#167
February 15, 2019Sehr geehrter Prof. Craig,
in Ihrem Podcast „Religiöse Erfahrung: subjektiv oder objektiv?“ sagen Sie, dass ein Mormone, da er kein „echtes“ Zeugnis des Heiligen Geistes hat, unter dem Gewicht anderer objektiver, verifizierbarer Beweise irgendwann seine Zuversicht verlieren wird. Er wird schließlich erkennen, dass er sich getäuscht hat.
Ich denke, ich folge Ihrer Logik, wenn ich davon ausgehe, dass an dieser Stelle der Konflikt zwischen Christen und Mormonen an solchen „anderen Beweisen“ hängt, die unverkennbar positiv für die christliche Weltanschauung und abträglich für die Auffassung der Mormonen sind.
Ich habe aber noch Schwierigkeiten zu sehen, wie dies mit Ihrer Position zu vereinbaren ist, dass ein Zeugnis des Heiligen Geistes einen objektiven Beweis übertrumpfen kann, wie Sie es in Ihrer Antwort auf Frage der Woche #68 erwähnen. Ich verstehe, dass „verfügbare Beweise“ nach Ort und Zeit verschieden sind, doch während dies dem Christen erlaubt, angesichts „verfügbarer Beweise“ für das Gegenteil dennoch Christ zu bleiben, erlaubt es nicht im Gegenzug auch dem Mormonen, ehrlicherweise Mormone zu bleiben, indem er dieselbe Philosophie zitiert?
Wenn der Evidentialismus also nicht notwendig ist – und ich würde zustimmen, dass er es nicht ist, – wie kann dann ein Christ und ein Mormone in der einen oder anderen Richtung überhaupt an Boden gewinnen? Beide würden glauben, dass ihr Zeugnis des Geistes authentisch ist, und beide würden behaupten, dass Indizien und Argumente ihre Erfahrung nicht letztlich aushebeln können, da unsere Erkenntnisfähigkeit begrenzt ist. In dem erwähnten Podcast nannten Sie als Analogie Flaschen, die laut Etikett Wasser enthalten. Sie sagten, wenn nur eine der Flaschen Wasser enthält und die übrigen Gift, dann wird die Wahrheit der korrekt etikettierten Flasche in keiner Weise durch die falsche Etikettierung der anderen Flaschen geschmälert. Doch woher weiß die Person mit dem Gift (dem fälschlichen Zeugnis), dass sie kein Wasser hat, wenn sie nur auf ihre Erfahrung hört und davon unabhängige Argumente oder Indizien nicht beachtet? Und wie kann die Person mit dem H2O (dem wirklichen Heiligen Geist) wissen, dass sie keine falsch etikettierte Flasche hat? Ist die echte Wasserflasche unverkennbar, wenn man aus ihr trinkt? Wenn ja, muss ich dann den Schluss ziehen, dass der Mormone lügt oder sich einfach irrt, wenn er sich darauf beruft, dass sein Zeugnis echt ist? Kann dieses Argument nicht auch von einem Mormonen gegen einen Christen verwendet werden, der sich seiner eigenen Erfahrung gewiss ist, die richtig etikettierte Flasche oder das Wasser zu haben? Ich verstehe, dass ein Argument, nur weil es umkehrbar ist, die Wahrhaftigkeit der richtigen Anwendung nicht aufhebt, aber würde es nicht die Nützlichkeit einer solchen Anwendung ausschließen?
Danke für alles, was Sie tun,
Paul
Afghanistan
Prof. Craigs Antwort
A
Es hat sich als außerordentlich schwierig erwiesen, mein Verständnis darüber zu vermitteln, was berechtigterweise basale Überzeugungen bestimmter christlicher Glaubenssätze sind, die durch das Zeugnis des Heiligen Geistes begründet sind. Ihre Frage bezieht sich auf einen Christen, der das Zeugnis des Heiligen Geistes Gottes erfährt und mit einem Mormonen konfrontiert wird, der behauptet, eine ähnliche selbst-beglaubigende Gotteserfahrung (ein „Brennen im Herzen“) für das Mormonentum zu haben. Beim Umgang mit dieser Frage, Paul, ist es wichtig, zwischen dem Wissen, dass das Christentum wahr ist, und dem Zeigen, dass das Christentum wahr ist, zu unterscheiden.
