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#354 Arbeit und Anbetung

January 14, 2016
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

aus purer Neugier möchte ich Ihnen eine Frage zum Christentum stellen. Können Sie die beiden Aspekte erklären, die ich als die beiden „A's“ eines Lebens mit Gott bezeichne? Ich meine damit die Themen „Arbeit“ und „Anbetung“.

Das Leben ist hart. Diese Aussage wird vermutlich überall auf Zustimmung stoßen – die glücklichsten, erfolgreichsten und wohlhabendsten Menschen auf der Erde einmal ausgenommen. Für den überragenden Großteil der Menschen jedoch ist das Leben eine Plackerei, von gelegentlichen Pausen und Phasen der Entspannung mal abgesehen.

Wenn ich mir den "idealen" Gott vorstelle, denke ich an einen glücklichen, fröhlichen und liebenden Gott, der unsere Welt als Planeten entwirft, der sich um Vergnügen, Erkundung, Spaß, Entspannung und die Freude am Mitmenschen dreht. So wie ich jedoch die Bibel und das Christentum verstehe, besteht das Leben hauptsächlich aus „Arbeit“ (die Gläubigen sprechen davon, Gott zu „dienen“, fast so wie Sklaven ihrem Herrn) und „Anbetung“ (dieser Gedanke hat für mich etwas Gruseliges).

Zunächst zum Konzept der Arbeit: Ich verstehe nicht, weshalb gerade die Arbeit die Mitte des Lebens bilden sollte! Wir haben so schon kaum Zeit, uns der grundlegendsten Dinge des Lebens zu erfreuen, uns um unsere Gesundheit zu kümmern oder unsere Beziehungen zu pflegen (Freunde, Geschwister, Kinder usw.). Wir müssen arbeiten, um zu überleben. Doch warum sollte ein allmächtiger und herrlicher Gott die Welt so gewollt haben, wie sie ist? Im schlimmsten Fall ist das Leben eine mühselige Plackerei. Es besteht quasi aus Arbeit. Selbst der Gott der Bibel, so heißt es, arbeitete erst sechs Tage lang, bevor er einen Tag ruhte.

Ich habe Sie in Ihren Debatten sagen hören: Gäbe es kein Leid (und dazu können wir ruhig auch die Arbeit zählen), der Mensch verkäme schnell zum verzogenen Rotzbengel. Kummer und Arbeit dienen einer besseren Sache, denn so lerne der Mensch Verantwortung. Einspruch! Verantwortung mag ja eine gute Sache sein (das ist mir wohl bewusst), aber so viel Eintönigkeit und Alltagsplackerei – das steht doch in keinem Verhältnis zu dem, was diese Dinge an Gutem bewirken können. Die meisten Menschen könnten es zu Dankbarkeit und Verantwortung bringen, ohne dafür 75-85% ihrer Zeit auf das Arbeiten verwenden zu müssen! Darüber hinaus habe ich bemerkt, dass viele, die am härtesten und längsten arbeiten, es aus Stolz und Konkurrenzdenken tun, etwa um ihren Selbstwert zu stützen (vielleicht, weil sie kein Sozialleben haben) oder gar aus reiner Gier.

Weiter ist da das Thema der Anbetung. Auch damit habe ich mich immer sehr schwer getan. Hat ein höchstes Wesen wie Gott es wirklich nötig, zu gebieten oder gar sich daran zu erfreuen, dass ihm seine „Nachfolger“ einmal in der Woche am Sonntag Lieder singen und „Hallelujas“ entgegenjubeln? Ich hoffe, Ihnen damit nicht zu nahe zu treten, aber ganz ehrlich: Das klingt sehr gruselig in meinen Ohren, denn für mich hört sich das so an, als sei Christsein in gewissem Sinn stets auch Sklavendasein. Man ist da, um zu arbeiten, und dann soll man auch noch ein höchstes Wesen „anbeten“! Beunruhigt Sie der Gedanke, Gott anbeten zu müssen, nicht auch ein wenig? Klingt er nicht auch ein wenig gruselig in Ihren Ohren, Herr Prof. Craig?

Ich hoffe, Sie nehmen keinen Anstoß an meinen Fragen, aber genau das empfinde ich, wenn ich „als Außenstehender“ über ein Leben als Christ nachdenke. Das Leben ist schon schwer genug; der Gedanke an Arbeit und Anbetung, wie er sich im Christentum darstellt, scheint mir die Sache aber noch zu verschlimmern. Ich sehe nicht, inwiefern ein Christenleben so viel besser sein sollte. Danke im Voraus für Ihre Antwort!

