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#590 Enhypostasie und Neo-Apollinarianische Christologie

April 21, 2019
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich hoffe, es geht Ihnen gut! Ich schließe dieses Jahr mein Studium am Southeastern Baptist Theological Seminary in North Carolina ab und habe eine Frage über den/die essentiellen Unterschied(e) zwischen Ihrem Neo-Apollinarianismus und dem sogenannten „Prinzip der Enhypostasie“ des Theologen Leontius von Byzanz aus dem sechsten Jahrhundert – wenn es denn überhaupt einen echten Unterschied gibt. Für das Fach „Historische Theologie“ lese ich gerade Roger E. Olsons Buch „The Story of Christian Theology“ (1999), und in seiner Diskussion über die Reaktion der Kirche auf die Spannung im Streit zwischen Antiochien und Alexandria (über die Frage, ob Christus eine oder zwei Naturen hat), bemerkt Olson, dass Leontius von Byzanz dazu ernannt wurde „… Konferenzen führender orthodoxer Theologen einzuberufen und ihnen vorzustehen, um ein neues Konzept für die hypostatische Vereinigung herauszuarbeiten, die völlig im Einklang mit dem Bekenntnis von Chalcedon stehen und die Lücke zwischen moderaten Monophysitern und Dyophysitern schließen würde“ (244).

Da die Monophysiter auf der einen Seite die dyophysitische Lehre für problematisch befanden, nach der zwei Naturen zu haben irgendwie bedeutet, dass Christus zwei „Hypostasen“ (oder persönliche Identitäten) hatte – ausgehend von der Annahme, dass jede „Natur“ ihre eigene „Hypostase“ haben muss – und die Dyophysiter auf der anderen Seite die monophysitische Christologie für problematisch befanden, nach der Jesus nicht ganz Mensch war (beruhend auf der Annahme der damaligen Christen, dass der menschliche Körper ohne „Hypostase“ „anhypostatisch“ oder unpersonal und damit nicht wirklich menschlich war), schreibt Olson, dass Leontius im Gegensatz hierzu alternativ „argumentierte, dass eine Natur – selbst eine menschliche – nicht unbedingt eine eigene Hypostase haben muss, auch wenn sie ohne nicht existieren kann. Sie kann in eine andere ‚hypostasiert‘ werden. Mit anderen Worten: Für Leontius ‚war die menschliche Natur Christi nicht ohne Hypostase, sondern wurde in der Person des Logos hypostatisch [personalisiert].‘ Die menschliche Natur Christi – eine ganze und vollständige menschliche Natur – war an sich nicht anhypostatisch (unpersonal) noch personal, sondern enhypostatisch, d. h.‚ personalisiert in der Person eines anderen‘“ (245).

Olson schreibt dann auch über Leontius‘ Interpretation: „Auf dem zweiten Konzil von Konstantinopel im Jahr 553 wurde Leontius‘ Interpretation von Chalcedon allen erklärt, und alle Bischöfe mussten das Bekenntnis von Chalcedon neu bejahen. Das heißt, der Kaiser sagte ihnen Folgendes: „Wenn Sie nicht einsehen, dass diese neue Interpretation Ihre Einwände restlos beseitigt – seien sie pro-Antiochien oder pro-Alexandria – dann sind Sie stur und nicht würdig, Bischof der großen Kirche zu sein‘“ (247).

Entschuldigen sie meine ausführlichen Zitate von Olson, doch als ich seine Erklärung von Leontius‘ „Prinzip der Enhypostasie“ (PdE) las, drängten sich mir einige bemerkenswerte Ähnlichkeiten, wenn nicht sogar exakte Übereinstimmungen mit Ihrem heutigen philosophischen Modell des Neo-Apollinarianismus förmlich auf.

Meine Frage lautet also: Was sind die Unterschiede, wenn es denn welche gibt, zwischen dem NA und Leontius‘ PdE? Wenn es keine essentiellen Unterschiede gibt und da Leontius‘ Interpretation als eine/die legitime christologische Interpretation von Konstantinopel II übernommen wurde, beweist das dann die historische Orthodoxie des NA und infolgedessen, dass alle derzeitigen Vorwürfe der relativ unorthodoxen Natur des NA komplett nichtig sind? Ich interessiere mich seit längerem für den NA und habe seine Orthodoxie und Kohärenz schon mehrfach online verteidigt, doch wenn es keine essentiellen Unterschiede zwischen Ihrem philosophischen/christologischen Modell und dem von Leontius in Bezug auf die hypostatische Vereinigung gibt, dann scheint die Tatsache, dass es auf einem ökumenischen Konzil als eine orthodoxe Interpretation anerkannt wurde, die ganze Debatte zu beenden (zumindest in meinen Augen). Wie dem auch sei … ich schätze Ihre Arbeit sehr, Dr. Craig, und freue mich darauf zu hören, wo ich vielleicht etwas falsch verstanden habe!

