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05 / 06

#181

July 26, 2018
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

könnten Sie bitte folgende Aussagen von Stephen Hawking kommentieren? Er wird aus seinem neuen Buch mit folgenden Worten zitiert: „Weil es ein Gesetz wie die Gravitation gibt, kann und wird das Universum sich selbst aus nichts erschaffen. Spontane Schöpfung ist der Grund, warum es etwas und nicht einfach nichts gibt, warum das Universum existiert, warum wir existieren“ und: „Es ist nicht nötig, sich auf Gott zu berufen, um das blaue Zündpapier zu entfachen und das Universum in Gang zu setzen.“

Wenn es in der theistischen Philosophie eine solche Revolution gibt wie durch die von Ihnen vertretenen Argumente für den Ursprung des Universums, wie können Physiker dann solche Behauptungen aufstellen? Zeigt dies nicht, dass theistische Argumente im gegenwärtigen Paradigma der Physik kaum Gewicht haben? 

Danke,

Matthew

Australia

Prof. Craigs Antwort


A

Ihre Frage ist nur eine unter vielen ähnlichen Fragen, die wir in der letzten Zeit über das neue Buch The Grand Design[1] von Stephen Hawking und Leonard Mlodinow erhalten haben. In Frage der Woche #180 habe ich die Implikationen ihrer Theorien für das kalām-kosmologische Argument und das Argument der Feinabstimmung des Universums, die für einen Schöpfer und Designer des Universums sprechen, erörtert. An dieser Stelle, Andrew, möchte ich Ihre Frage „Wenn es in der theistischen Philosophie eine solche Revolution gibt wie durch die von Ihnen vertretenen Argumente für den Ursprung des Universums, wie können Physiker dann solche Behauptungen aufstellen?“ zum Anlass nehmen, um ein zugrundeliegendes Thema zu erörtern, das in dem Buch angesprochen wird.

Hawking und Mlodinow eröffnen das Buch The Grand Design mit einer Reihe tiefer philosophischer Fragen: Was ist das Wesen der Wirklichkeit? Woher kam dies alles? Brauchte das Universum einen Schöpfer? Dann sagen sie dies:

"Traditionell sind das Fragen der Philosophie, aber die Philosophie ist tot. Sie hat mit den neueren Entwicklungen in der Naturwissenschaft, vor allem in der Physik, nicht Schritt gehalten. Jetzt sind es die Naturwissenschaftler, die mit ihren Entdeckungen die Suche nach Erkenntnis voranbringen." (S. 5)

Ein professioneller Philosoph kann über die Unverschämtheit und Überheblichkeit einer solchen Aussage nur den Kopf schütteln. Zwei Wissenschaftler, die allem Anschein nach mit Philosophie wenig vertraut sind, finden sich bereit, eine ganze Fachrichtung für tot zu erklären und die Kollegen ihrer eigenen philosophischen Fakultät am Cal Tech und an der Universität Cambridge zu beleidigen – von denen viele, wie Michael Redhead und D.H. Mellor, herausragende Wissenschaftsphilosophen sind –, weil sie angeblich nicht Schritt gehalten haben. Ich kann mich nur wundern, welche Belege unsere leichtfertigen Verfasser für die angeblich nachhinkende wissenschaftliche Erkenntnis von Herrn Redhead haben, um ein solches Urteil zu fällen? Leider sagen sie darüber nichts.

Ein professioneller Philosoph wird ihr Urteil nicht nur für arrogant, sondern auch für außerordentlich naiv halten. Wer behauptet, keine Philosophie zu brauchen, neigt am ehesten dazu, sich in ihr zu täuschen. Man mag deshalb vermuten, dass Mlodinow und Hawking ihre anschließende Darlegung der von ihnen bevorzugten Theorien durch eine Fülle ungeprüfter philosophischer Annahmen untermauern werden. Diese Erwartung bestätigt sich tatsächlich. So liefern sie für ihre Behauptungen über den Ursprung des Universums aus „nichts“ oder über die Viele-Welten-Hypothese zur Erklärung der Feinabstimmung oder für ihre Behauptungen über die Naturgesetze, die Möglichkeit von Wundern, den wissenschaftlichen Determinismus und die Illusion des freien Willens nur eine äußerst dünne Rechtfertigung und lassen wenig Einsicht in die entsprechenden philosophischen Fragen erkennen.

