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#128 Christlicher Glaube

May 06, 2015
F

Hallo Herr Prof. Craig,

ich habe immer noch Mühe mit der christlichen Weltsicht, weil sie mir logisch so inkohärent erscheint. Sie aber sehen das anders. Hier sind einige Ideen, mit denen ich gedanklich nicht klarkomme.

Gott soll angeblich unendlich sein, aber wenn er das ist, wie kann er dann in finiten Begriffen wie liebend, fürsorglich oder auch nur als ein „Er“ beschrieben werden?

Sie argumentieren auch, dass nichts aus dem Nichts kommt. Zwar halte ich das für ein gutes Argument für Gottes Erschaffung des Universums, aber ich kann es irgendwie nicht als logische Erklärung für meine eigene empfindungsfähige Existenz und Seele verwenden. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich nicht existierte; bedeutet das also, dass ich immer existiert habe? Oder habe ich einen finiten Anfang und ein finites Ende? Oder habe ich einen finiten Anfang und kein Ende?

Ratlos bin ich auch in der Frage nach dem Sinn unseres Lebens. Ich stimme Ihnen zu, dass es ohne einen Gott keine objektiven moralischen Werte gibt, und somit auch absolut keinen Lebenszweck. Nihilismus und Atheismus gehen für mich Hand in Hand. Die christliche Behauptung, nach welcher der Grund unserer Existenz darin besteht, den Herrn zu lieben und ihm zu dienen, würde für mich Sinn machen, wenn ich verstehen würde, warum wir notwendige Wesen sind. Da Gott unendlich ist, warum sollte er ein Bedürfnis oder sogar einen Bedarf haben, endliche Wesen zu schaffen?

Ich gebe zu, dass ich denke, dass jeder über fast alles seinen eigenen Glauben hat, einschließlich Religion, Geschichte, Mathematik und Wissenschaften. Menschen treffen Urteile über die Geschichte auf der Grundlage ihres Glaubens, dass die Geschichte richtig dokumentiert ist. Also denke ich, dass sogenannte Wissenschaftsempiristen wie Richard Dawkins sich irren, wenn sie sagen, dass wissenschaftliche oder historische Erkenntnisse nur auf Empirie beruhen, weil ihre Schlussfolgerungen eigentlich an Glaubenselemente gebunden sind. In Wirklichkeit, denke ich, kann die dokumentierte Geschichte, Wissenschaft oder Religion aus der Zeit, bevor es Kameras, Fotos und Videos gab, nur eine Frage subjektiver Überzeugungen sein; und selbst Fotos oder Videos können Fälschungen sein oder es kann sie jemand manipuliert haben. Das führt mich zu einer agnostischen Sicht; es ist für mich oder jeden anderen unmöglich, wahrhaftig zu wissen und zu behaupten, dass man irgendetwas versteht oder weiß, abgesehen von dem, was in der endlichen Gegenwart jeder unserer Erfahrungen in der erste-Persons-Perspektive geschieht. Deshalb denke ich, dass nur die unmittelbar erfahrene Gegenwart empirisch ist.

Allerdings haben wir offenbar die natürliche Neigung, diese logischen Schlussfolgerungen zu missachten. Dies wiederum erscheint mir weder logisch NOCH unlogisch; ich bin auf ein Paradox gestoßen. Wenn jeder diese extreme Auffassung des Agnostizismus hätte, gäbe es ein Chaos und keinen Fortschritt in Bereichen wie Wissenschaft, Geschichte oder Mathematik. Denn wenn wir nicht einmal unseren eigenen Erinnerungen trauen können, kann es keine Art von Fortschritt geben, die nicht logisch bezweifelt werden könnte. Während ich dies schreibe, habe ich den Eindruck, dass ich gerade meine eigene Frage über den Glauben beantworte und dass sogar der Glaube empirisch paradox sein kann. Aber ich würde gern Ihre Sicht darüber erfahren.

Ich hoffe, Sie können ein wenig Licht auf diese Ideen werfen.

Danke,

Tom

Greece

Prof. Craigs Antwort


A

Ich denke, dass ich ein wenig Licht auf diese Fragen werfen kann, Tom, deshalb freut es mich, dass Sie sie gestellt haben. Nachdem Sie meine Antworten gelesen haben, werden Sie hoffentlich sehen, dass der christliche Glaube überhaupt nicht inkohärent ist, sondern uns wahrhaftig hilft, die Welt besser zu verstehen.

