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#581 Marienerscheinungen und Jesu Auferstehungserscheinungen

February 24, 2019
F

Dr. Bart Ehrman hat in seinen Debatten und Schriften mehrere Male behauptet, dass kollektiv erfahrene Visionen der Jungfrau Maria in jüngerer Zeit der Beleg dafür sind, dass Gruppenhalluzinationen auftreten können. Im fünften Kapitel seines Buchs „How Jesus Became God“[1] beschreibt er diese Gruppenhalluzinationen ausführlich. Ist dieses Beispiel wirklich analog zu den Erscheinungen Jesu unter verschiedenen Menschengruppen nach seiner Auferstehung?

Jordan

Vereinigte Staaten

 

[1] Dt.: „Wie Jesus Gott wurde“ – Anm. d. Übers.

United States

Prof. Craigs Antwort


A

Mein Freund und Kollege Michael Licona hat nicht nur das Phänomen der Gruppenhalluzinationen studiert, sondern auch erfolgreich gegen Bart Ehrman debattiert. Daher habe ich Mike gebeten, Ihre Frage als Gastbeitrag zu beantworten. Hier ist seine Antwort:

Hallo Jordan, Dr. Craig hat mich gebeten, Ihre Frage zu beantworten, da ich gegen Bart Ehrman mehrmals debattiert habe.

Schon seit über einem Jahrhundert wird viel zum Thema Halluzinationen geforscht. Ein großartiges Buch, das die Forschung gut zusammenfasst ist Hallucinations: The Science of Idiosyncratic Perception von André Aleman and Frank Laroi, das die American Psychological Association im Jahr 2008 veröffentlicht hat.

Laut der American Psychological Association ist eine Halluzination eine „falsche Sinneswahrnehmung, die trotz fehlendem externen Anreiz überzeugend realistisch wirkt“ (APA Dictionary of Psychology, 2007, 427). Halluzinationen sind nicht zu verwechseln mit Illusionen oder mit Wahn. Eine Illusion ist eine verzerrte Wahrnehmung der Realität, wie beispielsweise wenn man an einem heißen Tag Wasser auf einer langen gerade Straße sieht, während von einem Wahn gesprochen wird, wenn man unbeirrt an etwas glaubt, obwohl es schlüssige Beweise für das Gegenteil gibt. Jemand, der sich weigert zu glauben, dass seine Frau gestorben ist, obwohl er sie selbst zu Grabe getragen hat, hat Wahnvorstellungen.

Vor vielen Jahren hatte ich die Gelegenheit, einige Dutzend Navy SEALs über ihre Erfahrungen in der Hell Week zu befragen – das ist der erste Härtetest, den sie bestehen müssen, bevor sie SEALs werden können. Kandidaten beginnen die Hell Week an einem Sonntagabend und schließen sie am folgenden Samstagmittag ab. Während dieser Woche bekommen sie nur 3 bis 5 Stunden Schlaf – nicht pro Nacht, sondern über die ganze Woche hinweg. Viele der Kandidaten haben mir erzählt, dass sie wegen des Schlafentzugs während der Hell Week visuelle Halluzinationen hatten. Doch keine zwei Kandidaten hatten dieselben Halluzinationen. Außerdem: Wenn einer der Kandidaten den anderen schilderte, was er zu sehen glaubte, war er der einzige, der das sah. Das liegt daran, dass Halluzinationen private Erfahrungen sind, die im Gehirn einer Einzelperson erzeugt werden. Da sie mentale Ereignisse ohne externe Realität sind, können andere unmöglich daran „teilhaben.“

So gesehen sind Halluzinationen Träumen ähnlich. Ich könnte meine Frau nicht mitten in der Nacht aufwecken und sagen: „Schatz, ich träume gerade, dass ich auf Maui bin. Lass uns wieder einschlafen und zusammen weiterträumen und im Traum einen schönen Urlaub machen!“ Sie träumt dann vielleicht, dass sie mit mir auf Maui ist. Aber es wird nicht derselbe Traum sein. Jegliche Interaktion mit mir in diesem Traum ist nichts, woran ich tatsächlich teilhätte.

Wo Sie jetzt eine Vorstellung davon haben, was Halluzinationen sind, lassen Sie uns Ehrmans Behauptungen in Bezug auf Marienerscheinungen, festgehalten in seinem Buch How Jesus Became God, diskutieren. Dort begeht Ehrman in seinen Bewertungen von Gruppenvisionen mehrere Fehler. Zunächst einmal nimmt er ohne Grund an, dass Marienerscheinungen Halluzinationen sind. Er sagt, dass Gruppen sie gesehen haben (198-199). Er gibt zu, dass viele der Leute, die die Visionen hatten, gebildete Menschen waren, darunter Ärzte, Psychologen, Psychiater, Ingenieure und Anwälte (198). Selbst Moslems wollen sie gesehen haben (199). Und die für Maria gehaltene Person sei sogar fotografiert worden (199).