Nehmen wir zum Beispiel ihre Überlegungen zu den Naturgesetzen (S. 27-34). Nachdem sie die philosophische Schwierigkeit eingeräumt haben, genau zu definieren, was ein Naturgesetz ist, stellen sie anschließend drei Fragen über Naturgesetze: 1) Was ist der Ursprung der Gesetze? 2) Gibt es bei diesen Gesetzen irgendwelche Ausnahmen, das heißt, Wunder? 3) Gibt es nur eine Reihe möglicher Gesetze?

Zu 1) erklären sie, dass nach der traditionellen Antwort Gott die Naturgesetze festlegte. Hawking und Mlodinow erheben den Vorwurf, dass diese Antwort, sofern man Gott nicht gewisse Attribute verleiht, nicht mehr bedeutet, als zu definieren, dass Gott die Verkörperung der Naturgesetze ist. Ich finde diesen Vorwurf sehr verwunderlich. Da die klassischen Theisten, an die sie denken (darunter Descartes, dessen Auffassung sie falsch wiedergeben), der Meinung waren, dass die Naturgesetze dem freien Willen Gottes entspringen, konnte Gott nicht einfach die Verkörperung dieser Gesetze sein, da Gott auch ganz andere Gesetze hätte festlegen können. Was Mlodinow und Hawking beschreiben, ist die Auffassung von Spinoza, einem Pantheisten, der „Gott“ und „Natur“ als synonym betrachtete. Natürlich gingen klassische Theisten davon aus, dass Gott gewisse Attribute hat, die Ihn von der Natur unterscheiden; dies ergibt sich von selbst aus der These, dass Gott die Naturgesetze festlegte.

Hawking und Mlodinow scheinen die Kohärenz dieser Antwort anzuerkennen, aber sie denken, dass der „eigentliche Knackpunkt“ mit 2) zusammenhängt: Gibt es Wunder? Hawking und Mlodinow denken offenbar, dass eine verneinende Antwort auf 2) eine theistische Antwort auf 1) in Frage stellt. Wenn sie das meinen, dann ist diese Behauptung überhaupt nicht nachvollziehbar. Angenommen, man ist Deist und denkt, dass Gott, nachdem er das Uhrwerk des Universums in Gang gesetzt hat, den Entschluss fasst, nicht mehr darin einzugreifen? In diesem Fall gibt es überhaupt keinen Widerspruch, 1) mit „Gott“ und 2) mit „nein“ zu  beantworten.

So oder so: Warum ist 2) zu verneinen? Es ist unglaublich, dass Hawking und Mlodinow der Meinung sind, dass die Wissenschaft dies verlangt:

"Der wissenschaftliche Determinismus, den Laplace formulierte, ist die Antwort des modernen Wissenschaftlers auf Frage Zwei. Tatsächlich ist er die Grundlage aller modernen Wissenschaft und ein Grundsatz, der in diesem ganzen Buch wichtig ist. Ein wissenschaftliches Gesetz ist kein wissenschaftliches Gesetz, wenn es nur dann gilt, wenn ein übernatürliches Wesen beschließt, nicht einzugreifen." (S. 30)

