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July 15, 2018Sehr geehrter Prof. Craig,
meine Frage betrifft die göttliche Gerechtigkeit. Sie beschreiben Gott als essenziell freundlich, fair und erbarmungsvoll, aber ich kann nicht verstehen, wie seine Gerechtigkeit durch Szenarien wie dem Folgenden veranschaulicht werden kann:
Nehmen wir an, ein Serienmörder wie Jeffrey Dahmer erfreut sich eines Lebensstils, in dem er Menschen aus Spaß quält, tötet und kannibalisch verzehrt. Er wird schließlich gefangen und kommt ins Gefängnis. Im Gefängnis wird er ein wiedergeborener Christ und erhält Absolution für alle diese Sünden. Er wird dann getötet und kommt in den Himmel, da allein der Akt der Umkehr zum christlichen Glauben ihn von allen vorherigen Fehltaten reinigt. Einige seiner Opfer waren jedoch keine Christen, als sie ermordet wurden, und kommen darum, wenn sie sterben, in die Hölle. So werden die Opfer des Mörders nicht nur in dieser Welt gequält und getötet, sie werden zur Hölle geschickt, um dort noch mehr gequält zu werden, doch nun für immer, während ihr Mörder sich im Himmel des ewigen Friedens erfreut.
Ich habe noch nie einen Christen gefunden, der mir erklären konnte, wie dieses obige Szenario nicht nur das Werk einer „vollkommenen“ und „allliebenden“ Gottheit sein kann, sondern ein Beispiel der vollkommenen Gerechtigkeit, das wohl nicht durch irgendeine Generation von Menschen, der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft verbessert werden könnte. In anderen Worten, wenn der Gott der Bibel inhärent vollkommen, erbarmend und gerecht ist, warum würde er dann erlauben, dass ein Serienmörder in den Himmel kommt, aber seine Opfer ewig in der Hölle leiden, wenn das einzige, was sie voneinander trennt (abgesehen von der Tatsache, dass Opfer niemals Menschen gequält und getötet haben) die Bekehrung des Mörders kurz vor seinem Tod zum christlichen Glauben ist?
Der Einwand, den ich habe, lautet, dass dies kein Akt vollkommener Gerechtigkeit ist und dass der christliche Gott nur als vollkommen, freundlich, fair, erbarmend usw. definiert wird, was für mich nur ein Spiel mit Worten ist, da seine Taten eine andere Sprache sprechen. Die einzige Antwort, die zu hören mir noch fehlt, ist die, dass wir ja alle die Hölle verdienten und nur diejenigen, die sich Gott unterwerfen, Barmherzigkeit erlangen, selbst, wenn sie Serienmörder sind. So muss ich Sie fragen, mit allem angemessenen Respekt, ob Sie wirklich mit dieser Vorstellung von Gerechtigkeit übereinstimmen, die es einem sadistischen Serienmörder erlauben würde, ungeschoren vom göttlichen Gericht davon zu kommen, während seine Opfer, die um ihr Leben flehten und erbarmungslos ermordet wurden, nun noch schlimmer gequält werden, alldieweil ihre Schreie um Barmherzigkeit für alle Ewigkeit unbeantwortet bleiben werden?
Danke für Ihre Zeit.
Mike
United States
Prof. Craigs Antwort
A
Ihre Frage ist eine Frage, die tiefe Emotionen aufwühlt, Mike. Da sie diese leidenschaftslos gestellt haben, wofür ich Sie lobe, bitte ich Sie, ebenso leidenschaftslos über meine Antwort nachzudenken.
Ich denke, Ihre Frage beruht auf einem grundlegenden Missverständnis des christlichen Glaubens. Viele, wenn nicht die meisten Menschen glauben, dass das Christentum die Errettung von Sünde und ewiger Trennung von Gott als eine Folge von etwas lehrt, was wir tun- zum Beispiel, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst oder anderen dasselbe zu tun, was wir uns von ihnen wünschen, oder an Jesus zu glauben – als Folge davon belohnt uns Gott mit Vergebung und ewigem Leben. Das ist eine furchtbare Fehleinschätzung.
