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#50 Alttestamentliche Prophetien zur Auferstehung Jesu

January 14, 2016
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich studiere Philosophie in Neuseeland und beschäftige mich seit letztem Jahr eifrig mit Theologie. In einer Ihrer Debatten wettern Sie gegen die Bultmann’sche Sicht, wonach die Frühchristen erst im Zuge einer genaueren Lektüre des AT zum Glauben an einen auferstandenen Christus gekommen seien.

Sie sagen:

„Das Problem dabei ist: Die alttestamentlichen Stellen sind viel zu dunkel, zu mehrdeutig, als dass die Jünger ihren Glauben an eine Auferstehung auf diese Weise erlangt haben können.“

Nun halten viele Theologen just diese Sichtweise, wonach die Frühchristen genau „auf diese Weise“ zum Glauben an den auferstanden Christus kamen, für wahrscheinlich, darunter auch Alttestamentler wie Lloyd Geering (entschuldigen Sie meine neuseeländische Voreingenommenheit).

Meine Frage lautet: Was würden Sie diesen Theologen antworten?

Simon

New Zealand

Prof. Craigs Antwort


A

Alttestamentliche Prophezeiungen von der Auferstehung Jesu

Die ältere Sichtweise, die den Ursprung des Glaubens der Jünger darin gesehen hatte, dass die Jünger nach der Kreuzigung Jesu eifrig in den Schriften forschten und dort auch die Vorstellung eines sterbenden und auferstehenden Messias fanden, welche sie dann (von Herzen) auf Jesus bezogen, lehnt die neuere NT-Forschung weitgehend ab, wenngleich man den Gedanken bei älteren Gelehrten wie etwa Geering und – zu meiner Überraschung – auch auf den Lippen eines Bart Ehrman noch findet (man beachte sein Schlusswort in unserer Debatte [1]; erst an dieser Stelle der Debatte offenbarte er nämlich endlich, wie er meinte, dass es sich wirklich zugetragen hat).

Das Frühchristentum jedenfalls war davon überzeugt: Jesu Auferstehung und Kreuzigung stand, um es in den Worten jener alten Überlieferung auszudrücken, die Paulus 1 Kor 13,3-5 zitiert, „im Einklang mit der Schrift“. Im Bericht des Lukas von den zwei Emmaus-Jüngern werden sie von Jesus mit den Worten getadelt: „,Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?’ – Und er begann bei Mose und bei allen Propheten und legte ihnen in allen Schriften aus, was sich auf ihn bezieht“ (Lk 24,26f). Auch bei Johannes wird klar: Als Petrus und die geliebten Jünger das leere Grab untersuchten, lässt der Apostel durchblicken, dass die Jünger keineswegs glaubten, Jesus sei auferstanden – bis sie sahen, das Grab war leer, die Grabkleider zurückgelassen, denn „sie verstanden die Schrift noch nicht, dass er aus den Toten auferstehen müsse“ (Joh 20,9).

Die alttestamentlichen Prophezeiungen von der Auferstehung Jesu – Juden würden von sich aus nicht zu einem solchen Schluss kommen

Es stellt sich die Frage, an welche Schriftstellen die Jünger wohl dachten? Da bleiben die Ergebnisse ziemlich dürftig. Man hat Hosea 6,2 vorgeschlagen: „Nach zwei Tagen wird er uns lebendig machen, am dritten Tag wird er uns aufrichten, dass wir vor ihm leben.“ Da wird ein „dritter Tag“ erwähnt, und von einem solchen spricht ja auch Paulus. Doch diese Stelle wird von keinem Verfasser des NT ausdrücklich erwähnt und noch weniger auf Jesu Auferstehung bezogen. Die Apostelgeschichte interpretiert Ps 16,10 im Sinne der Auferstehung Jesu: „Denn du wirst meine Seele nicht dem Totenreich preisgeben und wirst nicht zulassen, dass dein Getreuer die Verwesung sieht.“ Doch wenn man die zentrale Stelle aufsucht, die in den Evangelien auf Jesu Auferstehung hinweist, findet man die Geschichte von Jona und dem Wal: „Denn gleichwie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Riesenfisches war, so wird der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein“ (Mt 12,40).

Das Problem besteht nun darin, dass niemand, schon gar nicht ein Jude des 1. Jahrhunderts, die Geschichte von Jona und dem Wal als Vorschattung der Ereignisse um Jesu Begräbnis und Auferstehung gelesen hätte! Das gilt auch für Ps 16,10 – spricht diese Stelle nicht vielmehr von Davids Vertrauen, Gott werde ihn vor Tod und Niederlage bewahren? Und was Hosea 6,2 angeht, ist dort überhaupt nicht von der Auferstehung aus den Toten die Rede, sondern von der Wiederherstellung des glücklichen Schicksals Israels.

