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February 2, 2019
F

Verbindung zwischen dem Moral- und dem kosmologischen Argument

Ist das Moral-Argument zu schwach oder kann es eine überzeugende Antwort auf die Frage nach der Existenz Gottes geben? Ein albanischer Teilnehmer der Online-Defenders Class stimmt mit Prof. Dr. Craigs Formulierung des Moral-Arguments überein, fragt jedoch, ob ein ähnlicher Gedankengang nicht auch als Argument für die Existenz Gottes funktionieren könnte, nämlich ausgehend von der Existenz einer objektiven Außenwelt auf die Existenz Gottes zu schließen. Hierauf antwortet Prof. Craig, dass ein solches Argument zwar stichhaltig, aber vermutlich nicht überzeugend ist. Argumente sind nicht schon deshalb effektiv, weil sie logisch gültig sind und ihre Prämissen wahr sind - sondern ihre Prämissen müssen auch plausibler sein als ihre Negationen. Somit stimmt der Atheist vielleicht darin zu, dass es eine objektive Moral gibt, doch wird er ein paar zusätzliche Gründe brauchen, um die Beziehung zwischen der Existenz einer realen materiellen Welt und der Existenz Gottes zu verstehen.


Hallo Herr Prof. Craig,

ich heiße Manol. Ich komme aus Albanien. Ich habe gerade einen Abschluss in Medizin und Chirurgie an der Universität Bologna, Italien, gemacht. Ich bin Christ und habe Ihre Argumente schon oft in der Evangelisation verwendet. Ich bereite mich gerade auch darauf vor, anderen in der Gemeinde diese Argumente beizubringen.

Ich schreibe Ihnen, weil ich eine Frage zum Moral-Argument habe, sowie eine weitere Frage rein aus Neugierde.

A) FRAGE ZUM MORAL-ARGUMENT

Das Argument lautet ja:

1. Wenn Gott nicht existiert, dann existieren auch keine objektiv gültigen moralischen Werte.
2. Objektiv gültige moralische Werte existieren.
3. Also existiert Gott.

Ich stimme all dem zu. Die erste Prämisse scheint mir offensichtlich wahr zu sein. Und ich stimme auch darin zu, dass wir in unserer moralischen Erfahrung ein Reich objektiver moralischer Wahrheit wahrnehmen.

Als ich aber einmal darüber nachdachte, was ein Atheist vielleicht auf dieses Argument erwidern würde, kam mir der Gedanke, dass er vielleicht antworten würde, dass das Argument zu „simplistisch“ ist, oder zu „offensichtlich“.

Lassen Sie mich erklären, was ich meine. Ihr Argument für Prämisse 2 besagt, dass moralische Werte genauso objektiv sind, wie die Außenwelt objektiv ist. Unsere Wahrnehmung objektiver moralischer Werte gleicht unserer Wahrnehmung der Außenwelt mit den fünf Sinnen.

Doch wenn dieser Parallele zwischen moralischen Werten und der Außenwelt richtig ist, dann bedeutet das, dass das Argument auch folgendermaßen angepasst werden kann:

1. Wenn Gott nicht existiert, dann existiert auch keine objektive Außenwelt.
2. Eine objektive Außenwelt existiert.
3. Also existiert Gott.

Doch dieses Argument erscheint mir nicht sonderlich überzeugend. Ist die Parallele richtig? Wenn ja, warum verwenden Sie dieses zweite Argument dann nicht in Debatten oder Vorträgen? Wenn dieses zweite Argument verwendet wird und sich als nicht überzeugend erweist, warum sollte dann das Moral-Argument, das ja parallel läuft, überzeugend sein? Oder: Wenn Sie dieses zweite Argument für nicht überzeugend halten, warum?

