumentation fehlt. Ich erinnere mich an Christopher Hitchens' Verwunderung, als er sich mit intellektuell engagierten Christen auseinanderzusetzen begann, die in der Lage waren, Argumente für den Glauben zu nennen und seine Einwände zu erwidern. Er hielt dies für etwas Neues, für eine bis dahin unversuchte Form des Christentums! Der Neue Atheismus ist die bittere Frucht eines intellektuell nicht engagierten Christentums, das jahrzehntelange in der amerikanischen Kultur dominierte.

Das ändert sich jetzt. Die gegenwärtige Renaissance des Interesses an Apologetik beruht zum Teil darauf, dass sich die Revolution in der christlichen Philosophie seit Ende der 1960er Jahre allmählich bemerkbar macht. Der Einfluss dieser Revolution fängt gerade erst an, in der Kirche spürbar zu werden, weil verschiedene Veröffentlichungen das Denken christlicher Gelehrter wie Alvin Plantinga und anderer in allgemeinverständlicher Weise darlegen. Ihr Einfluss auf die Kultur insgesamt muss sich erst noch zeigen. Verzweifeln Sie also nicht und geben Sie nicht zu früh auf! Wenn Sie das tun, werden Sie es in diesem Land mit einer Kultur zu tun bekommen, wie sie überall in Europa vorherrscht: einem fest verwurzelten Säkularismus.

Wie beeinflussen wir nun die Kultur durch Apologetik? Wie ich wiederholt betont habe, geschieht das nicht durch populärwissenschaftliche Apologetik, sondern durch christliche Wissenschaft. Wir müssen Studenten helfen zu erkennen, dass die Tätigkeit als Dozent oder Professor an einer Universität ein Ruf des Herrn ist, in einer manchmal feindseligen Umgebung Salz und Licht zu sein. Wenn christliche Wissenschaftler zeigen, dass sie einen Platz am Tisch unserer führenden Universitäten verdienen, werden ihre Kollegen ihre Glaubensüberzeugungen in den Seminaren mit mehr Respekt behandeln, und die Wahrnehmung des Christentums unter den Studenten wird sich ändern. Die Universität ist die wichtigste Institution, wenn es darum geht, die westliche Kultur zu prägen, und deshalb muss die Universität die Arena sein, in der wir durch das Format unserer christlichen Wissenschaft Christus bezeugen.

Diese Schlussfolgerung betrifft nun Ihre Frage, Brian. In meiner Tätigkeit als christlicher Wissenschaftler habe ich beschlossen, meine Werke möglichst in den besten Fachzeitschriften der Philosophie und Theologie und in nicht-evangelikalen akademischen Verlagen zu veröffentlichen. Hochrangige Philosophie aus christlicher Perspektive zu betreiben ist vielleicht der wichtigste Weg, um als ein christlicher Philosoph wie ich einen günstigen Einfluss für Christus auf das eigene Fachgebiet auszuüben. In meiner Arbeit habe ich mich auf die zwei zentralen Säulen des christlichen Glaubens konzentriert: die Existenz Gottes und die Auferstehung Jesu. Das Eintreten für diese beiden Tatsachen ist die Grundlage für alles andere, was wir tun. Die von Ihnen erwähnten Fragen sind im Vergleich dazu nahezu irrelevant und für die Kultur insgesamt von geringer Bedeutung, so wichtig sie in der isolierten evangelikalen Subkultur auch erscheinen mögen. 

Als ich Philosoph wurde, musste ich mich für ein Fachgebiet entscheiden. Ich wählte die Lehre von Gott, insbesondere eine philosophische Analyse der wichtigsten Attribute Gottes. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass es eine so breit angelegte Forschung sein würde! Bisher habe ich über göttliche Allwissenheit und göttliche Ewigkeit geschrieben, und ich beschäftige mich gegenwärtig mit Nachforschungen über göttliche Aseität. Ich wähle Themen, die mich leidenschaftlich interessieren, und nicht unbedingt „relevante“ Themen, weil ich möchte, dass meine Arbeit ein Werk der Liebe ist und keine Plackerei, und weil ich möchte, dass mein Beitrag mich überlebt. Es ist interessant, dass ich bei den Fragen meiner Studenten immer wieder solche vorfinde, die ich genau deshalb beantworten kann, weil ich das Wesen der Zeit oder die Theorien des göttlichen Wissens wie den Molinismus oder die Philosophie der Mathematik intensiv studiert habe. Ich muss lachen, wenn ich sehe, wie der Herr mein Studium dieser „irrelevanten“ Themen dazu gebraucht hat, das Leben anderer Menschen für Christus zu beeinflussen.

Nehmen Sie zum Beispiel Frédérics Frage letzte Woche. Er ist ein französischer Christ, was eine Seltenheit ist. Er denkt über Fragen zur Natur von Zeit und Raum nach. Er muss wissen, dass es christliche Denker gibt, die sich in ihrer Tätigkeit mit solchen Fragen ernsthaft auseinandergesetzt haben und versuchen, die Antworten zu einer standfesten christlichen Weltanschauung zu integrieren. Soll ich meine Bemühungen anders ausrichten und Frédéric im Stich lassen? Niemals!

Und zuletzt, Dan, verwechseln Ihre Punkte über die relative Ineffektivität der Apologetik in der Evangelisation zwei verschiedene Rollen, die ich für die Apologetik aufgezeigt habe: die Kultur prägen und Ungläubige evangelisieren. Der Erfolg der zweiten ist NICHT die Bedingung für die erste! Wir prägen die Kultur, damit Menschen mit einem intellektuell guten Gewissen auf das Evangelium antworten können, wenn sie es hören. Relativ wenige Menschen kommen durch die Argumente zum Glauben, aber die Argumente haben dazu beigetragen, ein kulturelles Milieu zu prägen, in dem das Evangelium als eine ernstzunehmende Option gehört werden kann. Die Apologetik hat ihnen sozusagen eine Erlaubnis gegeben zu glauben, wenn ihre Herzen bewegt werden.

Natürlich kommen manche Menschen, wie ich sagte, tatsächlich durch apologetische Argumente zu Christus (betrachten Sie einige der Zeugnisse, die Menschen uns zusenden!). Christus liebt sie und ist auch für sie gestorben, also dürfen wir sie nicht ignorieren. Außerdem besagt die Zahl dieser Personen, wie ich erklärt habe, nichts über ihre Bedeutung, denn oft sind sie Leute mit Einfluss in der amerikanischen Kultur. Diese Personen zu gewinnen kann also viel für das Reich Gottes bewirken.

Ich danke Gott jeden Tag für das Vorrecht, diese unfassbare Berufung zu erfüllen.

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: /irrelevant-scholarship

- William Lane Craig