#345 War Jesus ein gescheiterter Endzeitprophet?
January 20, 2017Sehr geehrter Prof. Craig
ich bin schon immer Christ. Ich liebe Jesus und ich will an Ihn mehr denn je glauben, wenn ich jetzt als junger Mann daran denke, zu heiraten und eine gottesfürchtige Familie aufzuziehen.
Jedoch ist mein Glaube aufgrund von atheistischen Argumenten, die meinen Glauben angreifen, in heftige Anfechtung geraten. Größtenteils konnte ich vielen Argumenten, die Atheisten mir darboten, mit der Hilfe großer Philosophen wie Ihnen selbst, die den Glauben mit Verstand verteidigen, widerstehen. Jedoch wurde ich vor Kurzem mit dem Argument konfrontiert, Jesus sei ein gescheiterter Prophet gewesen, und zwar aufgrund seiner Prophetie in Mt 24,34. C.S. Lewis sagte über diesen Abschnitt: „Es ist der vielleicht peinlichste Vers in der Bibel“. Nachdem ich die typischen christlichen Antworten durchgegangen bin, muss ich ihm recht geben.
Ich versuche wirklich, mit aller Kraft an meinem Glauben festzuhalten, aber dieser Abschnitt hat den bisher stärksten Einwand gegen meinen persönlichen Glauben geliefert. Ich konnte mich nicht selbst überzeugen, dass Jesus sich auf eine zukünftige Generation bezog, wie einige Theologen zu erklären versucht haben, denn die Sprache und der Kontext des Verses machen deutlich, dass er über die gegenwärtige Generation sprach. Das war die Interpretation, die ich bevorzugte, aber es sieht nicht so aus, dass sie von der großen Mehrheit der Wissenschaftler geteilt wird.
Die andere Erklärung lautet, dass Jesus zwei Prophetien gab: eine über die Zerstörung des Tempels und eine über das Ende der Welt. Jedoch scheint mir diese Interpretation etwas gezwungen in die Abschnitte hineingetragen. Ich habe Mt 24,34 immer als eine Endzeitprophetie betrachtet, aber dies scheint wenig wissenschaftliche Unterstützung zu genießen, und der Kontext scheint diese Sicht nicht zu unterstützen.
C.S. Lewis dachte, Jesus habe einfach in seiner menschlichen Schwachheit eine falsche Prophetie gemacht. Aber mit dieser Sicht habe ich ein moralisches Problem, denn, warum würde Jesus eine Prophetie über die Zukunft der Welt machen, obwohl er wusste, dass er die Zukunft der Welt nicht kannte?
Ich will unbedingt an Jesus glauben, aber wie kann ich Ihm weiterhin vertrauen und Glauben an ihn haben, wenn er die Zukunft falsch voraussagte?
Bitte helfen Sie mir, Prof. Craig. Ich kämpfe wirklich mit diesem Einwand gegen meinen Glauben. Was sagen die meisten Wissenschaftler zu diesem Thema? Und hat Jesus wirklich eine falsche Prophetie gemacht?
Jessie
Russia
Prof. Craigs Antwort
A
Das Problem, das Sie nun kennengelernt haben, Jessie, wird typischerweise als „die Verzögerung der parousia“ oder der Wiederkunft Christi bezeichnet. Die Frage ist: Glaubte Jesus und sagte er voraus, dass er während der Lebenszeit seiner Jünger siegreich wiederkommen würde? Wenn er das so glaubte und vorhersagte, was impliziert das dann für die Person Christi? War er lediglich ein anderer Endzeitprophet, der sich getäuscht hat, ein anderer gescheiterter Messiasanwärter?
Nun, ich hoffe, Sie können erkennen, dass diese letzten Fragen uns sofort in eine viel größere Arena hineinwerfen. Wenn wir fragen, ob Jesus lediglich ein gescheiterter Endzeitprophet war, müssen wir Fragen wie diese stellen: Erfüllte er alttestamentliche Prophetien auf eine Art und Weise, die außerhalb menschlicher Kontrolle lag? Vollbrachte er Wunder und Exorzismen als Zeichen für den Anbruch des Königreichs Gottes in seiner Person?
