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#97

February 3, 2019
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Hallo. Ich heiße Martin. Ich komme aus Quebec und habe vor kurzem einen Ihrer Vorträge (Dieu existe-t-il?) in Quebec besucht. Ich hätte dort gerne mit Ihnen darüber gesprochen, aber die zeitlichen Einschränkungen und die Sprachbarriere haben mich daran gehindert. Ich hoffe, dass dieses Schreiben Sie erreicht.

Ich wollte sagen, dass ich einige Ihrer Argumente fehlerhaft fand – z. B. ist die Aussage „Atheist zu sein, heißt, Vergewaltigungen zu billigen“ ein lehrbuchmäßiger Strohmann, und Sie wissen genauso gut wie ich, dass jeder denkende Mensch, ob Atheist oder nicht, versteht, warum Vergewaltigungen in der modernen Gesellschaft nicht akzeptabel sind. Atheist zu sein, heißt nicht, dass man Hedonist ist, und ich finde es armselig, dass ich Sie daran erinnern muss. Menschen aufgrund ihrer Überzeugungen zu verteufeln, ist wohl kaum eine Position, die Sie vertreten sollten.

Übrigens: Wenn Sie kein Problem damit haben, Atheisten mit Vergewaltigungen zu assoziieren, sollten Sie wissen, dass katholische Priester und Vergewaltigungen viel einfacher miteinander zu assoziieren sind.

Einen Raum voller halbinteressierter Leute mit Zahlen zu den extrem unwahrscheinlichen Bedingungen zu beeindrucken, die die Existenz des Lebens ermöglichen, ist schön und gut – doch das ganze anthropische Prinzip mit einer einzigen schlechten Analogie wegzuwischen, ist es nicht. Und wenn Sie etwas erklären wollen, sagen Sie bitte nicht: „Sie haben nicht das nötige Wissen, um das zu verstehen, und es ist kompliziert.“ Das ist überhaupt kein überzeugendes Argument. Arbeiten Sie daran.

Nietzsches Worte zu verdrehen, um Ihre Argumente zu stützen, war wirklich unterste Schublade, wie ich finde. Einen bekannten Philosophen zu nennen, drei seiner Worte zu zitieren und dann zu sagen, dass diese Person Ihr Argument stützt, ist kein guter Weg, Menschen für sich zu gewinnen. Wenn Sie Nietzsche das nächste Mal erwähnen, tun Sie das bitte im Kontext absoluter, objektiver moralischer Werte. Ich hoffe, ich sage Ihnen nichts Neues, wenn ich Nietzsche wie folgt zitiere: „Alles ist der Interpretation unterworfen. Welche Interpretation sich zu einer gegebenen Zeit durchsetzt, ist eine Funktion der Macht, nicht der Wahrheit.“Auch seine zahlreichen Zitate über den Glauben sollten Ihnen bekannt sein, oder auch Zitate wie: „Ihr habt euren Weg. Ich habe meinen Weg. Den Weg nämlich, den korrekten Weg, und den einzigen Weg, den gibt es nicht.“ Die Nazis haben auch versucht, Nietzsches Werke selektiv zu benutzen, um Ihre Taten zu rechtfertigen. Reductio ad Hitlerum, womit Sie offenbar auch vertraut sind.

Der schwächste Punkt Ihres Vortrags war definitiv Ihr letzter „Beweis“: „Wenn Sie Gott suchen, wird er sich Ihnen offenbaren.“ Auf einen Schlag gewähren Sie Gott eine Ausrede dafür, dass er sich den Menschen nicht manifestiert, indem Sie ihnen sagen, sie müssen einfach „stärker glauben“, und decken Ihren Beweis mit wertloser anekdotischer Evidenz („Mir ist das passiert! Und meinem Cousin auch!“), wobei Sie einfach Fehlschlüsse wie den Bestätigungsfehler in Kauf nehmen, indem Sie auf die alte Leier zurückfallen: „Es ist einfach eine Frage des Glaubens. Wenn Sie glauben, dass etwas ein Werk Gottes ist, dann ist es das.“ Ich kann nicht fassen, wie jemand wie Sie den Glauben extrem gut dokumentierten psychologischen Prinzipien vorziehen kann.

