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February 3, 2019Sehr geehrter Herr Prof. Craig,
vielen Dank für Ihre ganze Arbeit! Wie so viele andere profitiere auch ich sehr von der Zeit und der Mühe, die Sie in Ihr Studium stecken. Meine Frage bezieht sich auf die Klassifizierung immaterieller Objekte. Ich interessiere mich schon immer dafür, habe aber nie viel Lesbares dazu gefunden, weder in christlich-apologetischer noch in der säkularen Mainstream-Literatur. Soweit ich weiß, forschen Sie gerade im Bereich „Abstrakte Objekte“, welche Sie als Entitäten definieren, die in Zeit und Raum nicht lokalisiert werden können, aber dennoch reale Dinge sind, die in keinerlei kausaler Beziehung stehen.
Was ich wirklich wissen möchte, ist, wie wir bestimmte immaterielle Entitäten klassifizieren sollen, auf die diese Definition nicht zutrifft. Was ist beispielsweise mit immateriellen Objekten, die nicht kausal ohnmächtig sind? Ich denke hier vor allem an naturwissenschaftliche Gesetze. Ich weiß noch, dass mir schon im jungen Alter beigebracht wurde, dass die Naturwissenschaft die Gesetze der Naturwissenschaft nicht erklären kann, was ich immer komisch fand. Oder was ist mit einer Quantität wie der Information, mit der wir die ganze Zeit interagieren? Ein- und dieselbe Information kann mit vielen verschiedenen Medien übertragen werden, vom Medium selbst aber unberührt bleiben. Sie scheint also immateriell zu sein, aber ist sie kausal erschöpft?
Würden Sie so etwas wie Schönheit trotz der Tatsache, dass sie sowohl objektiv als auch subjektiv zu sein scheint, als abstraktes Objekt klassifizieren?
Ich habe gesehen, dass Sie moralische Werte nicht als abstrakte Objekte, sondern als Teil von Gottes Charakter definieren. In Frage 66 sagen Sie:
„Beim Moral-Argument ist das Gotteskonzept, um das es in dem Argument geht, das eines personalen Wesens, da moralische Werte, wenn sie existieren, in Personen wohnen, nicht in leblosen Dingen, und da nur ein persönliches Wesen die Quelle einer moralischen Pflicht sein kann, und zwar indem es uns Befehle erteilt.“
Mir ist klar, dass moralische Werte eine personale Qualität haben, die andere immaterielle Objekte nicht haben. Aber andere Entitäten, z. B. Liebe, Loyalität und Gerechtigkeit, haben das auch. Würden Sie die als abstrakte Objekte bezeichnen oder nicht?
Wie würden Sie Ihre Aussage aus Frage 66 jemandem erklären, der nicht an Gott glaubt, Ihnen aber darin zustimmt, dass moralische Werte objektiv sind, und glaubt, dass sie bloß als abstrakte Objekte, wie die Gesetze der Mathematik oder Logik, existieren?
In freudiger Erwartung Ihrer Antwort
Jon
Afghanistan
Prof. Craigs Antwort
A
Danke für Ihre zum Denken anregenden Fragen, Jon! Da ich derzeit vor allem im Bereich „Abstrakte Objekte“ und „Die Aseität Gottes“ forsche, nehme ich gerne diese Frage dran.
Zunächst muss ich ihre Aussagen darüber korrigieren, wie ich abstrakte Objekte zur Unterscheidung von konkreten Objekten definiere. Ich denke nicht, dass abstrakte Objekte, wenn sie existieren, „Entitäten sind, die in Zeit und Raum nicht lokalisiert werden können“. In meinem Kapitel über creatio ex nihilo und abstrakte Objekte in Creation out of Nothing (Baker: 2004)[1], schreibe ich nämlich, dass manche abstrakte Objekte, wenn sie existieren, in Zeit und/oder Raum existieren. Diese recht schockierende Schlussfolgerung erscheint aus einer Betrachtung bestimmter Arten abstrakter Objekte heraus offensichtlich.