Dieses Argument ist in mehrfacher Hinsicht verfehlt. Erstens ist falsch, dass der Determinismus von Laplace die Grundlage der modernen Wissenschaft ist. Abgesehen von den Scharen theistischer Wissenschaftler, die die Realität von Wundern bekräftigen, gibt es viele Wissenschaftler – darunter Hawking und Mlodinow selbst (S. 72) –, welche die Indeterminiertheit, die für die Quantenphysik charakteristisch ist, als ontisch [die Realität selber betreffend] und nicht nur als epistemisch [unsere Erkenntnis der Realität betreffend; Anm. d. Übers.] betrachten. Wenn die Natur selbst indeterminiert ist, dann hat der Determinismus von Laplace, einem Newtonianer, keine Gültigkeit. Selbst eine vollständige Menge von Naturgesetzen wird die Zukunft nicht vollständig determinieren. Man kann sich leicht die verschiedensten Möglichkeiten denken, wie die Indeterminiertheit auf der Quanten-Ebene so ausgeweitet wird, dass sie makroskopische Veränderungen in der Welt nach sich zieht. (Ich erinnere mich an die amüsante Illustration eines Physikstudenten, der sich im Labor verspätet, weil er auf den Zerfall eines radioaktiven Isotops wartet und infolgedessen im Flur eine junge Frau trifft, in die er sich verliebt und die er später heiratet!) Es ist verwunderlich, dass Hawking und Mlodinow den Widerspruch übersehen, wenn sie sowohl den Determinismus von Laplace als auch den Quantenindeterminismus vertreten.

Zweitens verwechseln Hawking und Mlodinow Determinismus mit Naturalismus. Quanten-Indeterminiertheit ist der positive Beweis, dass die moderne Wissenschaft nicht auf Determinismus beruht. Ihr Argument gegen die Intervention eines übernatürlichen Wesens ist ein Argument für den Naturalismus, nicht für den Determinismus. Quanten-Indeterminiertheit ist akzeptabel, weil sie naturalistisch ist, während Wunder einen übernatürlichen Akteur voraussetzen. Aber dann ist ihre Behauptung, dass wissenschaftliche Gesetze keine Gesetze wären, wenn sie nur dann gültig sind, wenn ein übernatürliches Wesen beschließt, nicht einzugreifen, eindeutig falsch. Die Naturgesetze beschreiben das Verhalten physikalischer Systeme in Abwesenheit irgendeiner übernatürlichen Intervention. Würde ein übernatürlicher Akteur eingreifen, wären auf den Gesetzen basierende Voraussagen gerade deshalb nicht gültig, weil nicht-natürliche Faktoren ins Spiel gekommen sind, die von den Gesetzen nicht berücksichtigt wurden. Die Gesetze haben also implizite ceteris paribus Bedingungen: Sie beschreiben das Verhalten physikalischer Systeme unter der Voraussetzung, dass kein übernatürlicher Akteur interveniert. Wenn ein solches Wesen tatsächlich interveniert, wird das Naturgesetz nicht aufgehoben, da es das Verhalten des Systems nur unter der Voraussetzung beschreibt, dass ein solches Wesen nicht interveniert.

Was Hawking und Mlodinow vielleicht wirklich sagen wollen ist, dass die Wissenschaft den Naturalismus voraussetzen muss, um durchführbar zu sein. Aber in diesem Fall haben sie es versäumt, zwischen methodischem Naturalismus und metaphysischem Naturalismus zu unterscheiden. Ihr Argument würde bestenfalls zeigen, dass die Wissenschaft methodologisch verpflichtet ist, nur Hypothesen zu behandeln, die natürliche Ursachen postulieren; aber dies würde in keiner Weise eine verneinende Antwort auf 2) rechtfertigen, also dass es keine Wunder gibt. Und selbst die Frage der wissenschaftlichen Verpflichtung zu einem methodologischen Naturalismus ist selbst keine wissenschaftliche Frage, sondern eine philosophische Frage über das Wesen der Wissenschaft.