Alles Gute

Adam
Vereinigte Staaten

United States

Prof. Craigs Antwort


A

Ich weiß noch, wie überrascht und erfreut ich war, als ich vor Jahren zum ersten Mal von Leontius‘ Lehre der Enhypostasie gehört habe. Sie schien wie geschaffen für meinen neo-apollinarianischen Vorschlag, nach dem die Seele Jesu Christi der göttliche Logos war. Dadurch wird klar, warum die individuelle menschliche Natur Jesu nicht alleine existieren kann. In Philosophical Foundations for a Christian Worldview habe ich in meinem Kapitel zur Inkarnation Folgendes dazu geschrieben:

Dieser zweite Punkt meiner Christologie erhellt eine Lehre, die implizit im chalcedonischen Bekenntnis enthalten ist und später Enhypostasie genannt wurde. Diese von Leontius von Byzanz (485-543) entwickelte Lehre besagt, dass Christi individuelle menschliche Natur, das Körper-Seele-Kompositum, das Jesus von Nazareth ausmachte, nicht ihre eigene Hypostase hatte, d. h., sie subsistierte nicht alleine, sondern wurde erst in ihrer Vereinigung mit dem Logos hypostatisch. Monophysiter behaupteten: Wenn Christus zwei individuelle Naturen hatte, dann hätte jede von ihnen ihre eigene Hypostase, womit die Einheit der Person Christi zerstört würde. Leontius stimmte den Monophysitern darin zu, dass eine individuelle Natur ohne eine Hypostase unmöglich ist, doch er entkam der nestorianischen Schlussfolgerung der zwei Hypostasen, indem er eine enhypostatische menschliche Natur in Christus postulierte, d. h. eine Natur, die ihre Subsistenz von einer anderen empfängt. Im Fall Christi existiert die Hypostase des göttlichen Logos bereits vor der Inkarnation und exemplifiziert dann auch die menschliche Natur. Die individuelle menschliche Natur Christi superveniert zur individuellen göttlichen Natur des Logos. Die zwei Naturen Christi besitzen nicht zwei separate Hypostasen, sondern haben eine gemeinsame Hypostase. Die Hypostase der menschlichen Natur und die göttliche Person sind identisch. Somit ist keine der individuellen Naturen ohne Hypostase, und keine besitzt eine ihr eigene Hypostase, sondern sie haben ein und dieselbe Hypostase, die genau genommen dem göttlichen Logos gehört, der zweiten Person der Trinität.“

„Wenn die Enhypostasie mit unserem apollinarianischen Vorschlag kombiniert wird, haben wir eine einleuchtende Erklärung dafür, wie Christus eine gänzlich menschliche Natur und eine gänzlich göttliche Natur haben und dennoch eine Person sein kann. Denn der Logos ist sowohl die Hypostase, die als subsistierender Eigenschaftsträger für jede abstrakte Arten-Natur dient, als auch die Person, die das sich seiner selbst bewusste Ego beider individuellen Naturen ist. Ohne diese apollinarianische Erkenntnis bleibt die Lehre der Enhypostasie ein Mysterium und evtl. inkohärent. Im gegenwärtigen Vorschlag komplettiert der Logos die individuelle menschliche Natur Christi, indem er ihr eine rationale Seele verleiht, die der Logos selbst ist. Der beträchtliche theologische Vorteil hiervon ist, dass die Möglichkeit ausgeschlossen wird, dass der Logos einfach irgendeine menschliche Natur hätte annehmen können, sodass Ronald Reagan oder sogar J.P. Moreland der Sohn Gottes hätte sein können. Die individuelle menschliche Natur, die der Mann Jesus von Nazareth ist, hätte nicht ohne ihre Vereinigung mit dem Logos existieren können, und wenn der Logos sich mit dem Körper von, sagen wir, J. P. Moreland vereinigt hätte, dann wäre die daraus resultierende Person nicht J.P. Moreland, sondern jemand anders, der bloß wie er aussehen würde.“

(Welch ein Spaß es war, J.P. Moreland als Beispiel für den Sohn Gottes zu verwenden!)

Nun, was Ihre Frage „Was sind die Unterschiede, wenn es denn welche gibt, zwischen dem NA und Leontius‘ PdE?“ angeht, würde ich sagen, dass Leontius‘ Enhypostasie einen nicht zu der Ansicht verpflichtet, dass Jesu Seele der Logos ist. Leontius bietet, soweit ich weiß, keine Erklärung dafür an, warum Jesu menschliche Natur enhypostatisch ist. Die Stärke meines Vorschlags liegt darin, dass er für diese sonst mysteriöse Tatsche eine Erklärung liefert. Der Grund dafür, dass Jesu menschliche Natur nur in der Vereinigung mit dem Logos hypostatisch wird, ist der, dass der Logos die individuelle menschliche Natur Christi genau um das Element bereichert (nämlich um eine rationale Seele), das sie komplettiert. Mein Vorschlag meidet auch die sehr ungünstige Implikation, dass Jesu individuelle menschliche Natur eine menschliche Person hätte sein können, wenn sie nicht vom Logos übernommen worden wäre, und dass J.P. Moreland der göttliche Sohn Gottes hätte sein können, wenn stattdessen seine Natur übernommen worden wäre.

Die Enhypostasie schafft es also leider (Gottes) nicht, „die historische Orthodoxie des NA und infolgedessen, dass alle derzeitigen Vorwürfe der relativ unorthodoxen Natur des NA komplett nichtig sind, zu beweisen“, da Enhypostasie nicht den Neo-Apollinarianismus mit sich bringt, der Neo-Apollinarianismus aber die Enhypostasie. Doch meiner Meinung nach bleibt demjenigen, der die Enhypostasie vertritt und den Neo-Apollonarianismus ablehnt, nur eine explanatorisch mangelhafte christologische Theorie, da eine anhypostatische menschliche Natur zugegebenermaßen unmöglich ist und kein Grund dafür angeführt wird, warum Christi menschliche Natur nur in der Vereinigung mit dem Logos hypostatisch wird.

William Lane Craig

(Übers.: J. Booker)

Link to the original article in English: https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/enhypostasia-and-neo-apollinarian-christology

- William Lane Craig