Betrachten Sie beispielsweise einmal Propositionen (den durch Sätze ausgedrückten Informationsgehalt). Propositionen, die von vielen deklarativen Sätzen ausgedrückt werden, haben kontingente Eigenschaften, wie wahr zu sein oder falsch zu sein. Vielen Philosophen zufolge haben Propositionen, im Gegensatz zu Sätzen, keinen Tempus, und ihre Wahrheitswerte sind somit unabänderlich, wenn auch kontingent. Propositionen existieren somit jenseits von Zeit und Raum. Doch andere Philosophen stimmen dem nicht zu, sondern behaupten, dass die von Tempus-Sätzen ausgedrückten Propositionen ihren Wahrheitswert ändern können. Die Proposition, die vom Satz „George W. Bush ist der Präsident der Vereinigten Staaten“ ausgedrückt wird, war im Dezember 2008 wahr, wurde im Januar 2009 bei Obamas Amtseinführung aber falsch. Derlei Propositionen sind also nicht unabänderlich und müssen in der Zeit existieren, nicht im Raum.
Oder betrachten Sie einmal Eigenschaften. Eigenschaften entfachen den uralten Disput über das, was mittelalterliche Denker Universalien nannten. Denn im Gegensatz zu Partikularien scheinen Eigenschaften nicht auf einen bestimmten Ort beschränkt zu sein. Wenn wir beispielsweise zwei einzelne Bälle haben, die zur selben Zeit existieren, besetzen sie jeweils einen anderen räumlichen Ort. Wenn sie genau dieselben Raumzeit-Punkte besetzen würden, hätten wir nicht zwei Bälle, sondern einen Ball. Doch Eigenschaften scheinen anders zu sein. Denn nehmen wir einmal an, die beiden Bälle haben dieselbe Form. In diesem Fall haben sie dieselbe Eigenschaft, nämlich kugelförmig zu sein. Sie können in dieser Hinsicht nicht verschiedene Eigenschaften haben, sonst würden sie sich in ihrer Form unterscheiden, was sie ex hypothesi nicht tun. Dieselbe Eigenschaft existiert also zur selben Zeit an zwei verschiedenen räumlichen Orten. Zudem existiert die Eigenschaft gänzlich an diesen beiden Orten gleichzeitig. Genau deswegen werden Eigenschaften Universalien genannt. Wenn sie wirklich existieren, dann haben sie, zumindest nach der üblichen Erklärung, die bizarre Eigenschaft, gänzlich an zwei verschiedenen Orten gleichzeitig zu existieren. Doch in diesem Fall scheinen Eigenschaften in Raum und Zeit zu existieren.
Selbst wenn wir versuchen, diese Schlussfolgerung zu umgehen, indem wir sagen, dass Eigenschaften selbst nicht räumlich und temporal sind, ihre Instantiationen oder Instanzen aber in Raum und Zeit sind, haben wir das Problem immer noch, wenn wir sagen, dass Eigenschaften die Eigenschaft, exemplifiziert zu werden, annehmen und verlieren können. Mit anderen Worten: Sie sind in Bezug auf Exemplifizierung änderlich, wie Propositionen es auch in Bezug auf den Wahrheitswert sein können. Somit scheinen Eigenschaften ebenfalls temporale Entitäten zu sein.
