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June 24, 2018Sehr geehrter Prof. Craig!
Ich möchte Ihnen zunächst für all Ihre Arbeit auf dem Gebiet der Apologetik danken. Ihre Schriften haben mir enorm geholfen, nicht, weil ich selbst mit meinem Glauben kämpfe, sondern weil ich anderen Menschen helfen will zu erkennen, dass der christliche Glaube eine plausible und rationale Weltsicht ist.
In letzter Zeit lese ich mehr über den Molinismus und während ich es für eine sehr überzeugende Vorstellung halte, erweckt es in mir auch einige Fragen. Ich würde gerne Ihre Gedanken über die Kraft des Gebets im Lichte des Molinismus lesen. Jesus und viele andere Passagen in der Schrift lehren uns, dass unser Gebet enormer Dinge fähig ist. Das bedeutet, Gebet gibt uns die unglaubliche Kraft, sehr spezifische Dinge um uns herum zu verändern, und hat in fernerer Zukunft Auswirkungen, die wir nicht voraussagen können.
Das bedeutet, Gott muss nicht nur unseren freien Willen, sondern auch unsere Gebete berücksichtigen! Das versetzt Ihn sicherlich in eine noch schwierigere Lage, wenn der Molinismus wahr ist. Was ist, wenn unser Gebet mit dem optimalen Verhältnis zwischen Erretteten und Nichterretteten in Konflikt gerät? Ich habe an drei mögliche Lösungen für dieses Problem gedacht. Hier sind sie:
- Unter der Voraussetzung des mittleren Wissens weiß Gott, wie alle unsere Gebete lauten werden. So hat Er die Verheißung überhaupt erst nur gegeben, weil Er wußte, diese würde Ihm sogar „helfen“ (oder zumindest Seine Pläne nicht durcheinanderbringen), die Welt mit dem am besten möglichen Gleichgewicht zu ordnen.
- Gott legt direkt das richtige Gebet in die Herzen Seiner Heiligen. Das bedeutet, unser Gebet wird nur beantwortet, weil es Gott war, der uns von Anfang an dazu veranlasst hat, dieses Gebet auszusprechen. Dies wäre, so denke ich, eine stärker calvinistische Sicht.
- Gott beantwortet einfach Gebete, die nicht im Konflikt mit seinem optimalen Arrangement stehen. Mein Problem damit ist, dass es die Gebetsverheißungen etwas leer erscheinen lässt.
Was sind Ihre Gedanken zu diesem Thema?
Danke, dass Sie dies lesen.
Fabricio
Brazil
Prof. Craigs Antwort
A
Weit davon entfernt, Schwierigkeiten für das Gebet zu schaffen, Fabricio, erläutert das mittlere Wissen meiner Meinung nach, wie das Gebet einen Unterschied in die Richtung der Vorsehung eines souveränen Gottes bewirkt.
Wir sollten uns das Gebet nicht so vorstellen, dass es Gottes Gedanken oder Ereignisse verändert. Gott weiß von Ewigkeit her alles, was in die Zeit hindurchdringen wird, sodass Gebete nicht buchstäblich irgendetwas verändern. Denn Gottes Vorauswissen berücksichtigt unsere Gebete bereits. Gottes Vorauswissen geht chronologisch den Gebeten, die wir bringen, voraus, aber die Gebete gehen logisch dem voraus, was Gott vorherweiß. Wenn wir anders beten sollten oder nicht beten, wäre Gott nicht davon überrascht, sondern hätte dies bereits in Seinen Plan der Vorhersehung mit eingearbeitet.
Wie bewirken denn dann also unsere Gebete einen Unterschied, wenn sie Dinge nicht verändern? Genau indem sie von Gott in die Welt eingearbeitet werden, die Er zu erschaffen gewählt hat! Würden wir nicht beten, dann hätte Gott vielleicht dies oder jenes nicht getan. Weil Gott wusste, dass Sie für eine bestimmte Sache beten würden, hat Gott die Welt so geordnet, dass dieses Ding passiert. Hätten Sie nicht gebetet, hätte Gott stattdessen eine andere Welt erschaffen. Durch Sein mittleres Wissen also, wie wir in verschiedenen Umständen beten würden, bewirken unsere Gebete in der Welt, die aktual ist, einen gewaltigen Unterschied.
Nun, natürlich, in einigen, vielleicht vielen Fällen hat Gott übergeordnete Ziele im Blick, die Ihn dazu veranlassen mögen, „Nein“ zu unseren Gebeten zu sagen. Um Ihr Beispiel zu verwenden,: Wenn unsere Gebete in Konflikt mit dem optimalen Verhältnis zwischen Erretteten und Verlorenen stünden, dann denke ich, ist es ziemlich offensichtlich, dass Gott es vorziehen würde, unsere Gebete unbeantwortet zu lassen, anstatt jemanden in die Hölle fahren zu lassen, indem er unser Gebet beantwortet! Aber das sind nicht die einzigen Optionen.
Wenn Sie beispielsweise nicht für die Errettung einer bestimmten Person beten, dann hätte Gott nicht diese Person erschaffen, sondern stattdessen jemand anders. Oder vielleicht hätte er nicht Sie erschaffen, sondern stattdessen jemand anders, der für die Person beten würde! Es mag viele Welten geben, aus denen Gott wählen kann, welche dasselbe optimale Gleichgewicht zwischen Erretteten und Verlorenen haben.
Von Ihren drei Alternativen glauben Sie nicht, dass nur eine jeden Fall abdecken muss. Alle drei können bei verschiedenen Gelegenheiten zum Zuge kommen. Aber ich würde es ein wenig anders ausdrücken als Sie. Ich würde sagen, dass Gott uns in Umstände hineinsetzen kann, in denen Er wusste, dass wir frei für die Dinge beten würden, die Er bewirken will. Somit besteht Harmonie zwischen dem, für was wir beten und was Er will, dass es sich ereignet.
In Fällen, wo dies nicht möglich ist und Gott übergeordnete Gründe dafür hat, einige Ergebnisse zu bewirken, obwohl wir für das Gegenteil gebetet haben, nun, dann sind es unsere Gebete, die in einem solchen Fall unerhört bleiben. Aber solche Beispiele machen offensichtlich nicht das Gebet sinnlos, denn in vielen oder den meisten Fällen, wenn wir in der Fülle des Geists wandeln und für ein Anliegen beten, kann Gott, der weiß, dass wir so beten würden, auch bestimmen, dass die das Gebet erhört wird.
(Übers.: B. Currlin)
Link to the original article in English: /writings/question-answer/middle-knowledge-and-prayer
- William Lane Craig