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#291

July 22, 2018
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich liebe Ihre Arbeit und Ihre unermüdlichen Bemühungen, die Botschaft Christi auf intelligente, gut verständliche Weise zu verbreiten! Sie haben mich persönlich zum Glauben an Christus geführt und mich durch Ihre verschiedenen Artikel und Debatten von einer existenziellen durch den Atheismus verursachten Depression befreit. (Ich habe wirklich Selbstmord in Betracht gezogen, denn ich dachte: Da es kein Leben nach dem Tod gibt … kann ich auch früher in die Vergessenheit verschwinden …). Ich kann Ihnen dafür nicht genug danken!

Ich habe drei Fragen:

  1. In Bezug auf die Evolutionstheorie: Warum ist sie in der Mainstreamwissenschaft so weithin akzeptiert? Während ich fest von der Tatsache überzeugt bin, dass die Evolution nicht die Existenz Gottes widerlegen kann, finde ich anscheinend keinerlei Beweis, der eindeutig den allgemeinen Prozess der Entwicklung einfacher Organismen in komplexere belegt. Außerdem scheint unter Geologen der Konsens zu herrschen, dass die Erde etwa 6 Milliarden Jahre alt ist, wohingegen Junge-Erde-Kreationisten behaupten, die Erde sei nur 6000 Jahre alt. Wer hat recht?
  2. Wenn die Evolution wahr ist, warum hat Gott dann Genesis nicht anders geschrieben? Ein einfacher Satz wie „und kleine Organismen verwandelten sich mit der Zeit“ hätte sicherlich den ganzen Konflikt zwischen Kreationisten und Evolutionisten gelöst und Menschen vor dem Denken bewahrt, die Bibel sei gegen Wissenschaft oder so etwas. Genauso könnte man sich fragen, warum hat Gott nicht die Urknallkosmologie-Theorie in Genesis hineingelegt? „Am Anfang war das Universum in einem heißen dichten Zustand. Dann dehnte es sich aus!“
  3. Was wird aus der Arbeit von Reasonable Faith, sollten Sie in Pension gehen oder zu Christus gerufen werden? Wird sie unter einem anderen oder anderen Wissenschaftler(n) fortgeführt? Oder wird sie eingestellt? (Horrorvorstellung!)

Bitte senden Sie mir Links oder zusätzliche Informationen zu diesen Themen.

Nochmals danke ich Ihnen wirklich für Ihre Arbeit und bete, Gott möge Sie und auch alles, was Ihnen lieb und wert ist, segnen und bewahren!

Herzliche Grüße

Timothy

United States

Prof. Craigs Antwort


A

Ich freue mich riesig zu hören, dass sich Ihr Leben nun auf einem guten Pfad befindet, Tim! Ich werde Ihre Fragen nacheinander beantworten:

  1. Warum ist die Evolutionstheorie in der Mainstream-Wissenschaft so weithin akzeptiert? Ich denke, die kurze Antwort lautet, dass sie die beste naturalistische Theorie ist, die wir haben. Wenn infolge des methodologischen Naturalismus der Pool von Erklärungsmöglichkeiten für das Leben auf naturalistische Hypothesen beschränkt ist, dann war, zumindest bis vor Kurzem, die neo-darwinistische Theorie der biologischen Evolution, gelenkt durch die Mechanismen genetischer Mutation und natürlicher Selektion, wie Alvin Plantinga es ausdrückt, die einzige Spielmöglichkeit. Rivalisierende naturalistische Hypothesen konnten ihrer Erklärungskraft, ihrem Umfang und ihrer Plausibilität nicht gleichkommen. Egal, wie unwahrscheinlich sie erscheint, egal, wie enorm weit die Erklärungskraft ihrer Mechanismen über die prüfbare Evidenz hinaus extrapoliert werden muss, egal, wie viele Beweise für viele ihrer Lehren fehlen: Sie muss wahr sein, denn ansonsten gibt es keine andere naturalistische Theorie, die ihr nahe kommt.

Es ist hilfreich, uns daran zu erinnern, dass das Wort “Evolution” ein „Ziehharmonikabegriff“ ist, der gedehnt oder zusammengezogen werden kann, um sich der Gelegenheit anzupassen. Der Evolutionsbiologe Francisco Ayala erläutert, dass das Wort „Evolution“ in mindestens drei verschiedenen Bedeutungen verwendet werden kann:

  1. Der Prozess der Veränderung und Diversifizierung lebender Dinge über einen Zeitraum. In diesem Sinn sagen Biologen, die Evolution sei eine Tatsache. Aber offensichtlich ist diese Tatsache, so ausgedrückt, harmlos und würde selbst von den fundamentalistischsten Junge-Erde-Kreationisten nicht bestritten.
  2. Die Rekonstruktion der Evolutionsgeschichte, die zeigt, wie verschiedene Zweige sich vom universalen Baum des Lebens auseinanderentwickelten.
  3. Die Mechanismen, welche die evolutionäre Veränderung begründen. Darwin berief sich auf die natürliche Selektion, die durch zufällige Variationen in lebenden Dingen wirksam ist, um die Angepasstheit von Organismen an ihre Umgebung zu erklären. Mit der Entwicklung moderner Genetik haben genetische Mutationen den darwinistischen Mechanismus natürlicher Selektion ersetzt, indem sie eine Erklärung für die Variationen liefern, auf deren Basis die natürliche Selektion funktioniert. Dementsprechend können wir diese Hypothese „Neo-Darwinismus“ nennen.