Was der biblische christliche Glaube lehrt, ist, wie der große protestantische Reformator Martin Luther nach Jahren vergeblichen Ringens um Gottes Wohlgefallen erkannte, dass Errettung allein durch Gottes Gnade geschieht. Das bedeutet, Gottes unverdiente Gunst. Es gibt nichts, was wir tun können, um Gottes Vergebung und ewiges Leben zu verdienen. Die Bibel sagt, all unsere Gerechtigkeit ist wie ein schmutziges Kleid im Vergleich zu Gottes ehrfurchtgebietender Heiligkeit. Niemand könnte vor Gott stehen und mit Recht sagen: „Ich verdiene Deine Gunst, ich habe Vergebung verdient und ich habe das ewige Leben verdient!“ Was dies impliziert ist, wäre Gott vollkommen gerecht und das das Ende der Geschichte, dann wäre jeder Mensch verloren. Vor einem heiligen Gott von absoluter und kompromissloser Gerechtigkeit zu stehen, würde jeden von uns zu Fall bringen.
Deshalb beginnt Ihre Frage gleich von Anfang an auf dem falschen Fuß: Sie stellen die Frage in den Rahmen der Frage nach der Gerechtigkeit. Aber Gerechtigkeit würde schlicht und einfach die Verdammnis jedes moralisch verantwortlichen menschlichen Wesens bedeuten. Wenn Gott sich entscheiden würde, überhaupt irgendjemanden zu erretten, dann wäre das Erbarmen seinerseits. Diejenigen, die verurteilt würden, könnten sich nicht darüber beklagen, dass sie ungerecht bestraft wurden, denn sie bekommen, was sie verdient haben.
Es gibt eine fesselnde Szene in Alexander Dumas´ Roman “Der Graf von Monte Christo”, in welcher der Graf einen von zwei verurteilten Gefangenen vor der Hinrichtung errettet. Der andere Gefangene, der sieht, wie sein Mitgefangener freigelassen wird, beginnt plötzlich, zu schreien und zu kämpfen. Er ruft, dass er auch freigelassen werden sollte, dass der andere Gefangene nicht weniger schuldig sei als er selbst, dass es unfair sei, den einen frei zu lassen und ihn sterben zu lassen. Er wird zum Richtblock geführt und hingerichtet. Der Graf bemerkt, wie seltsam es sei, dass der Mann, solange sein Mitmensch gemeinsam mit ihm verurteilt wurde, seine Hinrichtung akzeptierte, weil er erkannte, dass er die Strafe verdient hatte. Aber sobald man dem Anderen Gnade erwies, begann er plötzlich, nach Gerechtigkeit zu verlangen, als ob er es nicht länger verdiente zu sterben.
Wir verdienen es zu sterben. Das ist vollkommene Gerechtigkeit. Wenn Gott irgendjemand errettet, ist das eine Manifestation seines Erbarmens.
Somit ist das Problem nicht wirklich ein Problem der Gerechtigkeit. Es ist vielmehr ein Problem der Liebe. Die Bibel sagt, Gott ist genauso liebend, wie er auch heilig ist. Wie Seine Gerechtigkeit aus Seiner Heiligkeit fließt, so fließt Sein Erbarmen aus Seiner Liebe. Da Er liebend ist, will Er so viele Menschen retten, wie Er kann. Die Bibel sagt: „Denn Gott will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1 Tim 2,4). Insbesondere sagt die Bibel, dass Gott kein Wohlgefallen am Tode des Gottlosen hat, sondern will, dass der Gottlose sich zu Ihm bekehrt und lebt (Hesekiel 8,23).
Wie kann Gott dann also sowohl gerecht als auch vollkommend liebend sein? Wie kann Er Erbarmen zeigen, ohne Kompromisse mit seiner Gerechtigkeit einzugehen? Wie kann Er Gerechtigkeit zeigen, ohne Kompromisse mit Seiner Liebe einzugehen? Beide gehören essenziell zu Seiner Natur. Bei beiden kann er keine Zugeständnisse machen. Seine Heiligkeit fordert Gerechtigkeit, Gericht über die Sünde, das zurecht verdient wurde. Seine Liebe erfordert Erbarmen, Vergebung und Begnadigung des Schuldigen. Was tut Gott in diesem Dilemma?
Die Antwort ist Jesus Christus. Er ist die Erfüllung von Gottes Erbarmen und Gerechtigkeit. Sie treffen sich am Kreuz: die Heiligkeit und die Liebe Gottes. Am Kreuz erkennen wir die Gerechtigkeit Gottes, da Christus die Strafe für Sünde trägt, die wir verdienten. Aber wir sehen auch Gottes Liebe, da Er in der zweiten Person der Trinität freiwillig Sein Leben für uns niederlegt. Christus ist die Verkörperung von Gottes Gerechtigkeit und Erbarmen.
