English Site
back
05 / 06

#100

February 3, 2019
F

Sehr geehrter Herr Prof. Craig,

ich hoffe, es geht Ihnen gut. Vielen Dank für alles, was sie für Christus tun. Richard Carrier hat auf seiner Website einige negative Dinge über seine baldige Debatte mit Ihnen am 18. März[1] gesagt (was Sie sicherlich schon gewohnt sind). Er sagt Folgendes:

(Ich zitiere seine letzten Worte zu dem Thema wörtlich):

„[Craigs Aussage:] „Ich schlage das unkompliziertere Thema „Ist Jesus von den Toten auferstanden?“ vor. Ich bevorzuge dieses Thema gegenüber der historischen Glaubwürdigkeit der Evangelien, weil (i) eine Argumentation für die Historizität der Auferstehung Jesu nicht von der allgemeinen Zuverlässigkeit der Evangelien abhängt, und (ii) das Thema, das ja enger gefasst ist, in anderthalb Stunden leichter anzugehen ist.“

Ich halte sowohl (i) als auch (ii) für offenkundig falsch, ja, geradezu unlogisch. Aber wenn er unlogisch sein will, komme ich schon klar damit. Ich finde es auch interessant, dass er das Wort „bevorzugen“ für etwas verwendet, was eigentlich eine Absage war. Ziehen Sie Ihre eigenen Schlüsse hieraus.

Was (ii) angeht, erfordert die Verteidigung der Auferstehung die Argumentation für einige Prämissen, einschließlich der Zuverlässigkeit der Evangeliumsberichte, die Gültigkeit wundersamer Erklärungen für gewöhnliche Belege und die Authentizität, Bedeutung und Zuverlässigkeit verschiedener Abschnitte in den Episteln usw. und ist thematisch daher weiter gefasst, nicht enger. Die historische Zuverlässigkeit der Evangelien konzentriert sich ausschließlich auf die Evangelien und die darin enthaltenen Belege (einschließlich historischer Belege) und auf die Frage, ob wir dem vertrauen können, was sie sagen, was notwendigerweise enger gefasst ist als jedes Argument, für das man erst sicherstellen muss, dass wir dem Geschriebenen vertrauen können. Und in Bezug auf (i): Wenn die Evangelien nicht allgemein zuverlässig sind, dann wird alles, was sie sagen, von Misstrauen überschattet – was bedeutet, dass wir ihnen auch nicht trauen können, wenn sie ihre umstrittensten Behauptungen machen (wozu die Auferstehung zählt). Somit ist es logisch unmöglich, für die Historizität der Auferstehung Jesu zu argumentieren, ohne dass die „Evangelien allgemein zuverlässig sind“ (es sei denn, er beabsichtigt, sich in seiner Argumentation nie auf die Evangelien zu beziehen, was aber unwahrscheinlich ist.)

Ich sage das hier, weil ich mir in der Debatte selbst vielleicht nicht die Mühe machen werde, auf diese Punkte einzugehen, außer indem ich darauf hinweise, warum wir den Evangelien nicht vertrauen können. Ich wurde zudem schon oft zu diesem Thema befragt, weil Craig anscheinend Details unserer Gespräche vor der Debatte hat durchsickern lassen. Deswegen kann ich das, was ich vielen schon per Mail gesagt habe, auch hier sagen.“

Was halten Sie von diesen Behauptungen? Besten Dank im Voraus,

Jonathan
 

 

[1]          Die Debatte zwischen Richard Carrier und William Lane Craig fand am 18. März 2009 an der Northwest Missiouri State University statt. Ein Video der Debatte findet sich hier: /media/craig-vs-carrier-nw-missouri-state-university (Anm. d. Übers.)

Afghanistan

Prof. Craigs Antwort


A

Ich hatte diese Anmerkungen schon gesehen, Jonathan, und ich glaube, sie sind auf ein Missverständnis zurückzuführen. Mehr nicht. Als uns Landon Hendrick von der Northwest Missouri-State-Universität eingeladen hat, an einer Debatte teilzunehmen, hat Richard drei Themen genannt, über die er zu debattieren bereit wäre: (1) Sind moralische Fakten Belege für Gott?, (2) Kümmert sich Gott um uns? und (3) Sind die Evangelien glaubwürdig? Er wollte nicht über die Historizität der Auferstehung Jesu debattieren, ohne zuerst die letzte Frage diskutiert zu haben. Da ich aus den beiden oben genannten Gründen fand, dass die historische Zuverlässigkeit der Evangelien ein schlechtes Thema für eine Debatte war, habe ich mich für sein Thema über die Grundlagen der Moral entschieden. Mit der Zeit haben sich die Leute aber so enttäuscht von dieser Themenwahl gezeigt, dass Richard nachgab und sich einverstanden erklärte, über die Historizität der Auferstehung Jesu zu debattieren – unter der Bedingung, dass ich eine Erklärung (die er zitieren durfte) dazu abgeben würde, warum ich eine Debatte über die historische Zuverlässigkeit der Evangelien abgelehnt hatte. (Ich schmunzele über Richards Beschwerde, dass ich Details unserer Gespräche vor der Debatte habe „durchsickern“ lassen. Als die Leute mich gefragt haben, warum wir nicht über die Auferstehung debattieren, habe ich es ihnen einfach gesagt, wie, so dachte ich, Richard es auch tat. Mir war nicht klar, dass unsere „Verhandlungen“ top secret waren!)

