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#168 Anfangen zu existieren

February 15, 2019
F

Frage #1:

Sehr geehrter Prof. Craig,

zur Zeit arbeite ich an einer Hausarbeit über Ihre Version des kalām-kosmologischen Arguments. Ich bin mir nicht im Klaren über die Definition von „x kommt in Existenz“. Hier ist also meine Frage:

Müsste es, damit x in Existenz kommt, einen vorherigen Zeitpunkt geben, an dem x nicht existiert? Oder könnte es auch sein, dass x in Existenz kommen würde, wenn x vom ersten Moment der Zeit an existierte?

Jan

Frage #2:

Sehr geehrter Prof. Craig,

zuerst möchte ich meinen Dank und meine Bewunderung für Ihre Arbeit zum Ausdruck bringen; es war unter anderem Ihr Beispiel, das mich dazu inspiriert hat, auf ein Doktorat im Bereich der philosophischen Theologie hinzuarbeiten, so Gott will, um in Zukunft auf diesem Gebiet hier in Europa zu lehren. Ich nutze Ihr neues Buch On Guard [1], um eine Gruppe von (meist) Männern aus der lokalen Gemeinde in Apologetik auszubilden, aber ich habe eine Frage zu einer der Prämissen des kalām-kosmologischen Arguments, die ein befreundeter christlicher Philosoph gestellt hat. Er hält die Prämisse „Alles, was anfängt zu existieren, muss eine Ursache haben“ für problematisch, denn wenn Gott bei der Schöpfung temporal wird (was er akzeptiert), dann hat Gott (temporal) angefangen zu existieren, aber wir möchten natürlich nicht von Gott sagen, dass er verursacht wurde! Ich bin sicher, Sie haben in dieser Hinsicht etwas zu sagen, und ich würde es sehr schätzen, wenn Sie dies tun würden, weil ich sonst unsicher bin, wie ich diese Version des Arguments benutzen kann!

Allen Segen in Christus,

Rob

 

[1] Das Buch ist mittlerweile auf Deutsch erschienen: William Lane Craig: On Guard. Mit Verstand und Präzision den Glauben verteidigen. (Verlag cvmd 2015; 12,90 Euro, ISBN 978-3981772906. Erhältlich über jede Buchhandlung oder direkt bei cvmd.eu)

Afghanistan

Prof. Craigs Antwort


A

Das kalām-kosmologische Argument[1] enthält den Ausdruck „anfangen zu existieren“. Für diejenigen, die sich fragen, was das bedeutet, benutze ich manchmal die Formulierung „ins Sein kommen“ als Synonym. Wir können diese Formulierung wie folgt explizieren: Für jede Entität e und jede Zeit t gilt:

e kommt dann und nur dann zum Zeitpunkt t ins Sein, wenn (i) e zu t existiert, (ii) t der erste Zeitpunkt ist, an dem e existiert, (iii) es keinen Zustand in der aktualen Welt gibt, in dem e zeitlos existiert, und (iv) das Existieren von e zu t eine zeitliche Tatsache ist.

Aus den Bedingungen (i) und (ii) ersehen Sie, Jan, dass es, damit e anfängt zu existieren, vor t nicht schon eine Zeit gegeben haben muss, zu der e nicht existierte. Wenn das der Fall wäre, dann wäre es per Definition wahr, dass die Zeit nicht anfing zu existieren, was gewiss eine Frage ist, die durch Erforschung und nicht durch Definition zu klären wäre!

Was Ihre Frage betrifft, Rob, schließt (iii) aus, dass Gott anfing zu existieren, als Er aus einem Zustand der Zeitlosigkeit ohne Schöpfung dann im Augenblick der Schöpfung in die Zeit eintritt. Dieses Ergebnis ist intuitiv einsichtig, weil Gott, wenn Er ohne die Schöpfung zeitlos existiert, im Augenblick der Schöpfung nicht zu existieren beginnt oder ins Sein kommt!