Vielleicht finden Sie diese Information über die Korrelation zwischen Religiösität und Intelligenz interessant: Mensa Magazine, GB-Ausgabe, Feb. 2002, S. 1213. Bell analysiert hier 43 seit 1927 durchgeführte Studien und kommt zu dem Ergebnis, dass 39 davon eine derartige Korrelation feststellen, und er schließt daraus: „Je höher jemandes Intelligenz oder Bildungsniveau, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass er religiös oder in irgendeiner Weise 'gläubig' ist.“ Ich bin kein Debattier-Experte, aber ich denke, die anekdotenhaften Belege, die Sie vorgebracht haben („Ich kenne viele schlauen Christen!“) sind wertlos, wenn man sie mit der Aussagekraft echter Studien vergleicht. Sehen Sie sich das doch einmal an.

Ich weise hier gar nicht erst auf die ganzen Schwächen Ihrer Argumente hin (Sie sagen z.B., dass es keine aktuale Unendlichkeit geben kann; aber dass Gott unendlich ist, sei plötzlich gar kein Problem) – sicher haben Sie diese Einwände immer wieder zu hören bekommen und perfekte, auswendig gelernte Antworten auf jeden einzelnen in petto – aber mich hat enttäuscht, dass Sie, wenn Sie unter Druck stehen, auf das unbesiegbare, gegen Logik immune Schild des „Glaubens“ zurückfallen (ich nehme an, Sie sind mit Nietzsches Werken vertraut: „Ein lockerer Spaziergang durch ein Irrenhaus zeigt, dass der Glaube nichts beweist“). Ich hatte einen wirklich interessanten und gut durchdachten Vortrag erwartet und war danach extrem enttäuscht.

Wenn Sie das hier lesen, was ich doch sehr hoffe, habe ich auch eine Frage für Sie: Warum (und ich bin mir sicher, Sie sind sich dessen bewusst) wird der Atheismus langsam immer mehr zum Mainstream, während religiöser Glaube ausstirbt? Hierauf hätte ich sehr gerne eine Antwort von Ihnen.

Zu guter Letzt: Ich hoffe aufrichtig, dass Gott nicht so schwach ist wie die Argumente für seine Existenz. Viel Glück noch.

P.S.: Sie sollten auch Ihre Powerpoint-Präsentationen verbessern: Fünf Folien sind noch keine Präsentation.
 

Afghanistan

Prof. Craigs Antwort


A

Wow, bin ich froh, von Ihnen zu hören! Ich weiß nicht, ob Sie auf dem Vortrag an der Universität von Montreal oder an der Universität Laval waren. Ich fand es sehr frustrierend, dass wir in Montreal fast keine Zeit für Fragen hatten, bevor wir den Saal für die nächste Unterrichtsstunde frei machen mussten. Ich möchte Studenten wie Sie zu Wort kommen lassen und Ihnen die Chance geben, ihre Einwände vorzubringen und/oder ihre Fragen zu stellen. An der Universität Laval hingegen gab es nach meinem 45-minütigen Vortrag noch eineinhalb Stunden, um Fragen zu stellen, und dank des Dolmetschers gab es auch keine Sprachbarriere.

Es überrascht mich jedes Mal aufs Neue, wie feindeslig und aufgeblasen zutiefst säkularisierte Bachelor-Studenten sind. Ihre Arroganz wird oft nur von ihrer Unwissenheit übertroffen. Martin, Ihr Schreiben stinkt nur so vor Überheblichkeit und Arroganz. (Nicht einmal meine Powerpoint-Folien – die lediglich die Prämissen jedes Argumentes darstellten, um das Verständnis und die Diskussion zu erleichtern – sind von Ihrer Kritik verschont geblieben!) Und dabei lassen sich Ihre Einwände so leicht beantworten.

Betrachten wir die Argumente in der Reihenfolge, in der Sie sie ansprechen. Zuerst das Moral-Argument:

1. Wenn Gott nicht existiert, existieren auch keine objektiv gültigen moralischen Werte.
2. Objektiv gültige moralische Werte existieren.
3. Also existiert Gott.