Ist er von den Toten auferstanden als Rechtfertigung seiner angeblich blasphemischen persönlichen Ansprüche, die zu seiner Verurteilung und Hinrichtung führten? Ich glaube, dass das, was wir über die Auferstehung Jesu denken, letztlich bestimmt, was wir über seine Person denken. Seine Auferstehung ist Gottes Bestätigung seiner radikalen persönlichen Ansprüche, durch die er sich selbst an die Stelle Gottes setzt. Die Auferstehung bewies den Menschen zu seiner Zeit wie auch uns, dass er nicht nur ein weiterer gescheiterter Endzeitprophet oder Messiasanwärter war, sondern Gottes einzigartiger Sohn.
Somit kann man Ihre Frage nicht isoliert beantworten. Sie müssen alle Indizien mit berücksichtigen, nicht nur isolierte Aussagen. Ich stelle fest, dass viele Christen, die mit Zweifeln bezüglich dieser oder jener speziellen Frage kämpfen, anscheinend das größere Bild aus den Augen verloren haben und all die Indizien vergessen, die wir bezüglich Jesus und seiner Auferstehung haben.
Wenn jemand denkt, Jesus war lediglich ein gescheiterter Endzeitprophet, dann möchte ich von dieser Person hören, wie er die Indizien für das leere Grab Jesu, seine Erscheinungen nach dem Tod und den Ursprung des Glaubens der Jünger an seine Auferstehung rechtfertigt. Hier werden uns dann die üblichen schwachen Erklärungen aufgesagt. Ich kenne Ihre Situation nicht, Jessie, aber wenn Sie nicht die Indizien für die Auferstehung Jesu kennen, dann ermutige ich Sie, die Artikel und Debatten zu diesem Thema zu studieren, die auf dieser Website verfügbar sind.
Das wird Ihnen helfen, Ihre Frage in die richtige Perspektive zu setzen. Selbst wenn jemand absolut unfähig ist, zu erklären, wie Jesus die Voraussagen getroffen haben kann, die Sie erwähnen, kann man aufgrund der Indizien für seine Auferstehung rational glauben, dass er der war, der er zu sein behauptete. Ich nehme an, dass C.S. Lewis selbst eine solche Position einnahm.
Aber hat Jesus wirklich geglaubt und vorausgesagt, dass er während der Lebenszeit seiner Jünger wiederkommen würde? Lassen Sie uns die Beweislage etwas näher anschauen.
In seiner sogenannten Rede auf dem Ölberg (Mt 24; Mk 13,1-27; Luk 21) nennt Jesus viele Zeichen, die sich vor seiner Wiederkunft oder dem Kommen des Menschensohnes ereignen müssen. Dazu gehörten Ereignisse wie weitverbreitete Verfolgung und das weltweite Zeugnis der Kirche, die Erfüllung des Missionsauftrages (Mat 28,18-20), eine Zeit religiösen Abfalls, weltweite Kriege und Konflikte und Naturkatastrophen. Auch Paulus sagte, gewisse Ereignisse müssten stattfinden, bevor der Menschensohn kommt, wie beispielsweise das Kommen des Widersachers, das in 2 Thess 2 vorausgesagt ist, das Eingehen der Vollzahl der Heiden in die Gemeinde und schließlich dann die Umkehr und Rettung von ganz Israel (Röm 11,25-26).
Wenn man diese Abschnitte liest, gewinnt man den Eindruck, dass bis zur Wiederkunft Christi eine sehr lange Zeit vergehen wird. Vieles muss sich zuvor ereignen! Darum ist es dann so erstaunlich, als Jesus in Mt 24,34 (vgl. Mk 13,30) sagt: „Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht“. Man ist verblüfft, weil man dazu veranlasst wurde, einen sehr langen Zeitraum vor der Wiederkunft Christi zu erwarten. Aber hier scheint Jesus, auf den ersten Blick betrachtet, zu sagen, dass einige der Menschen, die seine Zeitgenossen waren, solange leben würden, bis sie den Menschensohn in seiner Macht kommen sehen.
