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#667 Ist das Christentum zu hart?

April 10, 2020
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

es ist mir eine Ehre und ein Vorrecht, Ihnen schreiben zu dürfen, denn Sie sind mir ein großes Vorbild als Gelehrter, als Debattierer und als Dozent. Ich bin Agnostiker, genauer gesagt: Ich glaube an einen allwissenden und allmächtigen Gott, aber bin mir nicht sicher, welche Religion das Wesen dieses Gottes am besten beschreibt. Ich habe schließlich beschlossen, zuerst das Christentum und sein Gottesverständnis zu untersuchen, und finde dort manche Aspekte, die mir Sinn zu machen scheinen, aber auch einige Dinge, die mir die Entscheidung, Christ zu werden, nicht attraktiv machen.

Zuerst der Glaube, dass nur die, die Jesus annehmen, in den Himmel dürfen. Ich finde das eine der härtesten Lehren der christlichen Religion. Wie kann ein allliebender und allmächtiger Gott nicht sehen, dass die Umstände und Unwägbarkeiten der menschlichen Existenz es jemandem unmöglich machen können, Jesus kennenzulernen, geschweige denn anzunehmen? Es gibt doch Menschen, die noch nie ihr Dorf verlassen haben und rein nichts über den christlichen Glauben wissen – und das ohne jedes eigene Verschulden, weil sie nicht entscheiden konnten, wo sie geboren worden sind und in welche Kultur sie hineingeboren wurden. Und selbst wenn jemand von Jesus gehört hat – wie kann ein allwissender Gott von jemandem, der in eine Kultur hineingeboren worden ist, in welcher seit Generationen eine bestimmte Religion praktiziert wird, und dann von Jesus hört, erwarten, dass er kurzerhand diese Religion über den Haufen wirft und sich einer neuen Religion zuwendet? Ein allwissender, intelligenter Gott muss doch wissen, wie schwierig das für den normalen Menschen sein kann. Und Gott weiß doch sicher auch, dass er die Menschen als unvollkommene, nicht allwissende Wesen erschaffen hat. Ich möchte damit ausdrücken, dass Gott doch genau weiß, dass die Menschen Fehler machen. Warum soll das für die Religion nicht auch gelten? Wie kann ein allliebender Gott kein Erbarmen haben mit jemandem, der sich die Jesus-Geschichte angeschaut, aber dann den Fehler gemacht hat, sie nicht zu glauben? Oder der den Fehler gemacht hat, eine andere Religion zu wählen? Wie kann ein vollkommener Gott bewusst unvollkommene Menschen erschaffen und sie ganz bewusst in unterschiedliche Umgebungen und Kulturen hineinstellen und dann von ihnen erwarten, dass sie die perfekte Entscheidung treffen, Jesus als ihren Erlöser anzunehmen? Das kriege ich einfach nicht zusammen.

Danke.

Andrew

United States

Prof. Craigs Antwort


A

Ich freue mich sehr, dass Sie sich den christlichen Glauben näher anschauen, Andrew! Ich bin sicher, dass Sie entdecken werden, dass keine andere Religion in der Welt einen solch erhabenen Gottesbegriff hat wie das Christentum.

Ja, wie ist das mit der Lehre, dass „nur die, die Jesus annehmen, in den Himmel dürfen“? Es wird Sie vielleicht überraschen, zu erfahren, dass das nicht das ist, was der christliche Glaube lehrt. Jeder Christ wird Ihnen sagen, dass Personen aus dem Alten Testament wie Abraham und Mose, die lange vor der Zeit Jesu lebten, Vergebung und Erlösung fanden, obwohl sie nie Christus hörten, geschweige denn an ihn glaubten. Wie ich in meinen Schriften über den christlichen Partikularismus erklärt habe, glauben die Christen, dass Erlösung nur möglich ist auf der Grundlage des Sühnetodes Christi für unsere Sünden, aber dass sie durchaus möglich ist ohne das Wissen um Christi Sühnetod. Das ist so ähnlich, als wenn jemand plötzlich erfährt, dass ein reicher Onkel, den er nie gekannt hatte, ihn in seinem Testament bedacht hat. Die Gläubigen des Alten Testaments beantworteten die Offenbarung, die Gott ihnen gegeben hatte, damit, dass sie an sie glaubten, und wurden damit zu Begünstigten des Sühnetodes Christi. Und damit noch nicht genug: Es gibt im Alten Testament sogar Personen (manchmal werden sie als „heilige Heiden des Alten Testaments“ bezeichnet), die gar nicht zu dem Bundesvolk der Juden gehörten und die trotzdem eindeutig eine Erlösungsbeziehung zu dem Gott Israels hatten; Beispiele sind etwa Hiob und Melchisedek.

