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#498 Ist Gott der Verursacher des Übels?

January 20, 2017
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

danke für alles, was Sie tun, damit wir in den Schwierigkeiten unseres Lebens den Gott der Bibel richtig verstehen können. Als eine Nachfolgerin Jesu habe ich Probleme mit einigen Stellen in der Bibel, die zu besagen scheinen, dass Gott Übel nicht nur zulässt (dieses Thema haben Sie schon oft angesprochen), sondern manchmal regelrecht verursacht. Ich finde dies im Alten und im Neuen Testament, von der Verstockung des Herzens des Pharaos durch Gott (2. Mose 9,12) über Jesu Aufforderung „Was du tust, das tue bald“, die er in Johannes 13,27 an Judas richtet (und die dem armen Judas keine Wahl zu lassen scheint) bis zu Offenbarung 17,16-17, wo es heißt: „Und die zehn Hörner, die du gesehen hast, und das Tier, die werden die Hure hassen und werden sie ausplündern und entblößen und werden ihr Fleisch essen und werden sie mit Feuer verbrennen. Denn Gott hat's ihnen in ihr Herz gegeben, nach seinem Sinn zu handeln und eines Sinnes zu werden und ihr Reich dem Tier zu geben, bis vollendet werden die Worte Gottes“ [1] (Hervorhebung von mir). Geht also dieses „hassen“ und „ausplündern“ und all das andere Schreckliche auf Gottes Konto?

Wie kann ich einen Gott, der gut ist („gut“ in dem Sinne, dass er moralisch vollkommen und der absolute Maßstab für Moral ist) damit vereinbaren, dass derselbe Gott offenbar ganz bewusst Übel verursacht bzw. andere dazu bringt, Übel zu tun? Habe ich hier irgendetwas übersehen? In meinen Gesprächen mit anderen Christen höre ich Dinge wie, dass Gott in seiner Allmacht alles tun kann, was seinem Willen dient, und dass dazu auch gehört, dass er entweder direkt oder durch seine Werkzeuge Übel tut. Es gruselt mich, wenn ich so etwas höre, und ich kann die gerade genannten Bibelstellen beim besten Willen nicht mit dem Wesen Gottes, an das ich immer geglaubt habe, vereinbaren.

Ich möchte nicht den Kopf in den Sand stecken vor diesen Problemen. Ich brauche eine tragfähige Antwort, wie ich mit diesen so schwierigen Versen und Vorstellungen umgehen kann. Können Sie mir helfen? Danke im Voraus!

Kathy

United Kingdom

Prof. Craigs Antwort


A

Ihre Beispiele, Kathy, sind eine recht bunte Mischung. In den Worten Jesu an Judas vermag ich keinerlei Determinismus zu sehen. Wenn ich weiß, was jemand tun wird, bedeutet dies noch lange nicht, dass er dies tun muss. Ich deute die Szene beim Abendmahl so, dass Jesus Judas sagt: „Nun komm, bring’s hinter dich.“ Hier ist kein kausaler Determinismus involviert. Die Stelle in Offenbarung 17 ist eine bildliche Beschreibung des gerechten Zornes Gottes über die Sünde. Es geht hier nicht um Einzelpersonen, sondern um Städte, Nationen und Bündnisse. Ein besseres Beispiel finden wir im Alten Testament, wo Gott die Babylonier in das von ihm abgefallene Juda einfallen lässt; die Invasoren verüben Taten, die grausam und ungerecht sind, die aber gleichzeitig Gottes verdientes Strafgericht über Juda darstellen – ein Strafgericht, das letztlich etwas Gutes ist, auch wenn es durch Menschen verübt wird, die selber böse sind.

Und trotzdem kann es uns Bauchschmerzen bereiten, dass Gott es gewissen Menschen ins Herz geben soll, Übel zu tun, auch wenn dieses Übel Gottes gerechtes Gericht über Sünder ist. Oder dass er das Herz des Pharaos verhärtet hat. Und ich stimme Ihnen zu, dass wir nicht sagen können, dass Gott hier der Verursacher dieser bösen Dinge war, denn dies würde seinem Wesen in der Tat widerstreiten.

Was wir hier brauchen, ist eine angemessene Theorie der göttlichen Vorsehung, die sowohl Gottes Souveränität über alle Dinge als auch der Freiheit des Menschen gerecht wird. Eine solche Theorie bietet Molinismus, der in der Lehre vom mittleren Wissen (scientia media) gründet (vgl. meinen Beitrag in: Dennis W. Jowers [Hrsg.], Four Views on Divine Providence, Grand Rapids, Mich.: Zondervan, 2011.) Gemäß dem Molinismus kann Gott auf zwei Arten Sachverhalte realisieren (sprich: Dinge geschehen lassen). Die erste ist die starke Realisierung, wobei Gott durch sein Handeln etwas direkt verursacht. Die zweite ist die schwache Realisierung; hier führt Gott eine Person in eine bestimmte Reihe von Umständen – in dem Wissen, dass die Person sich freiwillig dafür entscheiden wird, eine Wirkung zu herbeizuführen.