Was ich erkannt habe, seitdem ich dieses Kapitel geschrieben habe, ist, dass manche abstrakte Objekte, wenn sie existieren, sogar nicht nur in Zeit und Raum, sondern auch kontingent existieren! Denken Sie beispielsweise einmal an den Äquator oder den Massenmittelpunkt des Sonnensystems. Der Äquator hat Eigenschaften, z. B. eine bestimmte Länge, und ist dennoch eindeutig kein physisches Objekt. Wenn es so etwas wie den Äquator gibt, dann ist es eine abstrakte Entität. Dennoch existiert er sowohl in der Zeit als auch im Raum. Man kann den Äquator sogar überqueren! Man kann über dieses abstrakte Objekt hinübersteigen! Der Massenmittelpunkt des Sonnensystems ist ein Punkt, der sich im Raum bewegt und daher räumlich und zeitlich ist. Er ist ein abstraktes Objekt, das sie buchstäblich mit ihrer Hand umschließen könnten – aber nur vorübergehend, da es aufgrund seiner Bewegung schnell durch ihre Hand schlupfen würde! Wenn die Erde bzw. das Sonnensystem nicht existieren würde, dann würde der Äquator bzw. der Massenmittelpunkt des Sonnensystems auch nicht existieren, sodass diese abstrakten Objekte lediglich kontingent existieren.
Oder nehmen wir fiktionale Charaktere oder Musikkompositionen. Wie in Frage #9 im Q&A-Archiv erklärt, existieren diese, da sie zu existieren anfangen, ebenfalls kontingent und temporal, wenn sie als abstrakte Objekte existieren und sind dennoch Produkte menschlicher Erschaffung.
In unsere Definition abstrakter Objekte passt also auf keinen Fall, dass sie nicht räumlich und temporal sind. Wie ich in Creation out of Nothing erklärte, besteht der Unterschied zwischen abstrakten und konkreten Objekten darin, dass abstrakte Objekte, wenn sie existieren, essentiell kausal ohnmächtig sind, d. h., sie können in keiner kausalen Beziehung stehen. Ihre essentielle kausale Ohnmacht dient dazu, abstrakte Objekte zum Einen von Entitäten zu unterscheiden, die in unserer Welt nun mal kausal isoliert sind, die aber Wirkungen hätten erzielen können, und zum anderen von Gott zu unterscheiden, der von einer Schöpfung hätte absehen können, wenn er das gewünscht hätte, und so in auch in keiner kausalen Beziehung gestanden wäre.
Um also Ihre Frage zu beantworten: Immaterielle Objekte, die nicht kausal wirkungslos sind, sind konkrete Objekte. Gott, Engel und die Seele wären die bedeutendsten Beispiele. Doch ich würde naturwissenschaftliche Gesetze nicht als kausal mächtig und daher als konkret klassifizieren. Naturwissenschaftliche Gesetze selbst verursachen überhaupt nichts. Wenn sie wirklich existieren, sind sie Propositionen bestimmter Art, die als solche abstrakte Objekte sind. Sie beschreiben Ursachen im Universum, sind aber selbst keine Ursachen. So ähnlich scheinen Informationen und Propositionen identisch zu sein.
Schönheit scheint eine Eigenschaft und somit ein abstraktes Objekt zu sein (wenn solche Objekte existieren).
Laut der ethischen Theorie, die ich vertrete, sind moralische Werte keine abstrakten Objekte, sondern Gott selbst ist das Paradigma des Guten (siehe Frage #59 im Q&A-Archiv). Analog hierzu wurde ein Meter traditionell nicht als eine abstrakte Länge definiert, sondern als die Länge des Meterstabs im Büro für Maß und Gewicht in Paris. Der Meterstab diente als konkretes Paradigma eines Meters. Sollten Sie hier erwidern, dass die Länge des Pariser Meterstabs eine Eigenschaft und daher ein abstraktes Objekt ist, würde ich sagen, dass ich eine nominalistische Erklärung von Eigenschaften voraussetze, nach der es kein abstraktes Objekt Liebheit gibt, zu dem Gott in der merkwürdigen Beziehung der Exemplifizierung steht, auch wenn Gott liebend ist. Genauso ist Gott zwar gerecht und loyal, doch gibt es die Objekte Gerechtigkeit und Loyalität nicht, zu denen Gott in einer Exemplifikationsbeziehung steht.