Hawking und Mlodinow begeben sich in noch tiefere philosophische Wasser, wenn sie anschließend argumentieren, dass weil Menschen im Universum leben und mit anderen Objekten darin interagieren, „der wissenschaftliche Determinismus auch für Menschen gelten muss“ (S. 30). Somit sind wir „nicht mehr als biologische Maschinen und ... der freie Wille ist nur eine Illusion“ (S. 32). Das ist eine sehr schwache Begründung. Ich sehe keinen Grund zu denken, dass ein mit Willensfreiheit ausgestattetes Geschöpf nicht räumlich-zeitlich existieren und auf andere Objekte einwirken und ein Einwirken durch andere Objekte erfahren könnte; wie lautet also das Argument dagegen? Hawking und Mlodinow fragen: „Wenn wir angeblich einen freien Willen haben, an welcher Stelle der Evolutionsgeschichte sollte er sich denn entwickelt haben?“ Wenn das ein Argument sein soll, dann gibt es darin mindestens zwei Fehler. Erstens hängt meine Willensfreiheit nicht davon ab, ob ich konkretisieren kann, an welcher Stelle des Evolutionsprozesses Organismen erstmals Willensfreiheit erlangt haben. Zweitens könnte der freie Wille doch entstanden sein, sobald das menschliche Gehirn genügend Komplexität erlangt hatte, um ein sich seiner selbst bewusstes, rationales Denken zu ermöglichen. Wo liegt also das Problem?

Mlodinow und Hawking argumentieren auch, dass der freie Wille illusorisch ist, weil Neurochirurgen das menschliche Gehirn so stimulieren können, dass die Absicht geweckt wird, Gliedmaßen oder die Lippen zu bewegen. Der Fehlschluss ist hier der Gedanke: Da man durch Intervention deterministisch eine Wirkung auslösen kann, geschieht die auftretende Wirkung auch in Abwesenheit einer solchen Intervention deterministisch. Die bloße Tatsache, dass ein Neurochirurg mein Gehirn so stimulieren kann, dass ich meinen Arm bewegen möchte, bedeutet offensichtlich nicht, dass ich nicht zu anderen Gelegenheiten meinen Arm frei bewege oder bewegen kann.

Das sind die einzigen Argumente für den Determinismus, die Mlodinow und Hawking präsentieren, und sie gehen auf keines der Argumente gegen den Determinismus ein. Ich frage mich zum Beispiel, warum sie überhaupt denken, dass irgendetwas, was sie in ihrem Buch sagen, wahr ist, da sie – aus ihrer Sicht – dazu determiniert wurden, es zu schreiben. Alles, was sie sagen, ist das Produkt blinder physikalischer Ursachen, wie das Hervorsprudeln von Wasser aus einem Rohr oder das Wachsen eines Zweiges aus einem Baumstamm. Welche Gewissheit können sie haben, dass irgendetwas von dem, was sie gesagt haben, wahr ist – einschließlich ihrer Behauptung, dass der Determinismus wahr ist?

Mlodinow und Hawking warten mit ihrer Erörterung zu Frage 3) über die Einzigkeit der Naturgesetze bis zu ihrer Behandlung des Design-Arguments aufgrund der Feinabstimmung des Universums für intelligentes Leben. Da ich ihre Erörterung zu 3) letzte Woche kommentiert habe, werden ich davon absehen, mich hier zu wiederholen. Aber ich schätze, es ist klar, dass Mlodinow und Hawking – wie zu erwarten war – offensichtlich bis zum Hals mitten in philosophischen Fragen stecken.

Was man vielleicht nicht erwartet ist, dass Hawking und Mlodinow – nachdem sie den Tod der Philosophie verkündet haben – sich anschließend sofort selbst in eine philosophische Diskussion über den wissenschaftlichen Realismus versus den Antirealismus stürzen! Das erste Drittel ihres Buchs handelt überhaupt nicht von aktuellen wissenschaftlichen Theorien, sondern ist eine Abhandlung über die Geschichte und Philosophie der Wissenschaft. Für mich war dieser Abschnitt der interessanteste und verblüffendste des ganzen Buchs.