Liebe Grüße,

Lawrence

United States

Prof. Craigs Antwort


A

Danke vielmals für Ihre interessanten und anregenden Fragen, Lawrence! Daran zeigt sich deutlich, wie unterschiedlich Christen und Nichtchristen die einzelnen Aspekte des Lebens betrachten. Lassen Sie uns also über diese beiden Dinge sprechen.

1. Warum ist die Arbeit praktisch die Mitte des Lebens? Sie haben völlig recht, wenn Sie uns Christen daran erinnern, dass wir eine Theologie der Arbeit entwickeln müssen. Besonders lehrreich ist das dort, wo Sie auf den Gott des Schöpfungsberichts verweisen als Beispiel für jemanden, der zuerst arbeitet, bevor er sich „einen Tag Auszeit“ nimmt. Das ist klar als Vorbild für unser eigenes Leben zu lesen. Ich finde es faszinierend, dass Gott Adam laut dem Schöpfungsbericht noch vor dessen Sündenfall Arbeit gibt: „Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte“ (1. Mo 2,15). Arbeit ist eine heilige Tätigkeit, die auch ein Merkmal einer sündlosen Existenz ist.

Ihre „ideale Existenzweise“ jedoch ist – wenn auch nachvollziehbar – eine hedonistische Sichtweise des Lebens, die der biblischen Ansicht widerspricht. Eine Welt, die sich „um Vergnügen, Erkundung, Spaß, Entspannung und die Freude am Mitmenschen“ drehte, klingt eher nach einem Teenagertraum; in Wirklichkeit aber wäre es ein Alptraum. Eine Welt, in der es um das Vergnügen ginge, verweist auf eine egozentrische Sichtweise des Lebens, die Dingen wie Verantwortung, Opfer, Leistung und einem Wachstum in Fragen der Moral und Tugend diametral entgegensteht. Eine solche Welt brächte keine reifen Menschen hervor. Die Arbeit ist somit eine große Wohltat für die Entwicklung des Menschen, sei es für seine persönliche oder auch die gemeinschaftliche Entwicklung. Freilich sind die Tugenden, die durch die Arbeit errungen werden können, nicht automatisch da, wie Sie zu Recht bemängeln: „Viele, die in unserer Gesellschaft am härtesten und längsten arbeiten, tun dies aus Stolz und Konkurrenzdenken, etwa um ihren Selbstwert zu stützen (weil sie vielleicht kein Sozialleben haben) oder aus reiner Gier.“ Das ist aber nicht einem inneren Mangel der Arbeit selbst zuzuschreiben, sondern der Sündhaftigkeit des Menschen, die auch die besten Güter verderben kann.

Eine gute christliche Theologie der Arbeit wird auch die richtigen Beweggründe derselben umfassen, etwa das fröhliche Dienen Gottes und die Bereitschaft, für die eigene Familie zu sorgen. Eine christliche Theologie der Arbeit wird vielleicht auch die Auffassung der Berufung enthalten, die Auffassung also, dass Gott mich beruft, Klempner, Professor, Hausfrau oder Bauer zu sein! Wenn man seine Arbeit – und sei sie noch so „alltäglich“ – als Berufung betrachtet, als Dienst, den man für Gott tun kann, dann kann das helfen, die Dinge aus den richtigen Beweggründen zu tun, besonders dort, wo wir ihm aus dankbarem Herzen dienen für all das Gute, das er uns in Christus geschenkt hat.