Ich erklärte mich mit dem neuen Thema also einverstanden und gab die oben zitierte Erklärung ab. Mit dem Wort „bevorzugen“ wollte ich nur ausdrücken, welches der mir für die Debatte angebotenen Themen mein Favorit war. Man hat mir die Wahl überlassen, und ich habe eine getroffen. Richard war es, der sich geweigert hat, über die Auferstehung zu debattieren, bis er genug Druck verspürt hat, es doch zu tun.

Waren meine Gründe dafür, das Thema der Auferstehung dem Thema der historischen Zuverlässigkeit der Evangelien vorzuziehen, unlogisch? Ich denke nicht. Zu (i): Wenn Richard sagt, „die Verteidigung der Auferstehung erfordert die Argumentation für einige Prämissen, einschließlich der Zuverlässigkeit der Evangeliumsberichte“, muss er noch „in Bezug auf spezifische Ereignisse“ hinzufügen (es sei denn, wie er richtig anmerkt, man möchte ohne Berufung auf die Evangelien für Jesu Auferstehung argumentieren, wie mein Doktorvater Wolfhart Pannenberg[1]). Wenn man sich in seiner Argumentation auf die Evangelien beruft, dann muss man offensichtlich zeigen, dass die Evangelien in Bezug auf das spezifische Ereignis zuverlässig sind, von dem sie behaupten, es sei historisch. Doch eine Argumentation für die Historizität der spezifischen Ereignisse, die der Schlussfolgerung der Auferstehung Jesu zugrunde liegen, hängt nicht von der Sicherung der allgemeinen historischen Zuverlässigkeit der Evangelien ab. Diese Wahrheit liegt der historisch-kritischen Methode zugrunde. Die Aufgabe des kritischen Historikers ist es, die Spreu vom Weizen zu trennen, um die historisch wahren Teile in einem Dokument zu entdecken.

Richard weiß das. Er schreibt: „Es gibt keine antike Geschichte, die komplett akkurat und ohne Lügen, Verzerrungen oder Fehler ist. Jeder qualifizierte Historiker von heute stimmt dem zu. Es ist ein universelles von der gesamten professionellen Gemeinschaft akzeptiertes Prinzip, dass kein antikes Werk fehlerlos ist“ („Was Christianity Too Improbable to Be False?“). Leider sind zu viele Christen wie „Ungläubige“ dem Irrtum erlegen, dass ein Fehler in den Evangelien ihr ganzes Zeugnis entkräftet, was absurd ist. Richard sagt ja richtig: Selbst die besten antiken Geschichtsschreiber, wie Tacitus, Polybius und Arrian vermitteln falsche Informationen, und selbst die Arbeit von Historikern wie Herodot und Suetonius, die den hohen Standards dieser Autoren nicht gerecht werden, bietet wertvolle Informationen in Bezug auf spezifische Ereignisse.

Ein Beispiel im Hinblick auf Jesus wären die apokryphen Evangelien. Diese allgemein unzuverlässigen Dokumente enthalten viele aus der Luft gegriffenen Legenden und Erfindungen. Sie enthalten aber auch historische Elemente, z. B. dass Jesus von Nazareth von den Römern gekreuzigt wurde. Zu seinen weniger radikalen Zeiten (bevor er geglaubt hat, dass Jesus von Nazareth nie existiert hat) hat Richard in Bezug auf die Evangelien geschrieben: „Nur wenige bezweifeln, dass Jesus und bestimmte andere Charaktere und kulturelle, geographische und andere Details dieser Texte einen echten "historischen Kern" bilden, bei denen es sich lohnt, nach Daten zu suchen. Das steht generell außer Frage.“ („William Craig, Herodotus, and Myth Formation“). Ja, auch heute noch würde Richard dieser Aussage vermutlich zustimmen – er ist jetzt bloß einer dieser paar Extremisten. Die Existenz dieses historischen Kerns hängt nicht von der allgemeinen Zuverlässigkeit der Evangelien ab.