Lassen Sie mich das erklären. Nachdem ich einen Montagnachmittag eingeplant hatte, um das Buch von Hawking und Mlodinow zu lesen, verbrachte ich den Vormittag damit, einen Fachartikel aus Blackwells Contemporary Debates in Metaphysics durchzuarbeiten, der sich mit einem philosophischen Standpunkt befasst, der als ontologischer Pluralismus bekannt ist. Der ontologische Pluralismus ist eine Auffassung in einer Teildisziplin der Philosophie, deren Name wie gestottert klingt: Meta-Metaphysik oder, wie sie manchmal genannt wird, Meta-Ontologie. Das ist Philosophie der abstraktesten Art. Ontologie beschäftigt sich mit dem Sein oder dem, was existiert – dem Wesen der Wirklichkeit. Meta-Ontologie geht noch einen Schritt darüber hinaus: Sie fragt, ob ontologische Streitfragen sinnvoll sind und wie man sie am besten lösen kann.

Der ontologische Pluralismus behauptet, dass es eigentlich keine richtige Antwort auf viele ontologische Fragen gibt (wie etwa: „Existieren zusammengesetzte Objekte?“) Nach Auffassung des ontologischen Pluralisten gibt es einfach verschiedene Arten, die Wirklichkeit zu beschreiben, und keine davon ist korrekter oder zutreffender als die andere. Es gibt buchstäblich überhaupt keinen faktischen Grund, diese Fragen zu beantworten. Wenn man also fragen würde: „Gibt es so etwas wie den Mond?“, würde der ontologische Pluralist sagen, dass es für diese Frage keine objektive Antwort gibt. Es ist nicht wahr, dass der Mond existiert, und es ist nicht wahr, dass der Mond nicht existiert. Es gibt einfach keinen faktischen Sinn in der Frage, ob es so etwas wie den Mond gibt. Der ontologische Pluralismus ist also eine radikale Auffassung, die von einer Handvoll Philosophen verteidigt wird.

Stellen Sie sich deshalb meine große Überraschung vor, als ich feststellte, dass Hawking und Mlodinow sich den ontologischen Pluralismus (ohne sich der Bezeichnung bewusst zu sein) als ihre Wissenschaftsphilosophie zu eigen machen. Sie bezeichnen ihre Auffassung als „modellabhängigen Realismus“. Ihre Sicht ist tatsächlich sogar noch radikaler als der ontologische Pluralismus, denn nach Hawking und Mlodinow gilt er nicht nur für abstrakte ontologische Streitfragen, sondern für unser gesamtes Verständnis der Welt. Sie erklären:

„... Unser Gehirn interpretiert die Eingaben unserer Sinnesorgane, indem es ein Modell der Welt erstellt. Wenn ein solches Modell Ereignisse erfolgreich erklärt, neigen wir dazu, ihm – und den Elementen und Konzepten, die es konstituieren – die Qualität der Wirklichkeit oder absoluten Wahrheit zuzuschreiben. Aber es kann verschiedene Arten geben, ein Modell derselben physikalischen Situation zu erstellen, das jeweils andere fundamentale Elemente und Konzepte verwendet. Wenn zwei solche physikalischen Theorien oder Modelle dieselben Ereignisse genau voraussagen, kann nicht gesagt werden, dass das eine realer ist als das andere; vielmehr steht es uns frei, dasjenige Modell zu verwenden, das uns am meisten zusagt. “ (S. 7)

Nach dieser Auffassung scheint ein Modell eine (zumindest teilweise) unbewusste Art und Weise zu sein, Sinneswahrnehmungen zu organisieren, die sich durch wissenschaftliches Theoretisieren verfeinern lassen. Wir kommen nie dahin zu wissen, wie die Welt ist; alles, was wir erreichen, sind mehr oder weniger geeignete Arten und Weisen, unsere Wahrnehmungen zu organisieren. Ein solcher Skeptizismus wäre schlimm genug; aber die Sache ist noch schlimmer. Denn diese verschiedenen Modelle sind nicht – nicht einmal ohne unser Wissen – mehr oder weniger genaue Annäherungen an die Realität. Es gibt vielmehr gar keine objektive Realität, der unsere Modelle mehr oder weniger genau entsprechen. Dies ist ein voll entfalteter ontologischer Pluralismus.