Erstens setzen Begriffe wie „liebend“ und „fürsorgend“ keine Endlichkeit voraus. Es gibt keinen Grund zu denken, dass ein unendliches Wesen nicht liebevoll oder fürsorglich sein kann. Vielleicht verwechseln Sie „unendlich“ mit „unbestimmt“ und denken, dass ein unendliches Wesen keine spezifischen Eigenschaften haben kann. Aber das ist nicht das, was in diesem Kontext mit „unendlich“ gemeint ist. Davon zu sprechen, dass Gott unendlich ist, bedeutet einfach, dass Gott solche superlativischen Eigenschaften hat wie Notwendigkeit, Selbst-Existenz, Allmacht, Allwissenheit, Allgegenwart, Ewigkeit, moralische Vollkommenheit, und so weiter. Tatsächlich folgt aus der moralischen Vollkommenheit Gottes, dass er liebend und fürsorglich ist (Frage der Woche #123) [1]!“ Was die Frage betrifft, ob Gott ein „Er“ ist, lehrte Jesus uns, uns Gott (der als unkörperliches Wesen kein Geschlecht hat) in der Metapher eines Himmlischen Vaters vorzustellen und somit als ein „Er“, weil diese Metapher sowohl liebende elterliche Fürsorge als auch elterliche Autorität ausdrückt. [2]

Zweitens gibt es in Abwesenheit irgendeiner Evidenz für eine Reinkarnation oder Präexistenz der Seele keinen Grund zu denken, dass Sie vor Ihrer Empfängnis existiert haben. Da Sie angefangen haben zu existieren, folgt daraus, dass es eine Ursache für Ihr Ins-Sein-Kommen gegeben haben muss, denn wie Sie sagen, kann etwas nicht aus dem Nichts ins Sein kommen. Das braucht nicht Gott zu sein; vielleicht waren es einfach Ihre Eltern. Aus einer naturalistischen Weltanschauung haben Sie einen finiten Anfang und ein finites Ende, wie Sie es formuliert haben; Ihnen steht eine unausweichliche Auslöschung bevor. Aber der christliche Glaube behauptet, dass Sie einen finiten Anfang, aber kein Ende haben: Sie werden für immer existieren.

Drittens bietet der christliche Glaube eine kohärente Sicht über den Zweck des Lebens. Der Zweck des Lebens im Allgemeinen besteht in den wunderbaren Worten des Westminster Katechismus darin, Gott zu verherrlichen und Ihn in alle Ewigkeit zu genießen. Sie sind ein personales Wesen, geschaffen im Ebenbild Gottes, und es ist die Beziehung zu dem personalen Gott, in der die Erfüllung der menschlichen Existenz zu finden ist. Gott ist unendliche Güte und Liebe, und Sie werden die Erfüllung Ihrer tiefsten Sehnsüchte in Ihm finden. Das bedeutet nicht, dass wir, wie Sie sagen, notwendige Wesen sind. Gott braucht uns nicht zu seiner eigenen Erfüllung; als das höchste Gute findet Er dies in sich selbst. Wir wurden nicht zu Gottes Wohl geschaffen, sondern zu unserem eigenen Wohl, damit wir die Freude einer persönlichen Beziehung mit Ihm erfahren können. Dass Er uns aus freier Entscheidung zu unserem Wohl erschuf, verherrlicht Gott als sich hingebende Liebe.

Viertens wird Ihre Behauptung, dass man nur wissen kann, „was in der endlichen Gegenwart jeder unserer Erfahrungen in der erste-Persons-Perspektive geschieht“, letztlich – wie Sie zu erkennen scheinen – in einem seichten und sich selbst widerlegenden Skeptizismus stecken bleiben. Tatsächlich würde es die menschliche Existenz fast auf die niedrigste Form tierischen Lebens reduzieren, auf eine schneckenartige Existenz, die einfach gegenwärtige Sinneseindrücke aufnimmt und gedankenlos darauf reagiert. Die Größe des Menschen als rationales Wesen liegt darin, dass wir über unsere eigene Erfahrung nachdenken und die Welt, in der wir leben, verstehen lernen können. Es gibt einfach keinen Grund, dem Skeptiker beizupflichten, dass wir keine Kenntnis der Welt haben. Der Skeptiker sollte seinem Skeptizismus mit mehr Skepsis begegnen! Der Lebensnerv des Skeptizismus wird durchtrennt, sobald wir erkennen, dass der Skeptiker voraussetzt, dass wir, um irgendeine Proposition p zu wissen, wissen müssen, dass wir dieses p wissen! Das ist nicht nur eine unplausible Anforderung für das, was Wissen ist (denn ich kann etwas wissen, ohne zu wissen, dass ich es weiß), sondern noch schlimmer ist, dass der Skeptiker nicht zu dieser Anforderung berechtigt ist, da er als Skeptiker nicht behaupten kann zu wissen, dass man, um p zu wissen, wissen muss, dass man dieses p weiß! Der Skeptiker setzt in seiner Verleugnung des Wissens also Wissen voraus. Wenn Sie mehr über religiöse Epistemologie lesen möchten, empfehle ich Ihnen sehr Alvin Plantingas mittlerweile ins Deutsche übersetzten Klassiker Gewährleisteter Christlicher Glaube (de Gruyter, 2015). [3]

Meine aufrichtige Hoffnung ist, dass diese Antworten auf Ihre Fragen Klarheit in Ihr Verständnis des christlichen Glaubens bringen und Ihnen helfen, einen Schritt näher dahin zu kommen, Gott durch Christus zu erkennen.

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/christian-faith

- William Lane Craig