B) FRAGE AUS NEUGIER

Manchmal können Sie nicht zur Defenders Class erscheinen und schicken dann eine Aufnahme, mit der man sich die Lektion anhören kann. Sie erwähnen dann oft das „Geheimstudio“ oder „einen höchst geheimen Ort“. Was ist damit gemeint? Das hört sich sehr nach diesen James-Bond-Filmen an, und jedes Mal, wenn Sie davon sprechen, bin ich perplex.

Vielen Dank für alles und Gottes Segen

Manol

Afghanistan

Prof. Craigs Antwort


A

Moral und die Existenz Gottes

Manol, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr es mich freut, eine Frage von einem so wortgewandten und scharf denkenden Christen aus Albanien zu bekommen, einem traditionell muslimischen und bis vor kurzem noch marxistischen Land! Mit Ihrer Bildung und Ihrer offensichtlichen Sprachgewandtheit sind Sie gut darauf vorbereitet, von Gott in Ihrer Heimat mächtig gebraucht zu werden.

Mich beeindruckt, dass Sie im Gegensatz zu so vielen englischen Muttersprachlern das von mir vertretene Moralargument korrekt erfasst haben. Sie liegen absolut richtig mit Ihrer Aussage, dass das Argument für die zweite Prämisse in der Tatsache liegt, dass „wir in unserer moralischen Erfahrung ein Reich objektiver moralischer Wahrheit wahrnehmen“. Sie haben auch die Parallele zwischen den Urteilen unserer fünf Sinne über das Reich der physischen Objekte und den Urteilen unserer moralischen Wahrnehmung vom Reich der Werte und Pflichten richtig erfasst. Genauso wie wir uns nicht aus unseren fünf Sinnen herausbegeben können, um ihre Verlässlichkeit zu überprüfen und so zu beweisen, dass wir nicht das sprichwörtliche „Gehirn im Tank“ sind, das von einem verrückten Wissenschaftler so stimuliert wird, dass es eine Außenwelt wahrnimmt, können wir uns nicht aus unserer moralischen Wahrnehmung herausbegeben, um ihre Verlässlichkeit zu überprüfen. Doch in beiden Fällen ist der Glaube, dass wir objektive Realitäten sehr wohl wahrnehmen, in Abwesenheit jeglicher Gegengründe unserer Überzeugungen absolut rational.

Auf dieser Grundlage bauen Sie ein Parallel-Argument auf, das uns, wenn es uns  fragwürdig erscheint, zu der Annahme bringen sollte, dass das Moral-Argument auch fragwürdig ist. Nun, das Parallel-Argument, das Sie aufbauen, ist eigentlich eine Art kosmologisches Argument für die Existenz Gottes. Und ich denke, es ist auch ein stichhaltiges Argument! Es ist offensichtlich logisch gültig, d.h. die Konklusion folgt zwingend aus den Prämissen, und für mich scheinen auch beide Prämissen wahr zu sein. Denn die objektive Außenwelt existiert offensichtlich, und wenn Gott nicht existieren würde, würde überhaupt keine Welt existieren, auch keine objektive Außenwelt! Es ist ja nicht so, dass die Außenwelt lediglich eine subjektive Illusion wäre, wenn Gott nicht existieren würde; es würde einfach gar nichts existieren!

Warum benutze ich das Parallel-Argument dann nicht in Debatten oder Vorträgen? Die Antwort auf diese Frage unterstreicht, was ein gutes Argument ausmacht. Durch die logische Gültigkeit und die Wahrheit der Prämissen allein wird ein Argument noch nicht gut. Es ist einfach, solche eigentlich stichhaltigen Argumente für Gottes Existenz aufzubauen. Hier ein Beispiel:

1. Entweder existiert Gott oder der Mond besteht aus grünem Käse.
2. Der Mond besteht nicht aus grünem Käse.
3. Also existiert Gott.