Bedingung (iv), Jan, ist das, woraus sich zeitliches Werden im Gegensatz zu rein statischer Existenz ergibt. Lassen Sie mich erklären, was ich mit einer „zeitlichen Tatsache“ meine. Wir alle sind mit Zeitformen (Präsens, Futur oder Vergangenheit) vertraut, weil sie ein wesentlicher Aspekt unserer Alltagssprache sind. Im Englischen oder Deutschen drücken wir eine Zeitform normalerweise dadurch aus, dass wir das Verb eines Satzes im Tempus der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft konjugieren. Zwar weist der größte Teil unserer Sätze in der allgemeinen Sprache eine Zeitform auf, aber es gibt Situationen, in denen wir Sätze verwenden, die grammatikalisch im Präsens stehen, um etwas auszudrücken, was in Wirklichkeit eine zeitlose Tatsache ist. Wir sagen zum Beispiel: „Lady Macbeth begeht in Akt 5, Szene 5 Selbstmord“, „Glas bricht leicht“ oder „Die Fläche eines Kreises beträgt πr2.“ Es ist offensichtlich, dass die Verben in diesen Sätzen eigentlich zeitlos sind, denn es wäre falsch, sie durch „jetzt gerade“ zu ergänzen, wie zum Beispiel „Lady Macbeth begeht jetzt gerade Selbstmord in Akt 5, Szene 5“ oder „ Glas bricht jetzt gerade leicht“ und so weiter. Eine solche Ergänzung würde einige dieser wahren Sätze eindeutig falsch machen.

Eine Zeitform in Verben hat die Funktion, etwas im Vergleich zur Gegenwart zeitlich einzuordnen. Dies kann aber nicht nur durch Verben geschehen, sondern auch durch temporal indexikalische Ausdrücke wie „heute“, „jetzt“, „vor drei Tagen“. Solche zeitlichen Ausdrücke unterscheiden sich radikal von Ausdrücken, die Uhrzeiten oder Datumsangaben verwenden, welche zeitlos sind. „3. Januar 1812“ bezieht sich unabänderlich auf denselben Tag, ob er vergangen, gegenwärtig oder zukünftig ist, während es bei temporal indexalischen Ausdrücken wie „gestern“, „heute“ oder „morgen“ vom Kontext ihrer Äußerung abhängt, auf welchen Tag sie sich beziehen.

Datumsangaben können daher in Verbindung mit zeitlosen Verben verwendet werden, um Dinge zeitlos in der Zeit zu lokalisieren. Wir können zum Beispiel feststellen: „1960 verspricht John Kennedy, noch vor dem Ende des Jahrzehnts einen Menschen auf den Mond zu schicken“ (wobei die Kursivsetzung eine stilistische Konvention ist, um zu zeigen, dass das Verb zeitlos ist). Dieser Satz drückt eine zeitlose Tatsache aus und ist daher immer wahr. Zu beachten ist, dass man, selbst wenn man diese Tatsache kennt, nicht weiß, ob Kennedy sein Versprechen bereits gegeben hat, es sei denn, man weiß, ob 1960 vergangen ist. Wenn wir das zeitlose Verb dagegen durch das Verb „versprach“ im Präteritum ersetzen, wissen wir, dass das genannte Ereignis bereits geschehen ist. Dieser zeitlich bestimmte Satz wäre aber nicht immer wahr: Vor 1960 wäre er falsch. Vor 1960 müsste das zeitlich bestimmte Verb in der Futurform „wird versprechen“ stehen, wenn der Satz wahr sein soll. Im Gegensatz zu zeitlosen Sätzen dienen also zeitliche Sätze dazu, Dinge im Verhältnis zur Gegenwart in der Zeit zu lokalisieren, und so kann sich ihr Wahrheitswert ändern.

Der springende Punkt bei alledem ist, dass es neben zeitlosen Tatsachen auch zeitliche Tatsachen zu geben scheint. Die Information, die durch einen zeitlichen Satz vermittelt wird, betrifft nicht nur zeitlose Tatsachen, sondern auch zeitliche Tatschen – Tatsachen darüber, wie etwas in Beziehung zur Gegenwart ist. Was also in einem Moment eine Tatsache ist, ist vielleicht in einem anderen Moment keine Tatsache. Jetzt ist es eine Tatsache, dass die Vereinigten Staaten in Afghanistan Krieg führen; doch in einigen Jahren ist das vielleicht keine Tatsache mehr. So ändert sich die Menge der zeitlichen Tatsachen ständig.

Wenn es nun zeitliche Tatsachen gibt, dann ist die Zeit selbst zeitlich. Das heißt, die Momente der Zeit sind unabhängig von unserer subjektiven Zeiterfahrung wirklich vergangen, gegenwärtig oder zukünftig. Zeitlichkeit ist nicht nur ein Merkmal der menschlichen Sprache und Erfahrung, sondern ein objektives Merkmal der Realität. Es ist zum Beispiel eine objektive Tatsache, dass die Reise von Kolumbus im Jahr 1492 vorüber ist; sie ist vergangen. Deshalb ist 1492 selbst vergangen, da die Reise in dieser Zeit lokalisiert wurde. Aus der Realität zeitlicher Tatsachen folgt daher eine zeitliche Theorie der Zeit, die in der philosophischen Literatur gewöhnlich A-Theorie der Zeit genannt wird. Eine der Implikationen einer A-Theorie der Zeit ist die objektive Realität temporalen Werdens. Dinge kommen in Existenz und gehen aus der Existenz. Dinge, die real sind, existieren vollständig in der Gegenwart und dauern von einem gegenwärtigen Moment zum nächsten in der Zeit an. So gibt es nach einer A-Theorie der Zeit eine Dynamik der Realität, ein ständiges Werden der Realität in der Zeit.

