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#273

April 1, 2018
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

lassen Sie mich Ihnen zuerst danken für all Ihre Arbeit, die Sie in der Philosophie geleistet haben. Ihre Schriften, Reden und Debatten, insbesondere Ihre Debatte neulich mit Peter Atkins, waren mir eine Hilfe für das Verständnis von Gottes Wirken im Universum.

Nun habe ich einen Artikel gelesen, in dem behauptet wird, die Wissenschaftler am CERN SuperCollider hätten tatsächlich das Higgs-Boson-Teilchen („Gottes Teilchen“) gefunden. Alle meine atheistischen Freunde feiern lautstark mehr oder weniger wie verrückt die Tatsache, dass jetzt „Gott widerlegt wurde!“ So lautet meine Frage: Angenommen, CERN hat dieses Higgs-Boson Teilchen gefunden, welche theologischen Implikationen hat das?

Vielen Dank,

T.C.

United States

Prof. Craigs Antwort


A

Die Reaktion Ihrer atheistischen Freunde auf die Entdeckung, T.C., gibt beredtes Zeugnis für den bedauernswerten Zustand der wissenschaftlichen Bildung in unserem Land, der von professionellen Wissenschaftlern häufig beklagt wurde.

Ohne das Fest verderben zu wollen, muss ich sagen, dass diese beeindruckende Leistung, soweit ich erkennen kann, einfach keinerlei theologische Implikationen irgendeiner direkten Art hat. Das Higgs-Boson-Teilchen ist das letzte empirisch bestätigte Partikel, das durch das Standardmodell der Teilchenphysik postuliert wurde. Das Standardmodell postuliert verschiedene subatomare Grundpartikel wie Quarks, Elektronen, Photonen und Ähnliches, um drei Grundkräfte der Natur, nämlich die starken, die schwachen und die elektromagnetischen Kräfte zu erklären. Die vierte Naturkraft, die Gravität, wird in dem Standardmodell ausgelassen.

Eines der theoretischen Partikel in dem Standardmodell ist eine Art von Partikel, genannt ein Boson, das für einen felddurchdringenden Raum verantwortlich ist, welcher die Masse verschiedener anderer Teilchen bestimmt, die sich durch den Raum bewegen. Beispielsweise hat das Photon eine Nullmasse, wohingegen das Elektron eine kleine Masse hat. Dieses Teilchen wurde Higgs-Boson genannt, nach Peter Higgs, dem Physiker, der dessen Existenz voraussagte, und das entsprechende Feld das Higgs-Feld.

Weil das Higgs-Boson so schnell zerfällt und eine solch außerordentlich hohe Energie für seine Erschaffung fordert, brauchte es viel Zeit, Einsatz und Geld, um schließlich die empirische Bestätigung dafür zu liefern, dass das Standardmodell mit seiner Postulierung eines solchen Partikels korrekt war. Es ist einer dieser wunderbaren Fälle in der Wissenschaft, wo theoretische Vorhersagen durch experimentelle Wissenschaftler als korrekt nachgewiesen werden konnten.

Ich denke, Sie können erkennen, dass diese Bestätigung einfach keinerlei theologische Bedeutung hat, außer in einem indirekten Sinn (z. B. ein Zeugnis für die mathematische Ordnung und Schönheit der Natur). Insbesondere verändert es nichts in Bezug auf kosmologische Argumente für den Anfang des Universums oder teleologische Argumente in Bezug auf die Feinabstimmung des Universums, da diese Argumente von der Annahme ausgegangen sind, dass das Standardmodell der Teilchenphysik korrekt ist (- zumindest soweit es reicht! Wir brauchen immer noch eine große vereinheitlichte Theorie [GUT], um die Physik des Universums vor dem Auftreten der starken, schwachen und elektromagnetischen Kräfte als getrennter Kräfte nachzuweisen. Und noch davor brauchen wir eine Quantengravitätstheorie, eine sogenannte Weltenformel, um die Gravitationskraft mit einzubeziehen. Wir haben noch keine von beiden.) Alles, was fehlte, war die empirische Bestätigung des Standardmodells in Bezug auf das Higgs-Boson Teilchen. Nun haben wir diese offenbar; umso besser! Nichts hat sich verändert.

Der gegenteilige Eindruck, den Ihre Freunde offenbar teilen, wurde zweifellos durch die Bezeichnung „Gottesteilchen“ erweckt, den Leon Ledermann dem Higgs-Boson 1993 in seinem Buch Das Gottesteilchen gab. Einige scheinen zu denken, das Higgs-Boson nähme den Platz Gottes ein. Lederman nannte es jedoch aus zwei Gründen das „Gottesteilchen“: (1) wie Gott liegt dieses Teilchen jedem existierenden physikalischen Objekt zu Grunde; und (2) wie Gott ist dieses Teilchen sehr schwer zu entdecken!

Mir gefällt Ledermanns Nomenklatur wirklich, denn sie beleuchtet zwei Aspekte der Existenz Gottes. Erstens, dass Er die Welt in ihrem Dasein bewahrt, und zweitens, die Verborgenheit Gottes. In Bezug auf den ersten Aspekt hat Gott, laut christlicher Theologie, nicht nur das Universum ins Dasein gebracht, sondern Er erhält es Augenblick um Augenblick im Dasein. Würde Er Seine erhaltende Kraft zurückziehen, würde das Universum augenblicklich vernichtet. Gleicherweise würde, auf physikalischer Ebene, ohne das Higgs-Boson-Teilchen nichts Masse besitzen und das Universum wäre ohne physikalische Objekte. (Übrigens, keine Angst, dass das Higgs-Boson Gott bei der Erhaltung des Universums ersetzt, denn das Higgs Boson ist selbst ein kontingentes Teilchen, das beinahe so schnell zerfällt, wie es sich bildet. Somit existiert es nicht notwendigerweise, und das Higgs-Boson und das Higgs-Feld selbst sind Produkte des Urknalls und somit nicht-notwendig und nicht-ewig.)

In Bezug auf den zweiten Punkt ist es ein wesentlicher Bestandteil des Problems des Übels, dass Gott verborgen ist. Er ist nicht nur unentdeckbar für die fünf Sinne, da er kein physikalisches Objekt ist, sondern Er scheint manchmal auch auf frustrierende Weise abwesend, wenn wir Ihn am meisten brauchen. Aber die Lektion aus dem Higgs-Boson lautet, dass physikalische Unentdeckbarkeit kein Beweis für Nicht-Existenz ist, und dass etwas objektiv da und real sein kann, sogar alles durchdringend gegenwärtig, selbst wenn wir keinen direkten Beweis für seine Gegenwart haben. Nur, weil man vielleicht nicht erkennen kann, dass Gottes Hand am Werk ist, wenn man leidet, bedeutet das nicht, dass Gott nicht in dieser Situation gegenwärtig und aktiv wäre. Higgs Boson ist eine nette Erinnerung an diese Merkmale der Existenz Gottes.

Es ist eine Schande, dass Atheisten, die wenig Verständnis von Wissenschaft oder Theologie haben, sich über etwas freuen sollten, das nicht passiert ist und dabei das verpassen, was an dieser triumphalen Entdeckung menschlichen Verstandes wirklich Grund zum Feiern ist.

(Übers.: B. Currlin)

Link to the original article in English: /writings/question-answer/higgs-boson-discovered

- William Lane Craig