In Bezug auf das Wissen, dass das Christentum wahr ist, habe ich geschrieben:
„Doch inwiefern ist die Tatsache, dass andere Personen behaupten, ein sich selbst beglaubigendes Zeugnis des Geistes Gottes zu haben, dafür relevant, dass ich die Wahrheit des Christentums durch das Zeugnis des Heiligen Geistes kenne? Die Existenz eines authentischen und einzigartigen Zeugnisses des Heiligen Geistes schließt nicht aus, dass es fälschliche Behauptungen eines solchen Zeugnisses gibt. Wie kann dann die Existenz fälschlicher Berufungen auf das Zeugnis des Heiligen Geistes über die Wahrheit einer nichtchristlichen Religion logisch in irgendeiner Weise die Tatsache untergraben, dass der christliche Gläubige tatsächlich das authentische Zeugnis des Geistes besitzt? Warum sollte ich mir meine Freude und Heilsgewissheit rauben lassen, nur weil irgendjemand sich – aufrichtig oder unaufrichtig – fälschlich auf das Zeugnis des Geistes beruft? Wenn ein Mormone oder ein Muslim irrtümlich behauptet, in seinem Herzen das Zeugnis des Geistes Gottes zu erfahren, untergräbt dies in keiner Weise die Wahrhaftigkeit meiner Erfahrung." (Reasonable Faith, S. 49)
Die Analogie der Flaschen, die alle das Etikett H2O tragen, obwohl nur eine davon tatsächlich Wasser enthält, ist für diesen Punkt relevant. Die Falschheit der anderen Etiketten untergräbt in keiner Weise die Wahrheit des Etiketts auf der Flasche, die das Wasser enthält. Sie fragen: „Wie kann die Person mit dem H2O (dem wirklichen Heiligen Geist) wissen, dass sie keine falsch etikettierte Flasche hat? Ist die Erfahrung der echten Wasserflasche unverkennbar? Wenn ja, muss ich dann den Schluss ziehen, dass der Mormone lügt oder sich einfach irrt, wenn er sich darauf beruft, dass sein Zeugnis echt ist?“ Die Antwort ist, dass das Zeugnis des Heiligen Geistes unverwechselbar (wenn auch nicht unbestreitbar) für denjenigen ist, der es hat und darauf achthat. Derjenige, der es hat, sollte tatsächlich den Schluss ziehen, dass der Mormone lügt oder – wohlwollender – aufrichtig irrt. Der Mormone wurde wahrscheinlich durch eine fälschliche Erfahrung fehlgeleitet, und die Irrtümlichkeit seiner Erfahrung sollte Sie nicht veranlassen, an der Wahrhaftigkeit Ihrer Erfahrung zu zweifeln.
Sie fragen: „Kann dieses Argument nicht auch von einem Mormonen gegen einen Christen verwendet werden, der sich seiner eigenen Erfahrung gewiss ist, die richtig etikettierte Flasche oder das Wasser zu haben?“ Natürlich kann der Mormone dies sagen; er kann jedes Argument benutzen, das ihm beliebt. Aber das bedeutet nicht, dass seine Erfahrung wahrhaftig wäre oder mir irgendeinen Grund gäbe, an meiner Erfahrung zu zweifeln. Ich denke, das ist Ihnen bewusst, denn Sie sagen dann: „Ich verstehe, dass ein Argument, nur weil es umkehrbar ist, die Wahrhaftigkeit der richtigen Anwendung nicht aufhebt.“ „Aber“, so fügen Sie hinzu, „würde es nicht die Nützlichkeit einer solchen Anwendung ausschließen?“ Ah, nützlich wozu? Ihm zu zeigen, dass das Christentum wahr ist? Dann geht es also darum, zu zeigen, dass Ihr Glaube wahr ist, nicht darum, selber zu wissen, dass Ihr Glaube wahr ist. Wenden wir uns also diesem Thema zu.
In Bezug auf das Zeigen, dass Ihr Glaube wahr ist, habe ich geschrieben:
„Auch wenn ich durch das Zeugnis des Heiligen Geistes persönlich weiß, dass das Christentum wahr ist, wie kann ich einer anderen Person demonstrieren, dass das, was ich glaube, wahr ist?
Betrachten Sie noch einmal den Fall des Christen, der einem Anhänger irgendeiner anderen Weltreligion gegenübersteht, welcher ebenfalls behauptet, eine sich selbst beglaubigende Gotteserfahrung zu haben. William Alston weist darauf hin, dass diese Situation, wenn man sie isoliert betrachtet, zu einem epistemischen Patt führt.[1] Denn keiner der beiden weiß, wie er den anderen davon überzeugen kann, dass er allein eine wahrheitsgemäße Erfahrung hat, statt sich zu täuschen. Dieses Patt untergräbt die Rationalität des Glaubens des Christen nicht, denn selbst wenn sein Prozess der Glaubensbildung noch so verlässlich ist, gibt es keine Möglichkeit für einen Beweis, der nicht ein Zirkelschluss wäre. Deshalb wird durch seine Unfähigkeit, einen entsprechenden Beweis zu erbringen, die Rationalität seines Glaubens nicht aufgehoben. Doch wenn er auch rational ist, indem er seinen christlichen Glauben behält, weiß der Christ in einer solchen Situation aber keinen Rat, wenn es darum geht, seinem nicht-christlichen Freund zu zeigen, dass sein Glaube richtig und der seines Freundes falsch ist.