Im Gegensatz dazu gibt es bei einer zeitlosen oder B-Theorie der Zeit in Wirklichkeit keine zeitlichen Tatsachen. Der faktische Inhalt von Sätzen, die zeitlich bestimmte Verben und temporal indexikalische Ausdrücke enthalten, umfasst nur zeitlose Lokalisierungen (Datumsangaben, Uhrzeiten) und zeitlose Beziehungen (früher als, gleichzeitig mit und später als) der Ereignisse. Linguistische Tempora sind ein egozentrisches Merkmal von Sprachnutzern. Sie dienen nur dazu, die subjektive Perspektive des Nutzers auszudrücken. Aber in der objektiven Realität gibt es kein „jetzt“ in der Welt. Alles existiert einfach zeitlos. Nach der B-Theorie der Zeit sind also alle Dinge und Ereignisse in der Zeit gleichermaßen existent. Gäbe es keinen Verstand, gäbe es auch keine Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft. Es gäbe nur das vier-dimensionale Raum-Zeit-Universum, das en bloc existiert. Daraus folgt, dass es ein kein temporales Werden gibt. Temporales Werden ist eine Illusion des menschlichen Bewusstseins. Nichts im Raum-Zeit-Block kommt jemals ins Sein oder geht aus dem Sein, und auch der Raum-Zeit-Block als Ganzes kommt nicht ins Sein oder vergeht. Aus einer theistischen Sicht koexistiert er zeitlos mit Gott.

Das kalām-kosmologische Argument setzt von Anfang bis Ende eine A-Theorie der Zeit voraus. Dinge kommen nicht ohne Ursache ins Sein. Wenn das Universum in der Vergangenheit endlich ist, dann hat es in dem Sinne angefangen zu existieren, dass es ins Sein kam. Der erste Moment der Schöpfung ist kein zeitloser Augenblick an der Spitze eines vier-dimensionalen Blocks, sondern ein flüchtiger Moment, der wurde und nun vergangen ist. Nach einer B-Theorie der Zeit ist Gott in dem Sinne der Schöpfer des Universums, dass der ganze Block des Universums und aller Dinge darin in seiner Existenz von Gott abhängt. Die Zustimmung eines B-Theoretikers, dass Gott zu irgendeinem Zeitpunkt der endlichen Vergangenheit das Universum aus dem Nichts ins Sein brachte, kann bestenfalls bedeuten, dass Gott das Universum zeitlos in Existenz hält und dass es (zeitlos) einen Moment gibt, der von jedem anderen Zeitpunkt durch ein endliches Zeitintervall getrennt ist und vor dem kein Moment einer vergleichbaren Dauer existiert. Das Universum hat nur in dem Sinne angefangen zu existieren, dass der zeitlos existierende Block des Universums einen vorderen Rand hat. Es hat nur in dem Sinne einen Anfang, wie ein Zollstock einen Anfang hat (also nicht zeitlich). Es gibt in der aktualen Welt keinen Zustand, in dem Gott ohne das Raum-Zeit-Universum allein existiert. Gott bringt das Universum nie wirklich ins Sein; als ein Ganzes koexistiert es zeitlos mit Ihm.

Bedingung (iv) meiner Erklärung ist ein Ausdruck dafür, dass ich eine A-Theorie der Zeit und die Realität des temporalen Werdens unterstütze. Sie gewährleistet, dass das Universum aufgrund seiner vergangenen Endlichkeit ins Sein kam. Wenn es Sie interessiert zu erfahren, warum ich diese Auffassung über die Natur der Zeit vertrete, werfen Sie einen Blick in mein Buch Time and Eternity. Exploring God's Relationship to Time[2].

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/beginning-to-exist

 

[1] Das kalām-kosmologische Argument lautet wie folgt:
Prämisse 1: Alles, was einmal angefangen hat zu existieren, hat eine Ursache.

Prämisse 2: Das Universum hat einmal angefangen zu existieren.

Konklusion: Daher hat das Universum eine Ursache.

Eine detaillierte Darstellung des Argumentes findet sich hier: http://www.reasonablefaith.org/german/Das-kalam-kosmologische-Argument

[2] Craig, William Lane: Time and Eternity: Exploring God's Relationship to Time. Wheaton/Il 2001: Crossway Books.

- William Lane Craig