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July 1, 2018Sehr geehrter Prof. Craig,
ich bin ein Moslem aus Pakistan und Student für vergleichende Religionswissenschaft in den ersten Semestern. Ich habe folgende Fragen zu dem Thema der angeblichen Kreuzigung Jesu Christi, wie sie in den Evangelien dargestellt wird: (Bitte beachten Sie, dass ich diese Fragen stelle, um mein Verständnis zu erweitern. Ich will damit nicht Ihren Glauben angreifen oder schlecht machen. Sollte Sie irgendetwas verletzen, dann bitte ich schon zuvor um Verzeihung!).
- Die Evangelien scheinen nahezulegen, dass Jesus der römischen Obrigkeit auswich, als diese versuchte, ihn gefangen zu nehmen. Es scheint, dass er nicht gefangen genommen werden will. Wenn nun die Kreuzigung (und Auferstehung) das letzte Ziel der Mission Christi ist, warum weicht er dann der römischen Obrigkeit aus? Die Evangelien scheinen darauf hinzuweisen, dass Christus ihnen nicht nur einmal, sondern mehrmals auswich. Wenn ich mich richtig erinnere, dann geht aus dem Johannesevangelium sogar hervor, dass Jesus, als er erfuhr, dass die Juden und Römer hinter ihm her sind, seine öffentlichen Auftritte einschränkte. Warum tut Jesus das? Sollte Jesus sich nicht freuen und begeistert sein, als die Römer das erste Mal versuchten, ihn gefangen zu nehmen? Sollte er sich nicht bereitwillig den Römern ausliefern?
- In den Augen der Christen stellen die Kreuzigung und Auferstehung Christi einen Sieg für die Menschheit dar. Warum betrachten die Christen dann nicht diejenigen Menschen, die zur Kreuzigung Christi entscheidend beitrugen (Judas Iskariot und Pontus Pilatus) als Helden des christlichen Glaubens? Ich habe keine Statuen von Judas und Pontus Pilatus in Kirchen gesehen und kein Christ scheint diese Menschen zu ehren. Warum ist das so?
- Wenn die Kreuzigung und Auferstehung das letztendliche Ziel des Dienstes Christi ist, was genau tat er dann während seiner 3-jährigen Dienstzeit (einer ziemlich langen Zeitspanne)? Ich meine, ist diese Zeitspanne nicht zu lang, um eine recht einfache Aufgabe wie diese zu erfüllen?
- Im Johannesevangelium gibt es ein Gebet, das Jesus vor seiner angeblichen Kreuzigung zugeschrieben wird. Dort sagt er (- in meiner eigenen groben Paraphrasierung der Worte) – „… und Jesus Christus, den du gesandt hast. Ich habe dich auf Erden verherrlicht, indem ich das Werk vollendet habe, das du mir gabst“. Was bedeutet „vollendet“ hier? Wenn die Kreuzigung das letztendliche Ziel ist, wie konnte dann sein Werk schon zuvor vollendet worden sein?
Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie die obigen Nachfragen beantworten könnten. Vielen Dank.
Mohammad
Pakistan
Prof. Craigs Antwort
A
Ich freue mich immer, Fragen von unseren muslimischen Lesern zu erhalten, Mohammed. Und Sie müssen sich nicht im Geringsten sorgen, dass Sie mich damit verletzen! Ich bin froh, dass Sie über Jesus nachdenken. Ich werde Ihre Fragen der Reihe nach durchgehen.
- Etliche Male lesen wir in den Evangelien, dass die Versuche der Obrigkeit, Jesus zu schaden, zunichte wurden, weil „seine Stunde noch nicht gekommen war“ (Joh 7,30; vgl. 6-8). Aber als seine Zeit gekommen war, forderte Jesus sogar seine Verhaftung heraus, indem er kühn in Jerusalem auf dem Rücken eines Esels während des Passahfestes einritt und so die Prophetien des Propheten Sacharjas über Israels kommenden König erfüllte. (vgl. „Der triumphale Einzug“). Es ist gut möglich, dass Jesus wollte, dass sein Tod mit dem Opfer der Passahlämmer im Tempel zusammenfällt, denn er sah seinen Tod als eine Opfergabe an Gott. Zudem: Nehmen Sie nicht zu schnell an, dass das einzige Ziel von Jesus war, zu kommen und zu sterben. Sein übergeordnetes Ziel war es, das Königreich Gottes unter den Menschen einzuführen. Er sah über seinen Tod und seine Auferstehung hinaus auf die Verbreitung der Botschaft vom Königreich an alle Nationen. Der Erfolg dieser Mission erforderte, dass er mit einer handverlesenen Gruppe von Jüngern, die diese Botschaft in die Welt tragen würden, Zeit verbrachte. Erstaunlich ist, dass er diese Aufgabe in einer solch relativ kurzen Zeit erfüllte.
- Christen, wie alle klar denkenden Menschen, bewundern Judas oder Pilatus nicht, denn das, was jene Männer taten, war furchtbar böse: Sie betrogen einen unschuldigen Mann, ja, Gottes Sohn, und sandten ihn in den Tod. Verfallen Sie nicht in das falsche Denken von ethischem Konsequentialismus, Mohammed! Nur weil die Konsequenzen einer Handlung gut sind, wird dadurch die Tat nicht richtig oder gut. Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Wenn ein Märtyrer freiwillig sein Leben opfert, um andere zu retten, dann bewundern wir den Märtyrer, aber wir bewundern nicht die Menschen, die ihn umgebracht haben. Gleicherweise war das, was Judas und Pilatus taten, moralisch falsch, selbst wenn, in Gottes Vorsehung, daraus Gutes kam.
- Ihre dritte Frage geht wie die erste zu schnell davon aus, dass das einzige und letztendliche Ziel Jesu war, zu sterben und wieder aufzustehen. Das ist so nicht richtig. Das letztendliche Ziel ist die Aufrichtung des Königreichs Gottes. Zu den untergeordneten Zielen gehörte, über die wahre Natur des Königreichs zu lehren (z. B., dass es kein politisches Reich ist) und seine Jünger um sich herum auszurüsten, die Botschaft in die Welt zu tragen.
- Das Werk, das Gott, der Vater, Jesus anvertraut hatte, war viel umfassender, als nur sein Leben zu geben (vgl. Joh 4,34; 5,36). Jesus hatte das Kommen von Gottes Königreich verkündet und Werke der Heilung und des Exorzismus vollbracht. Sie waren ein Zeichen für das Anbrechen des Königreichs in seiner Person. Nur einige Sätze nach der Aussage, die Sie zitieren, sagt Jesus:
„Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt. Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt. Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast.“ (Joh 17,6-8)
Hier spricht Jesus über sein erfolgreiches Werk, die Jünger zu lehren und sie auf seinen Abschied vorzubereiten. Jesu Gebet der Danksagung an Gott drückt Dankbarkeit aus, dass er dieses Werk vollendet hat.
Ich hoffe, dass Gott Ihnen durch die Fortsetzung Ihrer Studien Erkenntnis schenken wird!
(Übers.: B. Currlin)
Link to the original article in English: /writings/question-answer/a-muslim-asks-about-jesus
- William Lane Craig