Natürlich: Das ist nicht geschehen. Es stimmt, Jerusalem wurde 70 n. Chr. zerstört, wie Jesus voraussagte. Aber der Menschensohn kam nicht wieder. So steht man vor diesem Problem: Warum wurde die parousia, das Kommen Christi, verzögert? Warum geschah sie nicht dann, als man sie aufgrund der Aussage Jesu erwartet hätte?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, dieses Problem zu behandeln. Eine ist die präteristische Sicht, die davon ausgeht, dass in der Tat alle diese Ereignisse bis zum Jahre 70 n. Chr. stattfanden. Mit der Zerstörung Jerusalems kam der Menschensohn und bestieg seinen Thron im Himmel. Obwohl dies kein sichtbares Ereignis hier auf Erden war, fand es dennoch statt. Aus präteristischer Sicht besteht also kein Problem! Alle diese Dinge sind genau so erfüllt worden, wie Jesus es sagte.
So attraktiv diese Lösung auch ist, da sie sehr buchstäblich ist (zumindest in Bezug auf Mt 24,34), finde ich diese Sicht dennoch nicht überzeugend. Es ist irrig, davon auszugehen, dass das Kommen des Menschensohns eine Art unsichtbares Ereignis darstellte, das in Gottes Thronraum stattfand, anstatt hier auf Erden. Dieses Ereignis sollte mit der allgemeinen Auferstehung der Toten und dem Gericht über Gerechte und Ungerechte verbunden sein. Das fand offensichtlich im Jahr 70 n. Chr. nicht statt. Somit bin ich von der präteristischen Deutung nicht überzeugt.
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, zu sagen, die Prophetie sei an Bedingungen gebunden und somit offen für Veränderung. Im Alten Testament finden sich Beispiele von Prophetien, die eine Zeitangabe beinhalten – beispielsweise Jonahs Prophetie von Ninive: „Noch vierzig Tage und Ninive wird zerstört werden!“ – aber dann geschieht etwas, sodass die Erfüllung der Prophetie nicht länger mehr angemessen ist. Ninive wurde in der Tat nicht zerstört, weil die Menschen umkehrten und sich zu Gott wandten, obwohl Gott Jonah geboten hatte, den Menschen zu sagen, dass Ninive in vierzig Tagen zerstört werden würde. So ist der Vorschlag gemacht worden, dass Jesus vielleicht das Geschehen all dieser Ereignisse innerhalb dieser Generation voraussagte, aber sich etwas so veränderte, dass die parousia verzögert wurde.
Obwohl dies eine Möglichkeit ist, scheint es in diesem Fall nichts zu geben, das geschah, was die Revision der Prophetie Jesu verursacht hätte. Ninive tat Buße, sodass es nicht länger angemessen war, Ninive zu richten. Aber Jerusalem kehrte nicht um, und nichts veränderte sich. Jerusalem wurde sogar zerstört. Warum also hat sich der Rest der Prophetie nicht erfüllt? Es scheint keine befriedigende Lösung, einfach zu behaupten, die Prophetie sei revidiert worden.
Somit neige ich zu einer dritten Alternative, die besagt, dass die Prophetie zweideutig ist. Das heißt, wir kennen nicht wirklich den ursprünglichen Kontext dieser Worte. Darum können wir nicht sicher sein, dass Jesus wirklich vorhergesagt hat, dass er innerhalb der Lebenszeit seiner Zeitgenossen wiederkommen würde. In der Tat glaubt der bekannte historische Jesuswissenschaftler John Meier nicht, dass diese Aussage Jesu auch nur authentisch ist, das heißt, wirklich von dem historischen Jesus geäußert wurde. Meier besteht darauf, dass es keine Möglichkeit gibt, die Schlussfolgerung zu vermeiden, dass Jesus eine falsche Prophetie machte – Meier ist rücksichtslos objektiv – er argumentiert vielmehr, dass die Indizien zeigen, dass diese Aussage vermutlich nicht authentisch ist.