Ja, eigentlich ist es überaus zirkulär und daher unlogisch, die Sicherung der allgemeinen Zuverlässigkeit eines Dokuments zu erfordern, um seine Zuverlässigkeit in Bezug auf ein spezifisches Ereignis zu sichern. Denn wie könnte man sonst die allgemeine Zuverlässigkeit eines Dokuments nachweisen, wenn nicht durch das Nachweisen seiner Zuverlässigkeit in Bezug auf einige spezifische Ereignisse? Nehmen wir einmal an, wir würden ein antikes, historisches und noch unbekanntes Dokument entdecken, und wir wollen wissen, ob es in seiner Berichterstattung zuverlässig ist. Um seine allgemeine historische Zuverlässigkeit zu sichern, müssten wir nachweisen, dass die Berichterstattung von verschiedenen Spezifika zuverlässig ist. Wenn wir zuerst seine allgemeine Zuverlässigkeit sichern sollten, würde uns das in ein Szenario à la „Was war zuerst da? Das Huhn oder das Ei?“ bringen. Die Spezifika kommen offensichtlich zuerst, und von ihnen schließt man auf die allgemeine Zuverlässigkeit.

Wenn Richard also sagt: „Wenn die Evangelien nicht allgemein zuverlässig sind, dann wird alles, was sie sagen, von Misstrauen überschattet, – was bedeutet, dass wir ihnen auch nicht trauen können, wenn sie ihre umstrittensten Behauptungen machen (wozu die Auferstehung zählt)“, dann bringt er einiges durcheinander.

Erstens: Dass eine Argumentation für die Auferstehung Jesu nicht davon abhängt, zuerst die allgemeine Zuverlässigkeit der Evangelien zu sichern, heißt nicht, dass die Evangelien tatsächlich allgemein unzuverlässig sind! Das ist ein offensichtlicher non-sequitur-Fehlschluss. Es bedeutet einfach, dass man die allgemeine Zuverlässigkeit eines Dokuments nicht belegen muss, bevor man nachweist, dass dieses Dokument ein bestimmtes Ereignis zuverlässig wiedergibt.

Zweitens: Selbst die allgemeine Unzuverlässigkeit eines Dokuments impliziert nicht, dass wir dem, was es über ein spezifisches Ereignis sagt, nicht vertrauen können, es sei denn, Richard impliziert hier mit „vertrauen“ eine Art kriterienlose Akzeptanz der Behauptungen des Dokuments. Diese Art von Vertrauen steht hier nicht zur Debatte. Neutestamentler haben eine ganze Reihe von sogenannten Authentizitätskriterien entwickelt, um die historischen Fakten über Jesus zu erkennen. Dazu gehören die mehrfache Bestätigung der Fakten, die Unähnlichkeit mit der christlichen Lehre, linguistische Semitismen, Spuren des palästinensischen Milieus, die Beibehaltung peinlichen Materials, die Kohärenz mit anderem authentischen Material usw.[2] Diese Kriterien setzen die allgemeine Zuverlässigkeit der Evangelien nicht voraus. Sie konzentrieren sich vielmehr auf ein bestimmtes Ereignis oder Zitat Jesu und führen Belege dafür an, dass dieses spezifische Element aus Jesu Leben historisch ist, unabhängig von der allgemeinen Zuverlässigkeit des Dokumentes, in dem von dem jeweiligen Zitat oder Ereignis berichtet wird. Dieselben Kriterien sind also auch auf Berichte über Jesus anwendbar, die man in den apokryphen Evangelien oder rabbinischen Schriften oder sogar dem Koran findet. Wenn man aber nachweisen kann, dass die Evangelien allgemein zuverlässige Dokumente sind, ist das natürlich umso besser! Aber die Kriterien hängen nicht von einer solchen Voraussetzung ab. Richard verteidigt seine obige Aussage vielleicht, indem er das Wort „umstritten“ verwendet. Doch dann wird seine Aussage trivial: natürlich können wir, historisch gesehen, Behauptungen in einem allgemein unzuverlässigen Dokument nicht vertrauen, wenn sie die Kriterien nicht erfüllen. Die Frage ist: Erfüllen spezifische Behauptungen die Kriterien?

