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#144

September 20, 2016
F

Frage 1:

Sehr geehrter Prof. Craig,

Ich habe Ihre Webseite in der kurzen Zeit, in der ich bisher darin gelesen habe, sehr genossen! Ich habe großes Interesse an christlicher Philosophie und ihrer Beziehung zur Bibel.

Meine Frage betrifft das ontologische Argument. Ich schätze dieses Argument in seiner Form der sieben Schritte (oder auch die Plantinga-Form, die – soweit ich erkennen kann – dasselbe ist) wirklich sehr. Das Problem stellte sich für mich bei einer Verneinung der ersten Prämisse, nämlich: Es ist möglich, dass ein maximal großes Wesen NICHT existiert. Daraus würden die entsprechenden Prämissen folgen, die zur entgegengesetzten Schlussfolgerung führen würden: „Somit existiert Gott nicht.“ Ich weiß, dass dies falsch ist, aber ich kann den Fehler nicht ausfindig machen.

Meine Frage ist: Müssen wir Prämisse 1 dieses „verneinten“ Arguments verwerfen? Gibt es da irgendwo einen Fehler? Oder können wir dies abwehren, indem wir zuerst ein starkes kosmologisches Argument verwenden, um so zunächst die Notwendigkeit eines großen Wesens zu demonstrieren? Es scheint, dass dieser letzte Schritt das Verneinungsargument ganz entkräften würde, denn zu sagen, dass Gott existieren muss, während man gleichzeitig sagt, dass er nicht existieren kann, ist inkohärent. Ich würde in dieser Angelegenheit den klaren Kopf eines Anderen sehr schätzen!

Danke für alles, was Sie für den Leib Christi tun!

Randy

 

Frage 2:

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich bin Christ und versuche, an meinem Glauben an Gott festzuhalten. Nur bei Gott habe ich je dieses tiefe Empfinden gehabt, dass er die Wahrheit ist. Jedenfalls lautet meine Frage:

Ist es überhaupt möglich, dass ein Nichts existieren kann? Denn wenn wir dieses Universum beseitigen könnten, gäbe es dann nicht immerhin eine Art "Leere" oder Vakuum?

Ich las die folgende Aussage, und vielleicht bin ich nur verwirrt, aber hier ist sie:

„Wir beginnen also beim Nichts, bei der reinen Null. Aber das ist nicht das Nichts der Negation. Denn „nicht“ bedeutet „anders als“, und „anders“ ist nur ein Synonym für die zweite Ordinalzahl. Als solche setzt sie etwas Erstes voraus, während die reine Null, über die wir sprechen, einem jeden Ersten vorausgeht. Das Nichts der Verneinung ist das Nichts des Todes, welches als zweites von allem – oder nach allem – kommt. Aber diese reine Null ist das Nichts des Nicht-geboren-worden-Seins. Es gibt dann kein konkretes Einzelding, keinen Zwang, weder äußerlich noch innerlich, und kein Gesetz. Es ist das Keim-Nichts, in welchem das ganze Universum enthalten oder vorweggenommen ist. Als solches ist es absolut undefiniert und ist eine unbeschränkte Möglichkeit – grenzenlose Möglichkeit. Es gibt keinen Zwang und kein Gesetz. Es ist grenzenlose Freiheit.“

Charles S. Peirce

Ich würde es außerordentlich schätzen, wenn Sie mir hier heraushelfen könnten. Ich habe vor, Philosophie zu studieren, wenn ich im Januar aufs College gehe; ich versuche, an meinem Glauben festzuhalten und in Christus zu lernen und zu wachsen.

Ich danke Ihnen sehr,

Daniel

United States

Prof. Craigs Antwort


A

Ihre beiden Fragen betreffen das ontologische Argument. Zum leichteren Verständnis für Leser, die mit dem Argument nicht vertraut sind, möchte ich kurz die Version des ontologischen Arguments von Alvin Plantinga nennen, die oben erwähnt wurde. Sie lautet:

1. Es ist möglich, dass ein maximal großes Wesen existiert.

2. Wenn es möglich ist, dass ein maximal großes Wesen existiert, dann existiert ein maximal großes Wesen in einer möglichen Welt.

3. Wenn ein maximal großes Wesen in einer möglichen Welt existiert, dann existiert es in jeder möglichen Welt.

4. Wenn ein maximal großes Wesen in jeder möglichen Welt existiert, dann existiert es in der tatsächlichen Welt.

5. Wenn ein maximal großes Wesen in der tatsächlichen Welt existiert, dann existiert ein maximal großes Wesen.

6. Folglich existiert ein maximal großes Wesen.

Nun haben Sie völlig recht, Randy, wenn Sie feststellen, dass wenn wir die erste Prämisse folgendermaßen abändern:

1′. Es ist möglich, dass ein maximal großes Wesen nicht existiert,

dass daraus dann der Schluss folgt:

6′. Folglich existiert kein maximal großes Wesen.

Hier liegt kein Fehlschluss vor. Die ganze Frage ist: Was halten Sie für plausibler wahr: (1) oder (1′)?