“Was machst du mit diesem Jesus?“ wird somit zu der größten Frage unseres Lebens. In Ihm findest du Gottes Gnade und unverdiente Vergebung. Alles, was wir tun können, ist, dankbar die Gabe der Gnade Gottes annehmen. Wenn Sie Ihn ablehnen, dann greifen Sie auf Gottes Gerechtigkeit zurück, und Er muss Ihnen geben, was Sie verdienen.
So lassen Sie uns diese Prinzipien auf den Fall von Jeffrey Dahmer anwenden. Vollkommene Gerechtigkeit hätte diesen Mann zur ewigen Verdammnis verurteilt. Aber Gott liebt ihn und will ihn erretten. Christus ist für seine Sünden gestorben. In dem Szenario, das Sie beschreiben, erkennt dieser Mann das Böse seiner Wege und wendet sich an Gott in aufrichtiger Buße über alles, was er getan hat. Nun, was wäre das für ein Gott, der seinen aufrichtigen Schrei nach Vergebung verweigern würde? Solch ein Gott wäre nicht liebend und barmherzig! Gewiss, ein liebender Gott würde sich freuen, dass jemand, der so verloren ist, den Irrtum seiner Wege einsieht und sich an Ihn um Vergebung wendet.
So können wir den Fall Dahmer beiseitelegen. Wir sind uns alle darin einig, dass ein wirklich liebender Gott ihm vergeben und ihn erretten würde. Dahmer in die Geschichte zu bringen, ist ein fremdes Element, das keine Auswirkung auf Gottes Umgang mit jemand anderem hat.
Nun wenden wir uns dem Fall seiner Opfer zu. Genau dieselben Prinzipien treffen zu. Sie verdienen nicht Gottes Vergebung. Wenn Gott ihnen vollkommene Gerechtigkeit gäbe, wären sie alle verloren. Aber Gott liebt sie und will so viele erretten, wie Er kann, ohne ihren freien Willen zu verletzen. Diejenigen, die Seine Gnade annehmen, werden errettet werden. Diejenigen, die sie ablehnen, werden, was tragisch ist, verloren sein. Die furchtbare Tragödie des Unglaubens, so denke ich, ist die, dass manche Menschen, die ein furchtbares Los in ihrem Leben hatten, ihr Elend dadurch vergrößern, dass sie den Gott, der sie liebt und der ihre einzige Hoffnung auf Glück ist, ablehnen. Der Fall der Ungläubigen ist tragisch, furchtbar tragisch! Aber es ist eine Tragödie, die sie selbst über sich bringen, indem sie die Gnade und Liebe Gottes ablehnen.
Nun ist es natürlich verlockend, Ihre Geschichte durch das Hinzufügen von Elementen auszuschmücken, z. B.: „Was, wenn einige nie das Evangelium gehört hatten?“ „Was, wenn einige nur ein verdrehtes Evangelium gehört haben?“ „Was, wenn einige Kinder waren oder geistig behindert?“ Aber dann wären das die Fragen, die es zu stellen gilt, Fragen über die Vorsehung Gottes, die ich an anderer Stelle aus einer Perspektive des mittleren Wissens zu beantworten versucht habe. Diese sind separate Fragen, die ihr eigenes Recht haben. Aber Ihre Frage wirft kein spezielles Problem auf, zumindest intellektuell gesprochen. Ihre Kraft ist rein emotional, entstanden aus der zugegeben tragischen Situation, die Sie beschreiben.
Nun ist Ihre Schwierigkeit vielleicht, Mike, nicht Gottes vermeintlich unterschiedlicher Umgang mit den beteiligten Menschen (ich hoffe, erklärt zu haben, dass sie nicht unterschiedlich behandelt werden), sondern vielmehr, dass das gesamte üble Szenario von Gott nicht hätte aktualisiert werden dürfen. Gott sollte eine für ihn andere mögliche Welt gewählt haben, die dieses Szenario nicht beinhaltete. Aber das ist schlicht das alte Problem des Übels.
Was Sie nachweisen müssten, ist, dass es eine andere Welt freier Akteure gibt, die für Gott möglich ist, in der genauso viel Gutes erreicht wird, einschließlich der Errettung von Menschen, wie in dieser Welt, aber ohne Szenarios wie diesem von Ihnen erdachten. Das ist reine Vermutung. Ich denke, Sie können verstehen, warum ich sage, dies ist ein emotionales Problem, nicht ein intellektuelles Problem.
