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#582 „Richtet nicht …“

February 17, 2019
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

zwar bin ich bloß ein zaghafter Deist, doch bewundere ich Sie als Philosophen sehr und erfreue mich an ihrer Arbeit. Ich hoffe, dass Sie eines Tages eine große Autobiographie schreiben!

Vor kurzem habe ich einen Freund, der Christ ist, versehentlich beleidigt. Er hatte mir gesagt, dass man niemanden richten soll, weil das immer falsch sei, und dabei stolz aus der Knox-Bibel zitiert: „Richtet niemanden, und ihr werdet nicht gerichtet.“[1] Ich habe das so verstanden, dass er damit impliziert, dass eine der moralischen Pflichten eines Christen die ist, niemals jemanden zu richten. Und dann habe ich ihn mit dieser Argumentation verärgert:

(1) Wenn es gemäß dem christlichen Glauben immer falsch ist, wenn Christen Leute richten, dann ist es nicht der Fall, dass eine der logischen Folgen des christlichen Glaubens das Urteil ist, dass Satanisten qua Satanisten gegen Gott sündigen.

(2) Doch eine der logischen Folgen des christlichen Glaubens ist sehr wohl das Urteil, dass Satanisten qua Satanisten gegen Gott sündigen.

(3) ∴ Es ist nicht immer falsch, wenn ein Christ jemanden richtet.

Als ich das zu meinem Freund sagte, fühlte er sich angegriffen und sprach nicht mehr über dieses Thema mit mir – was ich als Zeichen dafür verstand, dass mein Argument überzeugend war. Doch ist es gemäß dem christlichen Glauben immer falsch, Leute zu richten? Ich kann nicht erkennen, wo ich falsch liege, wäre aber dankbar wenn Sie es mir zeigen könnten.

Herzliche Grüße

Michael
Vereinigte Staaten

 

[1] Wörtliche Übersetzung dieses Verses aus der Knox-Bibel ins Deutsche.

Afghanistan

Prof. Craigs Antwort


A

Meiner Meinung nach liegen Sie nicht falsch, Michael, und die beleidigte Reaktion Ihres albernen christlichen Freundes zeugt tatsächlich von der Kraft Ihres Argumentes – oder zumindest vom Unvermögen Ihres Freundes, ihm zu widersprechen.

Als ich Ihre Nachricht gelesen habe, dachte ich eigentlich, Sie würden eine noch überzeugendere Version Ihres Arguments anführen, nämlich dass die Aussage, „Leute zu richten, ist immer falsch“ selbst ein moralisches Urteil ist, sodass jeder, der jemand anderes richtet, selbst für seine moralische Untat zu richten wäre. Die Behauptung Ihres Freundes ist also ein Widerspruch in sich. Sie müssen gar nicht das Beispiel mit Satanisten anführen; nehmen Sie doch einfach die Aussage Ihres Freundes, um zu zeigen, dass ihn seine eigene Aussage dazu zwingt, moralische Urteile über andere Leute zu fällen. Er verurteilt Menschen, die richten!

Hat Jesus also der eigenen Aussage den Boden entzogen? Ganz und gar nicht! Seine schroffe Verurteilung der Pharisäer zeigt, dass er gewollt war, moralische Urteile über andere Menschen zu fällen. Jesu Lehre, wenn sie im Kontext der Bergpredigt gelesen wird, zeigt klar, dass er Menschen verurteilt, die allzu sehr darauf bedacht sind, die Sünden und Mängel anderer Leute hervorzuheben, während sie ihre eigenen Verfehlungen nicht sehen:

„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn mit demselben Gericht, mit dem ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit demselben Maß, mit dem ihr anderen zumesst, wird auch euch zugemessen werden. Was siehst du aber den Splitter im Auge deines Bruders, und den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Oder wie kannst du deinem Bruder sagen: halt, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen! – und siehe, der Balken ist in deinem Auge?“ (Matthäus 7,1-5, Schlachter 2000)

 

Es ist ziemlich eindeutig, dass Jesus seinen Jüngern hier beibringt, dass sie keine selbstgerechten Heuchler sein sollen, die (wie die Pharisäer!) auf andere herabsehen, mit einer verurteilenden Haltung herumlaufen und denken, sie wären besser als alle anderen, während sie dabei ihre eigenen Fehler ignorieren. Beachten sie außerdem, dass Jesus sagt, dass man, nachdem man den Balken aus dem eigenen Auge entfernt hat, dabei helfen kann, den Splitter aus dem Auge des Bruders zu entfernen – womit Jesus impliziert, dass man sehr wohl richtigerweise urteilt, wenn sein Bruder einen Mangel aufweist. Man kann moralische Urteile über jemanden fällen, ohne verurteilend zu sein.

 

(Übers. J. Booker)

Link to the original article in English: https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/judge-not

- William Lane Craig