Mein Vorschlag ist bescheidener. Ich berufe mich auf die wohlbekannte Tatsache, dass wir oft nicht den ursprünglichen Kontext vorliegen haben, in dem Jesu Worte gesprochen wurden, geschweige denn ihren präzisen Wortlaut. Wenn wir uns daran erinnern, dass die Evangelien uns nicht eine Tonbandaufnahme von Jesu Worten liefern, dass die Evangelien auf Griechisch geschrieben wurden, während Jesus die meiste Zeit Aramäisch sprach, die Evangelienschreiber nicht einmal Anführungszeichen als Mittel zur Verfügung hatten, um zwischen direkter und indirekter Rede zu unterscheiden, können wir bereits erkennen, dass wir kein wörtliches Transkript von dem besitzen, was Jesus sagte. Jesu Reden wurden oft paraphrasiert oder zusammengefasst. Die Evangelisten ordnen diese Aussagen manchmal auf verschiedene Weise an. So sollten wir nicht denken, dass wir immer die Worte Jesu genau so haben, wie sie in ihrem ursprünglichen Kontext gesprochen wurden.
Ein auffallendes Beispiel für dieses Phänomen, das direkte Relevanz für unsere Frage hat, können wir vielleicht durch den Vergleich von Mt 10,23 mit Mk 6,7-13 erkennen. Im Abschnitt bei Markus haben wir eine Beschreibung der Mission der Zwölf. Jesus ruft die zwölf Jünger und sendet sie jeweils zu zweit aus, um in den verschiedenen Städten Israels zu predigen. So ist dies eine Mission während der Lebenszeit Jesu, auf die die Jünger gehen und von welcher sie zurückkehren, um ihre Lehre bei Jesus fortzusetzen.
Aber wenn man dann Mt 10 aufschlägt und sich diesen Bericht über den Dienst der Zwölf anschaut, entdeckt man, dass Matthäus in den Missionsauftrag Jesu an die zwölf Jünger bestimmte Prophetien über die Endzeit hineinmischt, über das Kommen des Menschensohns. So erhalten wir einen Vers wie Mt 10,23: „Wenn sie euch aber in einer Stadt verfolgen, so flieht in eine andere. Wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende kommen, bis der Menschensohn kommt.“
Ursprünglich war dies vielleicht eine Aussage über das Ende der Welt, das Kommen des Menschensohns. Aber hier hat Matthäus sie in die Missionsrede an die Zwölf eingewoben. Dennoch wusste Matthäus offensichtlich, als er schrieb, dass das Kommen des Menschensohns sich nicht ereignete, bevor die Mission der Zwölf vorbei war!
Er wusste, dass sie durch die Städte Israels gingen, dass sie zurückkamen und dass sie ihre Lehre bei Jesus fortsetzten. Jesus ging dann an das Kreuz, und Sie kennen den Rest der Geschichte. Indem Matthäus jedoch diese Aussage in diesen Kontext setzt, lässt er sie so klingen, als ob Jesus zu den zwölf Jüngern sagt: "Bevor ihr durch alle die Städte Israels gegangen seid, wird sich das Kommen des Menschensohns ereignen.“
Das ist eine perfekte Illustration meiner Behauptung. Wenn Mt 10,23 nicht bedeutete, dass der Menschensohn vor der Beendigung der Mission der Zwölf wiederkommen würde, dann gibt es keinen Grund anzunehmen, dass Mt 24,34 bedeutet, der Menschensohn wird innerhalb der ersten Generation wiederkommen. Wir können nicht sicher sein, wie diese Aussagen ursprünglich gemacht wurden oder was ihr Kontext war.
