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#663 Das Problem der fernöstlichen Religionen

April 10, 2020
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

vor kurzem bin ich in meinem Studium der fernöstlichen Religionen auf zwei Begriffe gestoßen, die meine ganze Weltsicht erschüttert haben. Ich finde sie logisch kohärent, aber sie widersprechen der jüdisch-christlichen Weltsicht total. Können Sie mir helfen?

1. Während wir Gott als den unverursachten, unbewegten Beweger betrachten, behaupten die östlichen Religionen, dass die Seele (das universale Ich) der unbewegte Beweger sei. Wir wären damit praktisch selber Gott, nur dass wir vorübergehend die Gestalt unserer vergänglichen menschlichen Leiber angenommen haben. Ich glaube, wir können dies mit der Frage kontern, warum die allwissende Seele so etwas machen sollte. Oder kennen Sie andere logische Gegenargumente?

2. Das nächste Problem ist, dass mir gerade gedämmert ist, dass die östliche Philosophie seit alters her eine mehrwertige (unscharfe) Logik benutzt, und nicht die klassische binäre Logik der abendländischen, christlichen Denker. Wenn das so ist (vor allem in Bezug auf die Unschärferelation in der Quantenphysik), wie können wir uns dann noch auf das Gesetz vom ausgeschlossenen Widerspruch berufen, wenn wir behaupten, dass unsere Weltsicht die einzig wahre sei? Wie kann Jesus behaupten, der einzige Weg zu sein (und nicht Krishna, der von sich das Gleiche behauptete)? Was, wenn beide zum Teil recht hätten? Diese Zweifel ärgern mich. Ich bin keine Expertin und wäre daher für eine klare Antwort ohne viel Fachchinesisch dankbar. Danke.

Rebecca

United States

Prof. Craigs Antwort


A

Okay, Rebecca, hier ist eine „klare Antwort ohne viel Fachchinesisch“! Wenn Sie eine ausführlichere und differenzierte Antwort wünschen, kann ich Ihnen das folgende Buch wärmstens empfehlen: Stuart Hackett, Oriental Philosophy (University of Wisconsin Press, 1979). Und wenn Sie sehen wollen, wie ein buddhistischer Philosoph auf meine Kritik antwortet, schauen Sie sich meinen Dialog mit Dr. Sik Fa Ren an der Hong Kong Polytechnic University an.

1. Es trifft schlicht nicht zu, dass die östlichen Religionen [behaupten], dass die Seele (das universale Ich) der unbewegte Beweger sei. Diese Religionen verneinen vielmehr typischerweise, dass es überhaupt so etwas wie eine Seele oder ein fortdauerndes Ich gibt. Die Seele ist eine bloße Illusion und kann daher nicht etwas Fortdauerndes sein. Und mehr noch: Die höchste Realität ist nicht ein persönliches Ich, das beschlossen hätte, irgendetwas zu tun; das Absolute ist jenseits aller Beschreibungen und Unterscheidungen und mithin ohne jede Eigenschaft.

Und was den persönlichen Gott betrifft, der „vorübergehend die Gestalt unserer vergänglichen menschlichen Leiber angenommen“ hat, so würde das implizieren, dass ich persönlich der Fleisch gewordene Gott bin – eine Vorstellung, die ich nicht nur unglaubwürdig finde, sondern angesichts meiner offensichtlichen Endlichkeit, Kontingenz und Sündhaftigkeit auch total unplausibel.

2. Diese Religionen vertreten nicht so etwas Liebes wie eine mehrwertige Logik. Eine mehrwertige Logik kann durchaus nützlich sein, z. B. bei elektrischen Schaltungen, wo ein Schalter drei Positionen „-1“ „0“ und „+1“ haben kann. Wie Sie ganz richtig erwähnen, haben manche Physiker eine mehrwertige Logik zur Beschreibung gewisser Quanten-Experimente vorgeschlagen, obwohl dieser Versuch allgemein als gescheitert gilt.[1] Einige Philosoph haben die Benutzung einer dreiwertigen Logik zur Beschreibung von im Futur formulierten Propositionen über kontingente Ereignisse vorgeschlagen (ich habe diesen Vorschlag in meinem Buch The Only Wise God kritisiert). Es ist alles andere als klar, dass eine mehrwertige Logik auf Wahrheitswerte (im Gegensatz zu, sagen wir, Schalterstellungen) anwendbar ist, und wer eine solche Anwendung vornehmen will, muss dies in dem Rahmen der herkömmlichen zweiwertigen Logik tun.

Nein, die fernöstlichen Religionen, von denen Sie reden, verneinen die Anwendbarkeit jeglicher Logik auf die letzte Realität. Wie bereits erwähnt, steht das Absolute über allen Unterscheidungen und Beschreibungen, sodass man nichts über es aussagen kann. Man kann sich ihm allein im mystischen Erleben nähern. Solch eine Sicht ist logisch inkohärent, denn wenn man über das Absolute nichts sagen kann, wie können wir dann sagen, dass man nichts über es sagen kann? Es stimmt schlicht nicht, dass das Absolute jenseits aller Unterscheidungen ist, denn diese Behauptung würde ja schon etwas über das Absolute aussagen. Diese Position widerlegt sich mithin selbst. Es stimmt also nicht, Rebecca, wenn Sie behaupten, dass diese fernöstlichen Ideen „logisch kohärent“ seien. Sie sind per definitionem logisch inkohärent, da sie a) jede Logik verneinen und b) selbstwiderlegend sind.

Es dürfte klar geworden sein, dass es keinerlei Grund dafür gibt, sich solch eine inkohärente Sichtweise zu eigen zu machen. Denn jedes Argument, das man hier bringen kann, beinhaltet die Bejahung gewisser Wahrheiten und das Benutzen der Regeln der logischen Ableitung, um zu Schlussfolgerungen zu kommen. Es gibt z. B. keine Rechtfertigung für einen Satz wie „Die höchste Realität ist jenseits der menschlichen Logik“, denn mit diesem Satz äußert man eine mutmaßliche Wahrheit über die höchste Realität, obwohl es in Wirklichkeit gar keine gibt. Warum sollte jemand ohne jeden Grund sich solch eine logisch inkohärente Sicht zu eigen machen?

 

[1] Der bekannte Wissenschaftsphilosoph Tim Maudlin schreibt: „Das Pferd der Quantenlogik ist dermaßen geschunden, gepeitscht und geprügelt worden und ist so elend dran, dass . . . die Frage schon nicht mehr lautet, ob es wieder aufstehen wird, sondern warum, um alles in der Welt, es überhaupt so weit gekommen ist. Die Geschichte der Quantenlogik ist nicht die Geschichte einer vielversprechenden Idee, aus der nichts geworden ist, sondern die Geschichte der beharrlichen Verfolgung einer Idee, die von vornherein nichts taugte. . . . Der ganze mathematische Apparat [der Quantenmechanik] ist voll und ganz mit den Mitteln der klassischen Logik beschreibbar, erklärbar und verstehbar. Es gibt zwar Verständnisprobleme bei der Quantenmechanik, denen man sich stellen muss, aber keines dieser Probleme kann gelöst oder auch nur gelindert werden, indem man die klassische Logik verwirft.“ (Tim Maudlin, „The Tale of Quantum Logic“, in: Hilary Putnam, ed. by Yemima Ben-Menahem, Cambridge: Cambridge University Press, 2005, S. 184f.)

- William Lane Craig