Doch sind diese Beobachtungen kompatibel mit Gruppenhalluzinationen? Wir haben bereits angemerkt, dass Gruppen nicht gemeinsam Halluzinationen haben können. Moslems würden sicherlich nicht dazu neigen, Marien-Halluzinationen zu haben. Und da Halluzinationen keine externe Realität haben, können sie nicht fotografiert werden. Was auch immer diese Leute also gesehen haben – es waren keine Halluzinationen. Ich habe Aleman und Laroi, den Autoren des oben genannten Buches über Halluzinationen, einmal eine E-Mail geschrieben und gefragt, warum sie in ihrem Buch keine Gruppenhalluzinationen erwähnt haben. Laroi antwortete, dass sie das ursprünglich schon vorhatten, jedoch keinen dokumentierten Fall finden konnten, in dem eine Gruppe eine gemeinsame Halluzination hatte. Eine Gruppe kann eine Illusion oder Wahnvorstellungen gemeinsam haben. Eine Gruppe kann auch eine ähnliche Interpretation von Dingen haben, die ihre Mitglieder wahrnehmen – zum Beispiel als eine Gruppe ein Bild in einem Spiegel an einem Gebäude sieht, das die Mitglieder als Maria interpretierten. Doch das sind keine Halluzinationen.

Zweitens kritisiert Ehrman Christen dafür, dass sie sich auf Belege für Wunder berufen, die ihre christlichen Überzeugungen stützen, ähnliche Belege für Wunder, die andere Religionen stützen, aber ablehnen. Ich kann zwar nicht für andere Christen sprechen, aber sehr wohl für mich. Ich streite nicht ab, dass Wunder auch in anderen Religionen passieren können. Gott entscheidet sich vielleicht im Kontext einer anderen Religion dazu, um manche ihrer Anhänger auf sich aufmerksam zu machen. Andere übernatürliche Mächte wie Dämonen könnten auch hinter manchen übernatürlichen Ereignissen in anderen Religionen stehen. Manche werden bei dieser Vorstellung lachen. Doch jeder, der ein wenig mit dem Okkultismus oder Voodoo-Zauber vertraut ist, weiß, dass dämonische Handlungen ein Teil der Realität sind – und zwar ein unheimlicher!

Drittens ist Ehrmann inkonsequent, wenn er andere genau dafür kritisiert. Er sagt: „Die meisten Menschen glauben letztendlich, dass Massenhalluzinationen nicht nur möglich sind, sondern auch tatsächlich vorkommen können. Eben jene konservative evangelikale Gelehrte, die behaupten, dass Massenhalluzinationen nicht vorkommen, bestreiten, dass die Jungfrau Maria Hunderten oder Tausenden von Menschen auf einmal erschienen ist, obwohl wir aktuelle, verifizierte Augenzeugenberichte davon haben“ (202). Ich weiß nicht, ob „die meisten Menschen“ der Meinung sind, dass Massenhalluzinationen auftreten. Doch selbst wenn doch, interessiert es mich mehr, zu wissen, was Psychologie-Experten sagen, die ernstzunehmende Forschungen in Bezug auf Halluzinationen betrieben haben. Und wenn Ehrman darauf besteht, sich als Argument darauf zu verlassen, was „die meisten Menschen“ denken, dann sollte er genauso bedenken, dass bei weitem „die meisten Menschen“ glauben, dass Gott existiert. Doch das hat Ehrman noch nicht dazu bewegt, das auch zu glauben.

Wann immer Ehrman das Thema der Marienerscheinungen in unseren Debatten angesprochen hat, habe ich dazu gesagt, dass ich gar nicht bezweifle, dass die jeweiligen Personen etwas gesehen haben. Was sie gesehen haben, stelle ich aber in Frage. Elliot Miller und Kenneth Samples haben zusammen das Buch The Cult of the Virgin: Catholic Mariology and The Apparitions of Mary (Grand Rapids: Baker, 1992) geschrieben. In diesem Buch diskutieren sie die drei größten und bekanntesten Berichte über Marienerscheinungen: Lourdes, Frankreich; Fatima, Portugal und Medjugorje, Kroatien. Ich kenne Kenneth Samples persönlich. Er hat einige der Leute befragt, denen Maria in Medjugorje erschienen ist. Obwohl Samples Christ ist, dessen protestantische Theologie ihn nicht gerade zu dem Glauben bewegt, dass Maria Leuten erschienen ist, ist er überzeugt, dass diese Leute ein Geistwesen gesehen haben. Ja, ich konnte von Samples noch mehr dazu erfahren. Er hat mir gesagt, dass einige der Leute in Medjugorje weiterhin Marienvisionen gehabt haben. Ja, er war sogar bei einer der Personen, während sie eine solche Vision hatte, wobei sonst niemand im Raum Maria sehen konnte. Samples sagte mir, er habe diesen Mann gefragt, ob Maria jemals zu ihm gesprochen habe. Er bejahte: Maria habe ihm ein bestimmtes Buch empfohlen, das er lesen sollte. Als Samples den Titel des Buches recherchierte, stellte sich heraus, dass es okkult war. Das brachte ihn zur Überzeugung, dass es ein Dämon war, der den Leuten erscheint.

