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#281 Das Christentum “schlechthin”

May 20, 2018
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

zunächst möchte ich Ihnen danken, dass Sie meinen christlichen Glauben und das Vertrauen in unseren Herrn in diesen schwierigen säkularen Zeiten stärken! Ich bin ein griechisch-orthodoxer Christ, ehemals Katholik (und immer noch in Konflikt zwischen beidem). Ich schaue seit Jahren Ihre Debatten gegen Atheisten, und Sie sind ganz gewiss ein Werkzeug Gottes in diesen Zeiten allgemeiner Christophobie.

Nachdem nun Ihre Bücher in Brasilien auf Portugiesisch ankommen, hatte ich das Vorrecht, bereits zwei zu kaufen. Obwohl ich mit einigen Ihrer protestantischen Positionen nicht übereinstimme, wie zum Beispiel der Natur der Brüder Christi (was mir das Jakobusargument seltsam erscheinen lässt), fiel mir eine Sache beim Lesen von On Guard auf: Sie verwendeten Krisenländer als Beispiel dafür, wie das Christentum in schweren Zeit wächst. Aber Sie verwendeten als Beispiele El Salvador und Äthiopien, zwei historisch christliche Länder! El Salvador – ein christlich katholisches Land – und Äthiopien mit seiner historisch orientalisch-orthodoxen Kultur. Bitte geben Sie doch etwas Acht darauf, das Christentum nicht vereinfacht als protestantischen Evangelikalismus darzustellen, denn Sie sind nicht nur für Protestanten ein Rückhalt. Das Christentum im Allgemeinen braucht führende Menschen wie Sie in dieser skeptischen, zynischen und säkularen Welt!

Ich selbst bin die ganze Zeit in der Defensive, da die meisten meiner Familie (Onkel, Cousinen usw.) ursprünglich Katholiken waren und dann Agnostiker, Atheisten, sufistische Muslime, spiritistische Anhänger Kardecs usw. wurden … und sie verschonen mich nicht einmal bei Familientreffen an Weihnachten.

Einer meiner Onkel, ein sehr kultivierter und studierter alter Italiener, sagt, der christliche Glaube sei blasphemisch, da man einfach nicht sagen könne, ein menschliches Wesen sei Gott. Aber was das Schlimmste ist: Er sagt, Jesus habe nicht nur überlebt, sondern sei nach Kashmir gegangen. Er reiste sogar zu diesem Roza Bal in Srinagar, um das Grab von „Jesus“ zu sehen, und glaubt wahrhaftig an die Lügen von Nicolas Notovitch. Es ist einfach unglaublich, wie Menschen heutzutage, auch wenn sie kultiviert und studiert sind, jeder Art von Sensationalismus über Christus Glauben schenken. Nicht einmal die Videospiele verschonen uns davon – wie die Assassin’s Creed-Serie.

Schließlich nun meine Frage: Kann ihr Partikularismusargument nicht verwendet werden, um christliche Konfessionalismus zu unterstützen, wie Orthodoxe und Katholiken, die behaupten, die einzig wahre Kirche zu sein? Oder sogar von den über 30.000 protestantischen Denominationen?

Danke, dass Sie den Glauben so vieler Christen weltweit erläutern!

Otavio

Brazil

Prof. Craigs Antwort


A

Danke, Otavio, für Ihre freundlichen Anmerkungen und Ihre Ermahnung! Ich kann Ihnen kaum sagen, wie begeistert ich bin, wenn ich sehe, dass der Herr unsere Arbeit im Leben von Menschen quer durch alle christlichen Konfessionen und in verschiedenen Ländern wie Brasilien gebraucht! Ich habe mir zum Ziel gesetzt, Sprecher dessen zu sein, was C. S. Lewis „das Christentum schlechthin“ nannte, das heißt, der Hauptlehren des christlichen Glaubens, wie sie von allen großen christlichen Konfessionen bestätigt werden, es sei von Katholiken, Orthodoxen, Protestanten oder Kopten.

Gleichzeitig habe ich eigene Auffassungen über Lehren, die nicht universal vertreten werden, und in meinen Vorlesungen in meiner Defenders Class besteht meine typische Vorgehensweise mit einer bestimmten Lehre darin, diese Lehre aus der Sicht verschiedener Konfessionen zu interpretieren und dann am Ende meine eigene Einschätzung der korrekten Formulierung zu geben.  

Ich bin überzeugt, dass der evangelikale Protestantismus dem neutestamentlichen Christentum am nächsten kommt und bin darum enthusiastisch evangelikal (weitgehend Wesleyaner) in meiner Theologie. Aus diesem Grunde freut es mich, wenn ich in einem Handbuch für Mission wie Gebet für die Welt vom Wachstum des evangelikalen Glaubens in verschiedenen Ländern rund um die Welt lese, einschließlich in orthodoxen und katholischen Ländern (und kommunistischen Ländern wie China, das ich auch erwähnte).

Aus Ihrem Brief weiß ich, dass Sie erkennen, dass das, was als Katholizismus in vielen lateinamerikanischen Ländern durchgeht, ein dünner kultureller Anstrich aus christlichem Heidentum ist. Wenn wir also über das Wachstum evangelikaler Christen in El Salvador, Chile oder Brasilien lesen, dann ist das ein Grund zur Freude. Ich erkenne jedoch, dass das, was als evangelikales Christentum in bestimmten Ländern durchgeht, in manchen Ländern leider auch manchmal eine synkretistische Mischung des christlichen Glaubens mit Spiritismus oder Heidentum ist, und darum müssen selbst die Statistiken über das evangelikale Wachstum in bestimmten südamerikanischen und afrikanischen Ländern mit Vorsicht betrachtet werden. Dennoch scheint sich in unseren Tagen weltweit eine Erweckung und Ausgießung des Heiligen Geistes zu vollziehen, obwohl Menschen im Westen ihrer oft nicht gewahr sind.

Was Ihre Frage betrifft: Natürlich, jeder andere partikularistische Glaube, der Islam zum Beispiel, könnte meine Verteidigung des christlichen Partikularismus anpassen, um seine Sicht gegen religiösen Pluralismus zu vertreten. Das ist unproblematisch. Ich verteidige den christlichen Partikularismus gegen Einwände vonseiten des religiösen Pluralismus. Es ist kein positives Argument für die Wahrheit des Christentums. Somit kann ein religiöser Partikularist jeglicher Couleur dies als eine Verteidigung seiner Behauptungen gegen die Kritik, die vom religiösen Pluralismus ausgeht, adaptieren. Es bestätigt nicht die Wahrheit eines speziellen Glaubens. Es zeigt nur, dass der Glaube nicht durch Einwände seitens des religiösen Pluralismus widerlegt wird.

(Übers.: B. Currlin)

Read more: https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/mere-christianity

- William Lane Craig