So lassen Sie mich etwas spezifischer auf Ihre Fragen eingehen:
Wie kann das obige Szenario nicht nur das Werk einer „vollkommenen“ und „allliebenden“ Gottheit sein, sondern ein Beispiel vollkommener Gerechtigkeit, das wohl nicht zu verbessern wäre durch irgendeine Generation von Menschen der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft? Gott ist in diesem Szenario sowohl vollkommen gerecht und vollkommen liebend, denn keine Sünde bleibt ohne Strafe und Seine Gnade wird frei allen angeboten, die sie annehmen würden. Sie scheinen zu denken, dass das von Ihnen beschriebene Szenario einseitig von Gott bewirkt ist. Dem stimme ich nicht zu. Es sind verschiedene freie Akteure beteiligt, deren Entscheidungen respektiert werden müssen, und das Szenario ist eine komplexe Überschneidung aus den freien Wahlen dieser Akteure.
Gott wird so viele dieser Menschen retten, wie Er kann, ohne ihren freien Willen zu verletzen. Niemand behauptet, dies sei ein Beispiel vollkommener Gerechtigkeit, das wohl nicht durch irgendeine Generation von Menschen verbessert werden kann. Es wäre leicht, diese Situation dadurch zu verbessern, dass sich alle diese Menschen frei an Gott um Errettung wenden. Aber Gott tut alles, was Er kann, um so viele wie möglich zu erretten, ihre freien Wahlen vorausgesetzt.
Warum würde Gott erlauben, dass ein Serienmörder in den Himmel kommt, aber seinen Opfern, ewig in der Hölle zu leiden, wenn das Einzige, was sie voneinander unterscheidet die Bekehrung des Mörders zum christlichen Glauben im Gefängnis kurz vor seinem Tode ist? Ein allliebender Gott würde sich nicht weigern, einem Serienmörder, der aufrichtige Buße tut und sich an Gott um Vergebung wendet, zu vergeben. Gleicherweise wird Gott jedes der Opfer retten, das seine Sünden bereut und Ihm für seine Rettung vertraut. Die Errettung jeder Person liegt in ihrer eigenen Hand.
Stimme ich wirklich mit der Vorstellung von Gerechtigkeit überein, die es einem sadistischen Serienmörder erlauben würde, ungeschoren von göttlichem Gericht davonzukommen, während seine Opfer, die um ihr Leben flehten und erbarmungslos ermordet wurden, nun noch schlimmer gequält werden, während all ihr Flehen um Barmherzigkeit für alle Ewigkeit unbeantwortet bleibt? Diese Frage ist abwertend gestellt. Natürlich, ich denke, dass Gott bereitwillig und freudig einem Serienmörder vergeben würde, der umkehrt und sich an Ihn um Vergebung wendet! Absolut!
Aber es ist nicht so, dass es kein göttliches Gericht für seine Sünden gäbe. Es gibt ein göttliches Gericht für die Sünden des Serienmörders, aber es wurde von Christus getragen. Was diejenigen der Opfer des Mörders anbetrifft, welche die Gnade Gottes in ihrem Leben abgelehnt haben, sie haben frei gewählt, jeder Bemühung Gottes, sie zu erretten, zu widerstehen und haben sich so, im Gegensatz zu Seinem Willen, selbst von ihm für immer getrennt. Ich erkenne keinerlei Grund für die Annahme, wie Sie es sich vorstellen, dass die Verdammten in der Hölle Gott um Barmherzigkeit anflehen. Im Gegenteil, mein Verständnis der Schrift legt nahe, dass die Verdammten noch verhärteter werden und noch unerbittlicher in ihrem Hass gegen Gott aufgrund Seines Gerichtes über sie (Offenbarung 16, 11.21).
Mike, ich konnte nicht umhin, festzustellen, dass Sie nicht die Christen widerlegen, die Ihnen sagten, dass wir alle die Hölle verdienen, aber dass Gottes Gnade allen zur Verfügung steht, die sie frei annehmen. Sie lehnen lediglich ihre Antwort ab. Aber dann ist das Problem emotional und nicht intellektuell.
(Übers.: B. Currlin)
Link to the original article in English: /writings/question-answer/a-question-of-justice
- William Lane Craig