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July 8, 2018Sehr geehrter Prof. Craig!
Ich bin ein Praktikant im missionarischen Dienst bei Chi Alpha Campus an der Universität Aubrun. Ihre Arbeit ist für mich entscheidend dafür gewesen, über meinen Glauben nachzudenken und über die Beziehung, die Gott zu jedem Teil meines Lebens und meiner Weltanschauung hat. Im Moment durchdenke ich gerade mein eigenes Verständnis von Zeit und Gottes Beziehung zu ihr. Ich habe einiges in der Standford Philosophical Encyclopedia über Zeit gelesen und stieß dabei auf einen Artikel, der von Ned Markosian geschrieben wurde. Er warf darin einige Probleme für einen A-Theoretiker auf, insbesondere für einen Präsentisten, wie Sie auch einer sind. Ich wäre für Ihre Gedanken zu dieser Thematik sehr dankbar.
Das ist meine Frage: Präsentismus bedeutet, dass nur die Gegenwart jetzt existiert. Aber dann gibt es ein Problem, wenn man versucht, sinnvoll über nicht-gegenwärtige Objekte zu sprechen. Beispielsweise ist Jesus von Nazareth ein nicht-gegenwärtiges Objekt, und es gibt Fakten darüber, was er in seinem Dienst tat und sagte. Aber wie können wir sinnvollerweise sagen, Jesus existierte wirklich, dieses und jenes tat und sagte er wirklich? Wenn der Präsentismus wahr ist und nur die Gegenwart jetzt existiert, wie können wir dann sinnvoll über etwas sprechen, was einst existierte, und über die besondere Art und Weise sprechen, in der es existierte?
Ich finde das, worüber ich hier spreche, sehr abstrakt, aber ich bin sicher, dass Sie als ein Philosoph der Zeit die Schwierigkeit nachempfinden können, diese Gedanken klar auszudrücken. Ich habe an der Longwood Universität Geschichte studiert. Geschichtliches Denken und Philosophie der Zeit haben, wie ich finde, eine interessante Beziehung.
Ein Theoretiker des wachsenden Universums mag als Lösung dafür anbieten, dass Jesus von Nazareth existierte und dass es eine bestimmte Art und Weise gab, in der sein Dienst geschah und es existiert in der Vergangenheit. Aber das Problem an dieser Sicht, wie Sie es in Ihrem Defenders Podcast ausdrückten, besteht darin, dass daraus folgt, dass Jesus immer noch am Kreuz hängt und die vergangenen Sünden immer noch da sind und nicht beseitigt wurden. Wie geht also ein Präsentist mit der Frage der nicht-gegenwärtigen Objekte um, die einst existierten?
Ganz herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, das zu lesen und Ihre Gedanken dazu weiterzugeben!
Will
United States
Prof. Craigs Antwort
A
Will, ich kann nicht glauben, dass Sie diese Frage gestellt haben! Es ist immer wieder ganz unfassbar, wie Menschen die tiefsten philosophischen Fragen stellen, ohne vielleicht zu realisieren, in was sie da hineingestolpert sind! In der Tat überschneidet Ihre Frage sich mit meiner gegenwärtigen Arbeit (was der Grund ist, weshalb ich sie ausgewählt habe!). Sie wird in meinem Kapitel über Neo-Meinongianismus diskutiert, das ich diesen Sommer schrieb.
Es geht also um Folgendes: Präsentisten denken, dass die einzige Zeit, die existiert, die Gegenwart ist. (Beachte: Sie sollten nicht sagen „existiert jetzt“, wie Sie es tun, denn jeder stimmt darin überein, dass nur die Gegenwart jetzt existiert, das heißt, in der Gegenwart). Nicht-Präsentisten denken, dass Zeiten, die früher oder später als die Gegenwart sind, ebenso existieren. Die Gegenwart ist nicht realer als die Vergangenheit oder die Zukunft. (Wie Sie feststellen, sagen einige Nicht-Präsentisten wirklich, die Zukunft ist unreal, wohingegen die Vergangenheit und Gegenwart gleichermaßen real sind.)
Der Einwand gegen den Präsentismus lautet also: Da Dinge, die vergangen oder zukünftig sind, nicht existieren, können wir uns nicht auf sie beziehen oder auch nur sagen, dass es solche Dinge gab oder geben wird. Es folgt daraus, dass es daher keine Vergangenheitswahrheiten und keine Zukunftswahrheiten gibt. Aber das ist offensichtlich falsch. Darum ist der Präsentismus abzulehnen. Alles in der Zeit ist gleichermaßen real und zeitliches Werden ist eine Illusion des menschlichen Bewusstseins.