Nun betrachten Sie nochmals Mk 13. In V. 30 sagt Jesus: „Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht.“ Worauf bezieht sich „dies alles“? Schauen Sie auf den vorhergehenden Vers: „Ebenso auch: wenn ihr seht, daß dies geschieht, so wißt, daß er nahe vor der Tür ist.“ Wenn ihr „dies alles“ seht, dann wisst ihr, dass der Sohn des Menschen nahe ist. Somit beinhaltet „dies alles“ nicht das Kommen des Menschensohn selbst. Was beinhaltet es dann?
Schauen Sie zurück auf Vers 23: „Ihr aber seht euch vor! Ich habe euch alles zuvor gesagt!“ Jesus spricht über alle diese Zeichen, die sich vor der Wiederkunft des Menschensohnes ereignen werden, einschließlich der Zerstörung Jerusalems. Selbst wenn man es so nimmt, wie es dasteht, dann sagt er, dass innerhalb dieser Generation all das – das heißt, diese Zeichen, die Verfolgung, die Zerstörung Jerusalems – sich ereignen werden, bevor der Menschensohn wiederkommt. Dann wird sich schließlich die Wiederkunft des Menschensohnes ereignen.
So kann es sein, dass Markus es durch die spätere Hinzufügung von V. 30 in die Rede, nach der Beschreibung der Wiederkunft des Menschensohnes, Markus so klingen lässt, als ob sich das Kommen des Menschensohnes selbst innerhalb dieser Generation ereignen wird, wenn es bei der Aussage in Wirklichkeit um „all dies“ geht, was dem Kommen des Menschensohnes vorausgehen muss. Was ich damit andeute, ist, dass die Aussage vielleicht nicht in ihrem ursprünglichen Kontext steht, dass diese Aussage ursprünglich überhaupt nicht bedeutete, dass das Kommen des Menschensohnes selbst innerhalb der ersten Generation geschehen würde.
Als eine weitere Illustration für mein Argument siehe Mk 8,38-9,1:
„Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem abtrünnigen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln. Und er sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Es stehen einige hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis sie sehen das Reich Gottes kommen mit Kraft.“
Was Jesus sagt, ist, dass Menschen, die leben, sehen werden, dass das Reich Gottes mit Macht gekommen ist [1]. Jesus mag gemeint haben, dass sie sehen werden, dass es bereits mit Macht gekommen ist und mag sich dabei auf seinen eigenen Dienst des Wunderwirkens und Austreibens von dämonischen Wesen bezogen haben, was er als Zeichen für das Anbrechen des Reiches Gottes bezeichnete. Oder es könnte sich auf seinen Tod und Auferstehung von den Toten beziehen.
Man kann sich gut vorstellen, wie Menschen nach Jesu Auferstehung auf sein Leben und Dienst zurückschauen und sagen: „Wow, das Königreich Gottes ist wirklich mit Macht gekommen!“ Die Aussage mag sich sogar auf seine Verklärung beziehen, von der Markus als nächstes in Kapitel 9 berichtet. So kann es gut sein, dass die Aussage Jesu im ursprünglichen historischen Kontext nicht besagen sollte, dass es hier Menschen gibt, die den Menschensohn in Macht und Herrlichkeit wiederkommen sehen, bevor sie den Tod schmecken.