Dieses Argument ist logisch gültig, und beide Prämissen sind wahr (eine Disjunktion wie (1) ist wahr, wenn einer ihrer disjunkten Aussagen wahr ist, und in diesem Fall ist die Aussage „Gott existiert“ wahr). Doch ich bin sicher, dass Sie mir nicht empfehlen würden, dieses Argument in Debatten und Vorträgen zu verwenden! Warum nicht? Ganz einfach, weil niemand der ersten Prämisse glauben würde, es sei denn, er glaubt vorher schon, dass die Schlussfolgerung wahr ist. Das Argument ist somit zirkulär bzw. setzt voraus, dass die Schlussfolgerung wahr ist.

Stichhaltigkeit (also logische Gültigkeit und Wahrheit der Prämissen) reicht also nicht aus, um aus einem Argument ein gutes zu machen; das Argument darf auch keine informellen logischen Fehlschlüsse, wie Zirkularität, begehen, und die Prämissen müssen plausibler sein als ihre Negationen. Die erste Prämisse Ihres Parallel-Arguments steht in der Gefahr, die Schlussfolgerung als wahr vorauszusetzen, und erscheint jemandem, der nicht schon Theist ist, wohl nicht plausibler als ihre Verneinung. Im Gegensatz hierzu ist die erste Prämisse des Moral-Arguments, wie Sie wissen, eine Prämisse, die viele Atheisten selbst glauben und vertreten. Die Prämissen Ihrer zwei Argumente sind somit zwar parallel, doch die Plausibilität der Prämissen ist jeweils sehr unterschiedlich.

Um ein gutes kosmologisches Argument zu verwenden, müssen wir Gründe dafür liefern, dass die Welt nicht existieren würde, wenn Gott nicht existieren würde. Mir gefällt die folgende Version des Leibniz'schen kosmologischen Arguments.

1. Für alles, was existiert, gibt es eine Erklärung seiner Existenz; entweder in der Notwendigkeit seines eigenen Wesens oder in einer externen Ursache.

2. Wenn es eine Erklärung für die Existenz des Universums gibt, ist diese Erklärung Gott.

3. Das Universum existiert.

4. Also gibt es eine Erklärung für die Existenz des Universums. (aus 1, 3)

5. Also ist Gott die Erklärung für die Existenz des Universums. (aus 2, 4)

In diesem Argument ist Prämisse (1) eine bescheidene Version des Satzes vom zureichenden Grund und (2) ist logisch äquivalent zu der typisch atheistischen Behauptung, dass es keine Erklärung für die Existenz des Universums gibt, wenn der Atheismus wahr ist. Ich denke, es ist ein gutes Argument (siehe Frage #25 im Q&A-Archiv).

Was Ihre Frage aus Neugier angeht: Es freut mich, dass Sie zum erweiterten Defenders-Teilnehmerkreis gehören! Es überrascht mich immer wieder, auf meinen Reisen Menschen anzutreffen, die, so gesehen, zu unserer Unterrichtsklasse gehören und uns regelmäßig hören. Sie müssen verstehen, dass dieser Unterricht in Form von verzögert erscheinenden Podcasts ausgestrahlt wird. So können wir jede Woche eine neue Unterrichtsstunde veröffentlichen, obwohl ich wegen meiner häufigen Reisen sonntags oft nicht da bin, um den Unterricht selbst zu halten. Ich habe früher auch schon Videoaufnahmen gemacht, die gezeigt wurden, wenn ich nicht da war, doch heute verlasse ich mich eher darauf, dass mein Kollege Joe Mulvihill für mich einspringt. Die Stunden, auf die Sie sich beziehen, wurden aufgenommen, als al-Qaida Videoaufnahmen von Osama bin Laden aus seinem geheimen Versteck veröffentlichte. Mit meinen ironischen Kommentaren über unser „Geheimstudio“ habe ich mich darüber lustig gemacht. Amüsieren Sie sich also einfach ein wenig darüber und seien Sie versichert, dass hier nichts Finsteres abläuft!


Link to the original article in English: /morality-and-does-god-exist

Übers.: J. Booker

- William Lane Craig