Nun ist Markosian selbst ein Präsentist. Er beißt also einfach in den sauren Apfel und stimmt zu, dass, streng gesprochen, alle (kontingenten) Aussagen über Vergangenheit und Zukunft falsch sind.[1] Ich finde die Position von Markosian völlig unplausibel. Ulrich Meyer hat recht: „Cäsar hat den Rubicon überquert. Das hat den Bürgerkrieg ausgelöst. Jede philosophische Sicht, die uns zwingt, Aussagen wie [diese] zu verneinen, ist aus diesem Grund inakzeptabel.“[2] Als ein Geschichtsstudent tun Sie ganz recht, in Bezug auf philosophische Behauptungen skeptisch zu sein, die besagen, dass Ihre Disziplin ein Lügengewebe sei!
Aber bringt Präsentismus eine solche implausible Implikation mit sich? Nur, wenn man sich einer Ansicht über Referenz und Quantifikation anschließt, die eminent anfechtbar ist und im Widerspruch zu der gewöhnlichen Sprache steht.
Sowohl Markosian als auch die Nicht-Präsentisten gehen stillschweigend davon aus, dass man sich nur auf etwas erfolgreich beziehen kann oder sagen kann, dass es war (oder sein wird), wenn dieses Ding existiert. Diese Annahme ist der wirkliche Nerv des Argumentes, nicht die Theorie der Zeit, die jemand vertritt.
Im Gegensatz dazu lehnen Neo-Meinongianer, wie Richard Routley, das ab, was er als die Ontologische Annahme (OA) bezeichnet, nämlich
OA: Keine echte Aussage über das, was nicht existiert, ist wahr.
Interessanterweise ist eines der stärksten Indizien, die Routley gegen die OA nennt, genau die Wahrheit bestimmter zeitlicher Aussagen über nicht länger existierende oder noch nicht existierende Individuen. Beispielsweise scheint es unbestreitbar wahr, dass es „44 Präsidenten der Vereinigten Staaten gab“. Die Nicht-Existenz der meisten von ihnen stellt kein Hindernis für die Quantifizierung der vergangenen Präsidenten der USA dar. Aus der Wahrheit solcher Aussagen abzuleiten, dass die Zeit wirklich zeitlos ist und vergangene und zukünftige Individuen ontologisch gleichwertig mit gegenwärtigen Individuen sind, würde bedeuten, eine atemberaubende metaphysische Inferenz auf Basis der zugrunde liegenden schmalspurigen Theorien von Referenz und Quantifikation zu ziehen (OA).
Ich und viele andere Philosophen, die nicht Neo-Meinongianer sind, denken, dass eine ontologisch neutrale Theorie der Quantifikation nicht nur eminent plausibel ist, sondern auch im Einklang mit der gewöhnlichen Sprache steht. Betrachten Sie Thomas Hofwebers Liste einiger Dinge, von denen wir gewöhnlich sagen, dass es sie gibt:
• etwas, was wir gemeinsam haben
• unendlich viele Primzahlen
• etwas, was wir beide glauben
• die allgemeine Illusion, man sei klüger als der durchschnittliche Kollege
• die Art, wie man lächelt
• ein Mangel an Mitgefühl in der Welt
• die Art, wie die Welt ist
• ein schnellerer Weg, von Berkeley nach Stanford zu kommen, als wenn man durch San Jose geht.[3]
Warum denken, „es gibt“ (ganz zu schweigen von dem „es gab“ oder „es wird geben“!) sei ontologisch verpflichtend? W. V. O. Quine, die Quelle für das Kriterium der ontologischen Verpflichtung hinter (OA), erkannte, dass die Anwendung eines solchen Kriteriums auf die gewöhnliche Sprache alle Arten fantastischer und unerwünschter ontologischer Verpflichtungen mit sich bringen würde. Somit begrenzte er dessen legitime Anwendung nur auf eine künstliche, kanonische Sprache.
Das Problem mit dieser Begrenzung ist, dass wir keine Ahnung haben, wie wir eine solche künstliche Sprache erfolgreich konstruieren können.[4] Angesichts des Bankrotts des Projektes von Quine, wird sein Kriterium der ontologischen Verpflichtung zu einem weitgehend unzuverlässigen Leitfaden.
Dasselbe gilt für die Referenz. Viel zu viele Philosophen, so denke ich, sind immer noch einer Art Bildertheorie der Sprache versklavt, gemäß der erfolgreiche Beziehungsbegriffe korrespondierende Objekte in der Welt haben müssen. Zumindest in Bezug auf die gewöhnliche Sprache erscheint eine solche Sicht als offenkundig falsch. Betrachten Sie die folgenden Beispiele:
• Das Wetter in Atlanta wird heute heiß sein.
• Sherries Enttäuschung über ihren Ehemann war unversöhnlich tief.
• Der Preis der Tickets beträgt zehn Dollar.
• Mittwoch fällt zwischen Dienstag und Donnerstag.
• Seine Aufrichtigkeit war rührend.
• James konnte seine Rate nicht zahlen.
• Die Sicht auf das Jesreeltal von der Spitze des Berges Karmel war atemberaubend.
• Dein beständiges Klagen ist sinnlos.
• Spasskys Verlust beendete das Match.