Was würde ich zu „jemandem sagen, der nicht an Gott glaubt, aber darin zustimmt, dass moralische Werte objektiv sind, und glaubt, dass sie bloß als abstrakte Objekte, wie die Gesetze der Mathematik oder der Logik, existieren?“ In meinem Buch Reasonable Faith, 3. Auflage (Crossway, 2008), nenne ich diese Ansicht atheistisch-moralischer Platonismus und erhebe dreierlei Einwände dagegen.
Zunächst einmal ist es schon schwierig, diese Ansicht zu begreifen. Was heißt es denn z. B., wenn man sagt, dass der moralische Wert Gerechtigkeit einfach existiert? Es ist schwierig, etwas damit anzufangen. Es ist klar, was gemeint ist, wenn man sagt, dass eine Person gerecht ist; doch es ist seltsam, wenn gesagt wird, dass Gerechtigkeit selbst ohne irgendwelche Menschen existiert. Moralische Werte scheinen als Eigenschaften von Menschen zu existieren, nicht als bloße Abstraktionen – oder zumindest ist es schwierig, zu wissen, was es heißt, wenn ein moralischer Werte als bloße Abstraktion existiert. Da das abstrakte Objekt Gerechtigkeit kurioserweise selbst nicht gerecht ist (so wie Schnelligkeit selbst nicht schnell oder Faulheit an sich nicht faul ist), scheint hieraus zu folgen, dass Gerechtigkeit an sich und ohne jegliche Menschen nicht existiert – was der Hypothese zu widersprechen scheint! Atheistisch-moralische Platonisten scheinen für moralische Werte keinerlei adäquates Fundament in der Realität zu haben, sondern lassen sie auf unverständliche Art und Weise irgendwie "schwebend" existieren.
Zweitens erscheint das Wesen moralischer Pflichten oder Verpflichtungen unvereinbar mit dem atheistisch-moralischen Platonismus zu sein. Lassen Sie uns des Argumentes wegen einmal annehmen, dass moralische Werte sehr wohl unabhängig von Gott existieren. Nehmen wir einmal an, dass Werte wie Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Liebe und Geduld einfach existieren. Wie kommt es dann zu irgendeiner moralischen Verpflichtung für mich? Warum hätte ich die moralische Pflicht, sagen wir, barmherzig zu sein? Wer oder was erlegt mir solch eine Verpflichtung auf? Nach dieser Ansicht existieren auch moralische Untugenden wie Gier, Hass und Egoismus als abstrakte Objekte. Warum bin ich verpflichtet, mein Leben mit einer bestimmten Klasse abstrakt existierender Objekte in Einklang zu bringen, und nicht mit einer anderen? Der Theismus hingegen bietet eine plausible Basis für moralische Pflichten in den Geboten Gottes oder seinem Willen.
Drittens ist es unglaublich unwahrscheinlich, dass nur die Art von Kreaturen aus dem blinden Evolutionsprozess hervorgehen, die dem abstrakt existierenden Reich moralischer Werte entsprechen. Dies scheint ein äußerst unglaublicher Zufall zu sein, wenn man einmal darüber nachdenkt. Es ist fast so, als hätte das moralische Reich gewusst, dass wir kommen. Es ist weitaus plausibler, sowohl das natürliche Reich als auch das moralische Reich als unter der Vorherrschaft eines göttlichen Schöpfers und Gesetzgebers anzusehen, als zu denken, dass diese beiden komplett unabhängigen Realitätsordnungen zufällig ineinandergreifen.
Deshalb ist eine Theorie des göttlichen Moralgebots meiner Meinung nach eine adäquatere Moraltheorie.
(Übers.: J. Booker)
Link to the original article in English: /classifying-immaterial-objects
[1] Copan, Paul und William Lane Craig: Creation out of Nothing. A Biblical, Philosophical, and Scientific Exploration. Grand Rapids 2004: Baker Academic, 280S.
- William Lane Craig