Ihre Antwort auf dieses Argument zeigt, dass Sie es einfach nicht verstanden haben. Sie scheinen zu denken, dass ich behauptet habe, dass Atheisten Vergewaltigungen billigen oder Hedonisten sind. Ich habe versucht, dieses häufig auftretende Missverständnis mit diesen Worten zu verhindern:

„Doch wir müssen hier sehr vorsichtig sein. Die Frage hier lautet nicht: „Müssen wir an Gott glauben, um ein moralisches Leben zu führen?“ Ich behaupte nicht, dass wir das müssen.
Die Frage lautet auch nicht: „Können wir objektive moralische Werte anerkennen, ohne an Gott zu glauben?“ Ich denke schon, dass wir das können.
Die Frage lautet vielmehr: „Wenn Gott nicht existiert, existieren dann objektive moralische Werte?““

Auch nach dem Lesen Ihrer Mail ist mir nicht ganz klar, welche Prämisse des Moral-Arguments Sie ablehnen. Wenn Sie sagen: „jeder denkende Mensch, ob Atheist oder nicht, versteht, warum Vergewaltigungen in der modernen Gesellschaft nicht akzeptabel sind“,   behaupten Sie damit nur, dass Vergewaltigungen in der modernen Gesellschaft als Folge soziobiologischen Drucks tabu sind? Oder denken Sie, wie ich auch, dass es objektiv falsch ist, wenn katholische Priester kleine Jungen vergewaltigen? Sind Sie sich im Klaren darüber, welche Prämisse des Arguments sie als falsch ansehen und warum?

Ich habe Nietzsche in dem Sinne zitiert, dass der Tod Gottes den Nihilismus impliziert. Das hat er geglaubt und gesagt. Sie flehen: „Wenn Sie Nietzsche das nächste Mal erwähnen, tun Sie das bitte im Kontext absoluter, objektiver moralischer Werte.“ Doch wie hätte ich mich denn noch deutlicher ausdrücken können, Martin? (Sehen Sie sich die schwer in Verruf geratene Powerpoint-Folie des Arguments an!) Ich habe definiert, was ich mit „objektiv“ meine, und habe dies veranschaulicht. Aus irgendeinem Grund haben Sie nur einfach nicht richtig zugehört.

Betrachten wir nun das Argument der Feinabstimmung des Universums:

1. Die Feinabstimmung des Universums ist entweder auf physikalische Notwendigkeit, Zufall oder Design zurückzuführen.
2. Sie ist nicht auf physikalische Notwendigkeit oder Zufall zurückzuführen.
3. Also ist sie auf Design zurückzuführen.

Sie werfen mir vor, in meiner Diskussion der Zufallsoption „das gesamte anthropische Prinzip abzutun“. Doch das anthropische Prinzip ist als Erklärung nutzlos, wenn es nicht mit einer Welt-Ensemble-Hypothese in Verbindung gebracht wird, Martin. Das zeigt Leslies Veranschaulichung mit dem Hinrichtungskommando. Warum raten Sie mir, nicht „Sie haben nicht das nötige Wissen, um das zu verstehen, und es ist kompliziert“ zu sagen? Sie wissen, dass ich so etwas nie gesagt habe. Ich habe die Welt-Ensemble- bzw. Multiversums-Hypothese erklärt und dann zwei Einwände dagegen vorgebracht, einschließlich der verheerenden Kritik von Roger Penrose. Oder tut Penrose Ihrer Ansicht nach das auch zu leicht ab?

Betrachten wir nun meine Behauptung, dass der Glaube an Gott für diejenigen, die ihn erfahren, berechtigterweise basal ist. Ich habe explizit gesagt: „Dies ist nicht wirklich ein Argument für die Existenz Gottes; es ist vielmehr die Behauptung, dass man ganz ohne Argumente wissen kann, dass Gott existiert, indem man ihn einfach erlebt. Nach einigen weiteren Ausführungen habe ich es so zusammengefasst:

1. Überzeugungen, die angemessen begründet sind, können als basale Überzeugungen, die nicht in Argumenten begründet sind, rational angenommen werden.
2. Die Überzeugung, dass der Gott der Bibel existiert, ist angemessen begründet.
3. Also kann die Überzeugung, dass der Gott der Bibel existiert, als basale Überzeugung, die nicht in Argumenten begründet ist, rational angenommen werden.

Muss ich hier noch darauf hinweisen, dass ich nichts von dem, was sie mir zuschreiben, gesagt habe? Warum bestehen Sie darauf, mir Worte in den Mund zu legen, die ich nie gesagt habe? Sie müssen zeigen, dass es nicht rational ist, dass ich den Glauben an Gott für berechtigterweise basal halte. Vage Berufungen auf Bestätigungsfehler reichen da nicht, mein Freund; denn den Vorwurf, nur seine vorgefasste Meinung bestätigen zu wollen, kann doch der Theist sonst genausogut an den Atheisten richten.

