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#176

July 26, 2018
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

vielen Dank für diese Webseite, auf der Sie weitergeben, was Sie gelernt haben, um anderen bei ihren Fragen zu helfen. Ich habe in der letzten Zeit über verschiedene Themen sehr viel nachgedacht, aber ich denke, es geht letztlich darum, wirklich Gottes Liebe zu erkennen.

Wenn ich denn wirklich weiß, dass die Welt aus reinen Beweggründen der Liebe erschaffen wurde. Wahre Liebe erwartet keine Gegenleistung; ist dies also das, was Gott tat?

1. Hat Er, indem Er die Welt erschuf, nichts als Gegenleistung erwartet (wie dass Menschen seine Liebe erwidern sollen)?

2. Dies führt zu der Frage: „Wäre Jesus auch dann für die Welt gestorben, wenn niemand an ihn geglaubt hätte?“ Ich weiß, dass Er für die ganze Welt gestorben wäre, selbst wenn nur ein einziger Mensch errettet worden wäre (wie ich in einem Buch von jemand gelesen habe, dem Gott eine Reihe von Visionen gegeben hat).

3. Aber das führt dann zu der Frage, in welchem Maß Christus tatsächlich am Kreuz litt. Er bezahlte für die Sünden der Welt, aber bedeutet das, dass Er die SUMME der Erfahrungen aller Menschen, die je gelebt haben, auf sich nahm, die ewig in der Hölle sein werden? Denn wenn es eine Grenze für Sein Leiden gab, was war es dann wert?

Wenn ich zum Beispiel wüsste, dass ich auf dem Weg zum Himmel bin und alle meine Freunde und Angehörigen und alle anderen in der Welt für ihre Sünden in die Hölle kommen würden, wenn ich nicht an ihrer Stelle dorthin ginge, würde ich das tun. Ich würde denken, dass es besser ist, wenn eine Person in die Hölle kommt, als dass alle Menschen dorthin kommen.

Was ich also sage, ist: Wenn Jesus buchstäblich das ewige Gewicht der Bestrafung für die Summe der Sünden aller Menschen auf sich nahm (was menschlich überhaupt nicht zu ermessen ist), welche Zweifel sollte ich dann wirklich noch haben!? smile

Danke! 

Nancy

Australia

Prof. Craigs Antwort


A

Wie ich als Antwort auf Marks Frage (Q&A #172) vor einigen Wochen sagte, scheint es mir tatsächlich so zu sein, dass Gottes Motivation, alles zu erschaffen, wahrhaftig Liebe ist. Ich bin nicht sicher, Nancy, dass ich Ihnen zustimmen würde, dass wahre Liebe keinerlei Erwartungen stellt. Eine Frau, die ihren Mann wirklich liebt, erwartet zum Beispiel mit Recht, dass er sie mit Respekt behandelt, statt sie geringschätzig zu behandeln oder zu missbrauchen. Gewiss stehen solche Erwartungen völlig in Einklang mit ihrer aufrichtigen Liebe zu ihm!

Aber sehen wir davon einmal ab. Ich denke, was Sie meinen, ist die Bedingungslosigkeit echter Liebe, und die Bibel lehrt in der Tat, dass Gottes Liebe bedingungslos ist. Schließt diese Tatsache ein, dass Er keinerlei Erwiderung dieser Liebe erwartet? Das folgt nicht daraus. Denn Gott könnte andere Eigenschaften haben, aus denen sich Verpflichtungen für seine Geschöpfe ergeben. Sie haben vergessen, dass Gott nicht nur vollkommene Liebe ist, sondern auch vollkommene Gerechtigkeit. Folglich haben wir Gott gegenüber gewisse moralische Verpflichtungen zu erfüllen, etwa Ihn als Verkörperung und Quelle höchster Güte anzubeten und zu lieben.

Ich denke, dass die christliche Volksfrömmigkeit sehr oft die Tatsache übersieht, dass wir moralisch verpflichtet sind, an Gott zu glauben. Oft sagen wir Ungläubigen, dass Gott sie liebt und ihnen eine Beziehung anbietet, die sie aus freier Entscheidung annehmen oder ablehnen können. Das ist soweit richtig, aber es geht nicht annähernd weit genug. Was hier fehlt, ist die Tatsache, dass wir angesichts dessen, wer Gott ist, eine moralische Pflicht haben, an Gott zu glauben und Ihn mit all unserem Denken, von ganzem Herzen und mit aller Kraft zu lieben und anzubeten, und wenn wir das unterlassen, sind wir moralisch vor Ihm schuldig und fallen unter das rechtmäßige Urteil Seiner Gerechtigkeit. Wenn Gott einfach über Sünde hinwegsehen würde, wäre Er nicht vollkommen gerecht und damit auch nicht vollkommen gut.