Worauf es ankommt: Niemand, der nicht schon an Jesu Auferstehung glaubte, hätte Grund, aus den erwähnten Stellen die Auferstehung Jesu herauszulesen. Dazu kommt die Tatsache, dass im jüdischen Glauben die Auferstehung von den Toten generell als endgeschichtliches Ereignis verstanden worden war, das alle Menschen umfasst, als Ereignis also, das augenscheinlich noch nicht eingetreten ist. Heute stehen viele junge Leute (selbst einige Gelehrte) vor dem Problem, nicht in der Lage zu sein, sich in einen Juden des 1. Jh. hineinzudenken, der mit der Kreuzigung Jesu zu tun bekam: Man neigt dazu, die Situation der Jünger durch den Rückspiegel von 2000 Jahre Theologiegeschichte zu betrachten; die Vorstellung von der Auferstehung aus den Toten erscheint uns ganz natürlich für die Jünger, obgleich sie einen Anachronismus darstellt.

Die alttestamentlichen Prophezeiungen von der Auferstehung Jesu – Die Jünger versuchen, reale Erfahrungen zu erklären

Sowie die Jünger zum Glauben an Jesu Auferstehung gekommen waren, machten sie sich auf die Suche nach entsprechenden Belegen in der Schrift. Sie suchten nach Stellen, die ihren Glauben und ihre Erfahrungen stützten, und so wurden Stellen wie die von Jona und dem Wal und Ps 16,10 im Lichte der Auferstehung Jesu reinterpretiert. Doch die Ansicht, man könne den Glauben an Jesu Auferstehung auf das Alte Testament zurückführen, hieße, den Wagen vor das Pferd zu spannen; es hieße, die Sache rückwärts hineinzulesen.

Neben der Dunkelheit dieser Texte und der unjüdischen Art, sie im Hinblick auf die Auferstehung zu lesen, kommt der Faktor Zeit. John Dominic Crossan, früherer Vorsitzender des glaubensskeptischen „Jesus-Seminars“, meint, auch die Passionsgeschichte Jesu wurde aus dem Alten Testament konstruiert. Er schätzt, die Kirche habe nur etwa fünf bis zehn Jahre Zeit benötigt, um geeignete Stellen in der Schrift zu finden, aus denen man die Passionsgeschichte konstruieren könne. Doch die Überlieferung, die Paulus in 1. Korinther 15 zitiert, ist wesentlich zeitnäher als die Untergrenze, die Crossan angibt. Sie umfasst nicht nur Jesu Tod und Grablegung, sondern auch seine Auferstehung und seine Erscheinungen! Crossan räumt allerdings selbst ein, dass man den Glauben an die Auferstehung nicht einfach in alttestamentliche Texte zurücklesen dürfe, da es einfach nicht genug Material im AT gebe, das für einen solchen Glauben ausreichende Belege biete.

Stattessen verorten die wahrscheinlich meisten zeitgenössischen Gelehrten den Ursprung des Glauben der Jünger an die Auferstehung Jesu in dessen postmortalen Erscheinungen, wie Paulus es angegeben hatte. Stellt sich die Frage: Was ist von diesen Erlebnissen zu halten? Sind sie für den Glauben der Jünger, Gott habe seinen Sohn von den Toten auferweckt, ausreichend?

Ich möchte auf meine Debatte mit J. S. Spong hinweisen („The Great Resurrection Debate“ [2], die auf DVD und im Internet verfügbar ist). Spong macht darin deutlich, dass etwas Einschneidendes geschehen sein musste, das die Jünger von der Totenauferstehung Jesu überzeugte. Seine Hypothese vom "einfach gestrickten Petrus", auf die er dieses „Entscheidende“ reduzieren möchte, kritisiere ich allerdings. Die gründlichste Untersuchung zum Ursprung des Glaubens der Jünger an Jesu Auferstehung findet sich im umfangreichen Werk N. T. Wrights (The Resurrection of the Son of God; Minneapolis: Fortress Press, 2003).

Da Sie aus Neuseeland sind, möchte sich Sie darauf hinweisen, dass ich im Juni 2008 dort einen Vortrag halte. Ich nehme an einer Konferenz an der University of Victoria über die Thematik des „mittleren Wissens“ teil und werde in Auckland und auch anderswo Vorträge halten. Die meisten Gastgeber bemühen sich, eine Diskussion mit Geering zu organisieren. Die entsprechenden Tage entnehmen Sie bitte dem Kalender auf dieser Website – lange ist’s nicht mehr bis dahin!

(Übers.: I. Carobbio; L: RN)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/old-testament-prophecies-of-jesus-resurrection

- William Lane Craig