Nun noch das kosmologische Argument:

1. Alles, was einmal angefangen hat zu existieren, hat eine Ursache.
2. Das Universum begann zu existieren.
3. Also hat das Universum eine Ursache.

Sie bieten hier diesen einzeiligen Einwand: „Sie sagen z.B., dass es keine aktuale Unendlichkeit geben kann; aber dass Gott unendlich ist, sei plötzlich gar kein Problem“. Stellen Sie sich denn Gott als eine Ansammlung einer aktual unendlichen Anzahl von definiten und diskreten Teilen vor? Wenn ja, verstehen Sie das klassische Gotteskonzept nicht. Wenn nicht, dann sind mathematische, quantitative Konzepte des Unendlichen irrelevant für Gottes Unendlichkeit, die ein qualitatives Konzept ist, das Gottes unübertreffliche Attribute wie Notwendigkeit, Aseität, Ewigkeit, Allgegenwärtigkeit, Allmacht usw. ausdrückt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Sie nicht sehr viel über diese Fragen nachgedacht haben, Martin. Wenn Sie meine Argumente für uninteressant und nicht gut durchdacht hielten, sagt das vielleicht mehr über Sie als über die Argumente aus.

Sehen wir uns im Vergleich dazu nun Ihre Argumente an. Menschen mit höherer Bildung tendieren dazu, weniger religiös zu sein. Was folgt also daraus? Glauben Sie wirklich, dass dies ein ernsthafter Einwand gegen die Wahrheit religiösen Glaubens ist? Es könnte genauso gut eine Reflektion des Sozialisierungsprozesses sein, der sich an der säkularen Universität abspielt. Ja, wenn ich mir die ganzen genialen Theisten ansehe, die es so gibt, und dann die lausigen Argumente, die Säkularisten oft für Ihren Unglauben anführen, dann vermute ich, dass genau das der Fall ist. Diese Art von Elitedenken – die man nur zu gut aus der Politik kennt – schadet der rationalen Forschung und Bewertung.

Und auch mit der Frage „Warum (und ich bin mir sicher, Sie sind sich dessen bewusst) wird der Atheismus langsam immer mehr zum Mainstream, während religiöser Glaube ausstirbt?“ zeigen Sie bloß, wie begrenzt Ihre Wahrnehmung auf Ihre eigene Umgebung ist, Martin. Studenten im hochsäkularisierten Quebec denken gerne, dass die ganze Welt wie sie ist. Sie realisieren nicht, dass das evangelikale Christentum in Asien, Afrika und Lateinamerika in Rekordgeschwindigkeit wächst. In der anglophonen Welt ereignet sich seit den 1960er Jahren im Bereich Philosophie eine Revolution, derzufolge heute viele der genialsten Philosophen Englands und Amerikas an vielen unserer großen Universitäten dezidierte Christen sind. (Lesen Sie einmal meinen Artikel Die Revolution in der angloamerikanischen Philosophie unter Populärwissenschaftliche Artikel auf dieser Seite.) Die Argumente für Gottes Existenz, die ich genannte habe, werden heute alle von Denkern vertreten, die wesentlich genialer sind als Sie oder ich. Der Atheismus ist nun seit einigen Jahrzehnten auf dem Rückzug und wird mit dem Sterben der alten Garde, deren Plätze von jungen christlichen Studenten eingenommen werden, die das System durchlaufen, auch weiter zurückgehen.

Ich weiß, dass Ihnen das alles merkwürdig vorkommt, Martin. Ich habe 13 Jahre lang in Europa gelebt und weiß, wie eine ganz überwiegend säkulare Kultur einem den Blick vernebeln kann. Die frankophone Philosophie ist von der angesprochenen Revolution noch unberührt geblieben. Ich möchte Sie ermutigen, aus Ihrem unmittelbaren kulturellen Milieu auszubrechen und sich anzusehen, was in der weiteren Welt der wissenschaftlichen Arbeit vor sich geht. Ich weiß, dass Sie entsetzt wären.

(Übers.: J. Booker)

Link to the original article in English: /scepticism-quebecois

- William Lane Craig