Indem die christliche Volksfrömmigkeit die Tatsache unserer moralischen Verpflichtung gegenüber Gott ignoriert, fordert sie die Reaktion heraus: „Was für eine Liebe ist das denn? ‚Glaube an mich, oder ich schicke dich in die Hölle!‘“ Diese scharfe Entgegnung ist völlig angemessen bei jemand, den zu lieben und dem zu gehorchen wir nicht verpflichtet sind. Aber wenn wir uns aller Wesenszüge Gottes (nicht nur der Liebe) bewusst werden, dann sehen wir, dass wir zwar die Fähigkeit haben, Gottes Liebe abzulehnen und uns selbst so für immer von Ihm zu trennen, dass dies aber nicht bedeutet, dass eine solche Entscheidung ohne Folgen bliebe. Da eine solche Entscheidung zutiefst böse ist, muss ein vollkommen gerechter Gott sie bestrafen. Genauso könnten wir sagen, dass es mir zwar frei steht, die vorgeschriebene Geschwindigkeit auf der Autobahn zu überschreiten, dass ich aber rechtlich nicht die Freiheit habe, dies zu tun, weil es gegen das Gesetz verstößt, so steht es mir zwar frei, nicht an Gott zu glauben, aber ich habe nicht die Berechtigung dazu.

Betrachten wir nun auf diesem Hintergrund Ihre Fragen:

1. Hat Er, indem Er die Welt erschuf, nichts als Gegenleistung erwartet (wie dass Menschen seine Liebe erwidern sollen)? Doch, Er erwartete als Erwiderung, dass wir Ihn als das höchste Gut lieben und anbeten würden. (Mit „erwarten“ meinen wir hier natürlich nicht „davon ausgehen“, sondern „verlangen“. Die Frage ist: Haben wir gewisse moralische Anforderungen oder Verpflichtungen gegenüber Gott, und die Antwort lautet eindeutig: „Ja.“) Tatsächlich lautete das erste und größte Gebot des jüdischen Gesetzes, wie Jesus sagte: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Verstand und aus deiner ganzen Kraft!“ (Markus 12,30).

2. Wäre Jesus auch dann für die Welt gestorben, wenn niemand an ihn geglaubt hätte? Niemand weiß sicher, wie die Antwort auf eine solche hypothetische Frage lautet. Ich gehe stark davon aus, dass Gott keine Welt erschaffen würde, in der niemand errettet wird. Ich gehe sogar davon aus, dass Gott notwendigerweise eine solche Welt nicht erschaffen würde, und in diesem Fal ist eine solche Welt metaphysisch unmöglich, das heißt, es gibt keine mögliche Welt, wie Sie sie beschreiben.

3. Nahm Christus die SUMME der Erfahrungen aller Menschen, die je gelebt haben, auf sich, die ewig in der Hölle sein werden? Auch hier weiß niemand sicher, wie die Erfahrung ist, die Strenge des göttlichen Zorns über die Summe aller Sünden der Menschheit zu tragen; man kann nur sagen, dass es so schrecklich war, dass Jesus selbst im Garten Gethsemane davor zurückschreckte. Was wir bekräftigen wollen ist, dass Christus die Strafe für die Sünden der ganzen Menschheit (1. Johannes 2,2) und damit die volle Last der Gerechtigkeit Gottes trug. Am Kreuz sehen wir die Versöhnung zwischen Gottes Gerechtigkeit und Liebe: Seine Liebe zu uns, indem Christus die Strafe für die Sünde, die wir verdienten, auf sich nahm, und Gottes Gerechtigkeit, indem die Strafe für die Sünde vollständig bezahlt ist. Das Kreuz offenbart, wie Gott vollkommen gerecht und zugleich vollkommend liebend sein kann.

Das ist gut von Ihnen, Nancy, dass Sie bereit sind, Ihre Errettung für die Menschen zu geben, die Sie lieben. Paulus sagte das Gleiche in Bezug auf seine jüdischen Landsleute, die den Messias Jesus abgelehnt hatten (Römer 9,1-5). Seien Sie gewiss, dass Gott sie mehr liebt, als Sie es tun. Wenn wir schon die Tiefe der Liebe Gottes verstanden haben, die sich im Opfertod Christi erweist, und unsere moralische Verpflichtung kennen, Gott als das Paradigma der Güte zu lieben und anzubeten, warum dann, wie Sie sagen, noch zögern?

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English:

/true-love

- William Lane Craig