Aber sehen Sie nun, wie Matthäus diesen Vers in Mt 16,28 behandelt. Hier formuliert es Matthäus, der von demselben Ereignis berichtet, neu. Vergessen Sie nicht, sie hatten keine Anführungszeichen. Das ist paraphrasiert. Hier ist die Aussage, wie Matthäus sie formuliert: „Wahrlich, ich sage euch: Es stehen einige hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis sie den Menschensohn kommen sehen in seinem Reich.“ Nun, das klingt wirklich so, als ob sie die Wiederkunft des Menschensohnes während ihrer Lebenszeit sehen werden! Aber wir wissen, dass Matthäus diesen Abschnitt in Markus 9,1 paraphrasiert, der das nicht wirklich aussagt. Matthäus überliefert das auf etwas andere Weise. Dieser Fall illustriert wiederum mein Argument. Diese Aussagen können eine sehr unterschiedliche Bedeutung in ihrem ursprünglichen Kontext gehabt haben. Jemand, der nur Mt 16,28 kannte, könnte sehr wohl denken, dass Jesus sagt: „Es gibt Menschen hier, die nicht sterben werden, bevor sie meine parousia sehen“, aber wenn man Markus 9,1 liest, dann ist das durchaus nicht offensichtlich.
Wir dürfen nicht vergessen, dass wir, die wir in einem Abstand von 20 Jahrhunderten leben, nicht immer Zugriff darauf haben, wie diese Aussagen ursprünglich verwendet wurden und was sie bedeuteten. Es ist durchaus schlüssig zu denken, dass Jesus dachte, Ereignisse wie die Zerstörung Jerusalems würden innerhalb seiner Generation stattfinden, er aber nicht notwendigerweise dachte, dass sein eigenes Kommen sich innerhalb dieser ersten Generation ereignen würde. Denken Sie daran: Jesus sagte, er wisse nicht das Datum seiner Wiederkunft (Markus 13,32). Er wusste nicht, wann das Kommen des Menschensohnes sein würde. So ist es für ihn recht konsequent, wenn er sagt, dass „all dies“ sich ereignen und dann der Menschensohn kommen wird. Wie lange danach? Er wusste es nicht. Er gab zu, dass er es nicht wusste.
Es gibt in der Tat eine ganze Reihe von Gleichnissen, die Jesus uns gibt, welche nahelegen, dass ein sehr beträchtliches Zeitintervall vergehen wird, bevor der Menschensohn kommt.
„Wer ist nun der treue und kluge Knecht, den der Herr über seine Leute gesetzt hat, damit er ihnen zur rechten Zeit zu essen gebe? Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, das tun sieht. Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen. Wenn aber jener als ein böser Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr kommt noch lange nicht, und fängt an, seine Mitknechte zu schlagen, ißt und trinkt mit den Betrunkenen: dann wird der Herr dieses Knechtes kommen an einem Tage, an dem er’s nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt. Und er wird ihn in Stücke hauen lassen und ihm sein Teil geben bei den Heuchlern; da wird sein Heulen und Zähneklappern.“ (Mt 24,45-51).
Blättern Sie jetzt hinüber zu der Lukasversion desselben Gleichnisses in Lukas 12,35-47:
„Laßt eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen und seid gleich den Menschen, die auf ihren Herrn warten, wann er aufbrechen wird von der Hochzeit, damit, wenn er kommt und anklopft, sie ihm sogleich auftun. Selig sind die Knechte, die der Herr, wenn er kommt, wachend findet. Wahrlich, ich sage euch: Er wird sich schürzen und wird sie zu Tisch bitten und kommen und ihnen dienen. Und wenn er kommt in der zweiten oder in der dritten Nachtwache und findet’s so: selig sind sie. Das sollt ihr aber wissen: Wenn ein Hausherr wüßte, zu welcher Stunde der Dieb kommt, so ließe er nicht in sein Haus einbrechen. Seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr’s nicht meint.
Petrus aber sprach: Herr, sagst du dies Gleichnis zu uns oder auch zu allen? Der Herr aber sprach: Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr über seine Leute setzt, damit er ihnen zur rechten Zeit gibt, was ihnen zusteht? Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, das tun sieht. Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen. Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr kommt noch lange nicht, und fängt an, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essen und zu trinken und sich vollzusaufen, dann wird der Herr dieses Knechtes kommen an einem Tag, an dem er’s nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, und wird ihn in Stücke hauen lassen und wird ihm sein Teil geben bei den Ungläubigen. Der Knecht aber, der den Willen seines Herrn kennt, hat aber nichts vorbereitet noch nach seinem Willen getan, der wird viel Schläge erleiden müssen.“ (Luk 12,35-47).
