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#102 Ist der Glaube an Gott gut, schlecht oder irrelevant?

September 28, 2015
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

meine Frage betrifft die berüchtigte und viel geschmähte „Wette des Pascal“. Beim Lesen des Abschnitts über religiöse Erkenntnistheorie in meinem Exemplar des Buches Philosophical Foundations for a Christian Worldview fiel mir Christopher Hitchens’ Einwand gegen die Wette ein. Seiner Meinung nach kann man sich, selbst wenn die Wette schlüssig ist, nicht durch bloße Willenskraft dazu bringen, an etwas zu glauben. Wer keine Belege für die Existenz Gottes sieht, der kann sich nicht um der möglichen Vorteile willen dazu zwingen, „einfach zu glauben“. Außerdem postuliert Hitchens, dass Gott sicherlich in der Lage wäre, diejenigen, die sich um der Vorteile willen gezwungen haben, zu glauben, und diejenigen, die aufgrund von Offenbarung oder Beweisen und so weiter aufrichtig glaubten, voneinander zu unterscheiden.

Meine Frage wäre also, wie Sie auf diesen Einwand antworten würden? Vielleicht verwechselt Hitchens hier die wahrheitsabhängige pragmatische Rechtfertigung mit der wahrheitsunabhängigen pragmatischen Rechtfertigung des Glaubens an Gott?

Außerdem möchte ich die Gelegenheit nutzen, Ihnen für Ihre Arbeit zu danken und Sie wissen zu lassen, wie sehr ich persönlich von Ihrem Leben und Werk profitiert habe. Ich gehe demnächst auf ein College, und seit ich letztes Jahr begonnen habe, mir regelmäßig Ihren Podcast anzuhören, haben Sie mich dazu inspiriert, als Hauptfach Philosophie zu wählen und mich dann um einen Studienplatz an der Talbot School of Theology und anschließend in Oxford um einen weiteren Abschluss in Philosophie zu bewerben. Sie sollen wissen, dass das, was Sie tun, Einfluss auf Menschen aller Altersgruppen hat und dass ich hoffe, Sie in fünf Jahren an der Talbot School zu sehen!

Nochmals vielen Dank, und Gott segne Sie in ihrem Dienst.

In ihm verbunden,

Jonathan

P. S.: Sollte die Wette des Pascal bei Ihrer Debatte mit Hitchens im April zur Sprache kommen, können Sie, glaube ich, sicher sein, dass er diesen Einwand vorbringen wird!

United States

Prof. Craigs Antwort


A

Ist der Glaube an Gott gut, schlecht oder irrelevant?

Jonathan, ich bin begeistert von Ihrer Sicht für Ihr Leben! Alles Gute für Ihre zukünftigen Studien!

Für diejenigen, die von der berühmten Wette des Pascal noch nicht gehört haben, möchte ich erklären, dass Pascal sinngemäß argumentierte, dass der Glaube an Gott, wenn wir uns in einer Position der Ungewissheit hinsichtlich der Existenz Gottes befinden, auch ohne jeglichen Beleg pragmatisch gerechtfertigt sei, weil wir nichts verlieren und alles gewinnen könnten, wenn wir an ihn glauben. Einer der Einwände gegen die Wette des Pascal ist Hitchens Einlassung, der Glaube an Gott unterliege nicht unserer Kontrolle, und darum könnten wir uns nicht einfach dazu bringen, an ihn zu glauben, wie es die Wette erfordert.

Pascal selbst war sich dieses Einwandes bewusst und ging ausdrücklich darauf ein. Es handelt sich nicht um einen philosophischen, sondern einen psychologischen Einwand. Deshalb empfiehlt Pascal auch ein psychologisches Gegenmittel. Sein imaginärer Gesprächspartner protestiert: „Ja, aber meine Hände sind gebunden und mein Mund ist stumm, man zwingt mich zu wetten und ich bin nicht in Freiheit; man lässt mich nicht los. Ich bin nun so, dass ich nicht glauben kann. Was willst du? Was soll ich tun?“

Worauf Pascal antwortet:

"Das ist wahr, doch begreift wenigstens, dass Eure Unfähigkeit zu glauben von Euren Leidenschaften kommt. Da die Vernunft Euch ja dazu bewegt und Ihr es dennoch nicht erreichen könnt, bemüht Euch also, Euch nicht durch Vermehrung der Gottesbeweise, sondern durch Verminderung Eurer Leidenschaften zu überzeugen. Ihr wollt zum Glauben gelangen, und Ihr wißt den Weg zu ihm nicht. Ihr wollt Euch vom Unglauben heilen, und Ihr fragt nach den Mitteln dafür: Lernt von denjenigen usw., die wie Ihr gebunden waren und die nun ihr ganzes Gut einsetzen. Es sind Leute, die diesen Weg kennen, dem Ihr folgen möchtet, und sie sind von einem Übel geheilt, von dem auch Ihr genesen wollt; befolgt die Art, in der sie begonnen haben. Das heißt, sie handelten in allem so, als glaubten sie, sie gebrauchten Weihwasser, ließen Messen lesen usw. Ganz natürlich wird Euch eben das gleiche zum Glauben führen und Euren Verstand demütigen. – 'Aber gerade das fürchte ich ja.' – Und warum? Was habt Ihr zu verlieren?"

(Pascal, Gedanken #233) [1]

Ist der Glaube an Gott gut, schlecht, oder irrelevant? – Geistliches Handeln bringt aufrichtigen Glauben hervor

Pascal gibt also den Ratschlag, derjenige, der glauben möchte, sich dazu aber nicht in der Lage sieht, solle sich einer christlichen Gemeinschaft anschließen und anfangen, sich an denselben geistlichen Aktivitäten zu beteiligen, wie die Gläubigen es tun. Mit der Zeit werde sich dann der Glaube einstellen. Das ist ein guter Ratschlag. Pascal wusste, dass unser Verhalten unsere Überzeugungen stark beeinflusst. Ich würde einer solchen Person raten, regelmäßig zu beten (ja, zu dem Gott, an dessen Existenz er oder sie zweifelt), in der Bibel zu lesen und darüber zu meditieren, eine Gemeinde zu besuchen, in der das Evangelium verkündigt wird, und sich einer kleinen Gruppe gläubiger Christen anzuschließen, in der er oder sie sie Freundschaft und Austausch erleben kann.

Einem solchen Menschen muss man nicht unbedingt vorwerfen, er verfolge eigensüchtige Ziele. Selbst, wenn ihn zu Anfang der pragmatische Nutzen motiviert, von dem in der Wette die Rede ist, wird ein Mensch, der Gott sucht und schließlich findet, doch zu einem echten, rettenden Glauben kommen, der Gott als den verehrt, der er ist. Ist der Glaube freilich nur vorgetäuscht, so wird Gott, wie Hitchens zu Recht bemerkt, diese Heuchelei durchschauen und sich nicht davon täuschen lassen.

Ich bezweifle allerdings, dass diese Fragen in unserer Debatte am 4. April zur Sprache kommen werden, da ich mich meistens nicht auf Pascals Wette beziehe, weil ich im Gegensatz zu Pascal vom Wert der natürlichen Theologie (also von Argumenten für die Existenz Gottes) überzeugt bin.

(Übers.: C. Rendel)

Link to the original article in English:

http://www.reasonablefaith.org/is-belief-in-god-good-bad-or-irrelevant

  • [1]

    Blaise Pascal, Gedanken. Stuttgart 1997: Reclam, S. 229f.

- William Lane Craig