Bart führt also im Grunde genommen drei Argumente für Massenhalluzinationen an. Er beruft sich auf von Gruppen erfahrenen Marienvisionen. Jedoch geht er ohne jegliches Argument davon aus, dass dies Halluzinationen waren. Da Halluzinationen mentale Erfahrungen ohne externe Realität sind, sind Gruppenhalluzinationen nicht möglich. Dass die Marienerscheinungen von ganzen Gruppen und sogar Moslems erfahren wurden und dass sie sogar fotografiert wurden, spricht stark dafür, dass dies keine Halluzinationen waren. Ehrman kritisiert manche Christen dafür, dass sie abstreiten, dass übernatürliche Ereignisse in anderen Religionen geschehen, während sie die in der eigenen Religion unkritisch akzeptieren. Doch solches Abstreiten ist unnötig, und ich weiß von keinem christlichen Apologeten, der das tut. Ehrman behauptet, dass ein Großteil der Leute glauben, dass Massenhalluzinationen auftreten. Doch wenn er dieser seiner eigenen Argumentation folgt, sollte er auch zu dem Schluss kommen, dass Gott existiert, da die Mehrheit glaubt, dass Gott existiert.

Daher sind Ehrmans Argumente nicht überzeugend. Doch gibt es Belege dafür, dass die Auferstehungserscheinungen Jesu keine Halluzinationen waren? Werfen wir einen Blick auf den ältesten Bericht, den wir haben, nämlich den in 1. Korinther 15:3-8. Hier zitiert Paulus eine mündliche Überlieferung, die, so sagen die meisten Experten, sehr bald nach dem eigentlichen Ereignis entstanden ist und wohl auf die Jerusalemer Apostel zurückzuführen ist.

Denn ich habe euch zuallererst das überliefert, was ich auch empfangen habe, nämlich dass Christus für unsere Sünden gestorben ist, nach den Schriften, und dass er begraben worden ist und dass er auferstanden ist am dritten Tag, nach den Schriften, und dass er dem Kephas erschienen ist, danach den Zwölfen. Danach ist er mehr als 500 Brüdern auf einmal erschienen, von denen die meisten noch leben, etliche aber auch entschlafen sind. Danach erschien er dem Jakobus, hierauf sämtlichen Aposteln. Zuletzt aber von allen erschien er auch mir, der ich gleichsam eine unzeitige Geburt bin. (Schlachter 2000)

Hier sind vier Gründe, warum es extrem unwahrscheinlich ist, dass die Erscheinungen des auferstandenen Jesu Halluzinationen waren.

Erstens: Der Anteil derjenigen, die die Erscheinung hatten, ist zu hoch. Die Überlieferung besagt, dass „die Zwölf“ und „all die Apostel“ behauptet haben, dass ihnen der auferstandene Jesus erschienen war. Das sind 100 Prozent. Laut Aleman und Laroi haben durchschnittlich aber nur 7 % derjenigen, die wegen des Todes eines geliebten Menschen trauern,  visuelle Halluzinationen dieser geliebten Person (67). Der Anteil der Jünger, die den auferstandenen Jesus gesehen haben, ist also viel zu hoch dafür, dass diese Erscheinungen als Halluzinationen betrachtet werden könnten.

Zweitens: Der Bericht besagt, dass drei Erscheinungen unter Menschengruppen stattfanden: den Zwölfen, mehr als 500, allen Aposteln. Doch wie oben erläutert, kann man Halluzinationen ja nicht gemeinsam haben, da sie in den Köpfen individueller Personen stattfinden und keine externe Realität haben.

Drittens: Die Erscheinung, die Paulus hatte, war höchstwahrscheinlich keine Halluzination, da Paulus sicherlich nicht über Jesu Tod trauerte. Schließlich hatte er Jesus als einen falschen Propheten und gescheiterte Messias-Figur betrachtet. Er hatte es sich zum Ziel gesetzt, die Bewegung auszulöschen, die Jesus angefangen hatte. Jesus war also so ziemlich die letzte Person im Universum, die Paulus hätte sehen wollen oder zu sehen erwartete.

Viertens: Halluzinationen hätten wahrscheinlich zu der Schlussfolgerung geführt, dass Jesus von Gott erhöht worden war, und sie würden Jesu leeres Grab nicht erklären.

Kurz gesagt, Jordan: Ehrmans Argumente für Gruppenvisionen von Maria scheitern ziemlich erbärmlich als Erklärung für die Auferstehungserscheinungen Jesu. Und wir haben sehr gute Gründe zu meinen, dass die Jesus-Erscheinungen der Jünger keine Halluzinationen waren.

 

(Übers.: J. Booker)

Link to the original article in English:

https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/appearances-of-mary-and-jesus-resurrection-appearances

- William Lane Craig