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#275 Nährt der Theismus den Skeptizismus?

April 15, 2018
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich habe über Plantingas Argument gegen den Naturalismus gelesen, und ich habe ein ähnliches Argument unter Atheisten festgestellt, in dem die Position vertreten wird, der Theismus sei ebenfalls sich selbst widerlegend. Verzeihen Sie meine grobe Karikatur, aber es lautet in etwa so:

Wenn eine Person glaubt, es existiere ein allmächtiges Wesen, dann ist sie in keiner Glaubensvorstellung, die sie haben mag, gerechtfertigt, da die Möglichkeit besteht, dass dieses Wesen ohne unser Wissen mit unserem Denken spielen könnte.

Ich weiß wirklich nicht, wie ich darauf antworten soll, und ich sah es niemals in irgendeiner Veröffentlichung angesprochen, so war ich einfach neugierig zu erfahren, was Sie dazu zu sagen haben.

Danke!

Brian

United States

Prof. Craigs Antwort


A

Brian, dieses Argument hat nicht inhärent etwas mit Theismus oder einem allmächtigen Wesen zu tun. Der französische Philosoph René Descartes fragte sich in seinem Kampf gegen den Skeptizismus, ob es einen bösen Dämon geben könne, der sein Denken dahingehend manipuliere, ihn glauben zu machen, er habe einen Körper, es gäbe Objekte um ihn herum und so weiter.

Moderne Erkenntnistheoretiker, die au courant erscheinen wollen, mögen stattdessen die Vermutung anstellen, ein Gehirn in einem Fass von Chemikalien zu sein, von irgendeinem verrückten Wissenschaftler mit Elektroden stimuliert, oder ein Körper, der in der Matrix liegt, während er eine virtuelle Realität bewohnt. Descartes versuchte sogar, der Hypothese vom bösen Dämon mittels des ontologischen Argumentes für Gott zu entgehen, der als ein vollkommen gutes Wesen kein Betrüger sein würde. Für Descartes war Gott Teil der Lösung, nicht das Problem.

Sobald man diese Böse-Dämonen-Hypothesen ernsthaft in Erwägung zieht, gibt es leider keinen Ausweg aus ihnen mehr. Selbst Ihr Argument für die Existenz Gottes könnte eine Täuschung sein, die ein böser Dämon gewirkt hat!

Bedeutet dies, dass moderne Erkenntnistheoretiker alle dem Skeptizismus gehuldigt haben? Ganz und gar nicht! Sie haben vielmehr erkannt, dass Descartes ganzes Projekt verquer war. Man beginnt nicht an einem Punkt totalen Zweifels und versucht, sein Glaubenssystem auf unzweifelhaften Grundlagen aufzubauen. Die Lektion von Descartes lautet, dass ein solches Projekt zum Scheitern verdammt ist. Vielmehr sind viele oder die meisten unserer Glaubensüberzeugungen, wie Plantinga sagt, basale Überzeugungen.

Sie werden nicht aus noch basaleren Überzeugungen abgeleitet, sondern stellen die Grundüberzeugungen einer Person dar. Überzeugungen, die angemessen auf Erfahrung gegründet sind, sind berechtigterweise basal. Wir handeln vollkommen vernünftig, wenn wir solche Überzeugungen vertreten, es sei denn wir begegnen einer Widerlegung dieser Überzeugungen. Wir beginnen nicht von einem Punkt des Zweifels, sondern von dem, was wir mit Zuversicht wissen.

Beispielsweise scheint mir, dass ich einen Kopf habe. Zweifelt jemand wirklich daran, dass er einen Kopf hat? Beachten Sie, dass die reine Möglichkeit des Irrtums nicht ausreicht, um diese Überzeugung zu widerlegen. Nur weil ich ein Gehirn in einem Tank sein könnte, das von einem verrückten Wissenschaftler getäuscht wird, habe ich deswegen keinen Grund zur Annahme, dass ich dieses Gehirn bin. Bis Sie mir irgendeinen zwingenden Beweis dafür liefern, dass ich keinen Körper habe, ist es vollkommen rational, wenn ich auf berechtigterweise basale Weise glaube, dass ich einen Kopf habe.

Gleicherweise würde der Theist irgendeinen zwingenden Grund für die Annahme benötigen, dass Gott ihn täuscht, um den Glauben aufzugeben, dass er einen Kopf hat. Brian, drehen Sie den Spieß für den Skeptiker um, indem Sie ihn bitten, Ihnen einen Beweis dafür zu liefern, dass der Theismus eine Widerlegung Ihrer berechtigterweise basalen Überzeugungen gibt. Ungefähr alles, was er sagen kann, ist: „Gott könnte dich täuschen.“

Aber das liefert keinen Grund für die Annahme, dass Er es tut. Wir könnten von einem verrückten Wissenschaftler getäuscht werden; aber diese Möglichkeit reicht nicht aus, um unsere angemessenen grundlegenden Überzeugungen zu widerlegen. Höchstens zeigt es, dass man nicht durch Ableitung beweisen kann, dass jemandes basale Überzeugungen wahr sind. Das stimmt; das ist die Lektion von Descartes. Aber daraus folgt nicht, dass unsere berechtigterweise basalen Überzeugungen deshalb irrational oder ungerechtfertigt sind.

Der Nicht-Theist mag darauf antworten, der Theist sei immer noch in einer schlechteren Position als der Nicht-Theist, denn der Theist denkt, dass ein allmächtiger Gott wirklich existiert, wohingegen der Nicht-Theist nicht glaubt, dass er ein Gehirn im Fass ist. Aber der Theist wird in Gott nicht einen Grund erkennen, unseren Sinneswahrnehmungen und unserem Denken gegenüber skeptisch zu sein, sondern vielmehr den Garanten der Zuverlässigkeit unserer überzeugungsformenden Fähigkeiten. Im Gegensatz dazu hat der Nicht-Theist keine solche Garantie.

Das ist Plantingas Punkt. Was bedeutet es, wenn unsere Überzeugungen gerechtfertigt sind und Wissen ergeben? Plantingas Antwort lautet, dass diese Überzeugungen durch kognitive Fähigkeiten geformt werden, die in einer angemessenen Umgebung richtig funktionieren. Was bedeutet es, richtig zu funktionieren? Nun, so zu funktionieren, wozu sie entworfen wurden.

Der Theist ist in einer Position, die angemessene Funktionsweise unserer kognitiven Fähigkeiten zu erklären, wohingegen dem Naturalisten für diese entscheidende Vorstellung jegliche Erklärung fehlt. In der Tat gibt es für den Naturalisten, da unsere kognitiven Fähigkeiten nicht für die Wahrheit, sondern fürs Überleben selektiert wurden, keinerlei Grundlage für die Annahme, unsere Fähigkeiten seien zuverlässig, denn es gibt keine Wahrscheinlichkeit, dass Überzeugungen, die das Überleben fördern, wahr sein werden.

Somit hatte Descartes am Ende in gewissem Sinne recht. Gott ist nicht Teil des Problems des Skeptizismus, sondern Teil seiner Lösung.

 

(Übers.: B. Currlin)

Link to the original article in English: https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/does-theism-foster-scepticism

- William Lane Craig