Nun ist die Evolution im Sinne von (2) und (3) keine feststehende Tatsache, trotz dem, was in der populären Kultur gesagt und geglaubt wird. So Ayala: „Das zweite und dritte Thema – der Versuch, die Evolutionsgeschichte zu bestimmen und auch zu erklären, wie und warum die Evolution stattfindet – sind Gegenstände aktiver wissenschaftlicher Forschung. Einige Schlussfolgerungen sind gut belegt. Viele Dinge sind weniger sicher, andere sind Vermutungen, und wieder andere … bleiben weitgehend unbekannt“ (Darwin and Intelligent Design).

In Bezug auf (2) betont Ayala:

“Leider gibt es noch viel, viel, viel zu entdecken. Um die Evolutionsgeschichte zu rekonstruieren, müssen wir wissen, wie die Mechanismen im Detail funktionieren, und wir haben nur eine sehr vage Vorstellung von ihrer Wirkungsweise auf genetischer Ebene, wie genetische Veränderung sich zur Entwicklung und Funktion verhält … Ich impliziere damit, dass es sich bei dem, was entdeckt werden würde, nicht nur um Details handeln würde, sondern um einige größere Prinzipien“ (Where Darwin Meets the Bible).

In Bezug auf Bedeutung (3) warnt er:

„Die Mechanismen, die für diese Veränderungen verantwortlich sind, stehen immer noch im Begriff, erforscht zu werden … Die Evolution von Organismen wird universal von biologischen Wissenschaftlern akzeptiert, während die Mechanismen der Evolution immer noch aktiv erforscht werden und unter Wissenschaftlern Gegenstand der Debatte sind“ (The Evolution of Life: An Overview).

Sobald man erkennt, dass das Wort „Evolution“ sich auf einen dieser drei Aspekte beziehen kann, beginnt man zu verstehen, wie irreführend es sein kann, wenn behauptet wird, Evolution sei eine nachgewiesene, universal anerkannte Tatsache.

Es gibt in der Tat sehr gute Gründe für Skeptizismus gegenüber neo-darwinistischen Mechanismen als Begründung für evolutionäre Veränderungen. Die Adäquatheit dieser Mechanismen wird heute von einigen führenden Evolutionsbiologen scharf herausgefordert.

Ich war sogar Kurzem fasziniert zu erfahren, dass Ayala offensichtlich seither die Adäquatheit neo-darwinistischer Mechanismen abgeschrieben hat. Lynn Margulis [gest. 2011], eine der sogenannten Altenburg 16, einer Gruppe von Evolutionsbiologen, die sich 2008 zu einer Konferenz in Altenburg, Österreich, trafen, um die Mechanismen hinter der evolutionären Veränderung zu erforschen, berichtete:

„Auf diesem Treffen stimmte mir [Fransico] Ayala zu, als ich sagte, dieser doktrinäre Neo-Darwinismus sei tot. Er war ein Anwender des Neo-Darwinismus, aber Fortschritte in der Molekulargenetik, Evolution, Ökologie, Biochemie und andere Neuigkeiten hatten ihn dazu gebracht, zuzustimmen, dass der Neo-Darwinismus nun tot sei.“ (Suzan Mazur, The Altenberg 16 [Berkeley: North Atlantic, 2010], S. 285).

Nun muss man sich klar sein, dass Ayala nicht dabei ist, irgendeiner Art von Kreationismus anzuhängen. Es werden vielmehr zusätzliche natürliche Mechanismen gesucht, welche die genetische Mutation und natürliche Selektion ersetzen sollen. Diese werden bereits in der wissenschaftlichen Literatur vorgeschlagen. Ich habe die volle Erwartung, dass im Laufe dieses Jahrhunderts die neo-darwinistischen Mechanismen, die schon lange von Kreationisten verschiedener Couleur herausgefordert wurden, als inadäquat erkennt werden und dass neue Mechanismen entdeckt werden. Die Ironie wird dann darin bestehen, dass die Gemeinschaft der Evolutionsbiologen, anstatt zuzugeben, dass die Kritik der Kreationisten gerechtfertigt war, sagen wird: „Oh, gut, wir wussten ja schon lange, dass die neo-darwinistischen Mechanismen inadäquat waren“ – und dies trotz des öffentlichen Getues, das heute im Namen des Neo-Darwinismus läuft!“

Während also Evolution in einem harmlosen Sinne gut belegt ist, ist der Glaube an Evolution im Sinne von (2) und (3) unter den Wissenschaftlern nicht allgemein verbreitet, und die bisherige Dominanz des Neo-Darwinismus beruht auf den Restriktionen des methodologischen Naturalismus und dem Fehlen einer besseren naturalistischen Alternative.

2. Wenn die Evolution wahr ist, warum hat Gott dann Genesis nicht anders geschrieben? Mir scheint, die Antwort auf diese Frage muss lauten, dass die Absicht von Genesis nicht darin besteht, Wissenschaft zu lehren. Ihr Zweck ist vielmehr theologischer Art: Genesis entmythologisiert die heidnischen Schöpfungsmythen von Israels Nachbarn, sodass die Sonne, der Mond und Sterne nicht länger Gottheiten sind, sondern einfach Dinge, die Gott gemacht hat, wie die Pflanzen und die Tiere. Genesis ist eine Entmythologisierung der Natur und eine Bestätigung der Souveränität Gottes.

3.Was passiert mit Reasonable Faith, nachdem ich weg bin? Reasonable Faith wird enden, wenn ich ende. Ich habe kein Interesse daran, eine Organisation aufzubauen. Wenn ich weg bin, wird vielleicht eine archivierte Webseite zurückbleiben, das ist alles. Und hoffentlich einige veränderte Leben!

(Übers.: B. Currlin)

Link to the original article in English: /writings/question-answer/why-is-evolution-so-widely-believed

- William Lane Craig