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#155

November 1, 2016
F

Frage 1:

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich wünsche Ihnen Gottes Segen!

Ihre Arbeit ist für mich wirklich eine Inspiration. Zurzeit arbeite ich an meinem Bachelor in Theologie an der Southeastern University. Sehr gern schaue ich mir Ihre Debatten an und höre Ihre Vorträge usw.

Meine Frage ist eine einfache. Ich habe Kritiken von Atheisten zu den Punkten in Ihrer Debatte durchgesehen und gelesen. Viele sagen, dass Sie nicht nur hochintelligent und in Ihren Fachgebiet gut vorbereitet sind, sondern auch, dass Sie aufgrund Ihrer langen Geschichte der öffentlichen Streitgespräche ein beeindruckender Debattierer sind. Viele Ihrer Kritiker sehen den einzigen Grund, weshalb Sie in den meisten Debatten die Oberhand behalten, nicht darin, dass Ihre Fakten stimmen, sondern darin, dass Sie ein so großer Sprecher und Debatter sind. Sie scheinen zu denken: Wenn es einen prominenten Atheisten mit einer vergleichbaren Erfahrung und Fähigkeit des strategischen Debattierens gäbe wie Sie, dann würden Atheisten „den Sieg davontragen“.

Meine Frage lässt sich also in drei Punkte fassen.

Lesen Sie diese Angriffe und Kritiken überhaupt?

Warum glauben Ihre Kritiker, dass Ihre Fakten (zum Beispiel Beweise für die Feinabstimmung des Universums) gar keine Fakten sind und der Wissenschaft, Philosophie, usw. widersprechen?

Glauben Sie, dass die atheistischen Kritiker Ihre Verwendung dieser Fakten kritisieren, weil Ihre Fakten tatsächlich anfechtbar sind oder mehrere Interpretationen zulassen, oder weil die Kritiker es unterlassen, die von Ihnen präsentierten Fakten tatsächlich zu untersuchen, weil sie so stark in ihrer atheistischen Weltanschauung gefangen sind?

Vielen Dank für Ihre Zeit; ich bete, dass Ihr Dienst weiter so gesegnet ist und dass Sie auf Ihrem Weg mit Christus weiter wachsen.

Gottes Segen,

Cris

 

Frage 2:

Sehr geehrter Prof. Craig,

Persönlich bin ich ein Skeptiker und ein sehr überzeugter Atheist, aber ich bewundere, was Sie tun, und genieße Ihre Literatur sehr.

Meine Fragen sind nicht religionsphilosophischer Art, sondern beziehen sich speziell auf Ihre Debatten. Luke Muehlhauser von der Webseite Common Sense-Atheism hat erklärt, dass man Ihre Debattiertechnik studieren sollte, so wie Schauspieler Marlon Brandon studieren sollten, und da stimme ich vollends zu.

Hier sind meine Fragen:

1. Würden Sie je in Erwägung ziehen, ein Handbuch über die Finessen und die eher technischen Aspekte des professionellen Debattierens herauszubringen?

2. Halten Sie Debatten für eine wirklich effektive Form des Dialogs oder betrachten Sie sie eher als eine Art akademischen Schaukampf?

3. Wie lange praktizieren Sie das wettkampfmäßige Debattieren schon?

4. Welche Bücher, Artikel und Handbücher können Sie professionellen Debattierern empfehlen, die ihre Debattierfähigkeiten verbessern möchten?

5. Wer war aus Ihrer Sicht der schwierigste und herausforderndste Debattiergegner (muss nicht um eine Debatte über Religion gehen; könnte jedes Thema betreffen, das Sie debattiert haben)? Vielleicht könnten Sie aus dem Stehgreif eine Liste der Top-Fünf nennen?

6. Diese letzte Frage weicht etwas vom Thema ab, aber hier ist sie. In einer kürzlichen Umfrage unter führenden Philosophen und Wissenschaftlern wurde die Frage gestellt: „In welchem Bereich haben Sie Ihre Meinung geändert?“ Ich würde Ihnen gern dieselbe Frage stellen. In welchem Bereich haben Sie im Lauf Ihres christlichen Lebens Ihren Standpunkt geändert?

Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen, über meine Fragen nachzudenken.

Mit freundlichen Grüßen

Rhys

United States

Prof. Craigs Antwort


A

Frage 1: 

Ach! Die armen Atheisten! Der große böse Bill Craig hat Erfahrung in Streitgesprächen, und deshalb können sie keine anständige Erwiderung auf die fünf Argumente zustande bringen, die ich seit 20 Jahren darlege!