Vielleicht sind Sie geneigt zu sagen, dass beide wahr sind: Es ist möglich, dass ein solches Wesen existiert, und es ist möglich, dass Er nicht existiert. Aber hier ist entscheidend, dass wir klar zwischen metaphysischer und rein epistemischer Möglichkeit unterscheiden. Die Aussage „Es ist möglich, dass Gott existiert, und es ist möglich, dass Er nicht existiert!“ ist nur im Sinne einer epistemischen Möglichkeit wahr: „Soweit wir wissen“, kann Gott existieren oder kann Er nicht existieren. Wenn Gott andererseits als ein maximal großes Wesen verstanden wird (das heißt als ein Wesen, das in jeder möglichen Welt maximal exzellent ist), dann ist Seine Existenz entweder notwendig oder unmöglich, ungeachtet unserer epistemischen Ungewissheit.

Zur Veranschaulichung: Stellen wir uns vor, dass wir eine außerordentlich schwierige mathematische Gleichung auf einer Tafel sehen. Wenn es unsere Fähigkeit übersteigt, die Gleichung zu verstehen, können wir sagen: Es ist möglich, dass die Gleichung wahr ist, und es ist möglich, dass sie falsch ist. Doch damit bekennen wir nur unsere epistemische Ungewissheit über den Wahrheitswert der Gleichung. Als mathematische Gleichung ist sie entweder notwendig wahr oder notwendig falsch. Wir wissen einfach nicht, welches von beiden zutrifft. Doch wenn die Gleichung wahr ist, ist sie notwendig wahr und kann somit nicht falsch sein. Und wenn sie falsch ist, dann ist sie notwendig falsch und kann somit nicht wahr sein.

Genauso bedeutet die epistemische Möglichkeit von (1) oder (1′) nicht, dass beide metaphysisch möglich sind. Nur eine der beiden kann wahr sein, und es ist an uns zu entscheiden, welche wir für wahr halten. Der Atheist muss behaupten, dass das Konzept eines maximal großen Wesens so inkohärent ist wie das Konzept eines verheirateten Junggesellen. Das Konzept eines verheirateten Junggesellen ist strenggenommen kein Widerspruch in sich (wie das Konzept eines verheirateten unverheirateten Mannes), und doch ist offensichtlich, sobald man die Bedeutung der Wörter „verheiratet“ und „Junggeselle“ versteht, dass nichts existieren kann, was diesem Konzept entspricht. Im Gegensatz dazu erscheint das Konzept eines maximal großen Wesens nicht einmal im entferntesten inkohärent. Ganz im Gegenteil scheint das Konzept eines maximal großen Wesens ein intuitiv kohärentes und somit möglicherweise instanziiertes zu sein.

Ich stimme Ihnen zu, dass wir die intuitive Berechtigung für Prämisse (1) verstärken können, indem wir uns auf andere Argumente wie das kosmologische Argument berufen. Ich betrachte die Argumente für Gott als gegenseitig verstärkend wie die Verbindungen in einem Kettenhemd, und nicht wie die bloßen Glieder einer Kette. Eine solche Rechtfertigung für die Schlüsselprämisse des ontologischen Arguments erörtere ich ausführlicher in Reasonable Faith, 3. Auflage (Crossway, 2008).

Wenn nun das ontologische Argument, wie ich meine, stichhaltig ist, Daniel, dann folgt daraus, dass es nicht möglich ist, dass nichts existiert. Es gibt keine mögliche Welt, in der nichts existiert, denn Gott existiert in jeder möglichen Welt.

Was das Zitat betrifft, die Sie verwirrend finden – willkommen im Club! Es fällt mir schwer zu glauben, dass ein eminenter Philosoph wie C. S. Peirce solches Gefasel geschrieben haben soll. Ich würde Ihnen vorschlagen, die Quelle in Ihrer Universitätsbibliothek zu recherchieren, um das zu überprüfen.

Ich interpretiere das Zitat als einen Versuch, zwischen absoluter Nichtheit und einer Nichtheit als Verneinung von etwas zu unterscheiden. (Die griechischen Philosophen des Altertums trafen eine ähnliche Unterscheidung.) Der Verfasser nimmt die Zahl 0 als Symbol für absolute Nichtheit; die Ordinalzahl 2 symbolisiert das Andere oder etwas anderes; und 1 symbolisiert die Verneinung von etwas anderem. Der Punkt ist vermutlich, dass 1 ≠ 0 ist. Die Nichtheit der Verneinung wird mit dem Tod verglichen, was einen vorherigen Zustand der Existenz voraussetzt; aber reine Nichtheit „geht“ allem Sein „voraus“, so wie die Geburt dem Leben vorausgeht. Als solche hat sie keine Eigenschaften oder Beschränkungen, was der Verfasser als äußerste Freiheit und grenzenlose Möglichkeit auffasst. Dies scheint jedoch ziemlich falsch zu sein: Absolute Nichtheit hat überhaupt keine Eigenschaften und damit auch keine Möglichkeiten. Ihr fehlt es an jeglicher Möglichkeit, wie auch an allem anderen (was der Grund ist, weshalb etwas nicht aus nichts in Existenz kommen kann).

Auf jeden Fall scheint der Verfasser es für gegeben zu halten, dass ein solcher Zustand absoluten Nicht-Seins wirklich möglich ist, womit er sich – wenn das ontologische Argument richtig ist – im Irrtum befindet.

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: /necessary-existence-and-the-ontological-argument

- William Lane Craig