Mlodinow und Hawking sind somit extreme Antirealisten. Nun versuchen sie, ihre Auffassung von einem wissenschaftlichen Antirealismus abzugrenzen, indem sie letzteren als die Auffassung definieren, dass „Beobachtung und Experiment sinnvoll sind, dass Theorien aber nicht mehr sind als nützliche Instrumente, die keine tieferen, den beobachteten Phänomenen zugrundeliegenden Wahrheiten verkörpern“ (S. 44). Doch was Hawking und Mlodinow hier beschreiben, ist kein wissenschaftlicher Antirealismus sondern Positivismus, eine Wissenschaftsphilosophie, die in den 1930er und 1940er Jahren verbreitet war. Der Positivismus erwies sich als unhaltbar, zum Teil wegen seiner künstlichen Unterscheidung zwischen Beobachtungsaussagen und theoretischen Aussagen. Aber der Antirealismus hängt nicht vom Positivismus ab. Hawking und Mlodinow sind noch antirealistischer als die Positivisten, denn sie leugnen nicht nur, dass theoretische Aussagen objektive Wahrheit über die Welt ausdrücken, sondern sie leugnen dies auch bei Beobachtungsaussagen, da selbst die Beobachtung modellabhängig ist. Auch hier ist das, was sie leugnen, nicht einfach das Wissen, wie die Welt ist, sondern sie leugnen, dass es da überhaupt eine objektive Welt gibt, die man erkennen kann.

Wie ernst es ihnen mit ihrem Antirealismus ist, zeigt sich an ihren Beispielen. Wenn ein Goldfisch, der die Welt durch eine Glaskugel betrachtet, ein Modell formulieren könnte, das ihn befähigt, erfolgreiche Voraussagen zu machen, dann „müssten wir zugeben, dass die Auffassung des Goldfisches ein gültiges Bild der Realität ist“ (S. 38). Das ptolemäische geometrische Modell der Welt war genauso adäquat wie das heliozentrische Modell von Kopernikus. „Was also ist real, das ptolemäische oder das kopernikanische System? Auch wenn es nicht unüblich ist zu sagen, dass Kopernikus Ptolemäus widerlegte, ist das nicht wahr“ (S. 41). Hier ist der Punkt nicht, dass Kopernikus keine ausreichenden Belege hatte, sondern dass keine der beiden Theorien objektiv wahr ist. Bei der Gegenüberstellung der kreationistischen Theorie einer jungen Erde und der Theorie des Urknalls behaupten Hawking und Mlodinow, die Theorie des Urknalls sei zwar „nützlicher“, aber nichtsdestoweniger „könnten wir nicht sagen, das eine sei realer als das andere“ (Seite 51)!

Man kann sich nur wundern, welches Argument man anführen könnte, um eine so radikale Auffassung zu rechtfertigen. Alles, was Mlodinow und Hawking zu bieten haben, ist die Tatsache, dass wir, wenn wir sozusagen Bewohner einer virtuellen Wirklichkeit wären, die von außerirdischen Wesen beherrscht würde, keine Möglichkeit hätten zu erkennen, dass wir uns in der simulierten Welt befinden, und deshalb auch keinen Grund hätten, an ihrer Wirklichkeit zu zweifeln (S. 42). Das Problem bei dieser Art von Argument ist, dass es die Möglichkeit nicht ausschließt, dass wir in diesem Fall zwei konkurrierende Modelle der Welt haben – das der Außerirdischen und unseres – und dass eines der Modelle wahr und das andere falsch ist, auch wenn wir nicht erkennen können, welches das eine und welches das andere ist.

