English Site
back
05 / 06

#96

February 3, 2019
F

Ich habe eine Frage zu Allmacht und Notwendigkeit. In Ihrer Literatur, Ihren Debatten sowie Ihren Vorlesungen und Reden folgen Sie Flints und Freddosos Definition der Allmacht. Der Schlüssel zu deren Definition ist, dass Gott keine logisch unmöglichen Sachverhalte verwirklichen kann, wie z.B. ein rundes Quadrat zu erschaffen.

Als ich diese Definition der Allmacht in einer Diskussion mit einem Atheisten verwendet habe, hat er mit einer Art Euthyphron-Einwand geantwortet. Er hat gesagt, der Theist müsse zwischen zwei Optionen wählen. Bei der ersten entscheidet Gott über die fundamentalen „Gesetze“ der Logik und Mathematik. Wenn das wahr ist, dann sind fundamentale Wahrheiten der Logik und Mathematik gemäß Descartes kontingent. Das heißt, sie könnten auch anders sein. 2 + 2 könnte also auch 3 ergeben. Oder „A“ könnte gleichzeitig genauso gut „nicht-A“ sein. Die zweite Option ist die, dass die fundamentalen Gesetze der Logik und Mathematik nicht anders sein könnten; somit sind sie wirklich notwendig, weil sie nicht anders sein könnten. Wenn das stimmt, dann existieren fundamentale Wahrheiten der Mathematik und Logik auf eine bestimmte Weise (als abstrakte Objekte), und Gott ist von ihnen abhängig.

Es scheint undenkbar, dass die erste Option wahr ist, weil ich gar nicht denken kann, dass 2 + 2 zusammen 3 ergibt, oder dass der Satz vom Widerspruch nicht wahr ist, weil ich vom Satz des Widerspruchs ausgehen muss, um ihn abzustreiten. Wie es scheint, sollte die erste Option also abgelehnt werden, weil sie zu Absurditäten führt. Wenn die zweite Option wahr ist, scheint Gottes Souveränität in Frage gestellt, weil Gott gezwungen ist, sich etwas zu fügen, was sich außerhalb von ihm befindet.

Da dieses Dilemma dem Euthyphron-Dilemma im Kontext des Moral-Arguments so ähnlich ist, ist meine Intuition die, die Optionen zu verwerfen und mich auf die Möglichkeit einer dritten Alternative wie der folgenden zu berufen: „Gott bestimmt, dass der Satz vom Widerspruch (und andere) existieren, weil sie im Einklang mit seinem Wesen sind.“ So sind die Gesetze nicht kontingent und nicht außerhalb von Gott. Doch diese angebotene dritte Option erscheint mir weniger plausibel als im Kontext des Moral-Arguments. Können Sie mir hier weiterhelfen? Danke.

Ryan
 

Afghanistan

Prof. Craigs Antwort


A

Als Hintergrundinformation für diejenigen, die nicht mit dem Thema dieser Frage vertraut sind: Der Artikel von Thomas Flint und Alfred Freddoso heißt „Maximal Power“ (Dt.: „Maximale Macht“) und ist auch in meiner Anthologie Philosophy of Religion: a Reader and a Guide (New Brunswick, N. J.: Rutgers University Press, 2002) abgedruckt. Er ist eine geniale Analyse des Allmachtskonzeptes. (Eine amüsante Anekdote hierzu: Vor einigen Jahren war ich an der Universität Notre Dame auf einer Konferenz, und dort habe ich Tom und Fred beim Mittagessen gefragt, warum sie ihren Artikel „Maximale Macht“ genannt haben, und nicht einfach „Allmacht“, was ja ein viel vertrauterer Begriff ist. Nachdem sie mir erklärten, dass sie einfach ein bisschen Abwechslung wollten, fragte Fred mich, was ich von dem Titel „Great God Almighty“ (Dt.: „Großer, allmächtiger Gott“) hielt. Anscheinend war das sein bevorzugter Titel, aber Tom war besorgt, dass es gotteslästerlich[1] klingen würde. Ich hörte zum ersten Mal, dass jemand darum besorgt war, dass dieser Ausdruck gotteslästerlich klingen könnte. So lernte ich Toms sensibles christliches Gewissen kennen.)

Die erste Option im Dilemma Ihres Freundes wurde von Alvin Plantinga „universeller Possibilismus“ getauft. Sie besagt, dass es keine notwendigen Wahrheiten gibt. Zwar wird sie von Descartes vertreten, doch fast jeder christliche Philosoph hat sie bisher zurecht abgelehnt. Denn stellen Sie sich doch einmal die Frage: Ist die Proposition Es gibt keine notwendigen Wahrheiten an sich notwendigerweise wahr oder nicht? Wenn ja, widerlegt sich die Proposition selbst. Wenn nicht, dann ist diese Proposition möglicherweise falsch, d. h., Gott hätte bewirken können, dass es notwendige Wahrheiten gibt. Oder, um in der Semantik möglicher Welten zu sprechen: Wir können sagen, dass es also eine mögliche Welt gibt, in der Gott bewirkt, dass es Propositionen gibt, die in jeder möglichen Welt wahr sind. Doch wenn es solche Propositionen gibt, dann gibt es keine Welt, in der es zutrifft, dass keine Propositionen in jeder möglichen Welt wahr sind, d. h. es ist nicht möglich, dass es keine notwendigen Wahrheiten gibt – was dem universellen Possibilismus widerspricht.

Zudem ist Descartes' Standpunkt nicht vertretbar. Er fordert nämlich beispielsweise von uns, zu glauben, dass Gott bewirkt haben könnte, uns, ohne zu existieren, zu schaffen, d. h., es gibt eine mögliche Welt, in der Gott nicht existiert und er uns alle geschaffen hat. Das ist einfach Unsinn.

Es muss also notwendige Wahrheiten geben. Allerdings folgt aus der Notwendigkeit der Wahrheiten der Logik und Mathematik nicht, dass „fundamentale Wahrheiten der Mathematik und Logik auf eine bestimmte Weise (als abstrakte Objekte) existieren und Gott von ihnen abhängig ist“, wie ihr Freund schlussfolgert. Vielmehr sollte der Christ, wie Sie richtig meinten, sagen, dass die notwendigen Wahrheiten der Logik (und vielleicht auch der Mathematik) nur Repräsentationen davon sind, wie Gott essentiell denkt. Theologisch knüpft so eine Lehre wunderbar an den Johannes-Prolog an, wo Christus als Logos Gottes bezeichnet wird.

Es gibt aber keinen Grund, Überlegungen zum Willen Gottes miteinzubeziehen. In der Ethik-Theorie ist das notwendig, weil das, was moralische Verpflichtungen darstellen, ein göttlicher Imperativ ist. Aber was die Gesetze der Logik angeht, gibt es keinen imperativen Aspekt. Es sind einfach Beschreibungen davon, wie Gott notwendigerweise denkt.

(Übers.: J. Booker)

Link to the original article in English: /logical-truth-and-omnipotence


[1]                „Great God Almighty“ kann im Englisch auch als blasphemischer Ausruf verwendet werden, wie beispielsweise „Grundgütiger!“ im Deutschen – Anm. d. Übers.

- William Lane Craig