Ganz im Ernst, Chris, Debatten-Erfahrung (besonders wenn man lernt, die Zeit im Auge zu behalten) ist zwar zweifellos eine große Hilfe, um eine Debatte zu gewinnen, aber das ist keine ausreichende Erklärung für das Unvermögen von Atheisten, Erwiderungen auf diese Argumente oder eine eigene Beweisführung zu präsentieren. Bedenken Sie, dass meine mündlichen Debatten in Wirklichkeit ein relativ geringer Anteil meiner Arbeit sind. Der größte Teil meiner Arbeit wird von wissenschaftlichen Verlagen veröffentlicht oder erscheint in Fachzeitschriften, die von Fachkollegen begutachtet werden; dort gehe ich sehr offen auf Kritiker ein wie Mackie, Grünbaum, Smith, Oppy, Sobel, Morriston und andere. Einige meiner Debatten wurden mit kritischen Antworten als Monographien herausgebracht, in denen Kritiker alle Zeit der Welt haben, ihre Antworten zu verfassen, und bei denen rhetorische Techniken irrelevant werden. Zu diesen Büchern gehören:

Does God Exist? Mit Antony Flew. Antworten von K. Yandell, P. Moser, D. Geivett, M. Martin, D. Yandell, W. Rowe, K. Parsons und Wm. Wainwright. Hrsg. Stan Wallace. Aldershot, 2003.

God?: A Debate between a Christian und an Atheist. Mit Walter Sinnott-Armstrong. New York, 2003.

Is Goodness without God Good Enough? A Debate on Faith, Secularism, und Ethics. Mit Paul Kurtz. Ed. Nathan King und Robert Garcia. Mit Antworten von Louise Antony, Walter Sinnott-Armstrong, John Hare, Donald Hubin, Stephen Layman, Mark Murphy und Richard Swinburne. Lanham, 2008.

Will the Real Jesus Please Stand Up? Mit John Dominic Crossan. Hrsg. von Paul Copan. Mit Antworten von Robert Miller, Craig Blomberg, Marcus Borg und Ben Witherington III. Grand Rapids, 1998.

The Resurrection: Fact or Figment? Mit Gerd Lüdemann. Hrsg. von Paul Copan. Mit Antworten von Stephen T. Davis, Michael Goulder, Robert H. Gundry und Roy Hoover. Downer’s Grove, 2000.

Ich biete jedem an, diese Bücher zu lesen und sich eine Meinung zu bilden, ob meine Argumente standhalten. Tatsächlich wünschte ich, dass die Leute diese Bücher lesen würden! Es macht mir Sorge, dass manche Leute mich nur durch Debatten zu kennen scheinen, die oft frustrierend oberflächlich sind, weil meine Gegner selten gute Einwände vorbringen.

Um Ihre konkreten Fragen zu beantworten: Ich lese wissenschaftliche Kritiken meiner Arbeit, neige aber dazu, populäre Kritiken im Internet zu ignorieren, da ich davon ausgehe, dass Internet-Kritiker wahrscheinlich nichts Wesentliches hinzuzufügen haben, das den Wissenschaftlern entgangen wäre. (Dieser Eindruck bestätigt sich in den Kritiken, die ich gelesen habe.) Was deren Gründe betrifft, würde ich sagen, dass Sie besser in der Lage sind als ich, diese Frage zu beantworten, da ich diese Internetkritiken eben meist nicht lese. Wie schon gesagt, kann ich auf Ihre dritte Frage nicht spekulativ antworten. Ich sage einfach, dass fast alles anfechtbar ist: Jede Angelegenheit hat zwei Seiten. Ich habe nie gesagt, dass christlicher Theismus über jeden Zweifel erhaben wäre – nur dass er plausibler wahr als falsch ist.

 

Frage 2:

Schön, wieder von Ihnen zu hören, Rhys! Um Ihre Fragen zu beantworten:

1. Ich würde kein Buch über das Debattieren veröffentlichen, aber ich biete von Zeit zu Zeit einen Debattier-Kurs an der Talbot School of Theology an (siehe unseren kürzlichen Rundbrief). Ich habe sogar einen Teil von Luke Muehlhausers Material im Kurs verwendet!

2. Ich denke, es ist beides. Ich habe gesagt, dass ich es für eine Art westliches Gegenstück zu dem betrachte, was Missiologen als „Machtprobe“ („power encounter“) zwischen den lokalen heidnischen Gottheiten und dem Gott der Bibel bezeichnen. Aber ich denke, dass die Aufzeichnungen und Transkripte der Debatten, die im Rückblick angesehen und studiert werden, sehr anregend und inhaltlich interessant sind. Ich habe jedenfalls durch die Vorbereitung auf diese Debatten viel gelernt.