Die Erwähnung der menschlichen Sündhaftigkeit dient uns jedoch zur Erinnerung daran, dass wir in einer gefallenen Welt leben, die die Arbeit erschwert. So sagt Gott im Schöpfungsbericht nach dem Sündenfall zu Adam: „Verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. … Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest“ (1. Mo 3,17.19). In einer sündigen, gefallen Welt wird die Arbeit oft von Ausbeutung, schlechter Entlohnung, Korruption, Herrschsucht und Ungleichbehandlung gekennzeichnet sein. Es überrascht daher kaum, dass „so viel Eintönigkeit und Alltagsplackerei – … in keinem Verhältnis zu dem [steht], was diese Dinge an Gutem bewirken können“. Oder wenigstens zu einem irdischen Gut, das sie (die tägliche „Plackerei“) hervorbringen könnte. (Jedoch können wir aufgrund unserer begrenzten Sicht nicht wissen, welches zukünftige Gut unsere Arbeit hervorzubringen vermag!) Wenn wir treu unserer Pflicht nachkommen und für uns und unsere Familie sorgen und die Arbeit tun, die Gott uns zu tun aufgetragen hat, dann tun wir das im Wissen, dass dieses irdische Leben eine kurze und vorübergehende Existenzweise ist. Diese bereitet uns auf das Leben danach vor, in welchem Gott die Menschen, die ihm treu gedient haben, reich belohnen wird. So schreibt Paulus den Christensklaven in Kolossä: „Alles, was ihr tut, das tut von Herzen als für den Herrn und nicht für Menschen, da ihr wisst, dass ihr von dem Herrn zum Lohn das Erbe empfangen werdet; denn ihr dient Christus, dem Herrn!“ (Kol 3,23f.).

Das Problem, Lawrence, besteht darin, dass Sie das irdische Leben ansehen, als sei es das einzige, das wir haben. Doch dem christlichen Glauben zufolge ist das nicht so. Ich gebe natürlich zu: Für einen Nichtchristen wie Sie sind das nichts als Luftschlösser; worauf es aber ankommt: Wenn das Christentum die Wahrheit ist, dann beinhaltet es auch eine vernünftige Sichtweise der Arbeit in einer gefallenen Welt. Es gilt nur noch hinzuzufügen, dass wir guten Grund haben, unsere Hoffnung auf die Geschichtlichkeit der Auferstehung Jesu Christi zu setzen.

2. Zur Anbetung gezwungen? Beim Lesen Ihrer zweiten Frage konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen, Lawrence, da sie so anschaulich zeigt, wie Christen die Dinge sehen und wie sie Nichtchristen sehen! Würden Sie mir glauben, wenn ich Ihnen sage, ich liebe es, Gott anzubeten? Es ist aber wahr! Nachdem ich als Teenager zum Glauben an Gott und an seine Erlösung gekommen war, habe ich es als äußerst erfüllend und beglückend empfunden, dem Herrn Loblieder zu singen und gemeinsam mit anderen zu ihm zu beten. Ich liebe ihn! Er ist mein Erlöser; er hat sein Leben für mich, der ich es gar nicht verdient habe, am Kreuz geopfert, um mir meine Sünden zu vergeben und mich in die rechte Beziehung zu ihm zu versetzen und mir ewiges Leben zu schenken! Wie könnte ich ihn da nicht loben? Gezwungen, Gott anzubeten? Niemals! Ich bete ihn mit Freuden an, genauso wie ich ihm auch mit Freuden diene.

Ein paar theologische Überlegungen zeigen: Gott ist das summum bonum, das „höchste Gut“, Musterbeispiel und Quelle allen Werts und aller Liebe. Er ist, wie Anselm lehrte, das höchste Wesen, das man sich vorstellen kann. Daher verdient er Anbetung und Verehrung. Ich glaube, Lawrence, Ihr Problem ist, dass Sie sich Gott als eine Art „Kerl“ vorstellen, wie ein britischer Journalist einmal gesagt hat (im Orig.: „a sort of a chap“), und dann wäre es in der Tat gruselig, wollte ein solcher „Kerl“, dass wir ihn anbeten! Aber das höchste Wesen anzubeten, das man sich vorstellen kann, das höchste Gut, daran ist nun wahrlich nichts Seltsames oder Unpassendes.

Ich fühle mich durch Ihre Fragen überhaupt nicht angegriffen, Lawrence, im Gegenteil: Ich finde sie wertvoll, da sie lebhaft zeigen, wie unterschiedlich ein Christ und ein Nichtchrist Gott betrachten. Was macht das Christentum so großartig? Zuerst und an vorderster Stelle: Es ist die Wahrheit. Doch darüber hinaus verleiht es Ihrer Arbeit auch dort, wo sie mühsam ist, ewige Bedeutung und ewigen Wert. Es stellt Sie in einen Zusammenhang mit etwas unvergleichlich Gutem: der Erkenntnis Gottes selbst.

(Übers.: I. Carobbio; L: LT)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/work-and-worship

- William Lane Craig