Nehmen wir z. B. die Kreuzigung Jesu. Ganz unabhängig von der allgemeinen historischen Zuverlässigkeit der Evangelien wird dieser spezifische Fakt über Jesus von Nazareth als so sicher angesehen, dass er als unbestreitbar gilt. Ja, der hoch angesehene Experte für den historischen Jesus, John Meier, sieht sie als so gewiss an, dass sie selbst zu einem der Authentizitätskriterien für die Beurteilung der Historizität anderer Ereignisse aus dem Leben Jesu wird. Meiers Vertrauen in die Historizität der Kreuzigung Jesu hat mit der allgemeinen historischen Zuverlässigkeit der Evangelien nichts zu tun. Er erklärt:

„Aus zwei offensichtlichen Gründen würde praktisch niemand die Tatsache abstreiten, dass Jesus per Kreuzigung hingerichtet wurde: (1) Dieses zentrale Ereignis wird nicht nur von der großen Mehrheit der neutestamentlichen Autoren berichtet oder angedeutet, sondern auch von Josephus und Tacitus . . . (2) Solch ein beschämendes Ereignis war ein riesiges Hindernis bei der Konversion von Juden wie Nichtjuden (. . .), das die Kirche nur mühsam überwinden konnte. . . .“[3]

Der erste Punkt ist eine Anwendung des Kriteriums der vielfachen Bestätigung und der zweite des Kriteriums der Beschämung. Es ist eindeutig, dass Meier die Kreuzigung nicht deshalb akzeptiert, weil die Evangelien nachweislich allgemein historisch zuverlässig sind. Jeder, der denkt, dass Neutestamentler die allgemeine Zuverlässigkeit der Evangelien voraussetzen, offenbart seine naive Denkweise darüber, wie man im kritischen Studium des Neuen Testaments vorgeht.

Drittens: Richard führt in die Irre, wenn er sagt, dass die Auferstehung eines dieser umstrittenen Ereignisse ist. Denn wie ich schon einmal betont habe (siehe Frage der Woche # 98), sind die Fakten, die dem Schluss auf Jesu Auferstehung zugrunde liegen, z.B. das leere Grab und die Erscheinungen Jesu nach seinem Tod, nicht umstritten, sondern gehören zum von der großen Mehrheit der neutestamentlichen Historiker anerkannten historischen Kern. Ich weiß, dass das für die „Ungläubigen“ unter Ihnen schwer zu fassen ist, aber es stimmt. Sie sind es, die gegen den Strom der Wissenschaft schwimmen; ich befinde mich bequem im Mainstream. Ob man dann Jesu Auferstehung als beste Erklärung der Fakten zu akzeptieren bereit ist, hängt eher davon ab, ob man einer übernatürlichen Weltanschauung gegenüber offen ist, als von historischen Faktoren.

Und zum Punkt (ii): Eine Diskussion der Zuverlässigkeit der Evangelien im Allgemeinen ist offensichtlich weiter gefasst als eine Diskussion mancher aufgezeichneter spezifischer Ereignisse. Warum sollten wir uns in einer Debatte über die Historizität der Geburtserzählungen oder über das Datum des letzten Abendmahls usw. festfahren, wenn kein Element der Auferstehung Jesu von der Zuverlässigkeit dieser Berichte abhängt? Als Debattenthema wäre die allgemeine Zuverlässigkeit der Evangelien so weit gefasst, dass man es nicht richtig angehen könnte. Stellen Sie sich vor, wie man nicht nur die allgemeine Zuverlässigkeit eines Evangeliums oder der drei synoptischen Evangelien diskutieren muss, sondern von allen vieren! Es ist viel besser, sich auf die historische Zuverlässigkeit der Evangelien im Hinblick auf bestimmte spezifische Ereignisse zu konzentrieren, die mit Jesu Auferstehung verbunden sind.

(Übers.: J. Booker)

Link to the original article in English: /richard-carriers-pre-debate-comments

 

[1]          Wolfhart Pannenberg, Jesus: God and Man , Übers. aus dem Deutschen von L. L. Wilkins und D. Priebe, (London: SCM Press, 1968), pp. 88-106. (Deutsches Original: Grundzüge der Christologie. (1964) 7. Aufl. Mohn, Gütersloh 1990; Anm. d. Übers.) 

[2]          Eine hilfreiche Diskussion dazu findet sich in: Robert H. Stein, „The Criteria for Authenticity“, in Gospel Perspectives I, ed. R.T. France and David Wenham (Sheffield, England: JSOT Press, 1980), S. 225-63; Craig A. Evans, „Authenticity Criteria in Life of Jesus Research“, Christian Scholar's Review 19 (1989): 6-31.

[3]          John Meier, „The Circle of the Twelve: Did It Exist during Jesus' Public Ministry?“ Journal of Biblical Literature 116/4 (1997): 664-5.

- William Lane Craig