3. Als ich in der achten Klasse war, diskutierten meine ältere Schwester Tami und ich ständig. Eines Tages sagte sie entnervt: „Du willst immer nur diskutieren! Du solltest dich dem Debattierclub anschließen!“ „Was ist das?“, fragte ich. Sie erklärte mir, was es mit dem Debattierclub der East Peoria Community High School auf sich hatte (der übrigens sehr gut war und in jenem Jahr die Meisterschaft gewonnen hatte). Als ich also im darauffolgenden Jahr auf die High School wechselte, trat ich dem Club bei und begann mit dem Debattieren. Das war 1964. Als ich 1971 meinen Abschluss am Wheaton College machte, dachte ich, dass die Zeit des Debattierens damit zu Ende sei. Doch als 1982 mein Doktorstudium hinter mir lag, erhielt ich die Einladung einer kanadischen christlichen Gruppe, mit dem atheistischen Philosophen Kai Nielsen an der Universität zu Calgary zu debattieren. Dabei entdeckte ich: Während nur wenige Dutzend kommen, um sich einen Vortrag von mir auf dem Campus anzuhören, zieht eine Debatte Hunderte oder sogar Tausende von Studenten an. Ich stellte also zu meiner Freude fest, dass eine Debatte ein großartiges Forum ist, um die christliche Weltanschauung an Universitäten zu verteidigen.

4. Ich kenne eigentlich keine Bücher über die Art des Debattierens, die ich praktiziere, denn die meisten Bücher dieser Art handeln eher von politischen Debatten als von Streitgesprächen, in denen Sachfragen ausdiskutiert werden. Dies war eine der Herausforderungen, als ich meinen Kurs in Talbot unterrichtete. Welche Lektüre gibt man den Studenten zu lesen? Da gibt es nicht viel!

5. Vor einigen Jahren war ich frustriert über das Debattierniveau der Gegner, mit denen ich es ständig zu tun hatte, und fragte mich: „Wie würde ich abschneiden, wenn ich gegen jemanden antreten würde, der sowohl ein guter Philosoph als auch ein guter Debattierer wäre?“ Ich wollte wirklich mal mit einem guten Gegner diskutieren. Ich musste nicht lange warten, um es herauszufinden. Ich erhielt eine Einladung zu einer Debatte mit einem Philosophieprofessor namens Doug Jesseph an der Universität von North Carolina über die Frage: „Existiert Gott?“ Als er sprach, dachte ich: „Donnerwetter, der ist wirklich gut!“ Es war eine unglaublich spannende Debatte. Nach jeder Rede schien es, als hätte sich der Vorsprung von der einen zur anderen Seite verlagert. Erst spät in den Erwiderungen hatte ich das Gefühl, einen Vorsprung zu erzielen. Als wir einander nach der Debatte die Hände schüttelten, sagte ich zu ihm: „Sie sind wirklich ein guter Debattierer!“ Prof. Jesseph erwiderte: „Danke! Auf dem College war ich im Debattierclub.“ Ha! Es war die beste Debatte, die ich je hatte, und das Transkript befindet sich auf unserer Webseite.

6. Ich habe meine Meinung schon bei zahlreichen Sachfragen geändert. Als ich The Kalam Cosmological Argument (1979) schrieb, hielt ich Gott nur für ein faktisch oder metaphysisch notwendiges Wesen (wie es auch Swinburne glaubt). Und ich sah keinen Wert im ontologischen Argument, bis Plantingas Arbeit mich vom Gegenteil überzeugte. Ich war auch nicht von Leibniz‘ kosmologischem Argument überzeugt, bis ich Stephen Davis‘ Formulierung dazu sah. Ich hatte früher nie vom mittleren Wissen gehört, und als ich mich damit vertraut gemacht hatte, war ich darüber geteilter Meinung, bis David Basinger mich von der Stichhaltigkeit dieses Konzepts überzeugte. In der jüngeren Vergangenheit fühle ich mich entgegen meiner früheren Meinung zu einer nominalistischen Auffassung über sogenannte abstrakte Objekte wie Zahlen, Propositionen und Eigenschaften hingezogen. Man hört also nie auf dazuzulernen und – hoffentlich auch – sich zu verbessern.

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: /debating

- William Lane Craig