Das ist ein Beispiel für die Gleichnisse, die Jesus erzählt, um seine Nachfolger auf einen möglichen Verzug des Kommens ihres Herrn vorzubereiten. Er kommt vielleicht nicht bis zur zweiten oder dritten Nachtwache, später als erwartet. Die Frage des Petrus ist interessant: „Gilt dieses Gleichnis uns? Denjenigen, die gerade zuhören? Oder gilt es allen?“ Ich verstehe Jesus so, dass er sagt, dies gelte nicht nur den Jüngern. In gewissem Sinne ist dies eine Ermahnung an alle Gläubigen aller Zeiten, bereit zu sein.
Nun schauen Sie sich Mt 25,1-13 an. Ein Gleichnis ist nicht genug!
„Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen. Aber fünf von ihnen waren töricht, und fünf waren klug. Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit. Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren Lampen. Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein. Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen: Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen! Da standen diese Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen fertig. Die törichten aber sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsre Lampen verlöschen. Da antworteten die klugen und sprachen: Nein, sonst würde es für uns und für euch nicht genug sein; geht aber zum Kaufmann und kauft für euch selbst. Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde verschlossen. Später kamen auch die anderen Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf! Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Darum wachet! Denn ihr wißt weder Tag noch Stunde.“
Ihr wisst nicht, wann Christus wiederkommen wird. Darum, wenn der Herr auch verzieht, müsst ihr dennoch bereit sein.
Das ist immer noch nicht genug! Ein weiteres Gleichnis:
„Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an; dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort. Sogleich ging er hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu. Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu. Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen. Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit weitere fünf Zentner gewonnen. Da sprach der Herr zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut, siehe da, ich habe damit zwei weitere gewonnen. Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wußte, dass du ein harter Mann bist: du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine. Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wußtest du, daß ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe? Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen. Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihm dem, der zehn Zentner hat. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.“ (Matth 25,14-30)
Wiederum spielt hier der Gedanke einer langen Zeit hinein, bevor der Herr wiederkommt.
Zum Schluss noch ein Gleichnis:
„Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.“ (Mt 25,31-46).
Beachten Sie, dass Menschen auf der Grundlage dessen beurteilt werden, wie sie gegenüber anderen Christen in der Welt gehandelt haben, wie sie sich gegenüber der Kirche Christi verhielten, was wiederum auf einen langen Zeitraum hindeutet, während dem Menschen, die Jesus nie gekannt hatten, ihn nie gesehen hatten, dennoch seinen Leuten in ihren Nöten dienten.
Wenn wir dies mit all den anderen Gleichnissen und Aussagen zusammen nehmen, so haben wir, denke ich, guten Grund anzunehmen, dass Jesus selbst glaubte, er würde in der Tat in Herrlichkeit wiederkommen, wusste aber nicht, wann das sein würde. So bereitete er seine Nachfolger auf die Möglichkeit vor, dass dies eine sehr lange Zeit sein würde.
Darum müssen Mk 9,1 und Mk 13,30 (und ihre Parallelstellen) in diesem breiteren Kontext der Lehren Jesu gelesen werden. Der Fall Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. mag nur eine Vorschattung der letzten großen Drangsal und des Falles von Jerusalem gewesen sein, die sich wiederum am Ende des Zeitalters wiederholen werden. Obwohl Jesus gedacht haben mag, dass viele „dieser Dinge“ innerhalb seiner Generation stattfinden würden, denke ich nicht, dass wir irgendwelche soliden Gründe haben, zu sagen, dass Jesus glaubte, das Kommen des Menschensohnes würde innerhalb der Lebenszeit seiner Zeitgenossen stattfinden.
(Übers.: B. Currlin)
Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/was-jesus-a-failed-eschatological-prophet
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En. „has come“ – Anm. d. Übers.
En. „has come“ – Anm. d. Übers.
- William Lane Craig