Außerdem setzt die Tatsache, dass unsere Beobachtungen modellabhängig oder theorielastig sind, nicht voraus, dass wir keine Kenntnis über die Beschaffenheit der Welt haben können (und schon gar nicht, dass es keine bestimmte Beschaffenheit der Welt gibt). Zum Beispiel würde ein Laie beim Betreten eines wissenschaftlichen Labors vielleicht ein technisches Gerät auf dem Labortisch liegen sehen, aber er würde es nicht als Interferometer erkennen, da ihm das theoretische Wissen fehlt, es als solches zu erkennen. Ein Höhlenmensch, der das Labor betritt, würde nicht einmal wahrnehmen, dass ein technisches Gerät auf dem Tisch liegt, da er keine Vorstellung von technischen Geräten hat. Aber das ändert nichts an der objektiven Wahrheit der Beobachtung des Labortechnikers, dass ein Interferometer auf dem Tisch liegt.

Mlodinow und Hawking geben sich nicht mal mit dem ontologischen Pluralismus zufrieden und geraten vollends in die Schieflage, wenn sie erklären: „Es gibt keinen modellunabhängigen Test der Wirklichkeit. Daraus folgt, dass ein gut konstruiertes Modell eine eigene Realität schafft“ (S. 172). Dies ist eine Behauptung der ontologischen Relativität, der Ansicht, dass die Realität selbst sich für Personen, die verschiedene Modelle haben, unterscheidet. Wenn man Fred Hoyle ist, hat das Universum tatsächlich ewig in einem konstanten Zustand existiert; aber wenn man Stephen Hawking ist, hat das Universum wirklich mit einem Urknall begonnen. Wenn man der antike Arzt Galenos ist, zirkuliert tatsächlich kein Blut durch den menschlichen Körper; wenn man aber William Harvey ist, tut es das! Eine solche Auffassung erscheint verrückt und wird nur noch unsinniger, wenn Mlodinow und Hawking behaupten, das Modell selbst sei dafür verantwortlich, seine jeweilige Realität geschaffen zu haben. Es erübrigt sich eigentlich zu sagen, dass eine solche Schlussfolgerung gar nicht aus der These folgt, dasss es keinen modellunabhängigen Test für die Beschaffenheit der Welt gibt.

Wie immer wir ihre Argumente auch beurteilen, das Entscheidende ist, dass Hawking und Mlodinow trotz ihrer Behauptung, als wissenschaftliche Fackelträger des Wissens zu reden, Philosophie betreiben. Die wichtigsten Schlussfolgerungen, die sie in ihrem Buch ziehen, sind philosophisch, nicht wissenschaftlich. Warum erklären sie dann die Philosophie für tot und behaupten, als Wissenschaftler die Fackel der Entdeckung zu tragen? Ganz einfach: weil ihnen das erlaubt, ihr amateurhaftes Philosophieren mit dem Nimbus wissenschaftlicher Autorität zu umgeben und so der harten Arbeit zu entgehen, Argumente für ihre philosophischen Standpunkte zu präsentieren, statt sie nur zu behaupten.

Die Antwort auf Ihre Frage, Matthew, hat Albert Einstein schon längst gegeben, als er bemerkte: „Der Naturwissenschaftler ist ein schlechter Philosoph.“ Das Buch von Hawking und Mlodinow ist eine Bestätigung für Einsteins Scharfsinn.

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English:

/hawking-and-mlodinow-philosophical-undertakers

 

[1]                Stephen Hawking und Leonard Mlodinow, The Grand Design, New York 2010, S. 5. Die deutsche Ausgabe erschien 2010 unter dem Titel Der große Entwurf: Eine neue Erklärung des Universums. Rowohlt 2011.

- William Lane Craig