Es ist also möglich, dass Menschen in den Himmel kommen, ohne dass sie an Jesus geglaubt haben, aber sie können nicht ohne Jesus dorthin. Und jetzt kommt sie, die Frage: Könnte es sein, dass es moderne Hiobs und Melchisedeks gibt, die ohne eigenes Verschulden nie von Christus gehört haben, aber die auf angemessene Art auf die Offenbarung, die Gott ihnen (im Wesentlichen durch die Natur und durch ihr Gewissen) gegeben hat, reagieren? Ich sehe nicht, warum das nicht möglich sein sollte. Die Menschen, die heute in Gegenden der Welt leben, die noch nicht vom Evangelium erreicht worden sind, sind im Prinzip in der gleichen Lage wie die Menschen, die vor Christus lebten, und Gott wird sie dementsprechend danach beurteilen, wie sie auf das Licht, das sie hatten, reagiert haben. Und so kann es sein, dass sie als Glieder ihrer alten Religion erlöst werden, wenn auch nicht durch oder auf der Grundlage dieser Religion.

Noch grundsätzlicher habe ich argumentiert, dass es möglich und plausibel ist, dass Gott angesichts seines universalen Heilswillens (2. Petrus 3,9; 1. Timotheus 2,4) die Welt in seiner Vorsehung so geordnet hat, dass er garantiert jedem das Evangelium bringen wird, von dem er weiß, dass er es, wenn er es hört, annehmen wird. Die Menschen, die nie das Evangelium hören und nicht gerettet werden, hätten, wenn sie das Evangelium gehört hätten, dieses trotzdem nicht angenommen. Das heißt: Jeder, der erlöst werden will (oder dies wollen würde, wenn er das Evangelium hören könnte), wird auch erlöst werden. Wir haben unser ewiges Schicksal selber in der Hand.

Aber nun sagen Sie: Was ist mit den Menschen, die aufgrund ihrer kulturellen Prägung nicht an Jesus glauben können, wenn sie das Evangelium hören? Ich habe den Eindruck, Andrew, dass Sie die Macht des Heiligen Geistes, solche Widerstände zu überwinden und den Betreffenden zu einer echt freien Entscheidung zu führen, unterschätzen, aber lassen wir das. Meine Position ist also, dass Gott die Welt in seiner Vorsehung so geordnet hat, dass jeder, der in seiner konkreten Situation das Evangelium ablehnt, es auch nicht angenommen hätte, wenn die Umstände günstiger gewesen wären. Sie nennen Gott „allwissend“ und „intelligent“, aber ich glaube nicht, dass Sie wirklich begriffen haben, was dies bedeutet. Ein allwissender Gott weiß um „die Umstände und Unwägbarkeiten der menschlichen Existenz“; ja, diese praktisch unendlichen Umstände und Unwägbarkeiten stehen unter seiner Vorsehung. Sie denken an einen Gott, der die Menschen in eine Welt hineinstellt, die nicht er selber geplant hat, statt an einen Gott, der die Welt so ordnet und führt, dass möglichst viele Menschen gerettet werden. Gott weiß genau, in was für Situationen er die Menschen stellen muss, damit sie erlöst werden.

Schauen wir uns an, was der Apostel Paulus zu diesem Thema gesagt hat:

Der Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die von Händen gemacht sind; er lässt sich auch nicht von Menschenhänden bedienen, als ob er etwas benötigen würde, da er doch selbst allen Leben und Odem und alles gibt. Und er hat aus einem Blut jedes Volk der Menschheit gemacht, dass sie auf dem ganzen Erdboden wohnen sollen, und hat im Voraus verordnete Zeiten und die Grenzen ihres Wohnens bestimmt, damit sie den Herrn suchen sollten, ob sie ihn wohl umhertastend wahrnehmen und finden möchten; und doch ist er ja jedem einzelnen von uns nicht ferne; denn „in ihm leben, weben und sind wir“ . . . (Apostelgeschichte 17,24-28)

Für Paulus sind die Zeiten und Orte der Geschichte, wo die Menschen leben, kein Zufall, sondern von Gott geplant, damit die Menschen zur Erlösung finden. Gott stellt die Menschen in verschiedene Situationen und Umstände, die er selber ausgesucht hat, und gibt ihnen darauf durch seinen Heiligen Geist Gnadengaben, durch die er sie zu sich ziehen möchte. Kein einziger Mensch wird verloren gehen, nur weil er zur falschen Zeit am falschen Ort wohnte.

- William Lane Craig