Ich glaube, es ist offensichtlich, dass Gott bei der schwachen Realisierung einer bösen Tat nicht das Übel verursacht. Er bewirkt lediglich, dass ein freier Akteur sich in einer bestimmten Reihe von Umständen befindet; der Akteur ist es, der freiwillig das Übel hervorbringt. Im Molinismus ist weiter alles, was gut ist, Gottes absoluter Wille, aber es ist nicht sein absoluter Wille, dass jemand Übles tut. Er lässt dieses Übel lediglich in dem Wissen zu, dass er aus ihm etwas Gutes kommen lassen kann. Böse Taten von Personen, die in ihrer Entscheidung frei sind, können daher allenfalls bedingt als von Gott gewollt betrachtet werden.

Gottes Souveränität über die bösen Gedanken und Wünsche der Menschen, die für Sie solch ein Problem ist, zieht sich durch die ganze Bibel hindurch und lässt sich sehr schön durch eine molinistische Sicht der göttlichen Vorsehung erklären. Was sagte Josef noch zu seinen Brüdern, die nach Ägypten gekommen waren? „Und nun bekümmert euch nicht und denkt nicht, dass ich darum zürne, dass ihr mich hierher verkauft habt; denn um eures Lebens willen hat mich Gott vor euch hergesandt. … Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk“ (1. Mose 45,5; 50,20). Gott kann nicht der Urheber des Verrats der Brüder an Josef gewesen sein, aber in seiner Allmacht führte er die Dinge so, dass Israel nicht ein Opfer der Hungersnot wurde.

Oder nehmen Sie die folgenden Aussagen zur Kreuzigung Jesu:

Diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Heiden ans Kreuz geschlagen und umgebracht. (Apostelgeschichte 2,23)

Wahrhaftig, sie haben sich versammelt in dieser Stadt gegen deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast, Herodes und Pontius Pilatus mit den Heiden und den Stämmen Israels, zu tun, was deine Hand und dein Ratschluss zuvor bestimmt hatten, dass es geschehen solle. (Apostelgeschichte 4,27-28)

Noch deutlicher könnte man die Souveränität Gottes über das Tun der Menschen nicht ausdrücken. Die Verurteilung und Kreuzigung Jesu als konzertierte Aktion der damaligen römischen und jüdischen Obrigkeit in Jerusalem mit Pilatus und Herodes an ihrer Spitze geschah also nach Gottes Plan aufgrund seines Vorauswissens und seiner Vorherbestimmung.

Wenn wir unter den biblischen Begriff des Vorauswissens Gottes auch mittleres Wissen subsumieren, erschließt sich uns die Bedeutung dieses und ähnlicher Bibelabschnitte. Denn über das mittlere Wissen wusste Gott im Voraus ganz genau, welche Mitglieder des jüdischen Hohen Rates aus freien Stücken für die Verurteilung Jesu stimmen würden, welche Personen, die sich damals in Jerusalem aufhielten, aus eigenem Entschluss seinen Tod und die Freilassung des Barabbas fordern würden, wie Herodes in seiner Eigenschaft als König aus freien Stücken auf Jesus und die Bitte des Pilatus, den Fall zu übernehmen, reagieren würde, und was schließlich Pilatus selber als der damalige römische Statthalter unter dem Druck der jüdischen Obrigkeit und der Volksmenge, aber letztlich aus eigenem Entschluss tun würde. Gott, der sämtliche möglichen Umstände, Personen und Möglichkeiten vorauswusste, schuf genau die Konstellation von Umständen und Personen, in der die Beteiligten sich freiwillig dazu entschlossen, das zu tun, was Gott wollte. Und so lief, wie Lukas betont, das ganze Geschehen letztlich nach Gottes Plan ab.

Gott kann also etwas in das Herz eines Menschen legen, ohne es zu verursachen, einfach indem er es schwach realisiert. Er hat das Herz des Pharaos zur Zeit Moses in dem Sinne verhärtet, dass er den Pharao in Umstände hineinführte, in denen dieser von sich aus auf Stur schalten würde, und an verschiedenen Stellen des biblischen Berichtes (z.B. 2. Mose 8,11) heißt es dann auch, dass der Pharao selber sein Herz verhärtete. Ähnlich weiß Gott im Voraus, dass die in der Johannesoffenbarung symbolisch umschriebenen Personen und Gruppen unter bestimmten Umständen aus freien Stücken furchtbare Dinge planen und tun werden, mit denen sie Gottes Gericht hervorbringen.

Also: Gott ist nicht der Verursacher des Übels, und er zwingt auch niemanden, Übel zu tun. Aber er realisiert üble Sachverhalte, indem er freie Akteure in Umstände führt, von denen er weiß, dass die Akteure sich freiwillig dazu entscheiden würden, Übel zu tun, wenn sie sich in diesen Umständen befänden. Und so beruht alles, was geschieht, entweder auf Gottes direktem Willen oder auf seinem Zulassen.

(Übers.: Dr. F. Lux)

Link to the original article in English: www.reasonablefaith.org/does-god-cause-people-to-do-evil

  • [1]

    Die Bibelzitate folgen, wo nichts anderes angegeben ist, der Lutherübersetzung 1984.

- William Lane Craig