• Er tat es um meinet- und um der Kinder willen.
Die Annahme wäre fantastisch, dass alle singulären Begriffe, die in diesen plausibel wahren Sätzen auftauchen, Objekte in der Welt haben, die mit ihnen korrespondieren. Es gibt zahllose solcher Beispiele. Ich bin sogar zu dem Verdacht gelangt, dass singuläre Begriffe, die sich auf Objekte in der wirklichen Welt beziehen, in Wirklichkeit vielleicht die Ausnahme statt der Regel sind. Betrachten Sie den folgenden Abschnitt, zitiert von Michael Dummet aus einer London Daily:
„Margaret Thatcher äußerste gestern ihre bisher deutlichste Warnung in Bezug auf die Gefahren der durch Luftverschmutzung verursachten globalen Erwärmung. Aber sie verkündete keine neue Politik zur Bekämpfung des Klimawandels und des Ansteigens der Meeresspiegel, mit Ausnahme einer eingeschränkten Verpflichtung, dass Großbritannien bis zum Jahr 2005 seine Emissionen von Kohlendioxid – dem wichtigsten klimaverändernden ‚Treibhaus‘-Gas – stabilisieren würde. Britannien würde diese Verpflichtung nur erfüllen, wenn andere, nicht namentlich genannte Länder ähnliche Begrenzungen versprächen.“
Nichts Ungewöhnliches an einer solchen Rede – aber, wie Dummet beobachtet: “Außer ‘Margaret Thatcher’, ‘Luft’ und ‘Meer’ gibt es kein Substantiv oder Substantivsatz in diesem Abschnitt, der unwiderlegbar für ein konkretes Objekt steht oder sich darauf bezieht. …“[5] Als Leichtgewicht-Platoniker ist Dummet unbeeindruckt von der Postulierung von Objekten als Referenten für solche Termini. Aber diejenigen, die eine robustere Sicht der Realität haben, mögen für ihr Zögern entschuldigt werden, die Weltpopulation so verschwenderisch zu vermehren.
Es ist bemerkenswert, dass Verfechter der tempuslosen Zeit in Debatten über den Präsentismus dazu neigen, Quines Kriterium der ontologischen Verpflichtung einfach vorauszusetzen. Somit wird unsere Fähigkeit, über vergangene/zukünftige Individuen in wahren Sätzen zu sprechen, so gedeutet, dass wir uns zu ihrer Existenz verpflichten. Es scheint Theoretikern der zeitlosen Zeit niemals in den Sinn zu kommen, dass unsere Fähigkeit, über rein vergangene/zukünftige Individuen in wahren Sätzen zu sprechen, ein guter Grund dafür sein könnte, das Kriterium der ontologischen Verpflichtung, welches sie zweifellos voraussetzen, zu verwerfen.
(Übers.: B. Currlin)
Link to the original article in English: /writings/question-answer/can-we-refer-to-things-that-are-not-present
[1] Ned Markosian, “A Defense of Presentism,” Oxford Studies in Metaphysics 1 (2004): 47–82.
[2] Ulrich Meyer, “The Presentist’s Dilemma,” Philosophical Studies 122 (2005): 223
[3] Thomas Hofweber, “Ontology and Objectivity” (Ph.D. dissertation, Stanford University, 1999), S. 1-2. Eine schöne Aussage zu diesem Punkt und einer überzeugenden Kritik an dem, was er das “Quantifizierungsargument” nennt: Vgl. Gerald Vision, “Reference and the Ghost of Parmenides,” in Non-Existence and Predication, ed. Rudolf Haller, Grazer Philosophische Studien 25-26 (Amsterdam: Rodopi, 1986), S. 297-36. Wir sagen, es gibt z. B. Schattierungen von Grau, Unterschiede in der Höhe, Blickwinkel, von denen aus man schauen kann, Prinzipien, Feindschaften, Aussichten auf Erfolg, Primzahlen zwischen 2 und 12, Stunden vor der Morgendämmerung, gefahrvolle Exzesse, Rückschläge für den Plan usw.
[4] Wie Chiara erläutert, gibt Quine nicht einmal einen Hinweis darauf, wie wir die Sätze der gewöhnlichen Sprache in kanonische Form fassen sollen, noch liefert er überhaupt irgendein Argument dafür, dass dies sie von allen unerwünschten Verpflichtungen der gewöhnlichen Sprache befreien wird, noch gibt er irgendeine Garantie, dass unsere besten wissenschaftlichen Theorien erfolgreich in logische Bezeichnungen erster Ordnung gefasst werden können (Charles S. Chihara, Ontology and the Vicious Circle Principle [Ithaca, N.Y.: Cornell University Press, 1973], Kap. 3; idem, Constructibility and Mathematical Existence [Oxford: Clarendon Press, 1990], chap. 2).
[5] Michael Dummett, Frege: Philosophy of Mathematics (Cambridge, Mass.: Harvard University Press, 1991), S. 231.
- William Lane Craig