Wie kommt man aus dieser Sackgasse heraus? Alston antwortet, dass der Christ alles daran setzen sollte, eine gemeinsame Grundlage zu finden, auf der sich die entscheidenden Unterschiede zwischen den rivalisierenden Ansichten beurteilen lassen, und auf eine nicht-zirkuläre Weise zu zeigen, welche der beiden Ansichten richtig ist. Wenn der Christ anhand von Überlegungen, denen beide Seiten zustimmen –wie Sinneswahrnehmung, selbstevidente rationale Einsichten, und Überlegungen des gesunden Menschenverstandes – zeigen kann, dass seine eigenen Glaubensüberzeugungen wahr und die seines nicht-christlichen Freundes falsch sind, dann ist es ihm gelungen zu zeigen, dass der Christ sich in der epistemisch besseren Position befindet, um die Wahrheit über diese Fragen zu erkennen. Sobald Apologetik ins Spiel kommen darf, wird der objektive Unterschied zwischen ihren epistemischen Situationen entscheidend, denn da der Nicht-Christ nur denkt, dass er eine sich selbst beglaubigende Gotteserfahrung hat, was in Wirklichkeit nicht der Fall ist, kann die Kraft der Indizien und Argumente – durch Gottes Gnade – seine falsche Gewissheit über die Wahrheit seines Glaubens aufbrechen und ihn überzeugen, seinen Glauben auf Christus zu setzen." (Reasonable Faith, S. 51).
Beachten Sie meine Formulierung: Die Indizien und Beweise, die Sie präsentieren, können (nicht: werden) seine falsche Gewissheit über die Wahrheit seines Glaubens aufbrechen.
Sie fragen, inwiefern diese Position mit meiner Aussage zu vereinbaren ist, „dass ein Zeugnis des Heiligen Geistes objektive Indizien übertrumpfen kann“. Sie stimmt genau damit überein, wenn Sie sich bewusst machen, dass Sie zu der Frage zurückkommen, woher ich weiß, dass das Christentum wahr ist. Meine Kenntnis der Wahrheit des Christentums wird zwar durch starke Indizien gestützt, hängt aber letztlich nicht von diesen Argumenten sondern vom Zeugnis Gottes selbst ab. Wenn ich also einem gut vorbereiteten und wortgewandten Mormonen gegenüber stehe, der meine Argumente vom Tisch fegt und ein Argument für das Mormonentum vorbringt, das ich nicht erwidern kann, brauche ich nicht vom Glauben abzufallen, da ich das Zeugnis des Heiligen Geistes über die Wahrheit des Christentums habe und so erkenne, dass auch dann, wenn ich die Diskussion verloren habe, das Christentum nichtsdestoweniger die Wahrheit ist (und dass ich nächstes Mal besser vorbereitet sein muss!).
Sie entgegnen: „Während dies dem Christen erlaubt, auch trotz ‚verfügbarer Indizien‘ für das Gegenteil Christ zu bleiben, erlaubt es nicht im Gegenzug auch dem Mormonen, ehrlicherweise Mormone zu bleiben, indem er dieselbe Philosophie zitiert?“ Das richtige Wort hier ist „berechtigterweise“ (oder noch genauer „gerechtfertigterweise“), nicht „ehrlicherweise“, da wir die Aufrichtigkeit des Mormonen nicht bestreiten. Und die Antwort ist: Nein, er kann nicht berechtigterweise durch die Berufung auf seine Erfahrung Mormone bleiben, da er nicht wirklich ein echtes Zeugnis des Heiligen Geistes hat, sondern nur eine fälschliche Erfahrung. Natürlich erkennt er dies vielleicht nicht und beruft sich so auf seine Erfahrung als Grundlage für die Ablehnung Ihrer Beweisführung (genau das geschieht meist tatsächlich bei Mormonen!), aber Ihre Hoffnung und Ihr Gebet sollten sein, dass die Indizien und Argumente ihn veranlassen werden, zu zweifeln und sich für das echte Zeugnis des Heiligen Geistes zu öffnen.
„Wie“, fragen Sie nun, „kann dann ein Christ und ein Mormone in der einen oder anderen Richtung überhaupt an Boden gewinnen? Beide würden glauben, dass ihr Zeugnis des Geistes authentisch ist, und beide würden behaupten, dass Indizien und Argumente ihre Erfahrung nicht letztlich aushebeln können, da unsere Erkenntnisfähigkeit begrenzt ist.“ Ja, beide stellen diese Behauptung auf; aber die Behauptungen des Mormonen sind falsch; er hat kein sich selbst beglaubigendes Zeugnis des Heiligen Geistes für die Wahrheit des Mormonentums und wird deshalb unter der Kraft der Beweise vielleicht anfangen zu zweifeln und zu suchen. Auf diese Weise wird ein Fortschritt erzielt.
(Übers.: M. Wilczek)
Link to the original article in English:
/counterfeit-claims-to-the-witness-of-the-spirit
[1] William Alston, “Religious Diversity and Perceptual Knowledge of God,” Faith and Philosophy 5, no. 4 (1988): 44243.
- William Lane Craig